01.07.2025
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Über die nächsten drei Wochen starten die 32 NFL-Teams mit den Training Camps in die heiße Phase der Saisonvorbereitung. Dann geht es nicht nur darum, sich bestmöglich auf die Saison vorzubereiten - für manche Spieler geht es ganz direkt um den Startplatz. kicker-Experte Adrian Franke analysiert die wichtigsten Training-Camp-Duelle.

Schon während des Rookie-Minicamps Anfang Mai hatte Browns-Coach Kevin Stefanski ausführliche Arbeit für seine jungen Quarterbacks auch außerhalb der Trainingseinheiten angekündigt: "Sie bekommen jede Menge Hausaufgaben. Sie müssen viel Tape schauen, sie müssen die Playbooks lernen. Wir wollen Spieler nicht überladen bis zu dem Punkt, an dem er nicht mehr schnell spielt. Aber wir wollen sehen, mit wie viel sie klarkommen. Wir wollen sie pushen, nicht bis an ihre Grenzen, aber sie auf jeden Fall pushen."
Die Situation in Cleveland ist ungewöhnlich. Dass zwei Quarterbacks sich im Training Camp auf Augenhöhe begegnen, oder dass es einen Starter gibt, der von einem talentierten Youngster herausgefordert wird? Das sind gängige Szenarien. Dass es aber vier Quarterbacks gibt, darunter zwei außerhalb der Top 90 gepickte Rookies, und das ohne klar definierten Starter? Das sieht man ausgesprochen selten. Joe Flacco wäre vermutlich mit seiner Erfahrung, inklusive innerhalb dieser Offense, der Starter, würden die Browns morgen ein Spiel spielen. Kenny Pickett, den Cleveland via Trade geholt hat, wäre dann wohl sein Backup, und Dillon Gabriel die Nummer drei.
Diese Hierarchie dürfte sich aber in den kommenden Wochen als sehr offen erweisen. Inklusive der beiden Rookie-Quarterbacks, bei denen wir zumindest die initiale Sichtweise des Teams kennen: Cleveland wählte Dillon Gabriel in der dritten, Shedeur Sanders in der fünften Runde aus. "Wir mochten Dillon durch den Prozess sehr", erklärte GM Andrew Berry unmittelbar nach dem Draft. "Ich halte ihn für ein sehr, sehr gutes Prospect. Das heißt nicht, dass wir uns nicht auch mit anderen Quarterbacks getroffen haben, die talentierte Spieler und gute Jungs sind. Aber wir mochten Dillon sehr."
Es sei "nicht der Plan gewesen", zwei Quarterbacks zu draften, "aber wir glauben daran, den besten verfügbaren Spieler zu picken. Wir wollen immer einen Wettkampf auf jeder Position haben."
Das per se ist keine Floskel; Teams suchen immer Tiefe und Wettbewerb auf einzelnen Positionen, um zusätzliche Prozentpunkte herauszukitzeln. Bei Quarterbacks ist das aber insofern schwierig, als dass es limitierte Snaps im Training gibt. Wer bekommt die wertvollen Reps mit den Starting-Receivern? Mit der Starting-Line? Wer trainiert gegen die Starting-Defense? Bei zwei Quarterbacks kann das schon eine gewisse Herausforderung für die Coaches sein - bei vier Quarterbacks werden die Browns vermutlich einige unkonventionelle Trainingseinheiten haben, um eine interne Hierarchie zu entwickeln. Und sie werden eher früher als später ihre Karten auf den Tisch legen müssen.
Das macht diese Situation faszinierend. Wie teilen die Browns die Trainingseinheiten auf? Wer spielt in welchem Preseason-Spiel? Selbst wenn die Verantwortlichen Flacco als vorerst klaren Starter sehen, wird auch er die Reps mit der Starting-Offense brauchen. Wird es eher ein Wettbewerb dahinter um Platz 2? Oder sehen wir wirklich einen offenen Vierkampf um den Week-1-Starting-Quarterback-Posten?
Die realistischste Prognose ist wohl, dass wir alle vier Quarterbacks im Laufe der Saison sehen werden. Die spannendste Frage wird sein, ob Cleveland vielleicht mit einem der beiden Rookie-Quarterbacks einen Volltreffer gelandet und seinen Quarterback für die nächsten Jahre gefunden hat. Das würde die gesamte Timeline dieses Rebuilds verändern.
Das wohl spannendste Quarterback-Duell in diesem Sommer. Denn kein Quarterback, der sich in dieser Offseason in einem echten Duell um den Startplatz befindet, hat ansatzweise das Talent, das Anthony Richardson mitbringt. Das gibt der Quarterback-Frage in Indianapolis eine besondere Brisanz, mit potenziellen Konsequenzen auch für andere Teams. Schlägt Richardson noch ein? Dann könnten die Colts mittelfristig ein gefährliches Team werden. Oder ist er vielleicht ein Trade-Kandidat? Könnte er woanders seine Karriere in andere Bahnen lenken?
Ich hatte Richardson vor einigen Wochen als einen meiner Offseason-Verlierer gelistet, weil die Colts die gesamte Offseason über eine glasklare Botschaft kommuniziert haben; mit Worten und mit ihren Taten: Sie wollen einen offenen Wettkampf auf der Quarterback-Position. Die 14 Millionen, die Daniel Jones bekommt, unterstreichen, dass die Colts Jones mit der Idee verpflichtet haben, dass er realistisch starten könnte.

Die Timeline der Verantwortlichen, die 2025 unter Druck stehen, ist dabei eine gravierende Komponente. Shane Steichen und Chris Ballard müssen jetzt Spiele gewinnen. Wie viel mittel- und langfristiges Denken ist da möglich?
Es steht außer Frage, dass Richardson mehr Talent hat als Jones. Und wir wissen, was Jones im besten Falle ist - und was er in der realistischen Prognose ist: Ein Übergangsstarter. Kein Starter, in den man langfristig investiert.
Richardsons Zukunft, mit seinen knapp 400 NFL-Dropbacks und zudem nur sehr wenigen Spielen im College, ist vergleichsweise offen. Und seine Prognose sollte sehr viel optimistischer sein. Gleichzeitig sollte es in Jahr drei eben auch greifbarer sein.
Vielleicht hatten die Colts einen klaren Plan, um Richardson zu entwickeln, und dieser Plan wurde von Verletzungen durchkreuzt. Richardson verpasste aufgrund von Schmerzen in der Schulter jüngst schon wieder Teile des Minicamps. Es ist zudem vermutlich nicht allzu weit hergeholt, zu sagen, dass er sich als Anführer bislang nicht so entwickelt hat, wie die Colts es sich Pre-Draft erhofft hatten.
Jetzt spielt all das keine Rolle. In den kommenden Wochen geht es für Richardson um das Hier und Jetzt. Umso schwerwiegender ist die aktuell noch offene Prognose, wann genau Richardson wieder bei 100 Prozent sein wird. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er auch im Camp wertvolle Trainingstage verpassen wird. Und das, nachdem Steichen Ende Mai erklärte, dass der Starting-Quarterback der "konstanteste Spieler" sein muss. Nicht gerade Richardsons Paradedisziplin und vermutlich das, woran er am meisten arbeiten muss.
Es geht für Richardson darum, zu zeigen, dass er nicht nur mehr Talent hat als Daniel Jones, sondern dass die Verantwortlichen mit ihm darüber hinaus auch konkret 2025 die Fortschritte zeigen und die Ergebnisse einfahren können, um ihre eigenen Jobs zu retten. Er muss einen merklichen Schritt machen, sportlich - angefangen mit der Accuracy, die schlicht konstanter sein muss -, aber auch abseits des Platzes. Ansonsten könnte es seine vorerst letzte Chance als Starter sein.
Vier Wide Receiver erhielten in der vergangenen Packers-Saison zwischen 50 und 80 Targets. Alle vier fingen zwischen 29 und 59 Pässen. Alle vier landeten zwischen 450 und 903 Receiving Yards.
An diesem Punkt der vergangenen Offseason war die Hoffnung, dass dieses Quartett bestehend aus Jayden Reed, Dontayvion Wicks, Romeo Doubs und Christian Watson den nächsten Schritt machen könnte. Vielleicht, weil einer der jungen Receiver seine Breakout-Saison hat. Vielleicht weil sie alle vier so gut spielen, dass Green Bay zwar keinen "echten" Nummer-1-Receiver hat, aber ein Quartett, das je nach Matchup auf unterschiedliche Art und Weise dominiert.
In der Realität trat beides nicht wirklich ein. Green Bays Wide Receiver waren nicht schlecht, aber sie waren, sowohl im Kollektiv als auch individuell, nicht gut genug, um dazu beizutragen, dass die Offense den Sprung auf das nächste Level schafft.
Und so muss man Green Bays Receiver als das sehen, was sie realistisch vermutlich sind: Eine Receiver-Gruppe mit guten Nummer-2- und Nummer-3-Optionen, mit Role Playern - aber ohne den einen Top-20-Receiver, ohne den Receiver, dessen Skillset die gesamte Offense inklusive Räume und Matchups für die anderen Receiver-Kollegen öffnen kann.
Mit Erstrunden-Pick Matthew Golden sowie Drittrunden-Pick Savion Williams kommen jetzt zwei weitere Variablen aus dem Draft in diese Unit mit dazu. Watson wird die Vorbereitung und vermutlich in etwa die erste Saisonhälfte verpassen, nachdem er sich in Woche 18 der vergangenen Spielzeit das Kreuzband gerissen hat. Er wird, genau wie Wicks und Doubs, zudem nach der Saison Free Agent.
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Das insgesamt betrachtet ergibt eine spannende Dynamik. Kann sich Golden gleich als Top-Receiver etablieren? Das wäre mutmaßlich das Idealszenario für die Packers, denn dann könnten insbesondere Doubs und Reed problemlos in ihrer Role-Player-Komfortzone agieren. Und was ist der Plan mit Williams, den Green Bay etwas überraschend in der dritten Runde zusätzlich priorisierte?
Die Packers haben eine gute Offensive Line, die besser sein sollte als die Vorjahresversion. Sie haben einen guten Quarterback und einen sehr guten Playcaller. Sie haben ein verlässliches Run Game. Um als Offense - und damit als Team insgesamt - auch in der Hierarchie der NFC den nächsten Schritt zu machen, brauchen die Packers einen echten Difference Maker bei ihren Skill Playern. Die kommenden Wochen werden einen ersten Hinweis darauf geben, ob sie den haben.
Mit dem Rücktritt von Derek Carr haben die Saints zumindest Klarheit bekommen - Klarheit dahingehend, dass ihr Starting-Quarterback-Posten sich zwischen den drei jungen Quarterbacks im Kader entscheiden wird: Rookie Tyler Shough, Spencer Rattler und Jake Haener.
Haener sprang vergangene Saison in Woche 8 ein und startete nochmals in Woche 15, mit sehr überschaubarem Erfolg. Rattler kam auf immerhin 264 Dropbacks und sechs Starts insgesamt, und während auch er sich noch nicht als Quarterback der Zukunft empfahl, zeigte er doch zumindest eine Aggressivität als Passer, mit der man etwas machen kann.
Die realistische Prognose dürfte also sein, dass es sich in den kommenden Wochen zwischen Rattler und Shough entscheidet, und auch hier sollte es einen Favoriten geben: Rattler war kein Pick des neuen Regimes, Shough schon. Und: Shough wurde an 40. Stelle im Draft gezogen, Rattler im Jahr davor in der fünften Runde über 100 Spots später.
Shough könnte der erste Nicht-Erstrunden-Rookie-Quarterback seit DeShone Kizer 2017 werden, der in seinem ersten Spiel gleich als Starter auf dem Feld steht. Angesichts seiner langen College-Karriere ist Shough kein Youngster, tatsächlich ist er zwei Jahre älter als Rattler und wird im Laufe seiner Rookie-Saison schon 26. Verletzungsbedingt hat er aber nicht so viel gespielt, wie man angesichts seiner sechsjährigen College-Karriere vermuten könnte.
Jetzt muss er zeigen, dass er schnell bereit ist. Dafür haben ihn die Saints vermutlich so hoch gepickt. Der neue Head Coach Kellen Moore hat ein offenes Duell auf der Quarterback-Position angekündigt. Sollte Rattler die Saison als Starter eröffnen, wäre es dennoch nicht das beste Zeichen für das, was man sich von Shough realistisch erhoffen kann.
Ende April stellte Brian Schottenheimer bereits klar, dass es Veränderungen in der Starting Offensive Line geben könnte. Schottenheimer sprach damals offen darüber, dass sie die besten fünf Spieler aufs Feld bringen wollten, was auch beinhalten könnte, dass Tyler Smith auf Left Tackle rausrückt und dort Vorjahres-Erstrunden-Pick Tyler Guyton ersetzt.
Die Hoffnung ist selbstredend, dass Guyton nach einer wackeligen Rookie-Saison im zweiten Jahr einen Sprung macht und sich als Left Tackle etabliert. Dann könnte der diesjährige Erstrunden-Pick Tyler Booker den durch das Karriereende von Zack Martin vakant gewordenen Right-Guard-Spot besetzen und die Line wäre ansonsten intakt.
Bei dieser Frage geht es weniger darum, dass eine spannende Left-Tackle-Alternative Guyton den Startplatz streitig machen kann. Es geht eher darum, ob Guyton sich den Startplatz auch im zweiten Jahr verdient - und wie die beste Version der Line alternativ aussehen würde, sollte Tyler Smith Left Tackle spielen und Guyton in die zweite Reihe rücken.
Offen ist auch noch, wer der primäre Runner in einer mutmaßlich lauflastigen Offense hinter dieser Line sein soll. Die Cowboys haben mit Javonte Williams und Miles Sanders zwar zwei bekannte Namen in der Offseason verpflichtet, beide waren letztes Jahr aber klar schlechter als Rico Dowdle, den Dallas im Gegenzug gehen ließ.
Sowohl Williams als auch Sanders werden auf ihre Snaps kommen, echte Difference Maker sind beide an diesem Punkt ihrer Karriere nicht mehr. Das macht Fünftrunden-Rookie Jaydon Blue umso interessanter: Blue hat nicht das physische Profil, um als primärer Runner zu agieren. Aber sein Speed ist spektakulär, und bei Texas wurde er auch intensiv als Receiver eingesetzt.
Nachdem die Playmaker bei den Chiefs letztes Jahr ein hartnäckiges Problem waren, bietet sich jetzt, wo alle fit sind, ein ganz anderes Bild und vielmehr die Frage: Wie sieht zum Start der Saison das bevorzugte Receiver-Trio in Kansas City aus?
Rashee Rice sollte nach seiner auskurierten Verletzung (Kreuzbandriss Ende September) als Possession-Receiver gesetzt sein. Xavier Worthy hat sich letztes Jahr im Laufe der Saison zunehmend als wertvoller Role Player etabliert. Mit der Rückkehr von Rice wird auch Worthys Rolle wieder klarer definiert sein. Dann sollte er wieder vermehrt der vertikale Speedster sein können.

Marquise Brown hat fast die gesamte Saison verletzt verpasst und kam erst in Woche 16 zurück, sein Speed und seine Präsenz auch auf dem zweiten und dritten Level der Defense könnte ein Element sein, das für Kansas City viele Räume Underneath öffnet.
Mit Tyquan Thornton und Rookie Elijhah Badger, den ich besonders als vertikalen Slot mochte, gibt es weitere Speed-Elemente, JuJu Smith-Schuster wäre die Possession-Alternative.
Aber Kansas City hat zusätzlich zu seinem jetzt wieder kompletten Receiving Corps auch in Runde 4 des Drafts nachgelegt: Jalen Royals bringt einige der Possession- und Yards-after-Catch-Elemente, die das Spiel von Rashee Rice ausmachen, ebenfalls mit, könnte aber als Route Runner noch mehr Bereiche des Feldes attackieren. Er ist die vielleicht größte Wildcard in dieser Gruppe, in der es zusätzlich darum geht, sich dafür zu wappnen, dass Travis Kelce nach seiner unproduktivsten Regular Season seit seinen ersten NFL-Jahren mit bald 36 Jahren eher weniger als mehr der Gesamtlast schultern kann.
Inwieweit die Offensive Line der Texans in der kommenden Saison besser sein wird, bleibt abzuwarten. Letztes Jahr war sie die permanente Schlagseite, die das gesamte Schiff der Texans-Offense versenkte - und Houston wählte einen unorthodoxen Ansatz, um dieses Problem zu reparieren.
Die Texans sortierten mehrere Starter und Übergangs-Starter aus, darunter Laremy Tunsil, Shaq Mason und Kenyon Green. Im Gegenzug holten sie eine ganze Bandbreite an potenziellen Startern: Cam Robinson und Laken Tomlinson als Free Agents, Ed Ingram via Trade aus Minnesota, Trent Brown als Free Agent und dazu Aireontae Ersery in der zweiten Runde des Drafts.
Die Idee dahinter scheint klar: Kein Platz ist wirklich in Stein gemeißelt. In den kommenden Wochen soll sich die beste Startformation herauskristallisieren, was Houstons Offensive Line im Gesamtbild zu einem Training-Camp-Duell macht.
Meine Vermutung vor dem Start der heißen Phase der Saisonvorbereitung sieht so aus: Cam Robinson startet auf Left Tackle, sobald aber Ersery bereit ist, hier zu übernehmen, gibt es den Tausch. Robinson ist spätestens nach der Saison weg. Tytus Howard startet auf Left Guard, würde aber den Right-Tackle-Spot übernehmen, wenn Blake Fisher weiterhin nicht bereit ist. In dem Szenario rückt Laken Tomlinson auf Left Guard nach. Jarrett Patterson bleibt der Starting-Center, Juice Scruggs und Ed Ingram machen den Right-Guard-Posten unter sich aus.
Im besten Fall haben die Texans, die auch ihren Line-Coach nach der enttäuschenden vergangenen Saison ausgetauscht haben, Anfang September eine solide Startformation mit zwei bis drei vernünftigen Swing-Linemen dahinter. Das würde die Offense im Vergleich zu 2024 signifikant stabilisieren.
Es gibt dabei aber auch ein mögliches Szenario, in dem Houston individuell auf allen Spots schlechter oder unverändert in die Saison geht. Das zu verhindern und im Kollektiv besser zu sein als die reine Summe der individuellen Parts, ist eine der zentralen Aufgaben der kommenden Wochen.
Adrian Franke