07.09.2022
NFL 2022: Vier Titelkandidaten in einer Division?
Auf keine Division blickt die NFL vor Saisonstart so gespannt wie auf die AFC West. In der Offseason hat eine regelrechte Star-Wanderung in den Westen eingesetzt - und alle vier Teams haben hohe Ziele.

Aus der AFC West wurde in diesem Sommer die "AFC Best". Schon in den vergangenen Jahren zählte die Division zu den stärkeren der Liga, in dieser Offseason hat sie sich - zumindest auf dem Papier - endgültig zum Powerhouse der NFL verwandelt. Raiders, Chargers und Broncos rüsteten jeweils mit großen Namen auf - und die Chiefs sind noch immer die Chiefs. Unter dem Strich stehen vier Teams, die jeweils den Anspruch haben, in die Play-offs zu kommen. Mindestens. Enttäuschungen dürften also nicht ausbleiben ...
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Vielleicht zum ersten Mal in der Ära Patrick Mahomes ziehen in der NFL-Landschaft Prognosen über einen Rückschritt der Chiefs auf. Kansas City ist nicht mehr der Top-Favorit in der AFC, der es in den vergangenen Jahren meistens zu Saisonstart war. Das liegt vor allem daran, dass Mahomes nun ohne seine wohl gefährlichste Waffe auskommen muss: Wide Receiver Tyreek Hill wechselte per Trade nach Miami, die schier unaufhaltsame Kombination Raketen-Arm zu Überschall-Speed ist aufgelöst.
Da der schnellste Spieler der NFL schon per Definition nicht zu ersetzen ist, haben die Chiefs ihr Receiving Corps in der Breite gestärkt. Marquez Valdes-Scantling hat sich in Green Bay den Ruf eines passablen Deep Threats erarbeitet, JuJu Smith-Shuster (zuletzt Pittsburgh) und Rookie Skyy Moore sollen gemeinsam mit Mecole Hardman und Star-Tight-End Travis Kelce zuverlässige Anspielstationen für Mahomes bilden. Ob es mit der dritten Super-Bowl-Teilnahme binnen vier Jahren klappt, dürfte aber entscheidend von der Defense abhängen, wo sich die beiden Leistungsträger Tyrann Mathieu und Charvarius Ward verabschiedet haben. Die beiden First-Round-Picks Trent McDuffie (Cornerback) und George Karlaftis (Pass Rusher) müssen auf Schlüsselpositionen wohl direkt abliefern.
Fresno State prägt künftig die NFL. Das kalifornische College ist eigentlich ein eher kleiner Punkt auf der Football-Landkarte, doch 2022 wird er Las Vegas beherrschen. Von 2011 bis 2013 warf hier Derek Carr Bälle auf Davante Adams, durch die spektakuläre Verpflichtung von Letzterem aus Green Bay sind die beiden befreundeten Profis nun bei den Raiders vereint. Ein Team, das in der vergangenen Saison trotz des Chaos' um Ex-Trainer Jon Gruden unter Interimstrainer Rich Bisaccia die Play-offs erreichte, hat nun in Adams also noch den vielleicht besten Wide Receiver der NFL dazu bekommen - die Erwartungen sind hoch bei der traditionell glamourösen Franchise.
Schließlich eilt dem neuen Head Coach Josh McDaniels als langjährigem Offensive Coordinator in New England und Brady-Flüsterer ein exzellenter Ruf voraus - und neben Adams hat Carr in Slot Receiver Hunter Renfrow und Tight End Darren Waller ein prall gefülltes Waffenarsenal zur Verfügung. Allerdings haben die Raiders auch unübersehbare Schwachstellen: Die Offensive Line gehört zu den schwächsten der NFL, die Defense verfügt mit Chandler Jones und Maxx Crosby zwar über einen starken Pass Rush, aber auch über große Fragezeichen auf Linebacker und in der Secondary. Ob Adams und McDaniels die Achillesfersen überspielen können?
Es kommt eher selten vor, dass ein Team die Play-offs verpasst - und im Vorfeld der nächsten Saison zum engen Favoritenkreis auf den Super Bowl zählt. Doch einerseits wusste im Vorjahr eigentlich niemand so genau, warum die Chargers nur neun Spiele gewannen - und andererseits hat das oft glücklose Franchise seitdem mächtig aufgerüstet. Vor allem die im Vorjahr anfällige Defense erhielt Star-Power: Der ehemalige Defensive Player Of The Year Khalil Mack kam aus Chicago und bildet nun gemeinsam mit Joey Bosa eines der gefährlichsten Pass-Rush-Duos der Liga, zudem verpflichteten die Chargers in J.C. Jackson aus New England einen der besten Cornerbacks der NFL.
Die große Hoffnung liegt aber auf der Offense - und vor allem auf dem Quarterback. In seinen zwei NFL-Jahren hat Justin Herbert bewiesen, dass er der neue Star in Los Angeles ist. Keinen Wurf beherrscht das 24-jährige Ausnahmetalent nicht, Steigerungspotenzial ist noch immer da. Gemeinsam mit dem Receiver-Duo aus Mike Williams und Keenan Allen, Running Back Austin Ekeler und dem risikofreudigen Head Coach Brandon Staley dürfte Herbert wieder eine der sehenswertesten Offensiven der Liga anführen. Fragt sich nur, ob es die Chargers endlich schaffen, guten Football auch in gute Ergebnisse umzuwandeln. Denn wenn das gelingt, steht dem Team tatsächlich alles offen.
Gutes Team, schlechter Quarterback: Vereinfacht lassen sich die letzten sechs Jahre der Denver Broncos so auf den Punkt bringen. Seit Peyton Manning mit dem Sieg in Super Bowl 50 abtrat, suchte das Franchise vergeblich nach einem Nachfolger - und verpasste stets die Play-offs. Mittlerweile warten nur die New York Jets noch länger auf die Postseason. Um nun einen Schlussstrich zu ziehen, machte das Team Ernst und sorgte mit der Verpflichtung von Russell Wilson von den Seattle Seahwaks für den wohl größten Quarterback-Trade der letzten Jahre.
Ob der in der vergangenen Saison verletzungsgeplagte Wilson in Denver an seine besten Zeiten anknüpfen kann, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie Nathaniel Hackett mit seiner neuen Rolle als Head Coach zurechtkommt. Zuletzt fungierte er als Offensive Coordinator der Green Bay Packers, war dort aber nicht für das Playcalling verantwortlich. Sollte es beim Duo auf Anhieb Klick machen, ist ein Ende der Play-off-Dürre nicht unrealistisch. Um Wilson herum versammelt sich ein solides Team ohne viele Stars, aber auch ohne viele Schwachstellen. Die Secondary um Cornerback Pat Surtain und Safety Justin Simmons hat das Potenzial, zum Prunkstück zu werden.
mib