12.01.2020
Baltimore scheidet als bestes Regular-Season-Team aus
Der Sport im Allgemeinen kann brutal sein, der Football oft sogar noch eine Spur härter. Das mussten nun die Baltimore Ravens hautnah erfahren. Das beste Team der Regular Season, es ist zerborsten auf dem harten Boden der Tatsachen. Trainer John Harbaugh hat nun erst einmal keine Lust mehr auf NFL-Action.

Wie es ist, direkt das erste Play-off-Spiel einer Saison zu verlieren - dieses Gefühl kennt MVP-Favorit Lamar Jackson bereits aus dem vergangenen Jahr. Dennoch hatten die Vorzeichen im Gegensatz zum bitteren und von Pfiffen überschatteten 17:23 gegen die Los Angeles Chargers aus der Wild Card Round 2019 an diesem Sonntag (MEZ) gänzlich anders gelautet: Die Ravens waren Favorit, die Ravens waren nach zwölf Siegen in Serie äußerst selbstbewusst, die Ravens waren mit einer Gesamtbilanz von 14:2 das Powerhouse der gesamten NFL, die Ravens waren ausgeruht nach der wohlverdienten Bye-Week.
Doch von alledem ließen sich die Gäste aus Nashville nicht abhalten: Die Tennessee Titans setzten wie schon beim überraschenden 20:13 bei den New England Patriots (amtierender Super-Bowl-Sieger) auf ihr überragendes Laufspiel um Walzmaschine Derrick Henry, auf eine harte, aufmerksame Defense und ganz besonders auf zwei überraschende Tricks. So täuschte einmal Quarterback Ryan Tannehill einen Shuffle-Pass zu Henry an, lief dann aber selbst in die Endzone. Ein anderes Mal tat Läufer Henry so, als würde er lospflügen - nur um auf einmal den Ball über die Abwehr hinweg in die Endzone zu Corey Davis zu werfen.
Eine große Mitschuld trägt aber auch wie schon im vergangenen Jahr Baltimores Aushängeschild Jackson. Der 23-Jährige zeigte zwar auch dieses Mal sein famoses Können gerade im Laufspiel, erreichte tolle Werte (365 Passing Yards und 143 Rushing Yards). Mit nur einem Touchdown-Pass sowie zwei Interceptions und einem fatalen Fumble erlaubte sich der Erstrunden-Pick von 2018 (32. Stelle) allerdings schlichtweg zu viel Fehler für ein Play-off-Match - und das nach einer Saison voller selbst aufgestellter Rekorde. Und so titelte zum Beispiel "ESPN" berechtigerweise: "Ein Schlag in die Magengrube, ein Autounfall und ein überraschender Sturz: Die magische Ravens-Saison, die am Ende keine mehr ist."
Mit nur zwölf Punkten war die Ravens-Offensive an diesem Abend so erfolglos wie noch nie in dieser Saison, die eigenen Fans waren in der Regular Season stets Scores über 20, 30, 40 oder gar einmal über 50 gewohnt. Außerdem hatte sich die Defense kein einziges Mal in dieser Spielzeit so viele Rushing Yards einschenken lassen wie von Henry an diesem Abend(195 Yards).

"Wir haben uns einfach selbst geschlagen, ich habe zu viele Fehler gemacht. Ich hasse es zu verlieren. Aber wir müssen nach vorn schauen", räumte ein sich ständig mit einem weißen Handtuch über das Gesicht wischender und sichtlich konsternierter Jackson selbst ein, während sich "sein persönlicher Pressesprecher" Mark Ingram etwas Spott gefallen lassen musste. In Anlehnung an eine frühere Pressekonferenz in diesem Jahr, in der der diesmal schwache und zuletzt auch angeschlagene Running Back (sechs Carries, 22 Yards) seinen Spielmacher in höchsten Tönen gelobt hatte, sagte nun Titans-Receiver Tajae Sharpe: "Falls ihr ein Problem damit habt, können wir uns gern draußen treffen."
Am treffendsten formulierte es vielleicht hinterher Head Coach John Harbaugh. Der 57-Jährige, der mit Baltimore bereits Super Bowl XLVII (47) am 3. Februar 2013 gegen die San Francisco 49ers gewonnen (34:31) und sein Team in dieser Saison auf ein neues Level gehoben hat, schließt für den Moment mit American Football ab. Denn angesprochen darauf, ob er sich denn die weiteren Play-offs der NFL anschauen werde, tat Harbaugh kund: "Was ich morgen mache? Ganz sicher nicht diese Spiele anschauen! Keine Chance, das ist nicht mal eine Option."
Linebacker Matthew Judon griff passend dazu nochmals den von "ESPN" zitierten Crash auf: "Du erwartest nie, einmal in einen Autounfall verwickelt zu sein - bis du in einen Autounfall verwickelt bist. Und so fühlt es sich leider heute für uns als Team an."
mag