29.07.2025
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die Training Camps sind in vollem Gange und bald werden aus internen Training-Camp-Duellen öffentliche Preseason-Storylines: In der Nacht auf Freitag startet die Preseason mit dem Hall of Fame Game. Für den kicker fasst Adrian Franke die zehn Preseason-Themen zusammen, auf die ihr ab dieser Woche achten solltet.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ein an Nummer-1-Overall gepickter Quarterback zuletzt so wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Die Titans mögen dieser Tage nicht viel Strahlkraft haben, und über Shedeur Sanders konnte man an den drei Draft-Tagen reichweitenstärker diskutieren. Trotzdem ist das erstaunlich wenig Interesse bis dato.
Und das, obwohl die Titans smarte Moves getätigt haben, um Ward vernünftige Umstände zu liefern. Doch auch die Verpflichtungen von Dan Moore und Kevin Zeitler liefen eher unter dem Radar, genau wie Neuzugang Tyler Lockett. Dabei sind gerade die Line-Verstärkungen nicht zu unterschätzen. Moore mag ein mittelmäßiger Left Tackle sein, doch nachdem die Titans die vielleicht übelste Right-Tackle-Situation ligaweit hatten, erlaubt es diese Verpflichtung Tennessee, J.C. Latham auf seine angestammte rechte Seite zu packen.
Ward war als Prospect nicht auf dem Level der Top-Quarterback-Talente des Vorjahres-Drafts. Aber er war ein gutes Prospect, und er könnte in Tennessee eine bessere Situation vorfinden, als man es von einem Drei-Siege-Team erwarten würde. Es ist davon auszugehen, dass die Titans Ward die Möglichkeit geben werden, in der Preseason zumindest die Füße nass zu machen. Vielleicht wird das dabei helfen, dem Top-Quarterback des Drafts etwas mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Es ist eine der faszinierenderen individuellen Storylines der kommenden Saison. Hunter, der in seiner letzten College-Saison jeweils über 700 Snaps in der Offense und in der Defense auf dem Platz stand und im Schnitt knapp 120 Snaps pro Spiel spielte, könnte der erste moderne 2-Way-Player in der NFL werden.
In den ersten Trainingseinheiten zumindest deuteten die Jaguars an, dass Hunter wirklich als ein solcher 2-Way-Player, also mit legitimen Snap-Zahlen auf beiden Seiten des Balls, eingesetzt werden könnte. ESPN ging so weit, seine Snaps in den Scrimmages über die ersten vier Tage des Training Camps zu tracken: 36 in der Offense, 47 in der Defense.
Jacksonville investierte viel in den Trade nach oben, um sich Hunter mit dem Nummer-2-Pick sichern zu können. Bisher ging der Tenor klar in die Richtung, dass man Hunter in erster Linie als Offense-Spieler sieht, wo er mit Brian Thomas ein hochspannendes Receiver-Duo bilden könnte. Aber vieles deutet darauf hin, dass er eine legitime Rolle auch auf der defensiven Seite des Balls spielen wird - wo die Jaguars auf Cornerback ebenfalls dringend Hilfe gebrauchen können.
Dieses Thema wird sich durch die ganze Saison ziehen, und es wird hier sicher auch Fluktuationen geben. Es wird Spiele geben, in denen Hunter aus Game-Plan-Sicht primär auf einer Seite des Balls eingesetzt werden wird. Vielleicht werden die Jaguars nach sechs Wochen zu dem Schluss kommen, dass die Belastung doch zu hoch ist und Hunter einen klaren Fokus geben. Vielleicht kann er tatsächlich jede Woche 100 Snaps spielen.
Antworten auf diese Fragen werden wir erst später bekommen. In der Preseason aber wird es den ersten Eindruck geben. Insbesondere mit Blick darauf, was die Jaguars planen.

Ich hatte in den Training-Camp-Fragen schon über die Quarterback-Situation in Cleveland geschrieben, und die Browns müssen hier eine ungewöhnliche Herausforderung meistern: Cleveland hat keinen Zwei- oder Dreikampf, sondern die Browns haben vier Quarterbacks, die alle früher oder später in der kommenden Saison starten könnten. Und keiner ist so gut, dass er als der unumstrittene Starter in die Saison geht.
Das bringt nicht zuletzt die Herausforderung der Reps im Training mit sich. Wer wirft wann und wie viel zu den Starting-Receivern? Kann so überhaupt einer der Quarterbacks Timing und Rhythmus mit seinen Playmakern entwickeln?
Kenny Pickett fällt aktuell mit einer Oberschenkelverletzung aus, doch mit Blick auf die vielen und auffallend unterschiedlichen Optionen auf der Quarterback-Position könnten die Preseason-Spiele für Cleveland umso wertvoller sein. Auch um eine noch bessere Evaluation unter Wettkampfbedingungen zu bekommen. Eine echte Erweiterung des Training Camps, gewissermaßen.
Ist es Dillon Gabriels Konstanz, die im Camp schon auffällt und die letztlich den Unterschied macht? Kenny Picketts Mobilität? Shedeur Sanders’ Playmaking-Qualitäten aus der Pocket? Oder ganz schlicht Joe Flaccos Erfahrung?
Es ist selten der Fall, dass sich Quarterback-Duelle wirklich in der Preseason entscheiden. Das hier könnte eine der Ausnahmen werden.
Es ist selten, dass Preseason-Stars auch tatsächlich in der Regular Season einen großen Impact haben. Meist gibt es eben doch gute Gründe dafür, dass Spieler genug in der Preseason spielen, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und es gibt gute Gründe dafür, dass sie spezifisch in der Preseason gute Stats auflegen.
Wenn man versucht, die Spieler zu finden, die in der Preseason überzeugt haben und das in eine Rolle in der Regular Season ummünzen könnten, muss man gewillt sein, mit kleineren Sample Sizes zu arbeiten und das dann auf die Situation des jeweiligen Teams übertragen.
Rashee Rice etwa hatte vor zwei Jahren die drittmeisten Catches unter Wide Receivern in der Preseason, er kletterte in der Regular Season schnell vor Skyy Moore, Kadarius Toney und Marquez Valdes-Scantling in der Chiefs-internen Hackordnung. Bills-Rookie-Back Ray Davis hinterließ letztes Jahr im Preseason-Spiel gegen Pittsburgh einen Vorgeschmack darauf, was er in der Offense leisten kann.
Könnte Jaylin Noel dieses Jahr so ein Spieler sein? Der Receiver, den die Texans in der dritten Runde drafteten, ist vorerst in der zweiten Reihe, vermutlich hinter Christian Kirk. Kann er den Veteran direkt herausfordern?

Was ist mit Luther Burden in Chicago, der D.J. Moore in 2-Receiver-Sets Snaps streitig machen könnte? Oder Elic Ayomanor, der in Tennessee nach der Verletzung von Treylon Burks umso wichtiger werden könnte?
Oder gibt es eine Wiederholung der Rice-Situation in Kansas City mit Viertrunden-Rookie-Receiver Jalen Royals? Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Rashee Rice eine mehrwöchige Sperre droht? Kann Arian Smith als ultimative Boom-or-Bust-Waffe bei den Jets für erste Highlights sorgen?
Bei den Running Backs lohnt sich hier noch mehr der Blick in die späteren Runden - sofern es die Situation im Team hergibt. Woody Marks in Houston ist ein spannender Back mit Receiving-Qualitäten, der angesichts der Verletzung von Joe Mixon eine umso größere Bühne bekommen wird. Mixon wird mit einer Knöchelverletzung weite Teile der Preseason verpassen und auch der Saisonstart ist in Gefahr.
Viertrunden-Pick Dylan Sampson ist bei den Browns bereits in einer größeren Rolle als gedacht, weil der zwei Runden früher gepickte Quinshon Judkins abseits des Platzes für unschöne Schlagzeilen gesorgt hat. Auch immer lukrativ ist das Backfield der 49ers: Fünftrunden-Pick Jordan James dürfte seine Snaps bekommen und kann sich für eine größere Rolle hinter Christian McCaffrey empfehlen.
Hoch gepickte Rookie-Quarterbacks sind immer eine der interessantesten Preseason-Storylines. Es ist der erste Blick auf "neue" Spieler, die die Geschicke einer Franchise verändern können.
Für Preseason-Erkenntnisse ist es dabei fast noch besser, wenn dieser Rookie nicht als sofortiger Starter eingeplant ist. Denn während bei den Giants Russell Wilson vermutlich wenig Live-Action in der Preseason bekommen wird, dürfte Jaxson Dart viel zum Einsatz kommen.
Dart kommt aus einer College-Offense, die viel mit Run Pass Options arbeitete und dem Quarterback vergleichsweise simple Reads auch für Downfield Shots präsentierte. Das macht seine ersten NFL-Eindrücke selbst in der Preseason interessant, denn es wird einen ersten Hinweis darauf geben, inwieweit Brian Daboll die Offense womöglich auf ihn zuschneidet.
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Die Giants eröffnen die Regular Season gegen Washington, Dallas, die Chiefs, Chargers, Saints, Eagles, Broncos, nochmals die Eagles und die 49ers. Es ist eine brutale erste Saisonhälfte, und mit einem angezählten Head Coach dürfte der erste Quarterback-Wechsel nicht allzu lange auf sich warten lassen, was den ersten Eindruck von Dart umso interessanter macht.
Einen leichten Favoritenstatus zum Start der Saisonvorbereitung konnte man Tyler Shough im Quarterback-Rennen in New Orleans zusprechen. Immerhin war er der Pick des neuen Trainerstabs um Kellen Moore, und er war im Zuge dessen ein Zweitrunden-Pick - im Gegensatz zu Spencer Rattler, den die Saints ein Jahr zuvor in der fünften Runde gepickt hatten.
Gleichzeitig ist Shough selbst unter der Prämisse, dass er ein Tag-2-Rookie-Quarterback ist, eine relativ große Unbekannte. Shough hatte eine ausgesprochen lange College-Karriere, die jedoch stark von Verletzungen geprägt war. Mit 25 Jahren hatte er schließlich seine produktivste College-Saison, aber wie viel kann man daraus mitnehmen? Den Arm für die NFL hat Shough, aber ist er auch davon abgesehen direkt bereit?
In den ersten Camp-Tagen konnte man hier eine klare Rotation erkennen - inklusive Jake Haener, der ebenfalls First-Team-Reps erhält. Wenn man einen ersten Etappensieger küren müsste, dann scheint Rattler leicht die Nase vorne zu haben. Doch ist das ohne Zweifel ein Quarterback-Duell, das sich bis in die Preseason hinein erstrecken wird.
Der größte Steal des diesjährigen Drafts zumindest für die kommende Saison könnte ein Erstrunden-Pick sein: Wenn sich Josh Simmons als der Franchise Left Tackle herausstellt, den man auf seinem College Tape sehen konnte, wäre das ein echter Gamechanger für die Chiefs-Offense.
Kansas City ist seit Jahren auf der Suche nach Stabilität auf der linken Seite und nachdem Patrick Mahomes letztes Jahr 36 Mal gesacked wurde - persönlicher Karriere-Höchstwert - und die Chiefs dabei vier verschiedene Left Tackles ausprobiert haben, könnte Simmons diese Baustelle schließen.
Der talentierte Tackle war nur deshalb Ende der ersten Runde noch zu haben, weil er von einem Patellasehnenriss zurückkommt. Doch es gab bereits vor dem Draft klare Hinweise darauf, dass er sehr vielversprechende Fortschritte macht, und Simmons bestätigte das, als er während der ersten Offseason-Trainingseinheiten teilnahm.
Im Training Camp knüpfte er in der ersten Woche daran an, was sogar zum Ende der Woche dazu führte, dass Jawaan Taylor und Neuzugang Jaylon Moore sich Snaps auf der rechten Seite teilten - mit Simmons als fixem Starter auf der linken Seite.
Alles deutet darauf hin, dass Simmons bereit sein wird, und es ist kein Geheimnis, dass Andy Reid seinen Startern bereitwillig überdurchschnittlich viele Snaps in der Preseason gibt. Wir werden also schon bald einen sehr konkreten Eindruck von der neuen Offensive Line und dem Rookie Left Tackle bekommen.
Ich gehe nicht davon aus, dass wir viel von J.J. McCarthy in der Preseason sehen werden. Aber ich vermute, dass Kevin O'Connell seinem neuen Starting-Quarterback zumindest ein paar Drives geben wird, um möglichen Rost nach der Verletzung abzuschütteln, und um nicht komplett aus der kalten Hose in den Saisonauftakt zu gehen.
Dabei werden wir vermutlich sportlich nicht viel lernen. Aber wir werden sehen, wo McCarthy physisch ziemlich genau ein Jahr nach seinem in der vergangenen Preseason erlittenen Meniskusriss steht. McCarthy unterzog sich im Zuge der Verletzung zwei Operationen, Minnesotas Vorjahres-Erstrunden-Pick selbst gab bereits Ende März zu Protokoll, dass er sich bei 100 Prozent fühlt.
Anthony Richardson wurde rechtzeitig fit, um das Camp nicht auf der PUP-Liste zu beginnen - und das hat sich schon bezahlt gemacht: Richardson hatte übereinstimmenden Berichten zufolge einen insgesamt guten Start in die heiße Phase der Saisonvorbereitung.
Der war dringend notwendig, denn die Colts haben Daniel Jones geholt, um Richardson einen ernsthaften Konkurrenten zu geben. Jones ist der verlässlichere Quarterback Down für Down, eine Qualität, die den Colts zuletzt merklich gefehlt hat und die Head Coach Shane Steichen bereits ausdrücklich als notwendigen Aspekt für seinen Starting-Quarterback herausstellte.
Der Rahmen scheint hier sehr klar zu sein: Richardson muss den Coaches zeigen, dass er nicht nur das hohe Potenzial hat, sondern dass er auch ganz konkret hier und jetzt Spiele gewinnen kann. Denn Ergebnisse sind dieses Jahr vermutlich Pflicht, damit die Verantwortlichen ihre Jobs behalten.
Ich halte es für eine realistische Prognose, dass wir im Laufe der Saison beide Quarterbacks sehen werden. Aber für wen sich die Coaches zum Start der Saison entscheiden, wird uns vor allem viel darüber verraten, wie sie Richardson einschätzen. Und ich gehe davon aus, dass sie ihn vor dieser Entscheidung in der Preseason intensiver testen werden.
Zugegeben, das ist bewusst provokativ formuliert, denn es dürfte kaum ein Szenario geben, in dem die Seahawks überhaupt daran denken, Sam Darnold zeitnah zum Backup zu degradieren. Er sollte gut in die Offense passen, die Klint Kubiak jetzt installiert, und Rookie-Backup Jalen Milroe ist ein ausgesprochen rohes Prospect.
Aber die Preseason ist ideal für Spieler, die eine so extreme Athletik mitbringen, wie Milroe. Wenig spezifische Game Plans, wenige Starter auf der anderen Seite - das ist die Zeit, in der Milroe glänzen können sollte. Und die Upside mit ihm ist enorm, das steht außer Frage.
Milroe könnte mit ein paar spektakulären Runs und der einen oder anderen tiefen Bombe zumindest einen ausreichend starken Eindruck hinterlassen, dass die Rufe nach ihm im Laufe der Saison eher früher als später kommen könnten, sollte Darnold nicht gut spielen. Ausreichend Gelegenheiten wird Milroe in der Preseason bekommen.
Zusätzlicher Faktor: Selbst davon ausgehend, dass Milroe erst einmal nicht startet: Die Seahawks dürften auch mit Darnold als Starter Packages für den athletischen Rookie haben. Auch darauf könnte die Preseason erste Hinweise liefern.
Adrian Franke