15.07.2025
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die Pittsburgh Steelers haben in dieser Offseason die Zeichen auf Angriff gestellt. Spätestens mit der Verpflichtung von Aaron Rodgers ist klar: 2025 müssen Ergebnisse her. Dabei geht es auch um die eigene Legacy, doch inwieweit hängt die Betrachtung der Karriere von Rodgers und Head Coach Mike Tomlin wirklich an dieser einen Saison?

Ryan Clark kennt die Steelers. Und er kennt Mike Tomlin. Acht Jahre lang spielte er in Pittsburgh, sieben davon unter Tomlin. Er war Teil des Super-Bowl-Siegerteams 2008 und verlor zwei Jahre später mit Pittsburgh gegen Aaron Rodgers und die Packers im Super Bowl.
Clark arbeitet mittlerweile als TV-Experte. Und er hatte eine deutliche Meinung zur Verpflichtung der Steelers von Aaron Rodgers: "Nach der kommenden Saison werden wir eine Art Referendum haben über das, was Aaron Rodgers' Karriere ist - und was Mike Tomlins Karriere ist."
Er führte weiter aus: "Beide haben so einen unheimlich hohen Floor was Talent, Fähigkeiten und das Potenzial, der Beste aller Zeiten in ihrer jeweiligen Rolle zu werden, angeht. Und beide sind bisher hinter den Erwartungen zurückgeblieben."
Das muss man natürlich einordnen. Harsche Hot Takes, die sich für Social-Media-Clips eignen, können viral gehen und Klicks und Kommentare kreieren. Ein längst omnipräsentes und hochpriorisiertes Ziel in dieser Branche, das zu viel heißer Luft geführt hat. Starke Meinungen sind eine Kernkompetenz.
Vor diesem Hintergrund muss man auch Clarks Einschätzung betrachten. Aaron Rodgers ist ein vierfacher MVP, zehnfacher Pro-Bowler und hat einen Super Bowl gewonnen. Mike Tomlin geht in seine neunzehnte Saison als Head Coach der Steelers, hat in dieser Rolle ebenfalls einen Super Bowl gewonnen und hatte noch nie eine Saison mit negativer Bilanz. Zu sagen, dass Rodgers und Tomlin "hinter den Erwartungen zurückgeblieben" sind, lässt sich vor dem Hintergrund dieser hochdekorierter Karrieren nur bedingt festhalten.
Die Kunst aber mit derartigen Hot Takes ist es, genug Körnchen Wahrheit rein zu packen, dass die Leute auch darauf anspringen. Und mit seiner Analyse zu den Protagonisten in Pittsburgh trifft Clark diesen Nerv, denn: So erfolgreich Rodgers und Tomlin auch bislang waren - die vergangenen Jahre haben in beiden Fällen den Blick auf die Karriere etwas verwässert.
Während Rodgers nach dem unrühmlichen Ende der McCarthy-Ära unter LaFleur zwar nochmal aufblühte, jedoch nicht an frühere Playoff-Erfolge anknüpfen konnte und dann ein letztlich desolates Jets-Kapitel dahinter setzte, ist die Situation bei Tomlin etwas komplexer.
Denn man kann nur schwerlich behaupten, dass Tomlin nicht nahezu das sportliche Maximum aus seinen Teams herausgeholt hätte. Die letzten Jahre der Ben-Roethlisberger-Ära, gefolgt von Kenny Pickett und schließlich Russell Wilson, gaben Pittsburgh ein massives Handicap auf der wichtigsten Position. Allein, dass Tomlin in der Pickett-Zeit neun sowie zehn Spiele gewann und dass die Steelers letztes Jahr zehn Spiele gewinnen konnten, all das unterstreicht Tomlins Qualität.

Der letzte Playoff-Sieg datiert jedoch aus dem Januar 2017, und schon ist man in den Nuancen einer Diskussion angekommen, die rund um die Steelers auch in Fan-Kreisen vermehrt geführt wird. Die Leitfrage dabei: Wie viel sind die stets kompetitiven Regular Seasons wert, wenn man dann in den Playoffs Jahr für Jahr sang- und klanglos verliert?
Viermal war Pittsburgh in den letzten fünf Jahren in den Playoffs. Man verabschiedete sich stets direkt in der ersten Runde, mit einem kombinierten Score von 89:149. Keines dieser vier Spiele war am Ende ein One-Score-Game, die knappste Niederlage war das 37:48 gegen Cleveland in den Playoffs der 2020er Saison. Gegen die Ravens (2024), Bills (2023) und Chiefs (2021) zuletzt war man jeweils ganz eindeutig chancenlos.
Das verfehlt nicht nur den Anspruch des Franchises, es steht auch stellvertretend für einen gewissen Stillstand in Pittsburgh. "Gut, aber nicht gut genug". Auch Stillstand auf diesem immer noch hohen Level wird irgendwann negativ wahrgenommen.
Und, um noch mehr Nuancen rein zu bringen: So bemerkenswert es auch ist, dass Tomlin mit diesen Quarterback-Situationen seine Serie mit positiven Records aufrechterhalten konnte - wer ist denn verantwortlich für diese Quarterback-Entscheidungen?
Tomlin hatte natürlich seine Stimme in der Entscheidung, Kenny Pickett zu draften. Die Idee, mit Justin Fields und Russell Wilson in die Saison zu gehen, mag nicht initial Tomlins Einfall gewesen sein. Vielleicht war er das sogar. Man kann in jedem Fall davon ausgehen, dass er zumindest sein grünes Licht gegeben hat. Und vermutlich mehr als das.
Um zu Clarks Aussage zurück zu kommen: Wir können uns alle darauf einigen, dass ein "Karriere-Referendum" über die Realität hinausschießt. Doch zu sagen, dass die kommende Saison die Wahrnehmung sowohl von Rodgers als auch von Tomlin nochmals prägen könnte, ist nicht zu hoch gegriffen. Insbesondere im positiven Sinne, sollte Pittsburgh einen Playoff-Run hinlegen.
Und man merkt den Steelers auch als Franchise an, dass ein anderer Druck auf dem Kessel zu sein scheint.
Über viele Jahre waren die Steelers ein Franchise, das in der Free Agency wenig macht. Einzelne kleine Moves, selten große Verpflichtungen und keine Blockbuster. Das galt auch für Neuverpflichtungen, das galt auch für Trades.
Die Verpflichtung von Patrick Queen in der letztjährigen Free Agency - ein für Free-Agency-Verhältnisse relativ moderater Vertrag über drei Jahre und 41 Millionen Dollar - war die größte Free-Agency-Verpflichtung der Franchise-Geschichte. Zur Einordnung: Allein in der Free Agency dieses Jahr haben Teams ligaweit 26 Verträge mit einem höheren Gesamtvolumen rausgegeben.
Der Trade für D.K. Metcalf inklusive dem neuen Vertrag für den Receiver dann in diesem Frühjahr markierte in dieser Hinsicht für die Steelers ebenfalls eine Zäsur. Und dass die Steelers das Franchise sein würde, das Anfang Juli mit einem spektakulären Spieler-für-Spieler-Trade das Sommerloch stopfen würden, hätte sich noch vor drei, vier Jahren kaum jemand in Pittsburgh vorstellen können.
Doch es passt zum Gesamtbild. Die Verpflichtung von Rodgers, der Trade für Metcalf, der Ramsey-Trade, die Verpflichtung von Darius Slay - das ist ein Team, das ein sehr klar definiertes Fenster hat: 2025.

Dazu kommt, dass Altstar Cam Heyward mittlerweile 36 Jahre alt ist und seine Karriere zeitnah beenden dürfte. T.J. Watt wird 31 im Oktober und wartet noch auf einen neuen Vertrag. Tomlin hat noch bis einschließlich 2027 Vertrag, und während sein Stuhl nicht wackelt, ist die Erwartungshaltung schon klar: Rodgers wurde geholt, um es nicht nur in die Postseason zu schaffen, sondern um dort auch kompetitiv zu sein.
Aber wie realistisch ist das? Rodgers ist an diesem Punkt seiner Karriere deutlich mehr von einer guten Offensive Line abhängig. Bei den Jets navigierte er dieses Problem mit einem extremen Quick Game, nur Joe Burrow warf mehr Pässe in unter 2,5 Sekunden in der vergangenen Regular Season. Aber auch nur C.J. Stroud hatte eine noch höhere Pressure-to-Sack-Rate als Rodgers bei Plays unter 2,5 Sekunden: Jeder fünfte Rodgers-Dropback mit Druck in unter 2,5 Sekunden endete mit einem Sack.
Die Steelers setzen hier auf ihre Jugend und die hohen Picks der letzten Drafts. Troy Fautanu, der letztes Jahr nur ein Spiel absolvieren konnte, rückt als Starter auf die rechte Seite. Das erlaubt es Broderick Jones, nach links zu wechseln, wo er Dan Moore ersetzt. Die Interior Line bleibt mit Seumalo, Frazier und McCormick intakt. Damit besteht die Line aus drei Startern aus dem 2024er Draft und einem aus dem 2023er Draft. Es ist eine junge Gruppe mit Potenzial, insbesondere Frazier hatte eine sehr gute Rookie-Saison. Doch Jones hat diesen Sprung bisher nicht geschafft, Fautanu hat bislang kaum gespielt und die Steelers brauchen jetzt Resultate.
Das gilt umso mehr, da Rodgers nicht den für ihn so essenziellen Luxus einer vertrauten Receiver-Gruppe hat, den er selbst zuletzt immer noch hatte. Neben dem starken Garrett Wilson konnte er sich letztes Jahr noch auf Davante Adams sowie einen weiteren Ex-Packers-Teamkollegen in Allen Lazard stützen. Jetzt muss er schnell mit D.K. Metcalf auf eine Wellenlänge kommen - und hat kaum verlässliche Optionen dahinter. Die Tight Ends Pat Freiermuth und Jonnu Smith könnten sehr gut die Nummer-2- und Nummer-3-Targets darstellen.
Zumindest passt das auch in die Offense von Arthur Smith, der gerne mit zwei und drei Tight Ends agiert, und daraus auch sein Run Game mit dem Passing Game verknüpft. Das Run Game ist dabei der Fokus; lediglich die Packers, Eagles und Titans waren letztes Jahr bei Early Down noch Run-lastiger. Die Steelers haben Kaleb Johnson gedraftet, ein idealer Scheme-Fit für Arthur Smith, um das Run Game weiter in den Mittelpunkt zu rücken.

Das jedoch wirft eine noch viel größere Frage auf: Smiths Offense baut darauf auf, dass aus Formationen, Play-Designs und Play-Calls das Sequencing entsteht, das die Defense auf die falsche Fährte lockt. Plays bauen strukturell aufeinander auf und sollen im Laufe des Spiels ein Gesamtbild kreieren. Das ist keine Offense, in der Rodgers regelmäßig an der Line of Scrimmage alles über den Haufen werfen kann. Ein Konflikt, der schon Rodgers' Zeit mit Matt LaFleur in Green Bay prägte. Rodgers will die Fäden vor dem Snap in der Hand haben, wie passt das zusammen?
Und Rodgers selbst? Er ist nicht mehr der Playmaker vergangener Tage, er spielt nicht mehr mit der gleichen Kreativität. Der Arm ist nach wie vor da, das konnte man letztes Jahr sehen. Aber wie anpassungsfähig er mit seinen bald 42 Jahren sein wird, wird vermutlich mitentscheidend dafür sein, ob sein Steelers-Abenteuer besser läuft als das in New York.
Wie sehr die Quarterback-Entscheidungen der letzten Jahre Tomlin anzulasten sind, das werden wir vermutlich nie final erfahren. Im Fall von Rodgers zumindest wirkt die Situation sehr klar: Tomlin soll die treibende Kraft gewesen sein. Er soll über Monate mehrere Gespräche mit Rodgers geführt haben, Rodgers im Gegenzug schwärmte nach seiner Unterschrift in Pittsburgh von Tomlin und nannte ihn als primären Grund dafür, dass er sich für die Steelers entschieden hat. Beim jüngsten Tomlin-Sommer-Barbeque für die Steelers-Coaches war Rodgers ebenfalls eingeladen.
Die beiden haben über die Jahre immer wieder den gegenseitigen Respekt auch öffentlich bekundet, und dass Tomlin einen erfahrenen Quarterback dem Rookie vorzieht ist ebenfalls keine neue Erkenntnis. In dieser spezifischen Situation aber wirkt es auch wie ein letzter Versuch. Endet 2025 in einer Enttäuschung, könnte, nach dann zwei verlorenen Saisons mit Veteran-Übergangslösungen auf der Quarterback-Position, ein größerer Umbruch bevorstehen.
Einen neuen Quarterback werden die Steelers 2026 ohnehin suchen. Die kommende Saison wird wohl Rodgers' letzte NFL-Saison sein, das hat er bereits angekündigt. Es wird dann für die Steelers die nächste Weichenstellung folgen, und auch die nächste Strategiefrage. Versucht man es doch nochmals mit einem Rookie? Oder kommt der nächste Veteran, etwa Kirk Cousins? Vielleicht jemand wie Tua Tagovailoa, sollten in Miami alle Dämme brechen?
Vielleicht wagen die Steelers hier etwas mehr Mut. Denn der fehlte zuletzt bei der Auswahl der Quarterbacks in jedem Fall. An Roethlisberger hielt man zu lange fest, Pickett war in einer historisch schlechten Quarterback-Draft-Klasse ein wenig inspirierender Pick in der zweiten Hälfte der ersten Runde. Russell Wilson und Justin Fields waren eine günstige Verbesserung, aber ein Treten auf der Stelle mit Ansage.
Die Gefahr besteht zweifellos, dass Rodgers ebenfalls in diese letzte Kategorie fallen wird. Der Versuch, sich mit kleinen Schritten nach vorne zu bewegen, während man aber eigentlich seine Füße im Mittelmaß zementiert. Sollte das passieren, würde es uns weniger in der von Ryan Clark gestellten Karriere-Legacy-Frage voranbringen, als dass es eine ganz andere Wahrheit untermauern würde: Die Steelers dachten zu lange, dass sie die Quarterback-Position in ihrer ganzen Herangehensweise verwalten können, ohne überhaupt die Ambition auf einen erheblichen Qualitätssprung an den Tag zu legen. Der Quarterback sollte einfach solide sein, damit der Rest des Teams die Spiele gewinnen kann.
Die Defense war über die letzten fünf Jahre stark genug, um das Team zu tragen. In der Hinsicht ist diese Rechnung sogar irgendwo aufgegangen, aber es gibt auch die Kehrseite der gleichen Betrachtungsweise: Mit ihrem relativen Missachten der Offense haben die Steelers die besten Jahre dieser tollen Defense verschwendet.
Und auch hier fühlt sich 2025 wie ein letztes Hurra an. Watt geht dem Ende seiner Prime entgegen, Heyward und Slay dem Ende ihrer jeweiligen Karriere. Mit dem Tausch Ramsey gegen Minkah Fitzpatrick sind die Steelers ebenfalls älter geworden.
Aber Letzteres bietet auch spannendes sportliches Potenzial. Ramsey könnte als Nickel nah an der Formation die Defense ganz anders prägen. Slay und Joey Porter könnten kurzfristig ein gutes Corner-Duo bilden. In der Front fehlten letztes Jahr Alex Highsmith und Nick Herbig wochenlang, jetzt kommt noch Erstrunden-Pick Derrick Harmon neu dazu. Das sollte nach einem kleinen, relativen Durchhänger letztes Jahr wieder eine Top-10-Defense sein.
Die Offense soll gut genug sein, um die Defense ausreichend zu unterstützen. Eine nur zu vertraute Hoffnung, aber vielleicht hat Rodgers ja doch noch genug im Tank, um der Offense insbesondere im Dezember und im Januar den Impuls zu geben, der seit Jahren in Pittsburgh fehlt.
Das würde dann tatsächlich der Perspektive auf seine und auch auf Tomlins Karriere ein relevantes Kapitel hinzufügen.
Adrian Franke