24.01.2022
Green Bay künftig ohne den Star-Quarterback in der NFL?
Aaron Rodgers hat es mit Green Bay wieder einmal nicht geschafft, sich die Sehnsucht nach dem zweiten Super-Bowl-Einzug und dem zweiten Titel zu erfüllen. Und dabei könnte es bleiben: Denn erneut stellt sich die Frage: Endet seine Zeit bei den Packers?

In den letzten 30 Jahren sind die Packers auf der Quarterback-Position verwöhnt gewesen: Brett Favre und Aaron Rodgers, das sind die beiden Starter in den jüngsten drei Jahrzehnten gewesen. Zwei große NFL-Kaliber, der eine bereits in die Hall of Fame aufgenommen, der anderen künftig sicherlich dabei, die Green Bay jeweils einen Super-Bowl-Sieg eingebracht haben.
Doch müsste es bei der Qualität der beiden Spielmacher nicht heißen: nur jeweils einen Super-Bowl-Sieg?
Das Können der beiden wurfgewaltigen Quarterbacks ist schließlich stets über jeden Zweifel erhaben - allen voran von Rodgers, der sich in seiner gesamten Karriere in 213 Regular-Season-Spielen neben 449 Touchdown-Pässen nur 93 Interceptions erlaubt hat. Und doch haftet "A-Rod" auch ein gewisser Fluch an, ein Play-off-Fluch. Denn seit seinem 31:25-Finaltriumph über die Pittsburgh Steelers im Februar 2011 hat es nicht mehr geklappt mit einem weiteren großen Wurf trotz neun Endrundenteilnahmen seither.
Nach den Querelen des Vorjahres könnte es nun tatsächlich zum Packers-Abschied in Richtung eines anderen Teams kommen. Rodgers' Vertrag läuft 2023 aus, nur noch in dieser Offseason könnte Green Bay bei einem Trade noch einen Gegenwert für den Star-Quarterback bekommen.
Sofort nach der unerwarteten Play-off-Pleite Green Bays im Heimspiel gegen die San Francisco 49ers am letzten Wochenende ist im US-Fernsehen und in den sozialen Netzwerken die Debatte um die Zukunft des Quarterback-Stars losgetreten worden - die Bilder aus dem Lambeau Field haben dabei den passenden Rahmen geliefert. Denn mitten im Schneetreiben bei zweistelligen Minusgraden schlich der 38 Jahre alte Football-Profi nach dem bitteren 10:13 langsam vom Feld, blickte mehrfach zu den Zuschauern in dem legendären Stadion und verabschiedete sich mit seinem typischen Rocker-Gruß, bevor er im Tunnel verschwand. Dass er das nach 17 Jahren tatsächlich zum letzten Mal in einem Trikot der Traditionsmannschaft aus Wisconsin getan hat, ist nicht so unwahrscheinlich, wie es erst einmal klingt.
"Ich werde mir Zeit nehmen und Gespräche führen mit den Leuten hier, dann Zeit nehmen und Abstand gewinnen und eine Entscheidung treffen, bevor die Free Agency beginnt", so Rodgers noch am Samstagabend (Ortszeit), als er mit schwarzer Mütze auf dem Kopf seine vorerst letzte Pressekonferenz bei den Packers gab. Seine Kernbotschaft: "Ich möchte nicht Teil eines Wiederaufbaus sein, wenn ich weiterspiele." Heißt übersetzt: Wenn er hier für die nächste Saison nicht sofort wieder eine Chance auf den Titel sehe, ist es das gewesen. Aus Sicht von Packers-Trainer Matt LaFleur ist die Sache klar: "Wir wollen ihn sicherlich wieder hier haben. Wir wären ja verrückt, wenn nicht."
Doch so einige Verträge von wichtigen Spielern laufen bei "The Pack" aus, der Spielraum des Managements ist durch die Gehaltsobergrenze in der NFL eingeschränkt. Bei Star-Receiver Davante Adams können die Packers zwar theoretisch den Franchise Tag ziehen, bei anderen Profis ist es nicht so einfach. Auch die Zukunft von Equanimeous St. Brown bei den Packers ist offen, der Vertrag des Deutsch-Amerikaners endet nach vier Jahren ebenfalls.
"Es wird viele Entscheidungen zu treffen geben, viele Spieler, deren Zukunft unklar ist. Es wird interessant sein, zu sehen, in welche Richtung einige dieser Entscheidungen ausfallen", meint Rodgers. "Ich werde Gespräche haben mit Brian (Gutekunst, General Manager; Anm.d.Red.), nächste Woche oder so, etwas mehr Klarheit bekommen, über meine eigene Zukunft nachdenken und wie viel länger ich das machen möchte."
Relevant bei all dem wird auch sein: Die Beziehung der Packers mit Rodgers war in der jüngeren Vergangenheit so einige Male gestört. Der Quarterback sagte am Samstag zwar, sein Verhältnis zu Manager Gutekunst habe sich im vergangenen Jahr verbessert - aber das heißt noch lange nicht, dass es einwandfrei und ohne Kritikpunkte ist.
Seit sich die Käsestädter im Draft 2020 bei erster Gelegenheit für den jungen Quarterback Jordan Love anstelle eines möglichen wertvollen Helfers für Rodgers im Angriff entschieden haben, gibt es atmosphärische Störungen. Die gingen so weit, dass Rodgers vor dieser Saison wochenlang offen ließ, überhaupt noch mal für die Mannschaft zu spielen oder gleich ganz aufzuhören oder zu wechseln. Und das, nachdem er erst in der Saison zuvor zum dritten Mal zum wertvollsten Spieler der NFL gewählt worden war.

Und dann ist da noch die Sache mit der Corona-Impfung, die Rodgers als einer der ganz wenigen NFL-Profis verweigert. Als im Herbst klar wurde, dass er sich nicht gegen das Virus hat impfen lassen, hatte die öffentliche Entrüstung jene um Bayern-Profi Joshua Kimmich in Deutschland um ein Vielfaches überstiegen - weil sich die Menschen von Rodgers glatt angelogen fühlten. Denn noch im August antwortete er auf eine Reporter-Frage nach seinem Impfstatus geantwortet: "Ja, ich bin immunisiert."
Wegen seiner Infektion mit dem Virus hat der Spielmacher zwischenzeitlich sogar ein Hauptrundenspiel verpasst - und sich nach eigener Aussage mit einer alternativen, homöopatischen Behandlungsmethode in Kanada gegen das Virus "immunisiert". Rodgers' Beliebtheit hat das schweren Schaden zugefügt - hämische Kommentare in sozialen Netzwerken inklusive.
Und dann ist da eben noch der Fakt, dass Rodgers nicht nur seit über zehn Jahren seinem Ziel vom zweiten Ring hinterherrennt, sondern zugleich auch in den Play-offs nicht gegen die 49ers gewinnen kann. Die jetzige Pleite war bereits Nummer vier bei vier Versuchen - und das gegen das Franchise, das den Quarterback im Draft 2005 entgegen seiner und der allgemeinen Erwartung nicht gewählt hatte.
mag/dpa