09.07.2024
Four Downs: Die NFL-Kolumne von Adrian Franke
Welche Quarterbacks müssen einen größeren Teil ihrer Offense selbst tragen - und welche Quarterbacks bekommen mehr Hilfe vom Scheme und von den Waffen? NFL-Experte Adrian Franke kürt seine Top 10 der besten Quarterback-Support-Systeme vor der kommenden Saison.

In knapp zwei Monaten beginnt der Alltag der Regular Season, dann stehen auch ganz spezifisch die Quarterbacks wieder im Fokus. Wenn intensiv über Quarterback Rankings und Quarterback Leistungen diskutiert wird, sind die Umstände unweigerlich auch ein Thema - zumindest impliziert.
Diese noch ruhigere Phase der Offseason ist der ideale Zeitpunkt, um diesen Part mehr in den Mittelpunkt zu rücken: Welche Quarterbacks haben die besten Umstände?
Ich stelle das auf drei Säulen: Der offensive Play-Caller, das Waffenarsenal und die Offensive Line. Die Gewichtung ist dabei in der Bewertung teilweise unterschiedlich und muss auch anhand unterschiedlicher Maßstäbe erfolgen. In manchen Offenses - Detroit, Philadelphia oder auch die Rams etwa - wird mehr auf die Offensive Line abgeladen, als im direkten Shanahan-Umfeld. Ganz konkret in Miami und San Francisco.
Natürlich fällt die schwächere Line in beiden Fällen ebenfalls ins Gewicht. In der kritischsten Phase der vergangenen Saison wurden bei beiden Teams die Defizite hier offensichtlich, eben wenn es mehr in direkte Dropback Passing Situationen ging. Trotzdem sind die Playmaker und der Play-Caller in beiden Fällen relevanter, wohingegen bei einem Team wie Detroit die Line in der Priorisierung höher anzusiedeln ist.
Die Niners sind das einzige Team, bei dem ich argumentieren würde, dass sie in zwei der drei Säulen auf Platz 1 gehören: Sowohl Play-Caller Kyle Shanahan, als auch das offensive Waffenarsenal haben einen legitimen Case für Platz 1. Zusätzlich hoch gepusht wird das durch das Zusammenspiel dieser beiden Bereiche.

Die Niners haben ohne Zweifel das vielseitigste Waffenarsenal in der NFL: Tight End George Kittle kann In-Line auf einem Level blocken, auf dem sich andere Top-Receiving-Tight-Ends schlicht nicht bewegen. Gleichzeitig ist er einer der gefährlichsten Tight Ends mit dem Ball in der Hand.
Deebo Samuels vielseitige Rolle unter Shanahan war zeitweise ein Markenzeichen der Offense, Christian McCaffrey ist als Runner ein exzellenter Fit, umso gefährlicher aber ist er durch seine Qualitäten im Passspiel.
McCaffrey führte alle Running Backs in der vergangenen Regular Season in Slot-Receiving-Yards an, spielte fast zehn Prozent seiner Pass Play Snaps Outside und ist ein Matchup-Albtraum als Receiver aus dem Backfield, oder wenn er in Motion gesetzt wird.
Auch Spieler aus der zweiten Reihe wie Jauan Jennings haben wertvolle Rollen gefunden - und dann ist da natürlich Brandon Aiyuk. Aiyuk hat den Schritt hin zu einem echten Nummer-1-Receiver geschafft, was San Francisco noch viel unangenehmer macht. Defenses können sich jetzt noch weniger auf die Mitte des Feldes fokussieren, wenn das bedeutet, dass Aiyuk ein Eins-gegen-Eins-Matchup bekommt.
Shanahan ist ein Meister darin, ein Run Game zu entwerfen, genau wie er vielleicht der beste Play-Caller ligaweit ist, wenn es darum geht, die verschiedenen Ebenen der Offense aufeinander abzustimmen. Die Line ist anfällig in echter Pass-Protection, was besonders schmerzhaft im Super Bowl deutlich wurde. Doch selbst diese Unit ist im Run Blocking überdurchschnittlich.
Die Lions können nicht mit der Playmaker-Qualität der 49ers mithalten, haben aber mit Amon-Ra St. Brown und Sam LaPorta zwei junge Leistungsträger, die ebenfalls sehr gut in das Scheme und zum Quarterback passen. Zusätzlich zu einem starken Backfield und zumindest der Hoffnung, dass Jameson Williams in der kommenden Saison seinen Breakout haben wird.
Im Gegenzug ist im Vergleich mit San Francisco die Offensive Line aber eine gigantische Säule dieser Offense. Hier kann man argumentieren, dass die Lions mit der besten Line in der NFL in die kommende Saison gehen. Insbesondere das Trio Left Tackle/Right Tackle/Center ist vermutlich ligaweit unerreicht, und beide Guard-Spots sind mindestens solide. Das erlaubt es Detroit, mit einer Vielzahl an Run-Konzepten zu punkten.
Auch hier sieht man die enge Verbindung zwischen Playmakern und Play-Caller. Ben Johnson hat sich abermals gegen Head-Coach-Gelegenheiten entschieden und bleibt als einer der derzeit besten Play-Caller weiter in Detroit. Er versteht es bestens, insbesondere aus St. Brown, LaPorta und Gibbs im Passspiel das Maximum herauszuholen: Nur Dak Prescott war in der Regular Season noch produktiver im Kurzpassspiel als Jared Goff.
Wäre das ein Receiver-Duo-Ranking, oder auch ein Top-4-Playmaker-Ranking, hätte Philadelphia einen Case für Platz 1 oder 2. DeVonta Smith und A.J. Brown bilden eines der besten Receiver-Duos in der NFL, auch weil die beiden sich sehr gut ergänzen. Dallas Goedert komplettiert das Playmaker-Trio als einer der besseren Tight Ends in der NFL, und jetzt kommt hier als vierte Kraft noch Saquon Barkley mit dazu.
Dass die Eagles, deren Saison in Brasilien beginnt, in der Free Agency gewillt waren, Barkley so viel Geld zu bezahlen, legt nahe, dass man in Philadelphia zumindest mal angetan ist von dem Effekt, den Christian McCaffrey auf die Niners-Offense hatte.
Der neue Offensive Coordinator Kellen Moore, den ich als deutliches Upgrade verglichen mit letztem Jahr betrachte, hat stets einen Running Back intensiv ins Passing Game eingebunden. Austin Ekeler fing 51 Bälle in 14 Spielen für die Chargers letztes Jahr, im Jahr davor war Tony Pollard in Dallas unter Moore eine Matchup-Waffe im Passspiel. Barkley könnte in Summe die beste Saison seiner Karriere spielen.
Die Receiver-Qualität hinter Brown und Smith fällt allerdings rapide ab; Parris Campbell sowie die Rookies Ainias Smith und Johnny Wilson streiten sich vermutlich um den dritten Spot in 3-Receiver-Sets. Aber dann ist da eben noch die Offensive Line: Jason Kelce zu verlieren ist ein massiver Verlust, doch die vier Spieler daneben sind nach wie vor gut bis Elite - und Cam Jurgens wurde zwei Jahre lang auf die Kelce-Nachfolge vorbereitet.
Es läuft fast ein wenig unter dem Radar, wie gut die Umstände für Deshaun Watson mittlerweile sind. Die Offensive Line ist in Cleveland seit Jahren eine Stärke, und nachdem die Browns hier letztes Jahr heftig von Verletzungen gebeutelt wurden, ist man jetzt hier wieder in Bestbesetzung.
Wills und Conklin sind ein gutes Tackle-Duo, mit Dawand Jones als echter Alternative dahinter. Bitonio und Teller bilden eines der zwei, drei besten Guard-Duos in der NFL und Ethan Pocic ist ein mindestens solider Center. Und auch innen haben die Browns mit Brian Allen, Luke Wypler und Rookie Zak Zinter weitere Tiefe.
So weit, so klar, doch es ist vor allem das Waffenarsenal, bei dem die Browns über die letzten Jahre deutlich nachgebessert haben. Amari Cooper ist noch immer eine legitime Nummer 1, Jerry Jeudy kam diese Offseason als Nummer 2 dazu. Elijah Moore blieb letztes Jahr etwas hinter den Erwartungen zurück, dafür hatte Tight End David Njoku seine bis dato beste Saison. Mit Cedric Tillman und Rookie Jamari Thrash drängen zudem weitere Receiver auf Snaps.
Offen ist noch das Backfield: Kommt Nick Chubb nochmal zurück? Chubb war identitätsstiftend für diese Offense über die letzten Jahre und ein zentraler Baustein für Kevin Stefanski, der sich längst als Top-10-Play-Caller etabliert hat. Der neue Offensive Coordinator Ken Dorsey bringt zudem weitere Spread-Ideen aus Buffalo mit, was Watson helfen könnte.
Verletzungen insbesondere in der Interior Offensive Line, aber in der Line insgesamt bereiteten den Texans letztes Jahr Probleme - zehn verschiedene Linemen spielten allein in der Regular Season je über 200 Snaps. In Bestbesetzung sollte es eine zumindest funktionale Line sein, angeführt von Laremy Tunsil, einem der besten Left Tackles in der NFL. Aber auch die Zusammensetzung bleibt abzuwarten: Spielt Tytus Howard wieder Right Tackle? Kann Rookie Blake Fisher direkt außen starten? Ist Kenyon Green nochmal als Starter eingeplant?
Zumindest aber solide sollte die Line sein, und wird dann ergänzt durch eine der besten Playmaker-Gruppen in der NFL: Nico Collins, Stefon Diggs und Tank Dell könnten das beste Receiver-Trio der kommenden Saison bilden, zusätzlich zu Dalton Schultz als verlässlichem Receiving-Tight-End sowie dem Backfield-Duo Mixon und Pierce. Pierce ist der physischere Runner, während Mixon das flexiblere Skillset hat und vermutlich mehr im Passspiel zum Einsatz kommen wird.
Es gibt generell einige Fragezeichen bei den Texans, einfach weil die Sample Size noch klein ist. Collins hatte nur eine Saison auf diesem Level, Dell war eine der größeren Rookie-Überraschungen. Auch Play-Caller Bobby Slowik kommt aus seiner ersten Saison in dieser Rolle - jetzt haben Defenses Tape von ihm und werden seine Offense gezielter verteidigen können.
Plus: Kann Slowik es managen, sollte etwa Diggs mit seiner Rolle als Nummer-2-Receiver unzufrieden sein? Doch im Gesamtbild gibt es ligaweit nicht viele bessere Situationen für den Quarterback.
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Miami stellt das in meinen Augen beste Receiver-Duo in der NFL. Einerseits angesichts des individuellen Skillsets von Tyreek Hill und Jaylen Waddle, zwei Receiver, die mit ihrem Speed und ihrer Explosivität schon für sich betrachtet eine ernsthafte Gefahr darstellen - die beide aber noch deutlich mehr Dimensionen in ihrem Spiel haben, als nur reinen Speed. Und die, auf ähnlichem Level wie die Waffen in San Francisco und Detroit, extrem gut in das Scheme eingebaut werden. Beziehungsweise, in Miami würde ich den Spieß umdrehen. Das Scheme wurde spezifisch um die Qualitäten von Hill und Waddle herum gebaut.
Miami war noch auf der Suche nach einer Nummer 3 dahinter, und auch wenn Odell Beckham im Herbst seiner Karriere angekommen ist: Er wird als Nummer-3-Receiver in dieser Offense viele gute Eins-gegen-Eins-Matchups bekommen und dem Quarterback noch mehr Optionen geben.
Dazu kommt das explosivste Backfield in der NFL, mit Vorjahres-Rookie-Sensation De’Von Achane, Raheem Mostert und Jaylen Wright, den Miami dieses Jahr noch dazu gedraftet hat. Die Tight Ends sind keine Stärke, aber sie sind funktional: Durham Smythe als Blocker, Neuzugang Jonnu Smith als weitere Yards-after-Catch-Waffe.
Rein was Waffenarsenal und Play-Caller angeht, würde ich Miami in die Top 3 packen. Es ist die Offensive Line, welche die Dolphins nach unten zieht. Die Line war bereits letztes Jahr eine Schwachstelle und wurde durch die Abgänge der Offseason eher noch wackeliger. Man muss davon ausgehen, dass das im Laufe der Saison abermals einen großen Stolperstein für die Dolphins darstellt.
Der vermutlich größte X-Faktor bei den Rams lautet: Was bekommt Los Angeles noch von Cooper Kupp? Kupp hatte eine durchwachsene, auch von Verletzungen geprägte Vorsaison und ist inzwischen 31 Jahre alt. Nicht viele Receiver in diesem Alter finden dann nochmal zu alter Form.
Die gute Nachricht lautet: Es reicht, wenn Kupp "nur" eine gute Nummer 2 ist. Zumindest sofern Puka Nacua seine sensationelle Rookie-Saison bestätigen kann. Demarcus Robinson und Tutu Atwell sind Role Player dahinter, das Backfield kommt tiefer daher als im Vorjahr.

Vor allem aber ist die Offensive Line auf bestem Wege, wieder das Rückgrat der Offense zu bilden. Nach den Investitionen in die Guard-Spots stellen die Rams eine, im wahrsten Sinne des Wortes, massive Interior Offensive Line, in der Steve Avila jetzt auf die Center-Position rückt. Die Rams werden ein äußerst unangenehmes Run Game hinter dieser Interior Line haben.
Havenstein auf Right Tackle ist mindestens solide, eher mehr. Die linke Seite ist das größte Fragezeichen: Alaric Jackson hat sich in seiner ersten Saison als Starter gesteigert, doch ist der einstige Undrafted Free Agent gut genug? Zumindest scheint er die bessere Option als Joe Noteboom zu sein.
Was den Play-Caller angeht, gehören die Rams ohnehin in das oberste NFL-Regal. Nicht zuletzt, weil Sean McVay über die letzten Jahre gezeigt hat, dass er sich und seine Offense konstant anpasst und weiterentwickelt.
Eine viel bessere Situation als die, in welche J.J. McCarthy in Minnesota rein gedraftet wurde, kann man sich als Rookie-Quarterback kaum wünschen. Die Interior Offensive Line ist die eine Schwachstelle, und selbst hier bereiten Bradbury und Risner zumindest einen gewissen Floor.
Der Rest der Offense ist sehr gut - oder noch mehr, spezifisch im Fall vom gerade völlig zurecht fürstlich entlohnten Justin Jefferson. Jordan Addison ist eine gute Nummer 2, Hockenson - wenn er wieder fit ist - ein sehr guter Tight End und Aaron Jones ein deutliches Upgrade im Backfield.
Der Nummer-3-Receiver-Spot hat noch Luft nach oben, gleichzeitig aber haben die Vikings mit Kevin O’Connell einen der besseren offensiven Play-Caller ligaweit. Und: Nicht viele Teams haben ein besseres Tackle-Duo als die Vikings, die mit Christian Darrisaw und Brian O’Neill dem Quarterback jede Menge Stabilität bieten.
Je nachdem, wie man die Offensive Line der Bengals für die kommende Saison prognostiziert, könnte man Cincinnati auch noch ein bis zwei Plätze höher einsortieren. Denn die Receiver-Gruppe ist auf Elite-Level, mit Chase und Higgins vorneweg. Dahinter streiten sich Trenton Irwin, Charlie Jones, Andrei Iosivas und Rookie Jermaine Burton um den dritten Startplatz.
Auch der neu verpflichtete Mike Gesicki könnte einiges von der Slot-Arbeit übernehmen, die nach dem Abgang von Tyler Boyd zu haben ist.
Und die Line? Hier sollte Cincinnati zumindest ein wenig besser sein als letztes Jahr. Mit Trent Brown und Amarius Mims wurde auf Tackle nachgerüstet, die Interior Line bleibt unverändert. Das kann eine Line der Kategorie "gut genug" sein. Sollte es mehr als das werden, müsste man Cincinnati neu evaluieren.
Offen ist auch noch der Offensive-Coordinator-Posten. Dan Pitcher, Cincinnatis Quarterbacks Coach der letzten vier Jahre, wurde nach dem Abgang von Brian Callahan zum Offensive Coordinator befördert. Allerdings: Head Coach Zac Taylor ist Cincinnatis Play-Caller. Hier wird Pitcher also nicht direkt ins kalte Wasser geworfen.
Das zentrale Narrativ der Falcons-Offense in den letzten Jahren lässt sich so auf den Punkt zusammenfassen: Atlanta hat viel investiert, um sein offensives Support System zu verbessern - konnte aber die Früchte davon nie wie erhofft ernten, weil der Quarterback, der alles zusammenführt, fehlte.
In diese Rolle rutscht jetzt Kirk Cousins. Und Cousins findet in Atlanta eine Top-10-Line vor, genau wie mindestens eine sehr gute Waffe auf jeder Position: Drake London auf Wide Receiver, Kyle Pitts auf Tight End und Bijan Robinson im Backfield.
Dazu kommen Role Player wie die neu verpflichteten Darnell Mooney und Rondale Moore, sowie was mit der Line und dem tiefen Backfield im Run Game möglich ist. London hatte zwei sehr gute Saisons trotz überschaubarem Quarterback-Play und Pitts schlug sich zuletzt mit Verletzungen herum. Ist er wieder fit und in einer besseren Rolle, sind die Falcons zumindest in der ersten Reihe gut besetzt.
Die große Wildcard ist der Play-Caller. Zac Robinson war fünf Jahre lang in verschiedenen offensiven Rollen bei den Rams und übernimmt jetzt zum ersten Mal als Play-Caller eine Offense. Schematisch dürfte es sich also nah an Sean McVay bewegen, was sowohl zu Cousins, als auch zu London, Pitts und Robinson passen sollte.
Adrian Franke