07.02.2022
Was macht Cincinnatis Quarterback so besonders?
In weniger als zwei Jahren hat Joe Burrow (25) die Cincinnati Bengals vom schlechtesten Team der NFL zum Super-Bowl-Teilnehmer gemacht. Wie hat er das geschafft? Ein Blick auf den früheren Karriereweg lohnt.

Erst in der Kabine brach Joe Burrow zusammen. Rund eine Minute war er bewusstlos. Hinter ihm lag eines der denkwürdigsten Spiele der College-Football-Geschichte. Über fünf Stunden und eine im College mögliche siebenfache Overtime hatte er mit den LSU Tigers im November 2018 gegen Texas A&M gespielt, war im Verlauf des Marathonmatches unfassbare 29-mal selbst gelaufen, hatte 38 Pässe geworfen - und verloren. Mit 72:74.
"Ich habe noch nie jemanden gesehen, der in dieses Stadium der Erschöpfung vorgedrungen ist", sagte LSU-Sportdirektor Jack Marucci im Anschluss über den damals 21-Jährigen. Der Quarterback hatte bis zum Schluss nicht aufgegeben. Sein Körper tat es erst nach dem Spiel.
Damals war Burrow ein talentierter Kämpfer mit dem Hang zum Scheitern. In seinem Heimat-College Ohio State war er nicht am - später in der NFL gescheiterten - Dwayne Haskins vorbeigekommen, war deshalb nach Louisiana zur LSU gewechselt. Vielleicht, hieß es damals, würde Burrow es mal als Ersatzspieler in die NFL schaffen. Gute drei Jahre später steht er mit den Cincinnati Bengals im Super Bowl.
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Dass er es so weit gebracht hat, hat vor allem mit einer Eigenschaft zu tun. "Er ist so tough wie kaum jemand sonst", sagte Bengals-Receiver Tyler Boyd Anfang der Saison über seinen Teamkollegen. "Burrow spielt Quarterback wie ein Linebacker", schrieb "ESPN" zuletzt. Furchtlos, willensstark, ohne Angst vor Kontakt. Bei den Bengals wird er auch ein Stück weit dazu gezwungen. Seine Offensive Line ist die ausgemachte Schwachstelle des Teams. Kein Quarterback wurde in dieser NFL-Saison öfter zu Boden gebracht als Burrow, im Play-off-Spiel gegen die Tennesse Titans musste er ganze neun Sacks einstecken - trauriger NFL-Rekord für ein Play-off-Spiel.
Gewonnen hat er trotzdem.
Burrow ist das, was man in Deutschland wohl ein Stehaufmännchen nennen würde. Sein Comeback im AFC Championship Game, in dem er mit den Bengals bei den favorisierten Kansas City Chiefs einen 14:28-Rückstand aufholte, war nur der neueste Beweis dieser Qualität. So überraschte es schon nur bedingt, dass er von seinem Kreuzbandriss, der seine vielversprechende Rookie-Saison 2020 vorzeitig beendet hatte, in dieser Saison noch stärker zurückkam. Er hat es schließlich schon oft getan. Und hatte auch keine andere Wahl.

Burrow ist zwar fraglos ein Quarterback, der alle Attribute mitbringt, um die Position auf höchstem Level zu spielen. Schwächen hat er kaum. Er verfügt aber auch nicht über das athletische Potenzial, das einem Patrick Mahomes, Lamar Jackson oder Josh Allen in die Wiege gelegt wurde. Viele seiner Qualitäten, seine hohe Spielintelligenz oder seine ungeheime Passgenauigkeit, hat er sich erarbeiten müssen. Und dafür nicht nur die absolute Erschöpfung in Kauf genommen.
Als er zu Beginn seiner College-Karriere nur Ersatz ohne Aussicht auf Spielzeit war, bettelte er bei seinen Coaches darum, zumindest in den Special Teams spielen zu dürfen. Für einen Quarterback mindestens teilweise die Aufgabe seines Positionsstolzes. Aber Burrow wollte nur eines: auf dem Feld stehen. Bei Ohio State klappte das nach drei Jahren aber trotzdem nicht.
Nach dem Wechsel an die LSU folgte nach einem unscheinbaren Debüt-Jahr als Starter schließlich 2019 die große Explosion: Aus Burrow, dem mittelmäßigen College-Quarterback, wurde Burrow, der beste College-Quarterback überhaupt. 60 Touchdowns warf er in einer Saison, mehr als jeder andere Spielmacher in der Geschichte der National Collegiate Athletic Associaton (NCAA). Die Heisman Trophy für den besten College-Spieler der Saison gewann er mit dem größten Vorsprung aller Zeiten, im Endspiel um die College-Meisterschaft warf er sechs Touchdowns.
Burrow wurde zum First Overall Pick des folgenden Drafts. Und trotzdem ist es unfassbar, in welchem Tempo er die Bengals vom schlechtesten Team der Liga in den Super Bowl katapultiert hat. Nach Dan Marino (1984), Kurt Warner (1999), Tom Brady (2001), Ben Roethlisberger (2005), Colin Kaepernick (2012) und Russell Wilson (2013) ist Burrow erst der siebte Quarterback, der es schon in seinem zweiten NFL-Jahr in den Super Bowl schafft. Aber keiner der sechs anderen war in ein Team gedraftet worden, das zuvor zum qualitativen Bodensatz gehörte.
Bis auf Kaepernick stehen alle Namen in der Hall of Fame oder werden mit großer Sicherheit eines Tages dort landen. Burrow ist in Athens aufgewachsen. Einer Kleinstadt in Ohio, etwa auf halbem Weg zwischen Cincinnati und Canton, wo die Hall of Fame beheimatet ist. Zumindest geografisch ist der Weg also vorgezeichnet.
Außerhalb der Football-Karriere klappte das mit der bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit übrigens nicht immer so gut. Auf der Gitarre kann Burrow genau ein Lied spielen: "Free Fallin'" von Tom Petty. Das brachte er sich in der Teenagerzeit bei, dann brach er sich den Arm. Danach übte er nicht mehr. Football war wichtiger.
Michael Bächle