09.10.2023
"Mr. Irrelevant" hat noch immer kein komplettes Spiel verloren
Klar, die San Francisco 49ers sind ganz besonders wegen Head-Coach-Mastermind Kyle Shanahan so stark. Und wegen Christian McCaffrey. Und wegen Nick Bosa. Und wegen Fred Warner. Überhaupt wegen der Defense. Doch auch wegen Quarterback Brock Purdy?

Auch wenn in San Francisco in den letzten Jahren arge Unbeständigkeit auf der Quarterback-Position vorgeherrscht hatte - großes Drama in den diesjährigen Play-offs beim Duell mit den Philadelphia Eagles (7:31) -, läuft es doch insgesamt seit geraumer Zeit auf dieser Position.
Warum? Weil Head Coach Kyle Shanahan Ende der vergangenen Regular Season aus der Not eine Tugend gemacht hatte und den damaligen Rookie Brock Purdy als neuen Starter nach den Ausfällen von Trey Lance (inzwischen zweiter Backup bei den Dallas Cowboys) und Jimmy Garoppolo (Las Vegas Raiders) auserkoren hatte. Doch nicht irgendeinen Rookie: Purdy war im NFL-Draft 2022 in der 7. Runde als 262. Pick gezogen worden - also als letzter Spieler mit dem Zusatznamen "Mr. Irrelevant".
"Es hat mich nicht gekümmert, an welcher Stelle und in welcher Runde ich gepickt werde", so Purdy Ende Dezember 2022. "Ich dachte immer nur daran, dass ich da rausgehen und eine Chance will, mich auf diesem Niveau zu beweisen. Das ist meine Mentalität."
Und diese Chance kam nicht nur, sie wurde vom Mann vom College Iowa State am Schopfe gepackt und eindrucksvoll genutzt: Auf 14 Regular-Season-Einsätze für die Niners bringt es der 23-Jährige inzwischen - und hat sie alle gewonnen (fast 70 Prozent Passquote, 2645 Yards, 22 Passing Touchdowns, nur vier Interceptions). Allein in dieser noch jungen Saison steht der Quarterback sogar noch gänzlich ohne Pick da - und erreichte in dieser Week 5 im mit Spannung erwarteten sowie letztlich überdeutlichen NFC-Showdown gegen die Dallas Cowboys (42:10) famose vier TDs plus 252 Yards.
Rechnet man noch die drei Play-off-Spiele Anfang dieses Jahres dazu, folgen noch zwei Erfolgserlebnisse mehr - und eben das Verletzungsdrama beim NFC-Finale in Philadelphia, als es ihn nach vier von vier angebrachten Pässen frühzeitig am Ellenbogen erwischt hatte und dieser Auftritt im Grunde nicht als richtiger gezählt werden kann (auch wenn er das statistisch natürlich tut).
Die große Frage aber, die Purdys noch junge NFL-Karriere stets begleitet: Ist der Spielmacher ein Top-Mann oder nur ein solide funktionierendes Teil in einer perfekt geölten Niners-Maschinerie? Also in dem schier nicht von Top-Coach Kyle Shanahan erdachten, erstellten und auf dem Rasen angeleiteten Geflecht. Der Trainer hatte sich auf jeden Fall in der Offseason frühzeitig darauf festgelegt, Purdy auch in Zukunft als klaren Starting Quarterback zu sehen und den einstigen Hoffnungsträger Lance Richtung Dallas zu schicken.

Apropos Dallas: Das jetzige Duell mit den Cowboys war bereits Purdys zweites - nach dem knappen 19:12 in der Divisional Round Ende Januar 2023, als er nichts Großes zustandegebracht hatte abgesehen von 214 Yards. Nach seiner Gala nun gegen die Texaner erinnerte sich auch Head Coach Shanahan nochmals an damals und meinte gegenüber US-Medien: "Das (Play-off-Spiel; Anm. d. Red.) war wahrscheinlich sein schlechtestes NFL-Spiel bislang. Ihn dann heute zu sehen ... Er war absolut bereit, er hat alles getroffen und hat den Ball nicht hergegeben."
Doch zurück zu den Kritikern, die sich seit Monaten immer wieder fragen: Ist der in seinen ersten zehn NFL-Starts achtmal mit mindestens zwei TDs erfolgreiche Purdy (NFL-Rekord seit 1950 zusammen mit Kurt Warner und Deshaun Watson) ein Franchise-Quarterback à la Joe Montana, Tom Brady, Peyton Manning, Patrick Mahomes & Co.? Viele sehen eben schlicht nur einen sauber ausführenden Arm von Coach Shanahan.
Und das sieht man in San Franciscos Lager naturgemäß gänzlich anders. So etwa Fullback Kyle Juszczyk: "Er ist einfach so beständig - und er geht einfach weiter jedes Mal da raus und beweist den Leuten (den Kritikern an seiner Person; Anm. d. Red.) das Gegenteil. Umso mehr freu ich mich, dass er heute hier auf der großen Bühne (Sunday Night vor Millionen von Zuschauern; Anm. d. Red.) rausgegangen und vier Touchdowns geworfen hat. Es ist auch nicht so, als kümmere ihn das, was über ihn geredet wird - aber er verdient meiner Meinung nach mehr Respekt, als ihm entgegengebracht wird. Und ich hoffe, dass er nun nach diesem Spiel etwas mehr davon bekommt."
Safety Tashaun Gipson findet über seinen Spielmacher, der ligaweit etwa auf Rang 2 in Sachen Yards pro Wurf (9,3) oder Passquote (72,1 Prozent) sowie auf Platz 8 bei den erreichten Yards mit 1271 liegt, gar: "Brock Purdy spielt auf MVP-Level. Er beschützt den Ball und macht saubere Spielzüge. Er ist nicht nur ein Spielverwalter. Er liefert ab. Und ich denke, er erhält nicht genug Anerkennung dafür."
mag