20.07.2025
Fellowship in Tampa Bay
Als erste deutsche Frau begleitet Football-Coach Nadine Nurasyid in diesem Sommer die Preseason der Tampa Bay Buccaneers. Kurz vor ihrer Abreise in die USA spricht die 39-Jährige mit dem kicker über ihre Zusage für das Bill Walsh Diversity Coaching Fellowship, Sichtbarkeit von Frauen im Sport - und ihrem großen Traum.

kicker: Frau Nurasyid, wie können wir uns den Bewerbungsprozess für so ein NFL-Coaching-Fellowship vorstellen?
Nadine Nurasyid (39): Angefangen hat alles mit der Bewerbung für die "National Coaching Academy" im Herbst 2024. Die 32 NFL-Teams können sich dann die passenden Kandidaten und Kandidatinnen aus Tausenden aussuchen. Neben Lebenslauf, Bewerbungsschreiben, Empfehlungsschreiben musste ich später noch durch einen Interviewprozess und tatsächlich per Video verschiedene Plays analysieren.
Wie haben Sie erfahren, dass Sie das Fellowship bekommen haben?
Nach der Zusage für die Academy war ich im Mai bereits in Tampa Bay. Während wir vor Ort waren, wussten wir bereits, dass fünf von 25 Teilnehmenden für das Bill Walsh Diversity Coaching Fellowship ausgesucht werden. Alle Nicht-Amerikaner waren sich aber sicher, dass sie nicht ausgewählt werden, da wir ein Arbeitsvisum brauchen würden. Als ich zurück in Deutschland war, kam dann überraschend die Zusage von den Bucs. Meine Freude hielt sich aber zunächst in Grenzen. Es hat mich zwar wahnsinnig geehrt, aber ich war mir unsicher, ob es wirklich klappen würde. Die Buccaneers haben mir aber gleich zugesichert, dass sie das Visum sponsern. Tatsächlich haben sie sich um alles gekümmert.
Was beinhaltet ein solches Fellowship?
Ich bekomme Kost und Logie vor Ort. Und auch die Reisen sind mit inkludiert für diese fünf Wochen - für mich ein absoluter Sechser im Lotto.
Was erhoffen Sie sich persönlich von der Zeit in Tampa Bay? Worauf legen Sie besonders den Fokus?
Meine Aufgaben kenne ich noch nicht. Ich weiß aber von früheren NFL-Fellows, dass manche mehr zugeschaut haben, andere mehr involviert wurden. Das hängt davon ab, welchem Coach man zugeordnet ist. Ich weiß bislang nur, dass ich in der Defense tätig sein werde. Ich erwarte ohne Ende Lernmöglichkeiten, natürlich viel Football, und auch diese Coach-Player-Beziehung besser kennenzulernen. Ich will vor allem die NFL erleben und spüren. Als Trainerin, aber auch Kommentatorin berichte ich tagtäglich über die NFL, die sehr weit von uns entfernt ist. Auf ein Auswärtsspiel mitfahren zu dürfen und mit dem Team zu reisen, sind absolute Highlights - ich versuche einfach, so viel wie möglich mitzunehmen.
Sie werden unter anderem bei Preseason-Spielen der Bucs dabei sein: Worauf freuen Sie sich am meisten? Gibt es Spieler aus der Defense, die Sie unbedingt in Aktion sehen möchten?
Wir waren jetzt zum Rookie-Camp schon drüben, das heißt, die Veteranen haben wir verpasst. Deshalb bin ich gespannt, den ein oder anderen Spieler live zu sehen, ob das ein Mike Evans, Neuzugang Haason Reddick oder Vita Vea ist. Besonders interessant ist für mich der Vergleich zwischen den Rookies und den Veteranen mit Millionenvertrag. Grundsätzlich geht es mir aber um den ganzen Tagesablauf, die Dynamiken innerhalb des Coaching-Staffs in Verbindung mit den Spielern. Wie bekommt man eine Profi-Mannschaft in fünf Wochen ready für die neue Saison? Bei sowas darf man nicht alle Tage dabei sein und ich hoffe, ich kann alles irgendwie konservieren und gut einschließen, damit ich das nie wieder vergesse.

Sie haben bei den Straubing Spiders sowie den Munich Cowboys gecoacht und sind inzwischen Defensive Assistant bei Stuttgart Surge. Was kann der europäische Football noch von der NFL lernen?
Für mich ist das kaum vergleichbar. Es ist zwar der gleiche Sport, aber das Umfeld könnte nicht unterschiedlicher sein. Das geht los bei den kulturellen Unterschieden und dem Stellenwert des Sports in der deutschen Gesellschaft verglichen mit den USA. Auch das Vereinssystem ist ganz anders als deren College-System aufgebaut. Für mich ist es wichtig, aus den USA zu lernen und sich anzunähern, da passiert aber bereits einiges. Der europäische Football hat inzwischen eine viel engere Beziehung zur NFL und hierzulande wächst der Football-IQ merklich. Die Jüngeren, die nachkommen, haben jetzt die Chance, schneller zu lernen als die Generationen an Coaches vor uns und das macht den Sport hier grundsätzlich besser.
Wo sehen Sie aus der weiblichen Sichtweise noch Nachholbedarf für Frauen im Coaching?
So ein Fellowship hilft immens, Hürden für Frauen abzubauen. Das ist keine Frage. Es erhöht die Sichtbarkeit, sodass junge Mädchen und junge Spielerinnen von so einem potenziellen Berufsweg nicht nur träumen müssen, sondern dass es eben auch Realität werden kann. Die NFL hat in den letzten Jahren viel für Frauen im Sport getan, aber es ist eben beim aktuellen Status Quo auch nicht schwierig, Zahlen um mehr als 100 Prozent nach oben zu schrauben, wenn es beispielsweise zuvor nur eine Frau gab. Ich würde mir wünschen, dass sich auch der Frauen-Tackle-Football weiterentwickelt, weil hier viele von uns herkommen. Für mich bedeutet das aber keineswegs, dass man einen Sport auf dem gleichen Level gespielt haben muss, um ein guter Coach zu werden. Und das meine ich natürlich auch in Hinblick auf das Geschlecht. Es gibt schließlich genügend Männer, die hervorragende Coaches sind, aber selbst nie hochklassig gespielt haben.
Interview: Tiziana Höll