23.08.2025
ELF-Playoffs stehen an
Die Madrid Bravos stehen im zweiten Jahr in Folge in den Playoffs der European League of Football. Dort wollen die Spanier mit einer herausragenden Offensive den nächsten Schritt machen. Auch ein Deutscher soll dabei helfen.

Dass man von den Madrid Bravos offensiv einiges würde erwarten können, war bereits vor der Saison klar: Head Coach Andrew Weidinger war bei den Barcelona Dragons 2022 noch als Head Coach des Jahres ausgezeichnet worden, bevor man sich trotzdem getrennt hatte. Die Dragons sind mittlerweile Geschichte, stattdessen holte Weidinger als Offensive Coordinator bei Rhein Fire in den beiden Folgejahren jeweils den Titel und sein Team verlor in dieser gesamten Zeit überhaupt nur eine Partie. Die Kirsche auf der Torte war dabei das deutliche 51:20 im Finale in Gelsenkirchen 2024, das zeigt, wie sehr seine Offense die Verteidigung der Vienna Vikings terrorisiert hatte.
Auch nach seiner Verpflichtung als neuer Head Coach der Madrid Bravos im vergangenen Sommer wurde der Fokus vor allem auf die Offense gelegt. Mit Quarterback Reid Sinnett und Wide Receiver Aron Cruickshank holte man zwar genauso viele A-Importspieler wie mit den Defensive Backs Cam’Ron Kelly und Michael Witherspoon für die Defense. Bei den europäischen E-Import Spielern vergab man jedoch fünf der sechs verfügbaren Lizenzen für den Angriff.
Der Erfolg gibt General Manager Jaime Martin Lostao und dem Trainerstab bislang recht: Auf den ersten Blick schlossen die Bravos die Hauptrunde 2025 genauso mit einem Record von 8-4 ab wie ein Jahr zuvor und qualifizierten sich auch im zweiten Jahr ihres Bestehens für die Wildcard-Runde der Playoffs. Die überragende Offense lässt diesmal aber mehr als ein schnelles Aus in der ersten Runde erwarten.
Die Säule dafür ist vor allem das Offensiv-Duo Sinnett und Cruickshank, das nach einer überragenden Saison die Rekordbücher der ELF zieren: Quarterback Sinnett brach schon in der vorletzten Woche den alten Rekord des damaligen MVP Jadrian Clark für die meisten Passing Yards in einer Saison aus dem Jahr 2023 - er kam auf 3586 Yards - und pulverisierte die Bestmarke nahezu mit 3953 Yards.
Fast die Hälfte davon landeten nach Catches bei Receiver Aron Cruickshank, der mit 1729 erfangenen Yards deutlich vor Nordic Storms Brendan Beaulieu diese Kategorie für sich entscheiden konnte. Auch bei den Catches und Touchdowns war der Bravos-Star der beste, sodass er sich die begehrte Triple Crown sicherte.
Ergänzt wird das Duo um den deutschen Running Back Justus Seelig, der bereits an der NFL Academy glänzte und eine Saison in der ELF einschob, bevor es dann Richtung College gehen soll. Das Zeug dazu hat er, auch wenn er es nicht in die Top Ten nach Rush Yards geschafft hat. "Nur" Platz 17 mit 513 Rush Yards ist aber nur die halbe Wahrheit: Weitere 554 Yards fügte er nämlich nach Catches hinzu und verletzungsbedingt konnte er eben nur neun Partien absolvieren.
In den beiden letzten Spielen in München und in Frankfurt war Seelig neben Sinnett und Cruickshank einer der großen Leistungsträger, obwohl er sich gegen München am Knöchel verletzte und lange behandelt werden musste.

Trotzdem stand er bei den wichtigen Snaps zum Spielende und die Woche darauf bei der Galaxy wieder auf dem Platz - auch wenn er zwischenzeitlich durchaus angeschlagen schien. So standen am Ende trotzdem 103 Yards kombiniert und ein Touchdown auf der Habenseite.
"Ein guter Knöchel reicht", betonte er augenzwinkernd auf seinem Instagram-Account. Ob es auch in den Playoffs reichen wird, muss sich herausstellen. Anschließend geht es wohl Richtung USA, wo unter anderem ein Stipendium der Army-Uni Westpoint warten würde. Seelig hatte seinen Vertrag in Absprache mit den Verantwortlichen der NCAA so strukturieren lassen, dass er auch am College auflaufen darf. Weitsicht und Durchhaltevermögen, das den 20-jährigen irgendwann auch in die NFL führen soll.
Den Weg dorthin haben Quarterback Reid Sinnett und Wide Receiver Aron Cruickshank schon hinter sich. Sinnett hatte zunächst den Schritt aus seiner Heimat Iowa in den Süden Kaliforniens zu den San Diego Torerors gewagt, einem Division I-AA College. Dort verharrte er vier Jahre auf der Bank, bevor er für seine letzte Spielzeit Vorgänger Anthony Lawrence, der seine College-Karriere als der Quarterback mit den meisten Pass Yards der Pioneer Football League Historie beendet hatte, beerben durfte.
Das klappte gut genug, um einen durchaus üppig dotierten Vertrag als Undrafted Free Agent bei den Tampa Bay Buccaneers zu erhalten. Im Camp stand er dabei mit einem gewissen Tom Brady auf dem Platz, was sicher nicht nur für einen Jungen aus Iowa mit einem Jahr College-Erfahrung sensationell ist.
Für einen dauerhaften Vertrag reichte es jedoch weder bei den Buccaneers noch in der Folge bei den Miami Dolphins, Philadelphia Eagles und Cincinnati Bengals. Dazugelernt hat er aber wohl bei allen Stationen, genauso wie bei den San Antonio Brahmas in der XFL sowie den Houston Roughnecks in der UFL im vergangenen Jahr.
Die vielen Stationen waren wohl eher eine unfreiwillige Vorbereitung für den Schritt nach Europa, doch der 28-Jährige hat bisher vollends überzeugt: Zentimetergenaue Pässe, überragende Chemie mit seinem Top-Receiver und die Fähigkeit, selbst zu laufen, wenn es die Situation erfordert. So kamen noch einmal 252 Yards und vier Touchdowns als Rusher hinzu.
Seine Lieblingsanspielstation Aron Cruickshank,durfte ebenfalls bereits NFL-Luft schnuppern. Nach seiner Zeit am College bei den Rutgers Scarlet Knights, wo der mittlerweile 24-Jährige sowohl als Receiver aber auch als Running Back und Returner eingesetzt worden war, durfte er 2023 in den Camps der Pittsburgh Steelers und Chicago Bears mitmischen.
Auch wenn es nach den Roster Cutdowns bislang nicht für die NFL gereicht hat, so ist seine Leistung in Europa herausragend. Die 1,80 Meter Größe und 81 Kilogramm Körpergewicht würde man angesichts seines physischen Stils fast zu niedrig einschätzen, gepaart mit hohem Tempo und viel Intuition machen sie ihn zum besten Receiver der Liga 2025.
Ein Ausscheiden gegen Stuttgart Surge um die nach zugelassenen Yards beste Defense der Liga würde man in Spanien aber trotz der starken Leistungen in der Hauptrunde als Enttäuschung werten. Ein Sieg in der Wild-Card-Runde bei Stuttgart Surge würde die Bravos im Halbfinale wieder nach Unterhaching zu den Munich Ravens und gegebenenfalls für das Finale wieder nach Stuttgart fliegen lassen, sodass man dann fünf Wochenenden in Folge in Süddeutschland verbracht hätte.
Zuzutrauen ist es den Madrilenen nach den Leistungen der Hauptrunde allemal, aber noch stehen einige Hürden im Weg.
Carsten Keller