08.02.2022
Quarterback greift mit Los Angeles erstmals ganz oben an
Die NFL-Geschichte von Matthew Stafford kennt viele Facetten. An ein paar Fakten gibt es aber nichts zu rütteln: Der Quarterback ist ein absoluter Könner und wird sowohl in Detroit als auch schon in Los Angeles geschätzt. Doch das Geliebtwerden reicht dem Routinier nicht ganz.

Schlecht geredet worden ist über den 1988 in Tampa (Florida) geborenen John Matthew "Matt" Stafford in seiner NFL-Karriere nur selten. Warum auch? Der Absolvent der University of Georgia hat schließlich immer gut gespielt, hat wie etwa Patrick Mahomes (Kansas City Chiefs) unglaublich präzise "sidearm throws" im Repertoire wie "no-look passes". Kein Wunder also, dass der First Overall Pick des NFL-Drafts von 2009 bis 2020 stets als Starting Quarterback der Detroit Lions aufgelaufen ist - und in 165 Regular-Season-Spielen weit über 40.000 Yards sowie fast 400 Touchdowns geworfen hat. Viele davon auf seinen langjährigen Star-Receiver Calvin "Megatron" Johnson.
Und doch hat die Kritik Stafford immer auch begleitet, besonders in den jüngeren Jahren, als er es auch mit all seiner errungenen Erfahrung samt seiner beschriebenen Klasse am Abzug einfach nicht geschafft hat, die Lions wenigstens einmal erfolgreich durch die Play-offs zu führen. Überhaupt hat das Team aus der "Motor City" in seiner Zeit nur dreimal die Endrunde erreicht - und jeweils das erste Spiel verloren.
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Stafford hat so den Stempel abbekommen, zwar gut zu sein, aber niemals eben bis ans oberste Regal heranzureichen. Allein schon in der NFC North, der die Lions angehören, stand der Spielmacher stets im Schatten von Packers-Star Aaron Rodgers. Weil er zudem mit wilden Würfen auch viele Interceptions aneinandergereiht hat (144), gingen die örtlichen Medien teils hart mit ihm ins Gericht. Aber auch mit den Verantwortlichen der Lions. Eine Beispielschlagzeile: "Er war in der Hölle in Detroit - und sie (die Bosse; Anm. d. Red.) haben nie etwas für seine Karriere unternommen. Er hat deswegen nie ein bedeutendes Spiel in 'Motor City' gespielt."
Was zugegeben auch wirklich schwierig war: Denn Stafford hatte wirklich kaum eine wirklich schlagkräftige Truppe, die es weit hätte schaffen können - am ehesten vielleicht noch 2014 mit Akteuren wie "Megatron", Golden Tate, Ndamukong Suh, Ziggy Ansah oder Darius Slay.
2021 dann stand Stafford, der bei den Lions noch bis 2023 unter Vertrag war, mitten am Scheideweg: Wohin sollte seine Reise gehen? Seine Möglichkeiten: Dem abermals schwach aufgestellten Team aus Detroit die Treue halten und sich als langjähriger Franchise Quarterback in die ewigen Ranglisten spielen - oder aber Detroit den Rücken zukehren und sich einem absoluten Contender um den Super Bowl anschließen.
Die Wahl fiel auf Option 2! Für eine teure Investition vonseiten der Los Angeles Rams, die neben Draftpicks auch noch Jared Goff zu den Lions schickten, wandte sich Stafford am Ende tatsächlich vom US-Norden Richtung kalifornischer Traumverfolgung ab. Mit den Worten - zitiert in der "Detroit Free Press": Seine Liebe für den Ort, wo seine vier Töchter geboren wurden, sei unendlich groß - "und eigentlich hab' ich immer gedacht, dass ich hier für immer bleibe und wir in den nächsten zehn Jahren zwei Super Bowls gewinnen".
Doch es kam anders, was manche Fans goutierten, andere schlicht nur zur Kenntnis nahmen und andere als Verrat betrachteten. Stafford ergänzte beim Abschied nach den Gesprächen etwa mit Besitzerin Sheila Ford Hamp jedenfalls noch Folgendes: "Ich hätte niemals gedacht, dass ich meine Karriere woanders beenden würde." Doch er stand nunmal auch wenige Tage vor seinem 33. Geburtstag.
"In meinem Kopf fühlte ich, dass ich dem Team vielleicht sechs, sieben oder acht Spiele gewinnen werde, mehr Niederlagen lasse ich einfach nicht zu. Aber ich war auch nicht gut genug, um uns in meinem Kopf mehr zu gewinnen." Aus seiner Sicht stand also wieder eine Spielzeit ohne Endrundenticket bevor. "Und ich wollte immer in diesen großen Spielen dabei sein, weil ich mich da selbst übertreffen kann", so Stafford. Der Routinier wollte es 2021 einfach wagen, seinem möglicherweise einzigen Schuss in Richtung Super Bowl nachzujagen - und er hatte die Rams dafür als beste Wahl auserkoren.

Warum auch nicht? Seit Jahren investiert L.A. um den starken Head Coach Sean McVay (erst 36 und seit 2017 im Amt) kräftig, verkauft die ferne Zukunft in Form von Draftpicks quasi für den jetzigen Erfolg. Eine unglaubliche Statistik dazu: Seit Quarterback Goff, der letztes Jahr eben im Tausch für Stafford gegangen worden und 2016 First Overall Pick gewesen ist, haben die Rams keinen Erstrunden-Pick mehr gehabt - und werden wegen Stafford auch mindestens bis 2024 keinen mehr haben. Das ist ein gewaltiges Invest - und bislang ist nicht viel mehr herausgekommen als vier von fünf möglichen Play-off-Teilnahmen samt einem Super-Bowl-Auftritt (3:13 gegen die Patriots 2019).
Doch dafür stehen eben aktuell Spieler wie Star-Cornerback Jalen Ramsey, Star-Defensive-Tackle Aaron Donald, Star-Pass-Rusher Von Miller, Star-Receiver Odell Beckham Jr. und Star-Receiver Cooper Kupp im Kader. Obendrein verfügen die Kalifornier mit Cam Akers und Sony Michel auch über Running Backs - und ein Laufspiel hat es für Staffords Offense in Detroit quasi nie gegeben. Er hat vieles immer allein geregelt.
Umso glücklicher war er, dass die Lions auf das große Rams-Angebot überhaupt eingegangen waren: "Sie hatten alles Recht dazu, abzulehnen und mir zu sagen: 'Es tut uns leid, aber du hast noch zwei Jahre Vertrag hier und bleibst deswegen hier!'" Doch sie blockten nicht - und Stafford durfte sich sein neues Ziel quasi mit aussuchen. Denn nicht nur die Rams waren im Gespräch: "Ich dachte selbst an alles, an das auch alle anderen dachten. Indianapolis, San Francisco, Washington." Doch nur bei Los Angeles hatte er keine Zweifel, beim Rest war vieles noch unklar. Obwohl, Zweifel gab es schon auch hier: "Alles passte, ich wusste nur nicht, wie sie das alles stemmen können. Ich bin kein Cap-Space-Guru. Ich hab das dann einfach abgewartet - und Los Angeles hat aggressiv angebissen."
Das Resultat: Von Week 1 an integrierte sich Stafford bestens ins neue Gefilde - und die Rams-Fans, von denen viele Goff stets kritisch sahen, bekamen einen gestandenen Quarterback zu sehen. Zwar leistete sich der Routinier immer noch so einige wilde Interception (mit 17 zusammen mit Trevor Lawrence von den Jaguars die meisten in der Regular Season, darunter gleich vier Pick Sixes), dafür warf Stafford aber auch 41 Touchdowns. Nur Tom Brady hatte mit 43 mehr. Am Ende zog das Team aus L.A. relativ souverän mit 12:5 Siegen in die Play-offs ein und schlug dort der Reihe nach die Cardinals (34:11), die Buccaneers als Titelverteidiger um Brady (30:27) sowie die 49ers nach einer späten sowie hochspannenden Aufholjagd (20:17).

Damit sammelte Stafford nicht nur seine ersten Play-off-Siege überhaupt, sondern tütete zugleich seinen ersten Einzug in den Super Bowl ein - im Alter von seit Montag 34 Jahren. Seine bis dato angesammelten 49.995 Pass Yards und 323 Pass Touchdowns in seiner Regular-Season-Karriere führten letztlich doch zu seinem stets erträumten großen Ziel, mit solch hohen Werten hatte noch nie zuvor ein Quarterback erstmals ein Finale bestritten. Und das genau 365 Tage nach seiner Entscheidung für Option 2, die Entscheidung pro Rams. Denn wirklich genau am 30. Januar 2021 wurde der Trade zwischen Los Angeles und Detroit verkündet, am 30. Januar 2022 nun folgte der Rams-Einzug in den Super Bowl.
Das sei trotz der großen Star-Power im Team laut Rams-Cheftrainer McVay vor allem wegen Stafford gelungen. Angesprochen darauf, ob sich das große Invest vor einem Jahr Richtung Detroit ausgezahlt habe, antwortete der Head Coach deutlich mit großem Lob für seinen Schützling: "Was denkt ihr, ist die Antwort? Wir haben den Plan damals verfolgt, weil man einen Spieler von seiner Größe nicht oft bekommt. Das passiert nicht oft. Was ihn auszeichnet: Er macht jeden um sich herum besser. Er hat auch mich zu einem besseren Trainer gemacht. Er ist einfach ein großartiger Mensch. Wenn man nicht für ihn ist, dann läuft was falsch."
Seine Play-off-Bilanz mit den Rams von sechs TD-Pässen, zwei eigenen TD Rushes in die Endzone bei nur einer Interception seien dafür Beweis genug. McVay: Man rede hier von einem wahren Meister seines Fachs. "Er ist ein großartiger Wettkämpfer." Seine Aufforderung deswegen: "Liebt alle Matthew Stafford!"
Und siehe da: Auch viele Lions-Fans lieben ihren Stafford noch immer und haben angekündigt, für ihn zu jubeln, wenn es die Rams in der Nacht von Sonntag auf Montag (0.30 Uhr, LIVE!-Ticker bei kicker bereits ab 23 Uhr) im heimischen SoFi Stadium mit den Cincinnati Bengals zu tun bekommen. Er hat schließlich in all den zwölf Jahren stets alles gegeben für die Lions, kaum ein Spiel verpasst und sich darüber hinaus auch sehr engagiert in der Stadt zum Beispiel bei sozialen Projekten gezeigt.
Über den Zuspruch aus "Motor City" zeigt sich vor allem Ehefrau Kelly Stafford hocherfreut: "Ihr glaubt gar nicht, wie viel ihr uns alle in den zwölf Jahren bedeutet habt. Detroit wird für immer unsere Heimat bleiben." Und so würde im Falle eines Super-Bowl-Sieges von Stafford die Vince Lombardi Trophy zumindest gedanklich auch ein stückweit nach Detroit gehen - denn dort ist der Quarterback groß geworden und zu dem erfahrenen sowie "großartigen Wettkämpfer", mit dem die Rams nun ins oberste Regal greifen.
Markus Grillenberger