vor 10 Stunden
Historisches Tief
Die Los Angeles Chargers stecken nach der 23:30-Niederlage gegen die amtierenden Super Bowl Champions aus Seattle in einer waschechten Krise. Mit 0:4 steht das Team von Head Coach Jim Harbaugh bereits jetzt faktisch aus dem Playoff-Rennen - und der Blick auf den weiteren Spielplan verheißt wenig Besserung.

Angesichts dieser Statistik war die Partie gegen Seattle für die Chargers bereits ein echtes Must-Win-Spiel - schließlich hat es seit Bestehen der Liga erst ein einziges Team geschafft, nach einem 0:4-Start noch die Playoffs zu erreichen: die Chargers von 1992, die ihre Saison damals noch zu einer 11:5-Bilanz und dem Divisionstitel drehten. Für das aktuelle Team sprechen die Vorzeichen deutlich dagegen, an ähnliche Comeback-Qualitäten anzuknüpfen. In ihren bisherigen vier Niederlagen gegen die Arizona Cardinals, Las Vegas Raiders, Buffalo Bills und Seattle Seahawks wurden die Chargers in Summe mit 106:67 ausgespielt, erzielten dabei nie mehr als 23 Punkte und ließen nie weniger als 24 zu - die Bilanz eines insgesamt schwachen Teams.
Besonders bitter: Der kommende Spielplan bietet kaum Gelegenheit zur Erholung. Es folgen Partien gegen die Broncos, auswärts bei den Chiefs, nach der Bye Week auswärts bei den Rams, dann die Texans, auswärts bei den Ravens, später die Patriots und 49ers sowie jeweils ein weiteres Mal Raiders, Broncos und Chiefs. Ohne Duelle gegen die punktgleich bei 0:4 stehenden Houston Texans, Tampa Bay Buccaneers oder Miami Dolphins bleibt den Chargers damit in absehbarer Zeit kaum eine realistische Gelegenheit, die Serie schnell zu durchbrechen - die Bye Week in Week 7 könnte die einzige sichere Nicht-Niederlage der kommenden Wochen bleiben.
Im Zentrum der Krise steht Offensive Coordinator Mike McDaniel, dem es bislang nicht gelingt, Herbert in seiner Offense zum Laufen zu bringen - weder findet der Quarterback den erhofften Rhythmus, noch werden die vorhandenen Receiver so eingesetzt, dass sie ihre Stärken ausspielen können. Herbert sollte unter McDaniel eigentlich zur alten Stärke zurückfinden - stattdessen ging er mit einer Completion Rate von nur 59,1 Prozent, 5,8 Yards pro Versuch im Schnitt sowie einer Bilanz von drei Touchdowns zu vier Interceptions in das Spiel gegen Seattle. Gegen die Seahawks bestätigte sich dieses Bild: 19 von 31 Pässen für 189 Yards, 5,4 Yards pro Versuch, ein Touchdown, zwei weitere Interceptions und ein Passer Rating von 89,3. Zusätzlich wurde er dreimal gesackt, womit er bereits auf zwölf Sacks in vier Spielen kommt - im Schnitt drei pro Partie.
Dabei begann die Partie in Seattle erneut katastrophal. Bereits beim ersten Spielzug warf Herbert den Ball direkt in die Arme von Linebacker Drake Thomas. Im zweiten Quarter folgte gegen Ernest Jones IV die nächste Interception. Zur Halbzeit hatte Herbert gerade einmal fünf seiner 14 Pässe für 36 Yards angebracht und zwei Interceptions geworfen. Seattle führte mit 20:6.
Nach der Pause zeigte sich allerdings ein anderes Bild. Herbert komplettierte 13 seiner 16 Pässe für 144 Yards und brachte die Chargers noch einmal bis auf sieben Punkte heran. "Wir haben uns einfach beruhigt", erklärte Herbert. "Die Jungs haben Plays gemacht, als wir sie gebraucht haben, und wir konnten einige wichtige Third Downs verwandeln." 1:42 Minuten vor Schluss bekam Los Angeles sogar noch einmal den Ball und damit die Chance auf den Ausgleich. Doch das Comeback endete schnell: Uchenna Nwosu setzte sich gegen Rookie Logan Taylor durch und zwang Herbert per Strip-Sack zum entscheidenden Ballverlust.
Auch im Einsatz der Receiver zeigen sich die Probleme von McDaniels Konzept deutlich. Die Chemie mit Slot-Receiver Ladd McConkey stimmt bislang nicht, der gegen Seattle trotz Aktivierung mit Fußverletzung ohne Catch blieb, ehe er erneut aus dem Spiel ausschied. Auch Tight End Oronde Gadsden II hat sich bislang nicht zur erhofften Mismatch-Waffe entwickelt. Zusätzlich fehlt der Offensive Line mit Center Tyler Biadasz, der bereits vor Saisonbeginn eine saisonbeendende Knieverletzung erlitt, ein wichtiger Ankerpunkt im Zentrum - verschärft wurde die Lage zuletzt weiter, als sich im Spiel gegen Seattle mit Joe Alt, Rashawn Slater und Trevor Penning gleich drei weitere Offensive-Line-Spieler behandeln lassen mussten.
Trotz der anhaltenden Probleme stellte sich Head Coach Jim Harbaugh zuletzt erneut demonstrativ hinter seinen Offensive Coordinator: "Sein Job steht nicht auf dem Spiel. Er ist ein fähiger Coach, und wir werden weiter wachsen." Angesichts der bisherigen Zahlen dürfte dieser Rückhalt in den kommenden Wochen jedoch zunehmend auf die Probe gestellt werden.
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Auch abseits der Quarterback-Problematik zeigen sich die Chargers in der Fläche schwach. In Third-Down-Situationen liegt das Team ligaweit nur auf Platz 24 (35,1 Prozent Conversion-Rate), in der Red Zone auf Platz 19 (55,6 Prozent). Gegen Seattle gelangen nur fünf von 15 Third-Down-Versuchen (33 Prozent), während in der Red Zone immerhin zwei von drei Gelegenheiten genutzt wurden - zu wenig, um den Champion zu schlagen. Hinzu kamen 16 Strafen allein in diesem Spiel, insgesamt bereits 38 in der Saison - der vierthöchste Wert der Liga.
Auch defensiv liefert das Team unter dem neuen Defensive Coordinator Chris O'Leary bislang enttäuschend ab: Vor Week 4 stand Los Angeles bei Rang 23 in der Gesamt-Defense, mittlerweile werden mehr als 27 Punkte pro Spiel zugelassen. Der Verlust von Jesse Minter, der inzwischen Head Coach der Ravens ist, wiegt dabei offenbar schwer - O'Leary kann mit ähnlichen 3-4-Konzepten bislang nicht an dessen Leistung anknüpfen. Zusätzlich fehlte gegen Seattle mit Safety Derwin James eine der wichtigsten Defensivkräfte verletzungsbedingt.
Neben dem verletzten Star-Safety Derwin James Jr. verschärfte sich die Personalsituation zuletzt weiter: McConkeys Fußverletzung verschlimmerte sich erneut, Offensive Tackle Joe Alt schied mit einer Nackenverletzung aus. An der Tight-End-Position fehlen zudem David Njoku und Charlie Kolar, auch an Defensive Tackle und Wide Receiver ist der Kader ausgedünnt. Selbst künftiger Hall-of-Famer Khalil Mack zeigt mit 35 Jahren zunehmend altersbedingte Abnutzungserscheinungen, während Cornerback Donte Jackson immer wieder mit kleineren Blessuren zu kämpfen hat.
All diese Rückschläge entschuldigen die insgesamt uninspirierte und fehleranfällige Leistung der Chargers jedoch nicht - ein Umstand, der angesichts von Harbaughs Reputation als Erfolgscoach viele überrascht. Mit den Chiefs bei 4:0, den Raiders bei 3:1 und selbst den Broncos bei 2:2 liegt Los Angeles bereits zwei Spiele hinter dem drittplatzierten Team der eigenen Division zurück - gegen die Raiders setzte es bereits eine Niederlage, die ersten Pleiten gegen Kansas City und Denver dürften folgen. Ein Wunder ist angesichts des Spielplans kaum zu erwarten - sollte sich daran nichts ändern, könnte der Negativlauf der Chargers tatsächlich noch tiefer werden, ehe eine Trendwende überhaupt in Sichtweite kommt.
mgs