22.04.2019
Warum der Quarterback zum ersten Draft-Pick werden könnte
Kyler Murray ist das Gegenteil des prototypischen NFL-Quarterbacks: Er ist klein. Trotzdem reißen sich die Teams vor dem anstehenden Draft um ihn. Das hat mehrere Gründe.
Groß und weiß müssen sie sein auf der wichtigsten Position im Football - so lautete ein Grundsatz in der NFL noch bis tief in die 1980er hinein. Dann gewann Doug Williams, schwarzer Quarterback der Washington Redskins, mit seinem Team den Super Bowl, Warren Moon und Randall Cunningham, ebenfalls Afro-Amerikaner, zählten zu den besten Vertretern der Position.
Weiß, so viel war klar, müssen sie also nicht mehr zwingend sein. Aber groß, das schon. Schließlich müssen Quarterbacks ja den "Field General" geben und über die großen Spieler vor sich hinweg das ganze Feld überblicken können. Sollte Kyler Murray in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit dem ersten Pick des NFL-Drafts ausgewählt werden, so wie es fast alle namhaften Experten prophezeien, spätestens dann wäre wohl auch dieser Grundsatz endgültig ein Fall für die Geschichtsbücher.
Murray, 21 Jahre alt, spielte College Football an der University of Oklahoma - und das so gut, dass er nach der vergangenen Saison mit der Heisman Trophy für den besten Spieler auf dem College-Level ausgezeichnet wurde. Ein Gütesiegel allererster Klasse. Und dennoch sahen viele die Profi-Zukunft Murrays, der in beiden Sportarten glänzte, im Baseball - und nicht im Football. Der Grund: Murray misst "nur" 1,78 Meter.
So klein war in der "Super Bowl Era" seit 1967 noch kein Quarterback, der in der ersten Runde des Drafts ausgewählt wurde, generell sind Spielmacher unter 1,85 Meter in der NFL eher die Ausnahme. Es dominieren die großgewachsenen Tom Bradys, Cam Newtons, Ben Roethlisbergers - Spieler mit Gardemaß eben. Für jeden Zentimeter, den die Körpergröße unter die 1,90-Marke fällt, fällt auch die Draft-Aktie des Spielers - und das noch bis in die vergangenen Jahre. Russell Wilson etwa kam im Draft 2012 trotz unbestrittenen Talents erst in der 3. Runde bei den Seattle Seahawks unter - er ist ja nur 1,80 Meter groß. Wäre er 15 Zentimeter größer, so lauteten schon damals Stimmen, Wilson wäre vermutlich der zweite oder dritte Pick im gesamten Draft gewesen.
Sieben Jahre und einen Super-Bowl-Titel später gilt Wilson als einer der besten Quarterbacks der Liga und ist seit letzter Woche der bestbezahlte Spieler der NFL-Geschichte. Die Erfolgsgeschichte des "kleinen" Wilson dürfte auch einer der Faktoren sein, warum beispielsweise die Arizona Cardinals bereit sein sollen, Murray mit dem ersten Pick im Draft auszuwählen und ihren talentierten, erst im vergangenen Jahr verpflichteten Quarterback Josh Rosen zu Gunsten Murrays direkt wieder abzugeben. Es kommt nicht auf die Größe an. Nicht mehr.
Das ist auch das Resultat einer veränderten Spielanlage der meisten Teams: Football in der NFL wird nicht mehr so statisch gespielt wie noch vor einigen Jahren, Agilität, Beweglichkeit und Improvisationstalent sind für Quarterbacks wichtiger denn je - und davon bringt Kyler Murray einiges mit. "Er passt exakt in die Entwicklung der NFL", sagt etwa "ESPN"-Draft-Experte Todd McShay über den Texaner, dem auch eine große Baseball-Karriere bevorstand, der sich letztlich aber doch noch für die NFL und gegen die MLB entschied.
Als Sohn eines Quarterback-Trainers und Neffe eines ehemaligen Baseball-Star wurde ihm das Talent quasi in die Wiege gelegt, die athletischen Voraussetzungen hat Murray ohnehin. Dennoch ist er kein reiner "Dual-Threat Quarterback" wie Baltimores Lamar Jackson, also ein Spielmacher, der sich hauptsächlich durch seine Schnelligkeit und Laufstärke definiert.
Murrays größte Stärke sind seine präzisen Würfe aus schwierigsten Positionen heraus, laut NFL-Draft-Analyst Lance Zierlein ist er "wie ein komplexer Burgunder" - zum Beispiel mit einer Note von Russell Wilson. Ob er ihm, was den Erfolg auf höchstem Level angeht, gleichkommen kann, muss sich natürlich noch zeigen. Falls ja, dann dürfte Kyler Murray wohl der Sargnagel auf einem der am längsten währenden Grundsätze dieser Sportart sein.
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mib