04.09.2024
NFL 2024: Chiefs, Raiders, Broncos und Chargers im Check
In Kansas City grüßt das Murmeltier, in Las Vegas und Denver beweisen sich neue Quarterbacks - und in Los Angeles steht ein Identitätswechsel an. Die AFC West im kicker-Check.

Wer den Super Bowl sogar in einer Saison gewinnt, in der verhältnismäßig wenig zusammengeht, an dem sollte eigentlich kein Weg vorbeiführen. Seit nunmehr sechs Jahren standen die Chiefs immer mindestens im Conference Championship Game. Solange Quarterback Patrick Mahomes und Head Coach Andy Reid das Team anführen, scheint es fast schon egal, was darum herum geschieht - die Chiefs sind Topfavorit, selbst wenn sie nicht die beste Mannschaft stellen. Denn das tun sie wohl auch 2024 nicht.
Star-Cornerback L'Jarius Sneed hat die Chiefs per Trade in Richtung Tennessee verlassen, Mahomes' Blind Side wird vermutlich von Rookie-Tackle Kingsley Suamataia beschützt, und ob Rashee Rice - Top-Receiver der Vorsaison - überhaupt auf dem Platz stehen wird, ist wegen seiner Konflikte mit dem Gesetz nicht eindeutig abzusehen. Zudem waren bei Mahomes' kongenialem Partner Travis Kelce zuletzt erste Anzeichen von altersbedingtem Leistungsabbau ersichtlich. Eigentlich genügend Gründe, um eine erneute Titelverteidigung der Chiefs in Zweifel zu ziehen. Aber die gab es ja eigentlich immer. Der Ausgang ist bekannt.
Ein Bart schreit Mittelmaß. Gardner Minshew hat sich in den vergangenen NFL-Jahren nicht nur durch seine markante Gesichtsbehaarung einen Namen gemacht, sondern auch als fähiger Übergangs-Quarterback. Im Falle der Raiders, bei denen Minshew nun gelandet ist, stellt sich allerdings die Frage: Übergang wohin? Minshew tritt nach dem Abgang des erfolglosen Jimmy Garoppolo im internen Duell gegen den jungen Aidan O'Connell an. Zu Saisonbeginn hat er die Nase vorne und führt die Raiders als Starter an. Dass einer von ihnen die langfristige Lösung für das Franchise ist, erscheint unwahrscheinlich.
Beiden ist zwar durchaus zuzutrauen, mit Star-Receiver Davante Adams, den beiden jungen Tight Ends Brock Bowers und Michael Mayer sowie einer durch die Verpflichtung von Christian Wilkins stark aufgerüsteten Defensive Line einige Spiele zu gewinnen - aber mehr eben auch nicht. Neben unübersehbaren Qualitätsdefiziten in der Secondary und der O-Line muss der unerfahrene Head Coach Antonio Pierce in seiner ersten Saison noch unter Beweis stellen, dass er mehr ist als ein glänzender Motivator, als der er sich im vergangenen Jahr als Interimscoach profilierte. Mehr als eine Seitwärtsbewegung ist von Las Vegas - mal wieder - kaum zu erwarten.
Es war das vielleicht offenste Quarterback-Rennen der NFL - und gleichzeitig vermutlich das undankbarste. Journeyman Jarrett Stidham, der tief gefallene Top-Pick Zach Wilson und Rookie Bo Nix kämpften um einen Platz, um den sie nicht viele beneiden werden ...
Denn Quarterback der Denver Broncos zu sein, das verspricht trotz der Unterstützung des als QB-Flüsterers bekannten Head Coaches Sean Payton wahrlich keine Spaßveranstaltung zu werden. Den Zuschlag erhielt letzten Endes Rookie Nix, der in den Vorbereitungsspielen überzeugen konnte.
Nach dem Abgang von Wide Receiver Jerry Jeudy wird Nix ein äußerst überschaubares Waffenarsenal zur Verfügung haben - und vermutlich immer wieder Rückständen hinterherjagen müssen. Die im Vorjahr mitunter erschreckend schwache Defense hat nämlich kaum nennenswerte Verstärkung erhalten - zu viele Ressourcen hatte Denver durch den in die Hose gegangenen Trade für Russell Wilson (Pittsburgh Steelers) liegen gelassen. Sich aus diesem selbst gegrabenen Loch herauszuarbeiten, wird die Broncos wohl noch Zeit kosten. Viel Zeit unter Umständen. Wenn der an Position zwölf des Drafts gezogene Nix das Potenzial zur Langfrist-Lösung andeutet, muss die Saison wohl schon als Erfolg gewertet werden.
Die vielleicht spannendste Verpflichtung der NFL-Offseason - so könnte man zumindest argumentieren - war kein Quarterback, kein Wide Receiver, sondern einer, der gar nicht auf dem Feld steht. Die Rückkehr von Head Coach Jim Harbaugh in die NFL nach fast zehnjähriger Abstinenz ist vor allem nach seiner erfolgreichen College-Zeit in Michigan eine, die man bis weit über die Grenzen von L.A. hinaus mit großem Interesse verfolgt - zumal Harbaugh bei den Chargers in Justin Herbert einen der begabtesten Quarterbacks der Liga zur Verfügung hat.
Die Schwierigkeit für Harbaugh und Herbert: Der Rest der Offense steckt in der Verjüngungskur, nach den Abgängen von Keenan Allen, Mike Williams und Austin Ekeler fehlen die Playmaker an allen Ecken und Enden. Die Identität wird sich unter Harbaugh und dem neuen Offensive Coordinator Greg Roman hin zu mehr Laufspiel entwickeln. Dafür spricht auch der Pick von Joe Alt an fünfter Stelle des Drafts, der Rookie dürfte gemeinsam mit Rashawn Slater eines der stärksten Tackle-Duos der Liga stellen. Das Projekt der Chargers ist ein höchst interessantes - aber die Saison 2024 kann nur ein erster Schritt sein.
mib