22.09.2020
Chargers-Quarterback bietet Mahomes die Stirn
Eigentlich hatten die Los Angeles Chargers einen klaren Plan mit Rookie-Quarterback Justin Herbert. Jetzt könnte alles ganz anders laufen. Oder doch nicht?

Das Patrick-Mahomes-Prinzip, sie wollten es auch in Los Angeles anwenden. Heißt: Einen jungen Quarterback draften, ihn zunächst als Backup hinter einem Routinier aufbauen - und dann darauf hoffen, dass er so explodiert wie einst der Chiefs-Spielmacher. So lautete ursprünglich auch der Plan der Chargers mit Justin Herbert.
Wie bereits zum Saisonauftakt (16:13 gegen Cincinnati) stand der an Nummer sechs gepickte Spielmacher auch vor der Partie gegen die Kansas City Chiefs am Sonntag an der Seitenlinie - sollte zuschauen, zuhören, das Playbook lernen. Was dann passierte, erinnert irgendwo an einen mittelmäßigen amerikanischen Sportfilm. Weniger als eine Minute vor dem Kick-off machte sich Head Coach Anthony Lynn auf den Weg zu Herbert. "Er dachte, ich mache Witze", berichtete Lynn später auf der Pressekonferenz. Doch es wurde richtig ernst: Starter Tyrod Taylor hatte eine aufgrund einer Rippenverletzung verabreichte Spritze nicht vertragen und fiel in allerletzter Sekunde aus, Herbert musste ran - unerwartet, unvorbereitet.
Eine denkbar undankbare Aufgabe für einen Rookie, zumal gegen den amtierenden Super-Bowl-Champion mit besagtem Patrick Mahomes. Doch Herbert betrat den Platz, legte aus dem Stand einen 79-Yard-Drive hin und krönte ihn höchstselbst mit seinem ersten NFL-Touchdown. Nur wenige Minuten zuvor hatte er noch damit gerechnet, erst Wochen, Monate später - vielleicht sogar erst nächstes Jahr - in der NFL aufzulaufen. "Mann, das ist cool", freute er sich nach seinem Touchdown sichtbar überwältigt an der Seitenline.
Zwar leistete sich Herbert im dritten Viertel auch noch einen klassischen "Rookie Mistake", eine haarsträubende Interception bei eigentlich freiem Laufweg, doch die Quintessenz aus seinem Premierenspiel war durchweg positiv. Stolze 311 Passing Yards legte der 22-Jährige auf, erzielte neben seinem Rushing- auch noch einen Passing Touchdown. Beinahe hätte er die Chargers zum Überraschungssieg über den großen Favoriten aus Kansas City geführt, der sich erst in der Overtime mit 23:20 durchsetzte. "Er hatte ein großartiges erstes Spiel", lobte Cornerback Chriss Harris Jr. - und Defensive End Joey Bosa ergänzte über den knapp zwei Meter großen Spielmacher: "Es wird aufregend sein, ihn wachsen zu sehen".
Stellt sich noch die Frage: Wird man es in naher Zukunft sehen - nun, da Herbert unter Beweis gestellt hat, dass er schon jetzt bereit ist für die NFL? Da er einen besseren Eindruck machte als Taylor gegen Cincinnati? "Wenn Tyrod Taylor bei 100 Prozent ist, ist er unser Quarterback", bekräftigte Lynn am Montag. Ob das der Fall ist, stehe momentan aber noch nicht fest. Und selbst wenn doch: Sollte Taylor nicht unerwartet stark aufspielen, würden die Chargers wohl deutlich früher den Staffelstab an Herbert übergeben als ursprünglich geplant. Aber dass er mit ungeplanten Situationen umgehen kann, hat Herbert ja nun gezeigt.
mib