08.04.2025
Einst Quarterback, heute Tight End
Der amerikanische Traum auf Deutsch: Alexander Honig spielt als Tight End für die University of Connecticut. Im Interview hat der 22-Jährige über Rückschläge, das große Geld und Notausstiege gesprochen.

Geboren wurde er in Nürnberg, mittlerweile ist er 1,98 Meter groß und 120 Kilogramm schwer. Alexander Honig spielt als Tight End für die University of Connecticut - und verfolgt nach Stationen im Nachwuchs der Nürnberg Rams und der Schwäbisch Hall Uniocorns nur ein Ziel: NFL-Profi zu werden. Für den nun anstehenden NFL-Draft 2025 ist Honig noch nicht angemeldet. Wenn es nach ihm geht, soll sich das aber im kommenden Jahr ändern.
kicker: Herr Honig, das erste große Kapitel Ihrer Karriere könnte auch märchenhaft umschrieben werden: Von einem, der auszog, um in der NFL Quarterback zu werden. Wie viel davon ist schon geschrieben?
Alexander Honig (22): Quarterback ist natürlich die Position, wenn man in Deutschland an Football denkt, die einem als erstes einfällt. Eine einzigartige Position. Mein Traum ist, in der NFL zu spielen. Aber ich weiß, dass es als Quarterback unglaublich schwer ist. Bei meiner Körpergröße und Athletik ist es für mich deutlich besser, als Tight End in die NFL zu kommen. Ich sage nicht, dass es einfacher ist, aber mein Potenzial kann eben besser genutzt werden. Hier im College-Bereich komme ich aufs Spielfeld, gewinne Praxis. Das ging auf meiner neuen Position schneller. Im Herzen bin ich aber immer noch Quarterback. Ich verfolge Spiele wie ein Quarterback, analysiere die Defense wie ein Quarterback.
Wie sind Sie überhaupt in die USA gekommen? Und dann auch noch ausgestattet mit einem Stipendium; ein Jahr samt Unterkunft kostet schnell mal um die 70.000 Euro ...
Ich habe mir mit 15 Jahren in den Kopf gesetzt, College-Football zu spielen. Das war in meinem letzten Jahr bei den Nürnberg Rams. Zu der Zeit hat auch PPI Recruites, eine Agentur, angefangen, in Deutschland Camps zu veranstalten. Ich sagte mir: "Hey, ich zeig mich jetzt hier." Dadurch kommt man auch in Kontakt mit Trainern. Ich habe auch gemerkt, als ich das erste Mal im Juni 2017 in den USA war, dass ich da wirklich eine Chance habe. Es gibt Tausende Bewerber für die Plätze an den High Schools, aber eben nur eine Handvoll Plätze. Körperlich, athletisch und auch vom Spielverständnis her war ich überhaupt nicht hinterher, vielleicht sogar deutlich über Durchschnitt. Das hat mir zusätzlich Motivation gegeben, die nächsten Jahre weiter hart zu arbeiten. 2019 hat es dann geklappt. Ich habe sogar drei Stipendien bekommen, konnte mir aussuchen, wo ich hinwill.
Ihr US-Abenteuer begann 2021 bei den Horned Frogs der TCU, der Texas Christian University in Fort Worth. Es verlief aber nicht wirklich wie geplant.
Meine ersten beiden Jahre waren sehr wild, es ist viel passiert. Es gab viele Veränderungen. Nicht nur meinerseits, sondern auch im Team selbst. Bevor ich angekommen bin, hatte der Offensive Coordinator, der mich unbedingt haben wollte, die Schule verlassen. Ich hatte ein schlechtes Jahr aufgrund eines Ermüdungsbruchs im Knöchel, unser Chefcoach wurde gefeuert. Als ich dann endlich 100-prozentig fit war, meinten die neuen Coaches: Mit Quarterbacks haben wir gerade kein Problem, aber wir denken, dass du uns als Tight End sehr viel helfen kannst. In meinem ersten richtigen Jahr konnte ich also gleich spielen. Wir sind bis zum National Championship gekommen, ich konnte im Special Team viel mithelfen, auch wenn wir haushoch gegen Georgia verloren haben, ich glaube 7:65. (lacht)

2023 dann der Wechsel an die UCONN zu den Huskies. Ist nun alles noch besser geworden?
Ich habe mir erhofft, zu einem Team zu kommen, wo ich Startspieler bin und ich ein wichtiger Bestandteil des Teams sein kann. Unglücklicherweise habe ich mich im zweiten Spiel schwer am Knie verletzt, war dann bis Frühjahr 2024 raus: Patellasehne und ein paar Bänder kaputt, Kniescheibe komplett auf halb acht. Aber alles ist gut verheilt. Ich musste also noch ein Jahr länger warten bis zu dem Punkt, an den ich hinwollte. Jetzt bin ich wirklich ein wichtiger Bestandteil des Teams.
Ein Blick in Ihre Statistik zeigt: sechs gefangene Bälle, drei Touchdowns bei elf Einsätzen in 13 Spielen inklusive Catch in der Endzone beim 27:14-Sieg im Wasabi Fenway Bowl gegen North Carolina. Eine starke Quote, aber ausbaufähig, oder?
Ich hatte sogar vier Touchdowns, doch einer wurde zurückgenommen. Ich werde viel als Blocking Tight End eingesetzt. Wir spielen hier eine sehr NFL-typische Offensive, wie man es bei den San Francisco 49ers oder den L.A. Rams sieht. Nahe an der Offensive Line, viel Blocken, helfen, dass das Laufspiel funktioniert. Da sehe ich mich auch in der Zukunft, eben nicht wie ein Brock Bowers von den Raiders, der übertrieben formuliert 30 Bälle im Spiel fängt. Ich will trotzdem eine Gefahr im Passspiel darstellen, aber eben nicht auf einen reinen Passempfänger reduziert werden.
Wobei die Konkurrenz teamintern riesig ist, UCONN hat inklusive Ihnen acht Tight Ends im Kader.
Jedes Jahr entsteht natürlich ein Kampf um die Startaufstellung; das macht jeden nur besser. Der Konkurrenzkampf ist sehr wichtig, obwohl wir natürlich jeden Tag zusammen und auch beste Freunde sind. 105 Spieler darf man in einem College-Team haben, doppelt so viele wie in der NFL. Da wird dann auch entsprechend mal durchgemischt.
Wow, 105 Spieler. Hat die UCONN ein eigenes Flugzeug?
Ja, brauchen wir auch angesichts des großen Personals. Trainer, Videoleute, und und und. Der Flieger füllt sich schnell.
Da ist nicht Platz für alle in der Bussiness-Klasse ...
(lacht herzhaft) Nee, überhaupt nicht. Aber ich bekomme oft den Platz am Notausstieg. Da kann ich die Beine schön ausstrecken.
Wann beginnt die nächste Saison und was ist dann unter Ex-Falcons und Seahawks-Chefcoach Jim L. Mora zu erwarten?
Anders als in der NFL können wir in der Offseason nicht einfach nach Hause gehen. Wir sind das ganze komplette Jahr hier, wir studieren ja auch noch. Januar bis Mai ist es sportlich etwas ruhiger, Juni bis August ist dann wieder harte Arbeit angesagt. Coach Mora ist der Grund, warum ich bei UCONN sein will. Er ist komplett Football durch und durch, hat so viel Erfahrung. Seine professionelle Sicht auf das Spiel hilft uns auch für das nächste Level: die NFL. Wenn er zu uns spricht, und erzählt, was er damals beispielsweise mit einer NFL-Legende wie Jerry Rice erlebt hat, als er Assistent bei den 49ers war, dann ist das unglaublich. Zu spüren, wie nah die NFL eigentlich ist und wie er versucht, uns dorthin zu bringen. Das macht den Unterschied zu anderen Trainern, er hat ein beeindruckendes Mindset. Wie ein Bill Belichick. Der hängt Sachen nicht zu hoch, wenn die Patriots ein Spiel gewinnen, und ist nicht zu hart, wenn ein Spiel verloren wurde.

Sind europäische Spieler - oder Sie im Speziellen - ehrgeiziger als die große Masse der US-Boys, die um einen Platz im Team kämpfen?
Ich würde nicht sagen ehrgeiziger, aber wir wissen es ein bisschen mehr zu schätzen, welche Möglichkeiten uns auf unserem langen Weg angeboten werden. Ich gehe hier über die Straße und kann sofort trainieren. Das kennt man in Deutschland ja nicht. Nach Nürnberg mussten mich meine Eltern über eine halbe Stunde zum Training fahren, nach Schwäbisch Hall über eine Stunde. Das war immer ein Riesenaufwand, da ging viel Zeit verloren. Wer nicht komplett ehrgeizig ist, kommt erst gar nicht an ein US-College. Es passiert oft, dass Leute kommen und gehen. Aber nur die wirklich super Ehrgeizigen, die den Erfolg wirklich wollen, sind die, die sich am Ende des Tages durchsetzen. Wir sind ja praktisch Profis - nur unter einem Studenten-Label.
Wie viele Europäer gibt es zurzeit an den Colleges?
Ich schätze so um die 50 oder so. Bei UCONN sind es drei; selten, dass es so viele in einem Team sind. Außer mir ein Österreicher und noch ein Deutscher. (lacht) Cool, weil ich mein Deutsch nicht verlerne.
Die Uni von Connecticut ist in Storre beheimatet, eine halbe Stunde Fahrzeit östlich von Hartford. Der Ort wirkt, vorsichtig formuliert, doch sehr bieder. Kann man da auch mal 5 gerade sein lassen? Abends mal einen draufmachen? Oder geht man mangels Alternativen halt früh ins Bett, bereitet sich auf den nächsten Morgen mit Training oder der nächsten Uni-Prüfung vor?
Der Campus an sich ist hier sehr ungewöhnlich im Vergleich zu anderen Unis in den USA. Viele sind ja in oder neben einer großen Stadt: voll mit Läden und Bars und was weiß ich. Aber dadurch, dass die UCONN früher eine Bauernschule war, sind wir eben mitten im Nirgendwo. Hier passiert wirklich nicht viel. Ein paar Bars, ein paar Events für Studenten. Aber am Ende des Tages bin ich tatsächlich froh darüber, weil für mich der Fokus komplett auf Football liegt. Ich versuche, mein Leben so professionell wie möglich zu leben. Die Zeit am College vergeht schnell und ich will nicht am Ende zurückblicken und sagen, da hätte ich noch ein bisschen mehr machen können. Ich gebe wirklich Vollgas und habe nur einen Plan: Das ist die NFL und sonst nix. Ich vermisse jedenfalls nichts. Aber viele Leute macht es auch ein bisschen verrückt, im Sommer ohne Uni-Betrieb ist es dann wie in einer Geisterstadt.
Ihr Ernährungsplan leidet darunter hoffentlich nicht. Wie viel Kalorien nehmen Sie täglich auf? Ist auch mal ein Bierchen erlaubt?
(lacht) Bier ist ja Wasser in Deutschland, gell? Nee, wir haben hier eine Kantine, wo wir ständig Essen bekommen, wir müssen uns um kaum etwas kümmern. Das ist praktisch. Du versuchst vor allem in der Saisonvorbereitung mit täglich zweimal Training, nur so viel zu essen, dass du möglichst voll bist und genug Energie vorhanden ist. Wir haben nur gute Gerichte. Solange du nichts Fettiges isst, was dich dann auch ein bisschen langsamer macht und für ein blödes Magengefühl sorgt. Ich versuche beim Frühstück einfach viele Kohlenhydrate zu essen, die mir Energie geben. Zu jeder Mahlzeit noch Protein. Zum Glück habe ich nie Probleme mit meinem Gewicht. Und sonst versuche ich, nichts Dummes zu machen - vor allem am Jahresende, wenn von August bis Dezember Saison ist. Nach den Spielen geht es Sonntag, Montag und Dienstag darum, sich zu erholen und sich wieder normal zu fühlen. Football ist ein so physischer Sport, dass dich Kleinigkeiten stören können. Es gibt Teamkollegen, die vielleicht nicht so strikt sind. Eigentlich bleibt mir keine Zeit, irgendwann was Blödes zu machen. Am Ende des Tages willst du nur ins Bett und schlafen. Aber im Frühling und im Sommer sind wir auch mal ab und zu mit den normalen Studenten unterwegs. New York ist ganz nah, da sind wir im vergangenen Sommer auch in die Bars, das war ganz cool. Es ist während der Saison sehr schwierig, Blödsinn zu machen, weil alles so strikt ist, die Tagesabläufe so penibel genau getaktet sind.
Lebkuchen und Nürnberger Bratwürste stehen demnach auf dem Index?
Oh ja. Lebkuchen habe ich ne Menge bekommen von meinen Eltern, die zu einem Spiel vorbeigekommen sind. Ich habe den Großteil an Freunde verschenkt. Aber mal einer hier, einer da - ich habe schon auch genascht.
Wie sieht der Tagesablauf des Frühaufstehers Honig aus, der sich schon um 6 Uhr aus dem Bett schält?
Die Tage in der Saisonvorbereitung ohne Spiel beginnen tatsächlich um 6 Uhr mit Aufstehen. Als erstes steht Behandlung durch unsere Physios an, danach Frühstück, spätestens um 7.30 Uhr das erste Team-Meeting. Dann zweieinhalb, drei Stunden Training bis 11 Uhr. Oft geht es auch mal bis zwölf, weil Sachen wiederholt werden. Mittagessen, kurze Pause, nächstes Meeting. An manchen Tagen, wenn es ein schlimmer Tag ist, dann gibt es statt Mittagspause eine Einheit im Kraftraum. Am Nachmittag geht es entweder in die Schule oder die nächste Einheit. Wir freuen uns teilweise sehr auf normalen Unterricht, weil das für den Körper und auch mental entspannender ist. (lacht) In einer Spielwoche haben wir nach den Vorlesungen Spielvorbereitung auf den nächsten Gegner. Das Training wird zum Spiel hin ein bisschen leichter, damit wir uns für den Game Day erholen können. Montag ist der einzige Ruhetag - da gehen wir nur in die Muckibude.
Es ist zu hören, dass Sie auch als Musterstudent gelten. Zu viel Lob?
Ich mach gerade meinen Master in Sportwissenschaften. Man muss sehr gut getaktet sein, einen Plan haben, wann man seine Hausarbeiten macht. Aber ja, ich stelle mich gut an, ich hab da nicht so viel Probleme, weil ich gut in der Planung bin. Man muss halt Nein sagen zu Sachen, die vielleicht mehr Spaß machen. Man muss damit klarkommen, keine Freizeit zu haben, weil die anders genutzt werden muss. Sportwissenschaften macht mir sehr, sehr viel Spaß. Das ist was, was mir wirklich am Herzen liegt. Schule ist natürlich nicht immer spaßig, aber besser, als irgendwas zu machen, was mir keinen Spaß macht - wie Mathe beispielsweise.
Im College Football hat sich zuletzt einiges geändert. Uni- und damit ein Teamwechsel sind einfacher möglich. Und neben dem Stipendium kann man durch sogenannte NIL-Deals ("Name, Image and Likeness") sogar noch richtig Geld verdienen.
Der Vorteil ist, dass du nicht in so eine Situation wie ich in meinem ersten Jahr kommst, wo dann die Trainer ständig wechseln, du plötzlich den dritten Offensive Coordinator vor dir sitzen hast. Trainer konnten schon immer schnell dem nächsten, besseren Angebot nachgehen. Man wollte das den Studenten nun auch ermöglichen. Das finde ich gut, das ist hilfreich. Aber es kommt auch zu Situationen, wo es eben nicht das Beste für die Karriere ist. Man sollte schon schlau sein im Sinne von: Was erzählen mir die Leute, wenn sie mich rekrutieren? Ist es wirklich auch die Wahrheit; dass, wie man hier sagt, dort das Gras grüner ist? In der Kombination, dass da massiv abgeworben wird und Geld ins Spiel kommt, liegt auch eine Gefahr. Ich finde es gut und wichtig, dass Spieler auch von diesen Millionen, die mit uns durch das Fernsehen gemacht werden, etwas abbekommen. Für 99 Prozent der Spieler ist es nach dem College vorbei, die werden nie Geld mit Football verdienen - okay, wenigstens ist ihre College-Zeit schon bezahlt. Vielleicht machen einige jetzt Kasse, spielen dann aber doch weniger als ihnen versprochen wurde. Ich versuche, mich vom Geld nicht auf einen falschen Weg bringen zu lassen, weil am Ende des Tages ist der Pay Day in der NFL dann doch deutlich größer. (lacht)
Wie viel wird derzeit gezahlt?
Quarterback ist die Position, die am meisten Geld bekommt. 250.000 Dollar - das ist für jemanden Anfang 20 eine Menge Geld. Jetzt hört man schon von Millionen-Summen. Im Vorjahr ist Bryce Underwood als Quarterback zu Michigan gekommen, da war von über zehn Millionen Dollar die Rede.

Wie bitte? Davon träumt auch der eine oder andere NFL-Profi ... Außer Talent muss man über was verfügen?
Spieler dürfen nicht direkt bezahlt werden. Aber dafür gibt es Modelle. Als Gesicht einer Werbung, als Stargast bei Empfängen zum Händeschütteln oder Autogrammstunden. Da bekommst du eben einen Vertrag, in dem steht, dass du 20-mal pro Saison Autogramme schreiben musst. Die NCAA hat gemerkt, sie können es Spielern nicht verbieten, einfache Sachen zu machen wie zum Beispiel ein Influencer. Es gibt Spieler, die hatten Millionen von Followern im Internet, aber die durften damit nichts verdienen, obwohl jeder andere normale Mensch tatsächlich damit Werbung machen kann. Jetzt gerade ist da so ein Art Free for all. Es gibt keine Regelung und keine Obergrenze für Einnahmen. Ich glaube, dass es an Schulen, die reiche Fans haben und die Lust haben, da Geld auszugeben, richtig abgehen wird. Aber man weiß nie, ob es dann auch sportlich die richtige Entscheidung ist, einfach nur wegen des Geldes irgendwo hinzugehen.
Wie viel ist die "Aktie" Alex Honig wert?
Ich würde gerne Leute treffen und Autogrammstunden machen. Wenn man mich dafür bezahlen wollte, nehme ich das gerne. Ich habe keinen Vertrag, habe noch keinen Dollar gemacht hier. Ich gehe meinen eigenen Weg.
Wie viel investiert denn die UCONN pro Jahr in American Football?
Fast jedes Programm ist ein Minus-Geschäft. In der besten College-Liga, der SEC, die im Süden ist, sind es etwa 14 Millionen Dollar pro Team. 105 Spieler, die Trainer, die Reisen und Co. - schon verrückt. Football ist in den USA, glaube ich, der einzige Sport, wo das komplette Geld über TV-Verträge zurückkommt. Viele andere Sportarten werden von der Schule finanziert. Teams, die in die Playoffs kommen, bekommen Unsummen.
In Deutschland haben Sie vor ein paar Hundert Zuschauern gespielt. Im College-Football sind es teilweise auch Hundert, aber eben auch mal Hunderttausend. Wie sehr plumpst einem da das Herz in die gutgepolsterte Hose?
Es ist unglaublich. Das größte Stadion, in dem ich gespielt habe, war das SoFi Stadium der Rams und Chargers in Los Angeles. Du guckst hoch und wirst von den Scheinwerfern geblendet, weißt aber, dass dahinter weitere Plätze sind. Fast wie ein schwarzes Loch, die Tribünen erscheinen irgendwie unendlich. Das Football-Mekka ist das AT&T Stadium der Dallas Cowboys in Arlington. Man kann die Stimmung dort eigentlich gar nicht in Worte fassen. Ich merke das erst im Nachhinein. In dem Moment, vor über 80.000 Menschen aufzulaufen, bin ich so drauf fokussiert, meinen Job zu machen, nichts falsch zu machen, einfach Football zu spielen. Klar, Nervosität ist immer dabei. Aber die Anzahl der Zuschauer macht nicht den großen Unterschied.

Ihr Vater James war Middle Linebacker in der deutschen Nationalmannschaft, Ihr Onkel Chris Safety. Warum schlägt Ihr Football-Herz offensiv?
Als kleiner Junge war ich defensiv geprägt. Ich wollte wie mein Papa Linebacker sein. Ich habe ja auch Flag Football gespielt. Das ist körperlich nicht so anspruchsvoll. Und da konnte ich dann auch Quarterback und Linebacker spielen. Dadurch, dass ich aus einer Football-Familie komme, habe ich das Spiel sehr gut verstanden und es zudem geschafft, auch Leader zu sein. Oft spielt man nur Quarterback und nicht noch eine zweite Position in der Defense, weil man sich nicht die Schulter oder die Finger verletzen will - dann kannst du ja den Ball nicht mehr werfen.
Wäre auch ein Umweg über die European League of Football eine Option?
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Für mich ist das langfristige Ziel, von einem NFL-Team gedraftet zu werden. Aber die Entwicklung der ELF zu betrachten, ist mega. Die damalige NFL Europe habe ich selbst altersbedingt nicht mitbekommen können. Aber ich habe die Geschichten gehört, wie eng die Zusammenarbeit mit der NFL ist.
Spätere Superstars wie Rams-Quarterback Kurt Warner profitierten erheblich von ihrem Sprung über den großen Teich ...
Richtig. Wenn wir das wieder schaffen, eine Liga zu haben, die vom Level nah an der NFL ist, wäre das ein Riesending. Einfach auch aus meiner Heimatverbundenheit heraus sagen zu können: "Hey, wir haben ein Team in München oder in Stuttgart, vielleicht sogar in Nürnberg, aus dem Spieler den Sprung in die NFL schaffen." Das wäre mein Plan B. Aber ich will es direkt in die NFL schaffen, habe dafür, denke ich, auch das Zeug dazu. Ob das jetzt dummes Selbstbewusstsein ist oder nicht - aber das ist jetzt mein Ziel.
Perfekter Anschluss zur nächsten Frage. Sie haben einen Wunsch frei: Welches der 32 NFL-Teams sollte Sie draften?
So wie aktuell die Situation bei den Coaches ist, würde ich am liebsten bei den 49ers spielen. Mir gefällt das System, wie sie die Offense laufen. Das ist wie hier bei UCONN oder auch bei den Detroit Lions.
In einem Team mit George Kittle …
Ich finde es cool, wie er blockt. Er zeigt, wie ein Tight End auch cool sein kann, ohne ständig nur Bälle zu fangen. Oft denkt man ja immer: Ah cool, tiefe Bälle, Justin Jefferson und all die Receiver. Die 49ers haben einfach eine tolle Spielweise, die ich sehr gerne verfolge, wie sie Teams teilweise einfach über den Haufen rennen.

Wie viel Zeit geben Sie sich selbst für die Umsetzung Ihres Traums?
Ich habe jetzt noch ein Jahr im College, könnte aufgrund meiner Verletzungen noch ein weiteres Jahr anhängen. Aber mein Ziel ist, nach der Saison 2025, dann im Draft im April 2026 in die NFL zu kommen. Wenn ich es da nicht schaffe, habe ich ja noch das Extra-Jahr. Aber ich glaube, es wird sich schnell herauskristallisieren, wo ich stehe. Im Football ist es schwer, lange irgendwo rumzuhängen, weil jedes Jahr Top-Athleten nachkommen. In den nächsten zwei, drei Jahren sollte es klappen. Und wenn nicht, dann bleibe beim Football und werde Krafttrainer, helfe anderen, in die NFL zu kommen.
Wie würde denn die Überschrift im letzten Kapitel auf Ihrem Weg in die NFL lauten?
Mit Pick X wählt Team Y Alexander Honig von der University of Connecticut aus.
Dieses Interview erschien erstmals im Januar 2025 im kicker-Sonderheft "Faszination Super Bowl".
Interview: Markus Löser