30.10.2018
Packers-Profi stellt sich erst nach etwas Bedenkzeit
Mit Sicherheit rieb sich so manch ein Fan der Green Bay Packers am Sonntagabend verschmitzt die Hände. Der Grund: Es lag mehr als nur ein Hauch Comeback-Sieg in der Luft - ausgerechnet bei den ungeschlagenen Los Angeles Rams. Doch dann: Schluss, aus, vorbei! Warum? Weil eine eklatante Fehlentscheidung passierte. Inzwischen hat sich der Schuldige gestellt und sich erklärt. Einen Wechsel konnte er damit nicht mehr verhindern.
75.822 Zuschauer fanden sich am Sonntagnachmittag (Ortszeit) im Los Angeles Memorial Coliseum ein, um einen Kracher hautnah mitzuerleben: Rams vs. Packers, America's Game of the Week. Es sollte auch tatsächlich ein hochspannender Kracher werden, ein Thriller mit bitterem wie süßem Finish. Bitter für Green Bay (3:3:1), süß für L.A. (8:0) .
Denn beim 27:29 bei den weiterhin ungeschlagenen Rams durften die Packers mehrere Male fest an einen Sieg glauben: zunächst nach starkem ersten Viertel (7:0), dann nach der Pause (10:8), 8:50 Minuten vor Schluss (27:26) und 2:05 Minuten vor dem Ende - trotz Rückstand (27:29). Schließlich mussten die Rams den Ball nach dem kurz zuvor verwandelten Field Goal nochmals an Green Bay übergeben.
Star-Quarterback Aaron Rodgers, bestens bekannt für späte Comebacks, machte sich mit seiner Offense schon bereit. Doch dann das: Kick-Returner Ty Montgomery kniete nicht in der Endzone ab, sondern versuchte es allein durch die heranstürmende Rams-Horde - und leistete sich einen Fumble. Die Folge: Verlust des Angriffsrechts, Ballbesitz L.A., ein kassiertes First Down und das Spiel im wahrsten Sinne des Wortes aus der Hand gegeben. Anstatt die schlechte Auswärtsbilanz auf 1:2 aufzubessern, heißt es jetzt 0:3.
Entsetzen, Wut und Ärger kam in der Folge bei den Fans der Packers, die im Übrigen mehr als zahlreich im Stadion der Rams ansässig und immens lautstark unterwegs waren, allerorts auf. Gerade über Social Media gab es in den Folgestunden zig Posts, die die riesige Enttäuschung bestens abbildeten. "Egoistisch" oder der bekannte Hashtag "YouHadOneJob" waren nur einige der Reaktionen. Spielmacher Rodgers reagierte indes noch auf dem Feld wütend, winkte ab und sagte später: "Ich bin richtig enttäuscht. Dieses Play hat mit Sicherheit das Spiel nicht allein entschieden, doch es hat uns definitiv eine große Möglichkeit auf den Sieg genommen." Star-Receiver Davante Adams senkte den Kopf und merkte an: "Das Spiel war eigentlich gewonnen, ich hatte mir bereits alles im Kopf ausgemalt. Wir brauchten einfach nur den Ball..."
Die große Frage nun: Warum entschied sich Montgomery, der neben seiner Tätigkeit als Returner in der Offense auch als flexibler Spieler (Running Back oder Receiver) gefragt ist, für einen Lauf aus der Endzone? Warum riskierte er einen Fumble? Warum überließ er das Comeback nicht Rodgers?
"Ich bin mir sicher, dass Ty nur das Beste wollte. Der Plan war aber eigentlich, dass er in der Endzone bleiben sollte. Wir wollten schließlich Aaron den Ball zurück in seine Hände geben, um die Siegchance wahrzunehmen", gab Packers-Trainer Mike McCarty vielsagend im Anschluss zu - und schürte damit Spekulationen. Hatte Montgomery etwa Anweisungen nicht befolgt? NFL-Reporter Mike Silver will in Erfahrung gebracht haben, dass Montgomery bei der Offense-Serie vor dem Fumble sauer gewesen war, nicht berücksichtigt worden zu sein. Also kochten die Emotionen des 25-Jährigen wohl kurz hoch - und führten dazu, dass er mit Wut im Bauch agierte und mit einem gelungenen Return seine Trainer davon überzeugen wollte, dass er weiterhin für starke Plays sorgen kann.
Nach einem Tag Bedenkzeit stellte sich Montgomery, der laut eigener Aussagen auch Drohungen an sich und seine Familie erhielt, inzwischen selbst den Medien - und merkte an: "Ich habe im Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung gefällt - und leider die falsche Wahl getroffen. Wenn mir dieser Fumble nicht passiert wäre, dann würden wir alle diese Diskussion jetzt nicht führen." Er wolle aber klarstellen, dass "ich noch nie ein Typ war, der Anweisungen nicht befolgt. Und ich hatte keinen Wutanfall. Ich habe noch nie meine Mitspieler, geschweige denn meine Trainer verflucht. So etwas mache ich nicht. Doch nichtsdestotrotz war ich natürlich nach der letzten Angriffsserie, in der ich nicht ran durfte, enttäuscht. Das sind viele Spieler, wenn sie nicht spielen dürfen. Ich weiß einfach zurzeit nicht, welche Rolle ich genau im Team habe, was ich genau tun soll. Das ist frustrierend, weil ich dem Team gerne helfen würde. Und deswegen wollte ich ein Play zeigen."
Ein Play, das am Ende misslang. Und ein Fehlschlag, der seine Position im Roster nicht festigte - ganz im Gegenteil: Wie am Dienstagabend (MEZ) durchsickerte, gaben The Pack Montgomery kurzerhand noch an die Baltimore Ravens ab und sicherten sich dafür im Umkehrschluss etwas arg Überschaubares - und zwar einen Siebtrunden-Pick für den NFL-Draft 2020.
mag