31.08.2022
NFL 2022: Ist Buffalo der Top-Favorit?
Die Bills finden sich in ungewohnter Rolle wieder, bei den Patriots ist der schwerwiegendste Abgang kein Spieler, die Dolphins haben mächtig aufgerüstet und die Jets leiten die nächste Frischzellenkur ein. Die vier Teams der AFC East im kicker-Check.

Für viel Spannung stand die AFC East in diesem Jahrtausend eher selten. Zu dominant waren die New England Patriots, zu schwach der Rest der Division. Spätestens mit dem Abgang von Tom Brady hat sich das aber geändert. In der vergangenen Saison lagen Bills, Patriots und Dolphins am Ende nur zwei Siege auseinander, alle drei gehen auch in diese Saison mit Play-off-Ambitionen. Ob es an der Spitze der Division aber wieder so eng wird wie 2021? Daran hegen sich berechtigte Zweifel ...
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Was noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien, ist im Sommer 2022 Realität: Die Buffalo Bills sind der Top-Favorit auf den Super Bowl. Nicht nur bei den Buchmachern in Las Vegas, auch bei einer Vielzahl von US-Experten rangiert das lange Zeit so chronisch erfolglose Team ganz oben in den Rankings - obwohl in der vergangenen Saison ein denkwürdiges Offensivspektakel gegen Kansas City mit dem Aus schon in der Divisional Round endete. Doch in der Offseason haben die Bills klar gemacht, dass sie in dieser Saison zum Angriff auf den ersten Super-Bowl-Triumph der Franchise-Geschichte (Anfang der 90er Jahre viermal am Stück im Finale unterlegen) blasen.
In Pass Rusher Von Miller kam ein NFL-Schwergewicht, das genau weiß, wie man Titel gewinnt. Nach Millers Verpflichtung besteht kaum ein Zweifel daran, dass der vom wurfgewaltigen Quarterback Josh Allen angeführte Kader der stärkste der NFL ist. Schwachstellen? Eigentlich keine, sollte Cornerback TreDavious White nach seinem Kreuzbandriss wieder sein angestammtes Niveau erreichen. Wenn die Offense dann auch noch den Abgang von Offensive Coordinator und Allen-Flüsterer Brian Daboll (jetzt Giants-Head-Coach) verkraftet, könnte es tatsächlich ein geschichtsträchtiges Jahr für Buffalo werden.
Ob Mac Jones jemals annähernd an Tom Brady heranreichen kann - unwahrscheinlich. Doch der junge Quarterback der Patriots hat in seinem Rookie-Jahr eindrucksvoll bewiesen, dass die Patriots ohne Brady nicht die Patriots ohne Chance sind. Nun muss der spielintelligente, aber wenig athletische Jones seine Kritiker erneut widerlegen und zeigen, dass er auch noch das Steigerungspotenzial besitzt, das ihm viele vor dem Draft 2021 abgesprochen haben. Dafür sollte ihm ein durch die Verpflichtung von DeVante Parker (aus Miami) zumindest leicht verbessertes Receiving-Corps sowie eine starke O-Line und ein funktionierendes Laufspiel zur Verfügung stehen.

Als problematisch für Jones könnte sich jedoch der Abgang von Offensive Coordinator Josh McDaniels in Richtung Las Vegas herausstellen, dem ein großer Anteil der Erfolge der Ära Brady zugerechnet wird. Trainer-Legende Bill Belichick muss also einmal mehr beweisen, dass er kreative Lösungen finden kann. Das gilt auch für die Defense, in der Cornerback JC Jackson (jetzt LA Chargers) eine klaffende Lücke hinterlässt. Zwar haben die Patriots noch immer einen erfahrenen und gut strukturierten Kader, die Star-Power früherer Jahre ist jedoch abhandengekommen. So scheint das Potenzial nach oben hin begrenzt - außer Jones entpuppt sich doch als zweiter Brady.
Wohl kaum ein Spieler steht vor der neuen Saison so im Fokus wie Tua Tagovailoa. Nach zwei von Verletzungen und Leistungsschwankungen geprägten Jahren heißt es für den jungen Quarterback: "Make or break". Das Regime in Miami hat ordentlich aufgerüstet und dem Linkshänder in der Offseason hochkarätige Unterstützung zur Seite gestellt: Tyreek Hill (per Trade aus Kansas City gekommen) unterschrieb den höchstdotierten Receiver-Vertrag der NFL-Geschichte, Offensive Tackle Terron Armstead (zuletzt New Orleans) soll Tagovailoa die dringend benötigte Pass Protection verschaffen, der neue Head Coach Mike McDaniel (zuletzt San Francisco) frischen Wind ins Playcalling bringen.
Für den Quarterback ist die Zeit der Ausreden damit vorbei. Sollte er trotz hervorragendem Waffenarsenal, verbesserter O-Line und neuem Schema nicht überzeugen, könnten seine Tage als Starting Quarterback des Teams am Ende der Saison - oder mitunter schon währenddessen - gezählt sein. Gelingt der erhoffte Leistungssprung hingegen, dürfte das explosive Receiving-Corps aus Hill und Jaylen Waddle sowie die überdurchschnittliche Defense um Cornerback Xavien Howard die Dolphins in die Play-offs führen.
Eines der über Jahre hinweg schlechtesten Roster der NFL hat im Sommer eine weitere Frischzellenkur bekommen. Alleine drei First-Round-Picks hatten die Jets im Draft zur Verfügung, investierten diese durchaus sinnvoll in die drei Premium-Positionen Cornerback (Ahmad Gardner), Wide Receiver (Garrett Wilson) und Pass Rusher (Jermaine Johnson). Das Trio soll nun möglicht schnell für eine dringend benötigte Qualitätssteigerung sorgen: In fünf der letzten sechs Jahre wurden die Jets Letzter der Division, auf eine Play-off-Teilnahme wartet man schon seit 2010/11 und damit länger als jedes andere NFL-Team.
Dass sich daran in dieser Saison etwas ändert, erscheint aber höchst unwahrscheinlich, denn die Vorbereitung verlief wieder mal suboptimal - um nicht zu sagen: Jets-like. Der junge Quarterback Zach Wilson, nach einer wackligen Rookie-Saison ohnehin ein Fragezeichen, verletzte sich in der Preseason am Knie und verpasst womöglich den Saisonauftakt, sein Left Tackle Mekhi Becton wird wegen einer zertrümmerten Kniescheibe wohl die gesamte Spielzeit ausfallen. Für die Jets kann es wohl wieder nur darum gehen, einen weiteren Entwicklungsschritt zu gehen, um die Dürrephase in nicht allzu ferner Zukunft zu beenden.
mib