03.12.2020
Cleveland oder Tennessee: Wer rennt in Richtung Play-offs?
Über den einen spricht derzeit ganz Amerika, die anderen erinnern an zwei Weltklasse-Boxer. Wer hat beim direkten Duell der beiden besten Laufangriffe der NFL die Nase vorne?

Dass Derrick Henry mit dem Ball in der Hand fast überall hin und überall durch rennen kann, hat er bereits eindrucksvoll bewiesen. In dieser Woche ist er sogar bis aufs Cover der "Sports Illustrated" gerannt, der bekanntesten Sportzeitschrift der USA. Wer hier abgebildet wird, hat es geschafft.
"Derrick Henry verändert das Spiel nicht. Deswegen sind wir so besessen von ihm", lautet die Überschrift der Cover-Story. Die Quintessenz: In einer Zeit, in der die Kansas City Chiefs mit ihrer passstarken Offensivreihe die Liga dominieren und ausgeklügelte Play Designs der Coaches immer wichtiger werden, ist Henry das Gegenstück, das viele NFL-Fans an die "guten alten Zeiten" erinnert: Power-Football, ab durch die Mitte - mit einem Spieler, der einfach größer, stärker, besser ist als seine Gegner.
"Normalerweise reden wir in der NFL über winzige Unterschiede in den athletischen Fähigkeiten", wird CBS-Kommentator Ian Eagle von der "Sports Illustrated" zitiert. "Aber wenn jemand so dominant ist wie er, ist das kaum zu übersehen. Er ist eine Abrissbirne."
Und die Abrissbirne Henry hat zuletzt wieder so richtig an Schwung aufgenommen. Das wichtige Division-Duell seiner Titans gegen Indianapolis am vergangenen Sonntag entschied der Running Back mit 178 Yards und drei Touchdowns beinahe im Alleingang, in jedem der letzten drei Spiele hat er die magische 100-Yard-Marke geknackt. Und natürlich: Mit insgesamt 1257 Rushing Yards liegt Henry unter allen Running Backs der Liga mal wieder an der Spitze und befindet sich auf dem besten Weg, seinen Titel des "Rushing Champions" aus dem Vorjahr zu verteidigen.
Die Titans stellen allerdings "nur" den zweitbesten Laufangriff der Liga. An der Spitze steht das Team, auf das Henry & Co. am kommenden Sonntag im AFC-Topspiel (19 Uhr MEZ) treffen werden: die Cleveland Browns. Und das, obwohl sich keiner ihrer Spieler in den Top 5 der Rushing-Rangliste befindet. Der große Unterschied: In Cleveland trägt - anders als in Tennessee - nicht ein Running Back die ganze Last auf seinen Schultern. Die Browns setzen stattdessen auf das gefährlichste Duo der Liga.
Da wäre einerseits Nick Chubb, der die NFL mit schier unfassbaren 6,3 Yards pro Lauf anführt und ligaweit außerdem auf die meisten "Big Plays", also Läufe über 20 Yards kommt. Bemerkenswert vor allem deshalb, weil der 24-Jährige in dieser Saison bereits vier Spiele verletzungsbedingt verpasste. Chubb gilt mit seinem bulligen, aber gleichermaßen explosiven Laufstil zudem als bester "Contact Runner" der NFL.
Ihm zur Seite steht in Kareem Hunt ein etwas schmalerer, dafür dynamischer Gegenpart, der neben seinem beweglichen Laufstil auch über starke Receiving-Qualitäten verfügt. Chubb und Hunt ergänzen sich bislang perfekt, hinter Clevelands starker Offensive Line erliefen sie und ihre Back-ups bislang ganze 1775 Yards - Ligaspitze.
"Es ist, als hätten wir zwei Boxer in einer Ecke", erklärte Alex Van Pelt, Offensive Coordinator der Browns, zuletzt "News 5 Cleveland". "Du hast Mike Tyson und Evander Holyfield und beide kommen in verschiedenen Runden in den Ring. Als Gegner musst du immer gegen den frischeren der beiden antreten, der dich jederzeit ausknocken kann." Die Wahl, welchen der beiden Running Backs er aufs Feld schicke, sei "ein Luxusproblem".
Da beide Teams im Passspiel mit ihren Quarterbacks Ryan Tannehill (Titans) und Baker Mayfield (Browns) eher zum Liga-Durchschnitt zählen, wird das direkte Aufeinandertreffen am Sonntag wohl zum Duell der Dampfwalzen - und eines, in dem einiges auf dem Spiel steht. Beide Teams stehen bei einer Bilanz von 8:3 und damit mittendrin im Rennen um die Playoff-Plätze. Wer sich am Ende durchsetzt, dürfte allerbeste Chancen auf die K.o.-Runde haben, der Verlierer noch einmal ordentlich Druck von hinten bekommen, da alle Verfolger dahinter (Dolphins, Colts, Raiders, Ravens) an diesem Wochenende lösbare Aufgaben zu bewältigen haben.
Umso wichtiger, dass die Walzen am Sonntag früh ins Rollen kommen.
mib