01.11.2025
Was ist das Erfolgrezept?
Nach acht Wochen thronen die Indianapolis Colts überraschend an der Spitze der National Football League: Mit sieben Siegen und nur einer Niederlage sind die Segel des Teams längst in Richtung Playoffs gesetzt. Dabei wandeln die Colts auf den Spuren des amtierenden Super Bowl Champions, den Philadelphia Eagles. Die Gemeinsamkeiten sind nicht mehr von der Hand zu weisen.

Eine Woche vor dem Gastauftritt in Berlin gegen die Atlanta Falcons grüßen die Indianapolis Colts von ganz oben. Sie sind das Team, das vor Saisonbeginn kaum jemand auf dem Zettel gehabt haben dürfte. Das Team, das mit der Entscheidung, mit Daniel Jones als Starting Quarterback in die Saison zu gehen, und folglich den jüngeren Anthony Richardson auf die Bank zu degradieren, für viel Unverständnis sorgte. Das Team, bei dem sowohl Head Coach Shane Steichen als auch General Manager Chris Ballard als angezählt galten.
Mittlerweile hat sich das Narrativ gewandelt; und zwar so, wie es nur in der NFL möglich ist. "Warum sollten es die Colts nicht in den Super Bowl schaffen?", ist zu einer legitimen Frage geworden. Der 28-jährige Jones hat seinen Kontrahenten, den Nummer-Vier-Pick von 2023 wohlbemerkt, nicht nur in Vergessenheit geraten lassen, sondern sich für eine lukrative Vertragsverlängerung in Indiana in Post gebracht. Und Steichen und Ballard? Deren Ansehen und Reputation ist steil angestiegen - sie gelten als Architekten eines nahezu perfekt zusammengestellten Footballteams.
Das Auftreten und Selbstverständnis der Colts, es erinnert an die Anfänge des heutigen Philadelphia-Eagles-Kaders. Denn obwohl dieser inzwischen den Ruf genießt, einer der Besten der Liga zu sein - spätestens seit Gewinn des Super Bowls - waren die Anfänge weniger ruhmreich. Was Philadelphia ausmachte, war allen voran die Vision von General Manager Howie Roseman. Dem 50-Jährigen gelang es, durch clevere Personalentscheidungen einen guten Roster zu formen, der in sich stimmig war. Das Herzstück war - wie bei den Colts vorhanden - eine starke Offensive Line, ein guter Passrush sowie selektive Schlüsselspieler.

Projizieren wir das auf Indianapolis: Die Line um Guard Quenton Nelson gehört statistisch zu den effizientesten der gesamten Liga. Über Jahre aufgebaut, ist sie jetzt der Türöffner für den Rest der Offense - allen voran für Star-Runningback Jonathan Taylor. Dieser befindet sich aktuell auf Touchdown-Rekordkurs und hat seinen Platz unter der Positions-Elite erneut eingenommen. Einen starken Runningback, den hatten in der vergangenen Saison auch die Eagles.
Doch auch der Spielmacher der Colts, Daniel Jones, profitiert von der Zeit, die ihm die fünf schweren Jungs an der Front verschaffen. War er nie der beste Processor, besaß Jones doch schon immer ein solides Armtalent - vorausgesetzt, er hatte die nötige Zeit. Wie jetzt. Und wenn die Offensive mal strauchelt, brilliert eben die Defensive: Kenny Moore, seit Jahren einer der besten Nickel-Cornerbacks der NFL, erhält endlich die Wertschätzung und mediale Aufmerksamkeit, die er verdient. Die Defensive Line um den erfahrenen DeForest Buckner sowie die jungen Kwity Paye und Laiatu Latu sorgt konstant für Druck, ist stark gegen den Lauf und ja, auch hier lassen sich Parallelen zu Philadelphia ziehen.
Zu klären bleibt: Wer sind die Zach Bauns, die C.J. Gardner-Johnsons dieser Colts? Wer sind die Spieler, die zuvor zwar den Ruf genossen, solide zu sein, jedoch erst beim richtigen Team, unter den richtigen Umständen, zu Leistungsträgern wurden - und schließlich zu Super-Bowl-Champions? Manch einer mag argumentieren, Indianapolis fehlen derartige Spieler. Möglicherweise kristallisieren sich in den kommenden Monaten aber auch eben jene Individuen heraus.
Eine Frage, die mit dem Erfolg unweigerlich einhergeht, betrifft den bereits angesprochenen Daniel Jones. Einst von den New York Giants gedraftet, blieb der großgewachsene Spielmacher in East Rutherford meist hinter den Erwartungen zurück. Es folgte die Entlassung, ein kurzes Engagement in Minnesota und schließlich der Einjahresvertrag in Indianapolis. In Summe, keine wirklich beeindruckende Vita.
Umso überraschender sind die Leistungen des 28-Jährigen, seit er zum Starter ernannt wurde. Zwar ist die Spielweise wenig aufsehenerregend, sein Auftreten noch immer wenig spektakulär. Dennoch führt Jones seine Offensive in nahezu jedem Spiel mühelos über das Feld. Die Colts gewinnen nicht wegen Daniel Jones, aber auch nicht trotz ihm. Sie gewinnen mit ihm. Übrigens, eine weitere Gemeinsamkeit zu Philadelphia, denn auch bei den Eagles steht mit Jalen Hurts ein Quarterback auf dem Feld, der ein gut zusammengestelltes Team führt, glänzt, wenn er muss, ansonsten aber fernab von Top-Quarterback-Diskussion weilt. Ob zurecht oder unrecht, sei dahingestellt.

Was Hurts ihm (noch) voraushat? Den Beweis, auch auf der größten Bühne, Spiele mitentscheiden zu können. Denn so beeindruckend die aktuellen Leistungen von Jones sind, es bleibt die Ungewissheit: Ist das Konstrukt in Indianapolis erfolgreich, wenn man in den Playoffs mehrere Ausscheidungsspiele vor der Brust hat? Traut Shane Steichen seinem Quarterback zu, gegen die Besten der Liga zu gewinnen? Kann Jones der Rolle des System-Spielmachers temporär entwachsen, sein Team schultern und in die nächste Runde tragen? Es sind Fragen, die Hurts für die Eagles bereits beantworten konnte. Jones muss das noch.
Vielleicht entpuppen sich die vorangegangenen Zeilen in den kommenden Monaten als "schlecht gealtert". Vielleicht dauert es nur wenige Wochen, ehe diese Indianapolis Colts entzaubert sind, und sich jegliche Vergleiche zu den Eagles verbitten. So schnelllebig wie die NFL ist, wäre es vermessen, das gänzlich auszuschließen. Fakt ist jedoch, die Colts spielen aktuell den mit besten Football in der Liga. Losgelöst von der Stärke ihrer bisherigen Gegner, losgelöst von der Welle der Euphorie, welche sie trägt; in Indianapolis läuft aktuell vieles richtig. Und so hat es auch vor nicht allzu langer Zeit in der Stadt der brüderlichen Liebe angefangen.
Kevin Wieschhues