13.11.2022
Auch der Fußball will profitieren
Am Sonntag trägt die NFL erstmals ein offizielles Spiel in Deutschland aus. Die Sportart ist auf dem Vormarsch - und auch der Fußball will davon profitieren.

Im Sommer wurde viel Beton gegossen in München. Während die Profis des FC Bayern bei der Nationalmannschaft oder im Sommer-Urlaub weilten, bekam das Feld in der Allianz-Arena ein neues Fundament. Länger musste der Platz werden und Löcher musste er bekommen, um Torstangen einsetzen zu können. Alles für dieses historische Spiel am Sonntag: Erstmals trägt die National Football League, die größte amerikanische Sportliga, ein reguläres Spiel auf deutschem Boden aus.
Star-Quarterback Tom Brady, der erfolgreichste Footballprofi der Geschichte, trifft mit seinen Tampa Bay Buccaneers in der Allianz-Arena auf die Seattle Seahawks. Die Tickets waren binnen weniger Minuten vergriffen, der NFL zufolge hätten drei Millionen Karten verkauft werden können.
Das Interesse am Spiel ist riesig, der Aufwand ist es auch. Statt zwei Fußballmannschaften mit je 20 Spielern müssen bei einer NFL-Partie zwei Teams mit je 53 Spielern und entsprechend größerem Trainerstab Platz finden. Das erforderte Umbaumaßnahmen nicht nur am Feld, sondern auch in den Kabinen. In der Arena wurden Wände eingerissen, neue Duschen gebaut. Bezahlt hat dafür die NFL. "Im besten Fall gehen wir mit einer schwarzen Null raus", sagt Alexander Steinforth, General Manager der NFL in Deutschland. Profit aus dem München-Spiel erwartet er nicht, das Ziel ist ein anderes. "Das Fan-Wachstum", so Steinforth, "steht bei uns an Nummer eins."
Seit etlichen Jahren verfolgt die Liga das Ziel, den Lieblingssport der US-Amerikaner global aus der Nische zu holen. Ein ambitioniertes Vorhaben. Aber eines, das sich wieder auf einem guten Weg befindet, nachdem die ersten Versuche zwischenzeitlich eingestampft wurden. Ab den 1990er Jahren versuchte es die NFL erst mit der World League of American Football, dann mit der NFL Europe, die schließlich 2007 eingestellt wurde.
Aktuell gibt es in Europa die von der NFL unabhängige European League of Football, kurz ELF. Die ersten zwei Saisons sind vorbei, für die dritte wird die Liga von zwölf auf 18 Teams aufgestockt. "Die Liga wird auf Sicht eine richtige Konkurrenz zu einigen anderen Sportarten werden, aber nicht für den Fußball", sagt Martin Bader im kicker-Interview. Der langjährige Fußball-Funktionär (u.a. Nürnberg, Hannover, Kaiserslautern) engagiert sich mittlerweile beim ELF-Team Frankfurt Galaxy. "Durch die NFL-Präsenz mit den Spielen in Deutschland wird der Football sicherlich noch mehr Aufmerksamkeit erfahren."
London ist schon seit 15 Jahren Spielort, nun werden die Quarterbacks abwechselnd in München und Frankfurt die Bälle werfen. Insgesamt vier Spiele in den nächsten vier Jahren sind vereinbart - mindestens. "Wir würden uns nicht über noch mehr Deutschland-Spiele beschweren", sagt Steinforth. "Es geht jetzt darum, gute Argumente zu liefern, um vielleicht das ein oder andere Spiel zusätzlich zu bekommen."
Der große Andrang auf die Tickets war ein solches. Umfragen, nach denen American Football hinter Fußball schon die TV-Sportart Nummer zwei in Deutschland ist, ein anderes.
Die NFL setzt dabei ganz gezielt auf die ur-amerikanische Einbindung des Faktors Unterhaltung. "In anderen Sportarten wird das kritisch gesehen, wir wollen es aber fest verankern", erklärt Steinforth, der vor Kick-off des München-Spiels ein Kurz-Konzert von Rapper Cro stattfinden lässt. "Diese Kombination aus Sport und Entertainment ist Teil unserer DNA."
Beim FC Bayern hätte man sicher nichts gegen zusätzliche Deutschland-Spiele. Der Verein hat eine Kooperation mit dem NFL-Team Kansas City Chiefs, auch Coach Julian Nagelsmann gilt als großer Football-Fan. In Frankfurt wird die NFL ebenfalls mit offenen Armen empfangen: Die Eintracht organisiert extra für das NFL-Spiel in München ein großes Public Viewing im Stadion. "Wir sind total begeistert und sehr stolz, dass sich die NFL entschieden hat, in den nächsten vier Jahren zwei Spiele in Frankfurt auszutragen", sagt Eintracht-Vorstandssprecher Axel Hellmann.
Im September verständigten sich die Deutsche Fußball Liga und die NFL auf eine Zusammenarbeit. Seit 2018 unterhält die DFL ein Büro in New York als Anlaufstelle für die Medien- und Marketingpartner im nord- und südamerikanischen Raum. Durch die neue Partnerschaft verspricht man sich mehr Sichtbarkeit auf dem US-Markt, wo die DFL und die NFL in ESPN den gleichen Medienpartner besitzen.
Könnte aus der Partnerschaft womöglich eine Konkurrenzsituation werden, wenn der Football-Markt noch weiter wächst? Davon will man auch bei der NFL Deutschland nichts wissen. "Wir sind davon überzeugt, dass es mit dem Fußball Hand in Hand geht. Für uns geht es darum, die Sportarten auch ein bisschen zusammenzubringen", meint Manager Steinforth. Man sei "nicht der Auffassung, dass es nur eine Sportart geben kann. Leute, die Netflix haben, können ja gleichzeitig auch Spotify haben."
Michael Bächle, Michael Ebert