21.04.2025
Wide Receiver und Cornerback
Auf einer Position der beste Spieler im College zu sein, ist schwer genug. Aber auf gleich zwei Positionen ein Ausnahmetalent zu sein, ist im Grunde unmöglich. Die Ausnahme der Regel: Travis Hunter. Nur: Wie geht es nun für ihn weiter?

Wenn in dieser Woche in der Nacht von Donnerstag auf Freitag deutscher Zeit in Green Bay mitten im ikonischen Lambeau Field der NFL Draft 2025 stattfindet, dann ist davon auszugehen, dass der Name Travis Hunter von NFL-Commissioner Roger Goodell recht zeitnah vorgelesen wird.
Der 21-Jährige gilt nämlich nicht nur als einer der besten Spieler im diesjährigen Draft, sondern auch als immenses Ausnahmetalent, das es so in der Form vielleicht noch nie gegeben hat.
Denn Hunter ist einer der in der heutigen NFL kaum noch existierenden Two-Way Player. Das heißt, er kann auf zwei Positionen spielen. Bereits seine gesamte Football-Laufbahn lang hat der athletisch Hochtalentierte sowohl als Wide Receiver als auch als Cornerback gespielt.
Doch nicht nur das: Hunter ist auf beiden Positionen herausragend, gehört im Draft auf beiden Positionen zur absoluten Elite. Sämtliche Rankings listen den in Florida geborenen Athleten auf beiden Positionen als den besten Spieler im Draft.
Bereits seit Jahren zeichnet sich das Talent Hunters derweil ab. Schon nach der High School galt er als der beste Spieler des Landes, die großen Colleges rissen sich um ihn. Nachdem er zunächst seine Zusage an die renommierte Florida State University gegeben hatte, entschied er sich in letzter Sekunde doch noch um und für die Jackson State University. Warum? Wegen Deion Sanders, der zu der Zeit als Head Coach bei Jackson State anheuerte und dem Hunter ein Jahr später auch mit nach Colorado folgte, wo er schließlich auch die letzten beiden Saisons verbrachte.

Sanders ist derweil ein gutes Stichwort, galt der Hall-of-Fame-Cornerback in seiner Zeit als NFL-Spieler ebenfalls als Two-Way Player. Nicht zuletzt aufgrund der gemeinsamen Zeit der beiden wurde Sanders in den vergangenen Wochen und Monaten oftmals als Vergleich für Hunters bevorstehende NFL-Karriere herangezogen. Allerdings hinkt der Vergleich ein klein wenig - insbesondere, weil Hunter noch mehr Zahlen auflegt.
Sanders nämlich hat in seiner gesamten NFL-Laufbahn insgesamt "nur" 60 Bälle als Receiver gefangen; davon alleine 36 während der Saison 1996 - in der er mit den Dallas Cowboys im Übrigen den Super Bowl gewann und als Cornerback in das First-Team All-Pro ernannt wurde.
Wenn es nach Hunter geht, sollen es dann aber doch ein paar mehr als 60 Receptions werden. Denn alleine in der abgelaufenen Saison bei den Colorado Buffaloes hat er als Receiver 96 Bälle gefangen - für stolze 1258 Yards. Dazu kommen vier eingetütete Interceptions als Cornerback.
ESPN Research zufolge war er der erste Spieler seit mindestens 1976, der in einer Saison sowohl über 500 Receiving Yards als auch mindestens vier Interceptions verbuchen konnte. Das Besondere: Hunter hat sowohl offensiv als auch defensiv quasi immer gespielt. 713 offensive und 748 defensive Snaps absolvierte Hunter 2024 für die Buffaloes - sowohl 2023 als auch 2024 führte er die FBS (höchste Stufe im College-Football) in der Anzahl der Snaps an.

All das sorgte dafür, dass er am College im vergangenen Jahr sämtliche Awards abgeräumt hat: Neben der Heisman Trophy für den besten College-Spieler insgesamt - das Äquivalent zum MVP in der NFL - heimste er auch den Chuck Bednarik Award für den besten defensiven Spieler, den Biletnikoff Award für den besten Wide Receiver, den Paul Hornung Award für den vielseitigsten Spieler, den Spieler des Jahres der Associated Press, die Lott IMPACT Trophy für den größten defensiven Impact und den seitens der Trainer gewählten Walter Camp Award als Spieler des Jahres ein.
In der College-Geschichte hatte es zuvor noch nie jemand geschafft, sowohl den Bednarik Award als auch den Biletnikoff Award zu gewinnen.
Nach all dem bereits Erreichten steht für den 21-Jährigen nun fest: Auch auf NFL-Niveau will er keine Kompromisse eingehen. Auf die Frage, was passieren würde, wenn ihn ein NFL-Team auf eine Seite des Balls beschränkt, antwortete Hunter jüngst selbstbewusst: "Dann spiele ich gar nicht mehr. Ich habe es mein ganzes Leben schon so gemacht und ich liebe es, auf dem Feld zu stehen. Ich bin davon überzeugt, dass ich auf beiden Seiten des Balls dominieren kann."

Gleichzeitig weiß er aber auch, dass das bei der hohen Belastung - der er bereits im College ausgesetzt war -, in der noch einmal physisch anspruchsvolleren NFL kaum zu realisieren ist. "Ehrlich gesagt muss ich einfach sehen, ob mein Körper das alles aushält und weiter aushält", so Hunter. "Aber ich mache viele Behandlungen, sodass ich mit meinem Körper und dem, was ich für meinen Körper brauche, Schritt halten kann."
| Pick | Team |
|---|---|
| 1 | Tennessee Titans |
| 2 | Cleveland Browns |
| 3 | New York Giants |
| 4 | New England Patriots |
| 5 | Jacksonville Jaguars |
Dass auch in NFL-Kreisen wenige Tage vor dem Draft noch darüber diskutiert wird, wie und auf welcher Position Hunter einzusetzen ist, spricht im Grunde Bände. "Wir hätten keine Angst, ihn auf beiden Seiten des Balls spielen zu lassen", hatte etwa Joe Schoen, General Manager der New York Giants, verlauten lassen. Und auch Andrew Berry, GM der Cleveland Browns, die derzeit mit dem 2. Pick als heißester Anwärter für Hunter gehandelt werden, antwortete auf eine entsprechende Frage. "Cornerback oder Receiver? Die Antwort ist: Ja." Er könne beides spielen - "und genau das macht ihn so besonders. Ich sehe ihn in erster Linie als Receiver, aber was ihn einzigartig macht, ist die Tatsache, dass er beide Positionen auf höchstem Niveau ausfüllen kann."
Wenn es also nach Hunter selbst geht, will er - wie bereits im College - auch in der NFL auf beiden Positionen spielen. Ob es am Ende wieder auf beiden in Vollzeit sein wird? Eher unwahrscheinlich. Denn auch das wurde in der NFL seit den 1960er Jahren nicht mehr erreicht.
Aber sollte es Hunter dennoch schaffen, wäre es ein weiteres Indiz für das, was eh bereits jeder weiß: Er ist ein absolutes Ausnahmetalent. Zutrauen muss man es ihm zumindest.
fys