27.08.2024
Die NFL-Kolumne von kicker-Experte Adrian Franke
Die Preseason ist vorbei, ab jetzt wird es ernst. Die 32 Kader nehmen konkretere Formen an, die Regular Season steht vor der Tür! kicker-Experte Adrian Franke fasst für euch die letzten Wochen zusammen: Die Gewinner und Verlierer der Preseason.

Bears-Quarterback Caleb Williams: Preseason-Hype ist eine gefährliche Sache, die sich viel zu häufig als Trugschluss entpuppt. Dementsprechend sollte niemand seine Bears- oder Caleb-Williams-Prognosen allzu sehr verändern, aufgrund von 23 Dropbacks, die der Nummer-1-Overall-Pick in der Preseason hatte.
Das ist so etwas wie der notwendige Disclaimer, um im gleichen Atemzug darauf hinzuweisen, wie eindrucksvoll Williams’ erste NFL-Duftmarke war.
Der 22-Jährige hatte selbst in seiner limitierten Einsatzzeit bereits einige spektakuläre Highlight-Plays. Wie den perfekt platzierten Pass auf Rome Odunze aus der Bewegung nach links, ein cleverer Screen-Pass, als er selbst vor dem Snap das Play noch verändert hatte, gegen die Bills, dieser Pass auf Cole Kmet aus dem Rollout, oder den Touchdown-Scramble gegen die Bengals.
Die Highlights sind das eine, aber Williams zeigte auch, wie kontrolliert er in seinen Reads bereits ist, wie schnell und präzise seine Footwork sein kann. All das wird gegen "echte" NFL-Defenses nochmal ganz anders getestet, aber Williams’ Preseason hat in jedem Fall Lust auf mehr gemacht.
Wir benötigen Ihre Zustimmung, um den X-Service zu laden!
Wir verwenden X, um Inhalte einzubetten. Dieser Service kann Daten zu Ihren Aktivitäten sammeln. Bitte lesen Sie die Details durch und stimmen Sie der Nutzung des Service zu, um diese Inhalte anzuzeigen.
Cowboys-Tackle Tyler Guyton: Die Cowboys gehen mit mehreren größeren Fragezeichen in die kommende Saison, allen voran Big-Picture-Themen für die gesamte Ausrichtung der Franchise.
Ganz konkret auf dem Platz steht die Offensive Line im Fokus: Erstrunden-Pick Tyler Guyton übernimmt den Posten von Tyron Smith, Brock Hoffman oder, und das ist zunehmend wahrscheinlicher, Rookie Cooper Beebe den von Center Tyler Biadasz. In Kombination mit der schwachen Vorsaison von Right Tackle Terence Steele laufen die Cowboys Gefahr, dass aus einer Stärke eine Schwäche werden könnte.
Umso wichtiger war die Preseason von Tyler Guyton. Über die ersten beiden Preseason-Spiele - im dritten Spiel kam er nicht zum Einsatz - absolvierte der neue Left Tackle 56 Snaps und ließ dabei einen einzigen Hurry zu. Kein Quarterback-Hit, kein Sack.
Guyton galt als ein Prospect, das vielleicht noch Zeit brauchen könnte. Die Preseason scheint aber zu bestätigen, was das Camp bereits angedeutet hat: Der 22-Jährige könnte schon im ersten Jahr ein wichtiger Starter in der Cowboys-Offense werden.
Chiefs-Receiver Xavier Worthy: Nach einem unauffälligen ersten Spiel war Worthy gegen Detroit in Woche 2 deutlich präsenter. Der Erstrunden-Receiver der Chiefs sah sechs Targets und fing drei Bälle für 62 Yards sowie einen Touchdown, vor allem aber konnte man sehen, wie mühelos er hinter die Defense kommen kann.
Seine Kombination aus Route-Running-Fähigkeiten und Speed wird Kansas Citys Offense wieder Möglichkeiten im vertikalen Passspiel verschaffen.
Die Chiefs werden die ersten Wochen der Saison ohne Marquise Brown auskommen müssen, und ich bin sehr gespannt, was Andy Reid plant, wenn er zwei solche Speedster zusammen auf dem Platz hat.
Wir benötigen Ihre Zustimmung, um den X-Service zu laden!
Wir verwenden X, um Inhalte einzubetten. Dieser Service kann Daten zu Ihren Aktivitäten sammeln. Bitte lesen Sie die Details durch und stimmen Sie der Nutzung des Service zu, um diese Inhalte anzuzeigen.
Broncos-Quarterback Bo Nix: Ich denke nicht, dass Bo Nix eine spektakuläre Preseason hatte. Sein Pocket-Verhalten war noch sehr inkonstant, und viel seiner Production kam im Quick Game und mit Dink-and-Dunk-Offense. Nix ist denke ich genau das, was sein Pre-Draft-Profil glauben lässt - aber was hier im ersten Schritt sehr negativ klingt, bietet auf der anderen Seite der Medaille auch das, was die Broncos, und spezifisch Sean Payton, nach dem Russell-Wilson-Desaster suchen.
Denn Payton will in erster Linie einen schnellen Ballverteiler. Einen Quarterback, der seine Offense schnell und schnörkellos umsetzen kann; zumindest legt das die Entscheidung, Nix überhaupt so hoch zu draften, nahe.
Und während Nix einige typische Rookie-Quarterback-Probleme - Pocket-Management, das Akzeptieren, wie klein Passfenster in der NFL sind und dass man sie anspielen muss - zeigte, spielte er gleichzeitig innerhalb der offensiven Struktur meist schnell. Er nahm die schnellen Completions, den ersten Read, und half so dabei mit, dass die Offense on-schedule blieb.
Nix hat in der Preseason genug gezeigt, dass er als klarer Starter in die Saison gehen kann. Viel mehr konnte man von seinen ersten Auftritten kaum erwarten. Jetzt gilt es, zu zeigen, dass er weiter an seinen Defiziten arbeiten und seine Effizienz als Passer auf ein Maximum hochschrauben kann.
Commanders-Receiver Dyami Brown: Die bisherige NFL-Karriere von Dyami Brown war überschaubar. Brown, ein Drittrunden-Pick der Washington Commanders im 2021er Draft, kam als Outside-Downfield-Receiver-Prospect in die NFL - nach drei Jahren stehen 29 Catches für 476 Yards zu Buche.
Das aber könnte sich in der kommenden Saison deutlich verändern. Nicht nur, weil Washington jetzt vielleicht einen Quarterback hat, der ihn entsprechend vertikal einsetzen kann. Sondern auch Brown selbst scheint einen Sprung gemacht zu haben. Zumindest deutet das die bisherige Preseason an.
Über die ersten beiden Spiele fing er fünf Bälle für 74 Yards, Brown zeigte eine gute Chemie mit Rookie-Quarterback Jayden Daniels und die Art und Weise, wie er eingesetzt wurde und mit wem er auf dem Platz stand, legten bereits nahe, dass er als Starter eingeplant ist.
Dieser Eindruck manifestierte sich, als die Commanders jüngst Receiver Jahan Dotson via Trade nach Philadelphia schickten. Dotson galt zum Start der Saisonvorbereitung als klarer Starter, jetzt streiten sich Olamide Zaccheaus und Drittrunden-Rookie Luke McCaffrey um den Nummer-3-Receiver-Spot.
Browns Platz als Outside Receiver scheint dagegen signifikant sicherer, als das noch vor einigen Wochen den Anschein hatte. Wenn der 24-Jährige das auch in der Regular Season bestätigen kann, hätte Washington ein schlagkräftiges Outside-Receiver-Duo für seinen Rookie-Quarterback, der gerne den tiefen Ball sucht.
Bills-Running-Back Ray Davis: Buffalos Rookie-Running-Back hat sich in der Saisonvorbereitung abgesetzt und dürfte als klare Nummer 2 hinter James Cook in die Saison gehen. Im zweiten Preseason-Spiel gegen Pittsburgh hatte er sein bis dato deutlichstes Statement, mit acht Runs für 58 Yards.
Davis ist ein komplett anderer Typ Runner, verglichen mit Cook. Der Rookie bringt deutlich mehr Physis mit, wo Cook eher mit Explosivität und Pass-Catching-Qualitäten glänzt. Die Preseason in Kombination mit der Saisonvorbereitung könnte ein Hinweis darauf sein, dass Davis als Power-Runner eine legitime Rolle im Backfield der Bills haben wird - insbesondere auch als Ergänzung zu Cook.
Im letzten Preseason-Spiel kam er, so wie alle Starter, nicht zum Einsatz.
Giants-Quarterback Daniel Jones: Jones’ erstes Spiel zurück nach seinem im vergangenen November erlittenen Kreuzbandriss hätte kaum desolater starten können. Zwei seiner ersten drei Drives endeten mit Interceptions, darunter ein horrender Pick Six aus der eigenen Endzone.
Eigentlich wäre es sogar ein sauberer Drei-für-Drei-Start gewesen, denn gleich bei seinem ersten Pass antizipierte Texans-Corner Derek Stingley genau, was kommen würde, kam vor Malik Nabers und der Ball traf Stingley in die Körpermitte.
Jones stabilisierte sich und hatte gerade im vertikalen Passspiel einige sehr gut platzierte Pässe, darunter ein 44-Yard-Pass auf Slayton und einige gute Sideline-Bälle Richtung Nabers. All das kam aber auch erst ab dem vierten Drive, als Houston seine Starter auf beiden Seiten des Balls weitestgehend rausgenommen hatte.

Ein wenig Übergangszeit sollte man Jones nach der Verletzung gewähren, das Problem für ihn dabei ist: Er ist mitnichten ein unangefochtener Franchise-Quarterback. Im Gegenteil, es ist ein offenes Geheimnis, dass die Giants versucht haben, im Draft für Drake Maye hoch zu traden.
Nach einer enttäuschenden Vorsaison dürfte der Druck auf die Verantwortlichen in New York zunehmen. Und in der Folge gehe ich davon aus, dass die Quarterback-Reißleine eher kurz ist. Jones sollte die Preseason schnell vergessen lassen, denn sonst wird Daboll irgendwann Drew Lock reinwerfen.
Die Raiders-Quarterbacks: Nach dem zweiten Preseason-Spiel erklärte Raiders-Coach Antonio Pierce, dass er genug gesehen habe, um eine Quarterback-Entscheidung zu treffen. Die hielt er zunächst noch geheim und verkündete lediglich, dass die Starter im dritten Preseason-Spiel nicht spielen würden.
Inzwischen wissen wir, dass Gardner Minshew starten wird. Der Coaching Staff wollte den erfahrenen Veteran, was darauf hindeutet, dass man schon in dieser Saison sehr ergebnisorientiert denkt, statt perspektivischer auf die Offense zu schauen.
Aber allein dieses zweite Preseason-Spiel gegen Dallas, in welchem die Raiders ihre Starter einsetzten, die Cowboys aber nicht, war eher ernüchternd. Denn selbst in diesem Setup überzeugte die Passing-Offense nicht.
O'Connell hatte ein unspektakuläres und in puncto Effizienz überschaubares Spiel, mit einer ganz unschönen Duftmarke zum Abschluss: Ein Pick Six bei einem Underneath-Pass, wo er zu langsam mit seinen Augen war und den Ball zu spät warf, obwohl der Defensive Back bereits den Wurf antizipierte und nach vorne geschossen kam.
Minshew, der Woche 2 starten durfte, war sehr up-and-down, leicht zu spät mit einigen Pässen, ungenau mit anderen, sowie eine Beinahe-Interception beim ersten ausgespielten Fourth Down. Sein Highlight war ein Play-Action-Shot auf Tre Tucker für 48 Yards, sowie, weniger spektakulär, eine Third-Down-Conversion zu Mayer in ein enges Fenster über die Mitte. Aber bei Minshew fehlte schlicht die Konstanz. Immerhin das Run Game sah gut aus. Das wird diese Offense tragen müssen.
Die Raiders gingen auf dem Papier mit dem - gemeinsam mit Division-Rivale Denver - schwächsten Quarterback-Room in die Saisonvorbereitung. Vielleicht gibt es noch den Sprung von O’Connell im zweiten Jahr, vielleicht gibt es einen kleinen Minshew-Spark, den ich fast eher von der Bank mitgenommen hätte. Realitätsnäher ist es allerdings, zu prognostizieren, dass die Raiders-Offense trotz der Playmaker erhebliche Probleme haben wird.
Cowboys-Backup-Quarterback Trey Lance: Allein die Tatsache, dass Lance im letzten Preseason-Spiel durchspielte, zeigt, wo seine Karriere aktuell steht. Es geht für ihn nach wie vor darum, irgendwie Snaps zu spielen, und Dallas gab ihm stolze 129 Dropbacks über die drei Preseason-Wochen.
Doch was Lance am Wochenende zeigte, lieferte nicht viele Argumente für weitere Gelegenheiten.
Zwar war Lance mobil und wirkte fast noch ein wenig explosiver, seine 90 Yards am Boden bei 8,2 Yards pro Run unterstreichen das. Genau wie sein langer Touchdown-Run.
Aber das athletische Potenzial war nie die Frage, vielmehr ging es darum, Entwicklungen als Quarterback und spezifisch als Passer zu sehen. Die blieben bislang weitestgehend aus, wie seine fünf (!) Interceptions gegen die Chargers untermauern.
Sein Timing und seine Accuracy bleiben auch vor seiner vierten NFL-Saison größere Fragezeichen, und legen nahe, dass er den erhofften nächsten Schritt vielleicht nie schaffen wird.
Wir benötigen Ihre Zustimmung, um den X-Service zu laden!
Wir verwenden X, um Inhalte einzubetten. Dieser Service kann Daten zu Ihren Aktivitäten sammeln. Bitte lesen Sie die Details durch und stimmen Sie der Nutzung des Service zu, um diese Inhalte anzuzeigen.
Die Quarterback-Situation in Pittsburgh: Man könnte das erweitern auf die Offense-Umbaumaßnahmen in Pittsburgh. Und gerade hier sollte man die Preseason nicht überbewerten, aber der Schluss liegt schon nahe, dass das noch Zeit brauchen wird. Inklusive der neu zusammengestellten Offensive Line, die noch ziemlich holprig daherkam.
Das merkte man im zweiten Preseason-Spiel, das erste, in welchem Russell Wilson nach seiner Wadenverletzung mitwirkte. Die Line wackelte - unter anderem durch einen offensichtlich angeschlagenen Broderick Jones -, was aber prompt auch Wilsons Tendenz, den Ball zu lange zu halten, ohne die Fähigkeit, selbst Dinge zu kreieren, gleich in den Vordergrund rückte.
Mit Fields lief es anschließend etwas besser, dennoch standen nach zwei Spielen mit der Starting-Offense acht Drives ohne Punkte und mit nur sieben erspielten First Downs zu Buche.

Fields hatte das erste Spiel mit den Startern begonnen und dabei eine wilde Achterbahnfahrt abgeliefert, die unterstrich, warum er als Starter Upside, aber auch keinerlei stabilen Floor zumindest als Passer mitbringt. Dennoch kann man argumentieren, dass Arthur Smiths Offense generell, aber gerade die Offense mit einer wackeligen Line mit Fields besser funktionieren würde, als mit Wilson. Beide haben als Passer einige ähnliche Defizite, Fields aber bringt zumindest den Rushing-Floor mit.
Wenn sich das jetzt wie die Wahl für das "kleinere Übel" liest, dann ist das nicht ganz ungewollt. Ja, Pittsburgh hat seinen Quarterback-Room im Vergleich zum Vorjahr definitiv verbessert, und ja, ich mag die Investitionen in die Line zumindest mittel- und langfristig. Wie groß der Effekt konkret 2024 ist, da würde ich auf die Bremse treten und meinen Take von vor drei Wochen wiederholen: Ich rechne mit mehr Fields- als Wilson-Starts in dieser Offense.
Gleichzeitig aber muss man auch festhalten: Die Chance für Fields war da, um die Quarterback-Frage in Pittsburgh in dieser Preseason deutlich weiter zu öffnen. Das hat er nicht geschafft.
Minnesota Vikings: Ich will nicht ganz so weit gehen, zu sagen, dass Vikings-Fans eine Saison ohne Wert erwartet. Dafür passiert in einer Saison zu viel, dafür kann man immer noch vieles über die jungen Spieler, insbesondere in der Defense, lernen.
Aber die Verletzung von J.J. McCarthy wirft doch schon eine gehörige Portion Eiswasser auf die Vorfreude für die kommende Spielzeit. Insbesondere, weil McCarthy ein unheimlich vielversprechendes Preseason-Debüt hatte - nur um kurz danach die Hiobsbotschaft zu erhalten, dass er sich einer Meniskusoperation unterziehen muss.

McCarthy wäre der Fokus der kommenden Vikings-Saison gewesen. Zu sehen, was man in ihm hat, ob man vielleicht schon in der kommenden Offseason eine aggressivere Strategie fährt, das wäre der zentrale Punkt der Saison gewesen. Und nach dem ersten Eindruck hätte McCarthy vielleicht sogar früher als gedacht als Starter übernehmen können.
Mit Sam Darnold wird man vermutlich immer noch halbwegs kompetitiv sein, aber früher oder später wird sich die Frage mehr und mehr in den Vordergrund schieben, inwieweit einzelne Erfolge der nächsten drei Monate letztlich ein Muster ohne Wert darstellen.
Adrian Franke