03.12.2024
Die NFL-Kolumne von kicker-Experte Adrian Franke
Statt ein weiteres Jahr als Titelkandidat droht den 49ers eine Saison ohne Playoffs. Welche Schlüsse muss man jetzt in San Francisco ziehen? Außerdem: Kirk Cousins muss schon jetzt in Atlanta um seinen Startplatz zittern, Miami hat einen klaren Auftrag - und Cincinnati steht vor einer richtungsweisenden Offseason.

Ich denke nicht, dass man allzu viel mitnehmen kann aus dieser deutlichen Niners-Niederlage gegen die Bills. Angesichts der äußeren Bedingungen war es ein Spiel, in dem beide Teams den Ball effizient laufen mussten, ihre Scoring-Gelegenheiten nutzen mussten und eine Handvoll Big Plays von ihren Quarterbacks brauchten.
Die Bills konnten in diesem Spiel hinter alle drei Punkte einen Haken setzen, die Niners lediglich hinter den Part mit dem Run Game. Purdy wirkte langsam und unsicher, ob das mehr an den äußeren Bedingungen oder noch an Nachwirkungen seiner Schulterverletzung lag, ist spekulativ. Und in Scoring-Reichweite verschossen die 49ers zwei Field Goals, kickten ein Field Goal in der Red Zone und fumbelten den Ball einmal an der 1-Yard-Line weg.
Ich denke weder, dass das ein Spiel für große Takeaways ist, noch, dass es ein Spiel ist, in dem man Kyle Shanahan sonderlich kritisieren muss. San Francisco hat den Ball am Boden gut bewegt, es waren in erster Linie individuelle Fehler, die diese Partie aufseiten der Niners prägten.
Die großen Takeaways kommen weniger im Rückblick auf diese, und mehr im Vorausschauen auf die nächsten Wochen. Spätestens die Knieverletzung von Christian McCaffrey, die eine extrem frustrierende Saison für den Running Back vorzeitig beendet, kann man getrost als Startpunkt der Frage betrachten: Braucht dieses Niners-Team einen Umbruch? Oder ist das Team für 2025 noch stark genug, um mit diesem Spielerkern nochmal ganz oben anzugreifen?
Klar ist: Das ist ein alterndes Team. Stars wie Trent Williams (36 Jahre alt), Kyle Juszczyk (33), George Kittle (31) und sowohl McCaffrey, als auch Deebo Samuel kommen langsam, aber sicher in die Jahre. Beide sind noch unter 30, aber beide hatten dieses Jahr einen massiven Drop-Off was Leistungen (Samuel) und Verletzungen (CMC) angeht. Ein älterer Kader erhöht das Verletzungsrisiko, das macht die Chance auf eine konstante Saison kleiner.
Diese Faktoren muss man berücksichtigen, wenn man an die weitere strategische Ausrichtung denkt. Genau wie auch emotionale Aspekte: San Francisco verlor in den letzten fünf Jahren zwei Mal im NFC Championship Game und zwei Mal im Super Bowl. Das hat zweifellos Spuren hinterlassen, beim Kern dieses Teams, und bei Shanahan selbst.

Die kommende Offseason muss man auch aus diesem Blickwinkel betrachten: Es geht aus Niners-Sicht auch darum, ein Stück der Leichtigkeit wieder zurückzugewinnen.
Vielleicht kann das in Person eines Defensive Coordinators passieren, Shanahan ist gut damit gefahren, als erst Robert Saleh, und dann DeMeco Ryans nicht nur seine defensiven Play-Caller, sondern auch ein Stück weit die emotionalen Leader des Teams waren.
Ich denke aber auch, dass zumindest in Teilen der Kern dieses Teams erneuert werden muss. Unabhängig davon, was jetzt in dieser Saison noch passiert. San Francisco ist nicht plötzlich ein schlechtes Team, ein kompletter Rebuild ist nicht notwendig. Doch größere Umbaumaßnahmen kommen in naher Zukunft auf die Niners zu.
Der Vertrag von Charvarius Ward läuft aus. George Kittle und Jauan Jennings würden 2025 in ihr letztes Vertragsjahr gehen. Deebo Samuel ist ein logischer Kandidat, von man sich vielleicht schon in dieser Offseason trennen sollte. Bei McCaffrey wird viel von der medizinischen Prognose abhängen, gegen die Bills wirkte er bis zu seiner Verletzung zumindest wieder sichtbar explosiver.
Eventuell muss man seine Rolle aber nachhaltig verkleinern, was Auswirkungen darauf hätte, wie die gesamte Offense zuletzt strukturiert war. Vielleicht muss Shanahan wieder näher an seine schematischen Wurzeln ran; aus sportlicher Perspektive ist das ohnehin meine größte Frage mit Blick auf die 49ers, auf die ich keine Antwort habe: Warum hat Shanahan diesen Wechsel hin zu einem so Dropback-lastigen Passing Game unternommen, während er gleichzeitig Grundstrukturen "seiner" Offense - also das Heavy Personnel, Fokus auf das Run Game, enge Formationen und so weiter - beibehält? Das ergibt für mich bis heute wenig Sinn.
San Francisco steht vor einer richtungsweisenden Offseason. Da ist auf der einen Seite der neue Vertrag für Brock Purdy, der jetzt fällig ist. Es würde mich wundern, wenn dieser finanziell gesehen unter Goffs neuem Vertrag in Detroit landen würde.
Auf der anderen Seite geht es für Shanahan aber auch darum, dem Team neue Energie zu geben. Und das kann auf verschiedenen Wegen passieren, innerhalb des Kaders und an der Sideline. Ein Umbruch in Teilen ist dafür aber vermutlich nicht vermeidbar.
Die Cincinnati Bengals könnten einen All-Time-NFL-Rekord aufstellen, der ihre Saison perfekt zusammenfassen würde: Sollte Cincinnati noch ein Spiel verlieren, in dem die Bengals selbst mindestens 30 Punkte machen, wäre das der historische Höchstwert. Vier (!) solcher Spiele haben die Bengals dieses Jahr bereits verloren, damit sind sie derzeit auf einem geteilten ersten Platz. Und ich würde keinen Cent dagegen setzen, dass dieser "Rekord" Cincinnati in fünf Wochen alleine gehört.
Denn dieses Spiel gegen Pittsburgh war wie ein Mikrokosmos dieser Bengals-Saison, die vermutlich mit sehr viel Frust enden wird. Mit einer Top-5-Offense, die die Playoffs nur von der Couch aus verfolgen wird. Und mit einer anstehenden Offseason, in welcher man vermutlich Tee Higgins verlieren wird. Was dann neben all den offenen Baustellen und Fragezeichen in der Defense auch die Offense wieder in den Vordergrund rückt.

Denn die Bengals haben in den letzten Jahren viel in die Defense investiert. Acht ihrer zehn Top-100-Picks in den vergangenen drei Jahren flossen in die Defense - Impact-Starter sucht man dabei bislang vergebens.
Das sollten an diesem Punkt Spieler wie Vorjahres-Erstrunden-Pick Myles Murphy sein. Der steht dieses Jahr bei 13 Quarterback-Pressures. Der 2022er Zweitrunden-Pick Cam Taylor-Britt wurde zwischenzeitlich gebenched, Jordan Battle hat nach guter Rookie-Saison einen Schritt zurück gemacht und Zweitrunden-Rookie Kris Jenkins ist noch nicht gut genug, um mehr als ein solider Allrounder-Rotationsspieler zu sein.
Das Kernproblem des Roster Buildings liegt exakt hier. Cincinnati hat über die letzten Jahre versucht, eine junge, schlagkräftige Defense mit vielen Startern auf günstigen Rookie-Verträgen aufzubauen - und dieser Versuch ist Stand heute krachend gescheitert. Einige der jungen Spieler können sich natürlich noch entwickeln, doch jetzt beginnt ein neues Kapitel in der Kaderplanung. Joe Burrows Cap Hit geht nächstes Jahr um knapp 20 Millionen Dollar hoch. Ja’Marr Chase muss bezahlt werden. Jetzt gehen die Bengals in die Phase, in der sie günstige Impact-Starter parallel zu ihren teuren Superstars bräuchten. Doch die fehlen fast komplett.
Diese Version der Bengals ist zu Recht kein Playoff-Team. Rechnerisch könnten sie es sogar noch schaffen, doch mit dieser Defense kann man Cincinnati nicht vertrauen, in so gut wie keinem Spiel. Und so explosiv und unterhaltsam die Offense auch ist, so gut Burrow und Chase dieses Jahr auch spielen - die Defense ist auch Teil des Spiels, und hier war Cincinnati in dieser Saison zu häufig nicht kompetitiv und konnte diese gravierende Schwachstelle selbst mit der schlagkräftigen Offense nicht kompensieren.
Die größere Frage aber lautet ohnehin: Welche Schlüsse zieht man in Cincinnati aus dieser Saison? Denn für ihre Verhältnisse waren die Bengals in der Joe-Burrow-Ära aggressiver, als man das von dieser Franchise kennt. Setzt sich das jetzt fort? Dann sollte man im ersten Schritt einen letzten Versuch starten, um Tee Higgins doch noch zu halten. Denn klar ist: Die Offense ist nicht nur die Identität der Bengals, sie schultert den Großteil der Last. Und Cincinnati muss jetzt sicherstellen, dass sie das weiter machen kann. Sonst hat man bald Baustellen auf beiden Seiten des Balls.
Es gab im Vorfeld ohne Frage realistische Szenarien, wie Atlanta das Spiel gegen die Chargers hätte verlieren können. Allen voran stand im Vorfeld die Defense im Fokus, nachdem Atlanta vor der Bye gegen Denver - mal wieder - überhaupt keinen Zugriff mit dem Pass-Rush fand und das Run Game nicht stoppen konnte. Es schien wie ein Spiel, in dem die Chargers sich offensiv komplett in ihrer Komfortzone bewegen können, und Atlantas einzige realistische Chance auf einen Sieg darin liegt, mit der eigenen Offense einen Shootout zu gewinnen.
Das Spiel, das sich am Sonntag entwickelte, war jedoch so ganz anders: Die Falcons-Defense war die positive Überraschung, Atlanta macht viel Druck auf Herbert, und die schwache Interior Offensive Line der Chargers verhinderte, dass Los Angeles ohne J.K. Dobbins im Run Game irgendeinen Rhythmus fand.
Außerhalb von Ladd McConkey fehlten den Chargers überaus offensichtlich die verlässlichen offensiven Waffen - was für sich ein Thema noch für die weitere Saison, und dann auch mit Blick auf die Playoffs sein wird.
Aus Sicht der Falcons war damit der Weg bereitet, um mit der eigenen Offense das Spiel zu gewinnen. Doch das Gegenteil passierte.
Insgesamt vier Interceptions warf Kirk Cousins am Sonntag, und bei jeder trug er entweder eine gravierende Mitschuld, oder die alleinige Hauptschuld. Weil er zu spät mit seinen Reads war, weil er Bälle warf, die er nicht mehr werfen durfte, während ein Verteidiger die gesamte Zeit mit den Augen auf der Route wartete. So wie der überragende Rookie-Corner Tarheeb Still bei seinem Pick Six, der letztlich spielentscheidend war.
Und so verändert sich das Narrativ nach diesem Spiel. Gegen Denver war es nicht nur die Defense, die eben keinen Zugriff fand; auch die Offense hatte massive Probleme mit den Blitzes der Broncos. Denver stellte sich in jenem Spiel merklich um, spielte deutlich mehr Zone Coverage als sonst, weil das etwas ist, das Atlantas Offense Probleme bereitet. Auch das war am Sonntag gegen eine Chargers-Defense, die ihre Stärke in einer disziplinierten Zone Coverage hat, offensichtlich.
Atlantas Offense wirkte in diesen Matchups zögerlich und statisch. So wie über weite Teile dieser Saison. Und es wäre unfair, all das auf Kirk Cousins zu schieben. Cousins spielt keine schlechte Saison, aber eben auch keine Saison auf dem Level, das er vielleicht braucht, um seinen Startplatz zu sichern. Er wirkt statischer, er spielt inkonstanter, als zuletzt in Minnesota.
Und in der Division rücken die Bucs Atlanta zunehmend auf die Pelle. Als nächstes wartet für Atlanta das Spiel gegen die Minnesota Vikings, Cousins’ ehemaliges Team - und, ähnlich wie Denver, eine Defense, die aggressives Blitzing mit einer Zone-lastigen Coverage kombinieren wird.
Die Falcons hätten mit dem Nummer-8-Pick Jared Verse draften können. Über die ersten zwölf Spiele hatte der Rookie-Edge-Rusher für die Rams mehr Quarterback-Pressures, als alle Edge-Rusher der Falcons zusammengenommen. Und vielleicht wäre das ein entscheidendes Puzzleteil gewesen, um Atlantas Defense dieses Jahr für den Playoff-Push mehr Stabilität zu verleihen.
Doch Atlanta entschied sich für seine Quarterback-Lösung der Zukunft. In der Hoffnung, das haben alle Verantwortlichen nach dem Draft deutlich gemacht, dass Michael Penix mehrere Jahre hinter Cousins auf der Bank Platz nehmen wird.
Was passiert jedoch, wenn die Bucs in zwei Wochen die Division anführen? Was, wenn Atlanta am Ende die Playoffs verpasst? Spätestens dann muss man sich damit beschäftigen, dass Atlanta das Cousins-Experiment bereits nach nur einem Jahr aufgeben und das Michael-Penix-Kapitel früher als geplant aufschlagen würde.
Mich würde es mittlerweile nicht mehr wundern, wenn wir diesen Schritt sogar noch in dieser Saison sehen würden. Nicht weil Cousins katastrophal spielt, aber weil er dem Team nicht zu dem Sprung verhelfen kann, den man sich erhofft hat. Und dann wäre der Schritt nur konsequent.
Miami ist im Playoff-Rennen noch nicht komplett eliminiert, aber nach der Niederlage in Green Bay ist der Spielraum für Fehler gleich Null - und das mit noch ausstehenden Spielen unter anderem in Houston, gegen die 49ers und in Cleveland.
Diese Dolphins-Saison wurde früh durch die Verletzung von Tua Tagovailoa torpediert und das trägt jetzt direkt dazu bei, dass Miami im Playoff-Rennen eigentlich nicht mehr verlieren darf.
Doch die Probleme in der Offense waren auch mit Tua früh in der Saison sichtbar, und hier zieht sich ein roter Faden bereits seit vergangener Saison durch: Wenn es gegen gute Teams, wenn es gegen legitime Playoff-Anwärter geht, fehlen Miami die Antworten.
Letztes Jahr waren es die Eagles, Chiefs, Ravens und Bills, dieses Jahr die Bills und Packers. Bis dato. Zumindest dieses Narrativ könnte man im weiteren Saisonverlauf noch verändern.
Dabei komme ich immer wieder auf ein Thema zurück: die Offensive Line. Die Dolphins haben sich in der vergangenen Offseason dafür entschieden, Schwächungen in der Line in Kauf zu nehmen, und im Gegenzug haben sie noch mehr Speed in diese Offense gepackt. Die Dolphins sind mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem das Pendel zu sehr in eine Richtung schlägt: Kein Team hat so viel Speed bei seinen Skill Playern, aber durch die Limitationen in der Offensive Line und durch die Grenzen in dem, was Tua Tagovailoa individuell der Offense geben kann, bringen sie ihre PS buchstäblich nicht auf die Straße.
Ich bin gespannt, wie Miami die kommende Offseason aus strategischer Perspektive angeht. Vermutlich war 2023 die beste Chance für diese Version der Dolphins, das Team ist aber immer noch gut. Insbesondere die Defense hat dieses Jahr unerwartete Fortschritte gezeigt, und das trotz einiger prominenter Ausfälle.
Um aber wieder die Kurve nach oben zu bekommen, um gerade auch in den Spielen gegen Top-Teams offensiv kompetitiver zu sein, muss Miami im Run Game mehr machen können. Das betrifft im kleinsten Teil Short-Yardage- und Goal-Line-Situationen, es betrifft größer betrachtet aber auch die Möglichkeit, einen Game Plan mehr über ein Run Game zwischen den Tackles aufziehen zu können. Das fehlt aktuell komplett, die Offense wirkt im Run Game abhängig von Gimmicks und einzelnen Big Plays, die ihnen aber eben kaum noch gelingen.
Im Moment legt das Passing Game gute Zahlen auf, in Teilen aber auch, weil Miami eben da Underneath attackiert, wo gegnerische Defenses ihnen Räume geben. Um offensiv wirklich wieder schlagkräftig zu werden, um auch in schwierigen Bedingungen mithalten zu können, um gegen Topteams und in den Playoffs gewinnen zu können, ist das aber zu wenig.
Es gibt für mich kaum ein Team, das eine so klare Roster-Building-Mission für die kommende Offseason hat.
Adrian Franke