15.01.2023
Rookie-Quarterback der San Francisco 49ers schreibt Geschichte
Die San Francisco 49ers haben zum Play-off-Auftakt in der NFL gezeigt, warum sie ein Top-Anwärter auf den Super Bowl sind. Und das mit drittem Quarterback. Rookie Brock Purdy hat in seinem siebten Spiel allerdings einmal mehr gezeigt, dass der Beiname "Mr. Irrelevant" nichts mit ihm zu tun hat.

Zwei Athleten reiten die Erfolgswelle der San Francisco 49ers aktuell vorne weg: Christian McCaffrey und Brock Purdy.
Während der mitten in der Regular Season beim Siegverhältnis von 3:4 von den Carolina Panthers geholte Running Back seit seiner Ankunft jedes Spiel gewonnen hat (elf am Stück), zeigt der Quarterback auch zum Play-off-Beginn Eiseskälte am Abzug. Nach womöglich leichtnervösem Beginn - einige Pässe kamen nicht, Entscheidungen wurden falsch getroffen - drehte Purdy beim Heimspiel gegen die Seattle Seahawks besonders nach der Halbzeitpause auf. Am Ende trug sich der an letzter Stelle gedraftete Profi (7. Runde, 262. Stelle), der deswegen obligatorisch den Beinamen "Mr. Irrelevant" erhält, mit famosen 332 Passing Yards und vier Total Touchdowns ein.
Starke Würfe, clevere Körperdrehungen, lässige Trippelschritte zum Ausweichen vor anstürmenden Gegnern ("quarterback scrambles") - all das legte der 23-Jährige vor 71.299 im heimischen Levi's Stadium auf den Rasen und führte sein Team so zum letztlich ungefährdeten 41:23 gegen den direkten NFC-West-Rivalen aus Seattle, der damit in dieser Saison gleich dreimal von San Fran besiegt wurde.
Und genauso cool, wie sich Purdy schon bei seinen ersten sechs NFL-Spielen gegeben hatte, so lockerleicht kam er auch kurz nach Spielschluss daher. Mit einem kurzen Twitter-Video richtete er dabei einige Worte an die eigenen Fans: "Mein erstes Play-off-Spiel ist rum - Bang Bang Niner Gang! Wir haben gewonnen, jetzt lasst uns genau da weitermachen."
Heißt im Umkehrschluss: Purdy und die 49ers glauben selbst felsenfest daran, dass in diesem Jahr der ganz große Wurf Richtung erstem Super-Bowl-Titel seit 1994/95 (49:26 damals gegen die Chargers mit Quarterback-Legende Steve Young) gelingen kann. Ob der Rookie-Spielmacher ebenfalls das Zeug zur kalifornischen Legende hat? Das lässt sich noch lange nicht sagen. Purdy hat es aber binnen weniger Wochen geschafft, dass keiner mehr über die fehlenden Anführer spricht. Schließlich ist Purdy eigentlich der Ersatzmann vom Ersatzmann, doch sowohl der als Starting Quarterback auserkorene Trey Lance (Knöchelbruch) als auch der letztlich doch gebliebene Jimmy Garoppolo (Fußbruch) hatten sich im Saisonverlauf verletzt und so erst die unverhoffte Chance für den Neuling ermöglicht.
In jedem seiner bisherigen Partien hat Purdy nun mindestens zwei Touchdown-Pässe geworfen, hat zudem als erster Rookie der Geschichte in seinem ersten Play-off-Spiel für drei TDs geworfen und ist dazu noch zu einem weiteren Score selbst gelaufen. Ach und: Die Liste der Niners-Spielmacher, die in einem Endrundenspiel mindestens 300 Yards, drei TDs und keine Interception geworfen haben, ist nach den großen Namen Joe Montana (vier Titel) und dem bereits erwähnten Young (drei) nun mit dem Namen Purdy verlängert worden.
Allein der Vergleich mit Garoppolo, der schon seit 2014 in der Liga ist, hinter Tom Brady zweimal den Super Bowl gewonnen hat und seit 2017 für die Niners aufläuft, fällt eindeutig aus. Während der 31-jährige Routinier, der die Hoffnung auf einen Lauf zum Titel in Kalifornien nicht erfüllt hat, in seinen sechs bisherigen Play-off-Einsätzen auf nur 160 Yards im Schnitt und insgesamt nur vier Touchdowns neben ganzen sechs Interceptions kommt, reicht dem Neuling eine Partie zum Überholen. 332 Yards, vier Total TDs, kein Pick - Hut ab.

"Wir haben das Ziel, das ganze Ding zu gewinnen", sagte Purdy nun außerdem noch bei "ESPN" und unterstrich damit seine selbstbewusste Haltung. "Ich habe ein großartiges Team um mich, im Angriff und in der Abwehr. Das ist hier keine One-Man-Show. Das ist Play-off-Football, da muss jeder sein bestes Spiel machen." Eben auch er, was er bei seinem ersten Auftritt eindrucksvoll unterstrichen hat.
"Er ist der Grund, warum wir überhaupt eine Chance auf den Titel haben", sprach zudem auch 49ers-Linebacker Fred Warner (26) nur in den höchsten Tönen vom jungen Spielmacher: "Das Selbstvertrauen, wie er Woche für Woche auftritt, das ist beeindruckend."
Doch wie geht es weiter? Sicher scheint, dass "Jimmy G" (Garoppolo) in dieser Offseason zu einem anderen Team gehen wird. Dann muss allerdings gecheckt werden, wie fit der eigentlich als Starter vorgesehene Lance (Third Overall Pick im Draft 2021) zurückkommt - und austariert werden, ob eventuell auch Purdy eine langfristige Lösung im erfolgreichen System von Head Coach Kyle Shanahan sein kann. Zudem kursieren seit gestrigem Samstag Meldungen, wonach sich San Francisco nach dem in Kalifornien als Montana-Fan aufgewachsenen Tom Brady erkundigen soll. Der 45-jährige Spielmacher, ausgestattet mit sieben Super-Bowl-Ringen, wird die ebenfalls noch in den Play-offs vertretenen Tampa Bay Buccaneers höchstwahrscheinlich verlassen - und dann womöglich weitermachen. Auch die Las Vegas Raiders sollen hier allerdings an einer Verpflichtung der nimmermüden Legende interessiert sein.
mag