04.02.2026
Unwahrscheinliches Comeback des Quarterbacks
Mit seinem fünften Team hat Sam Darnold (28) den Super Bowl erreicht. Sein Weg von der Lachnummer zum Champion sagt auch einiges über den Sport an sich aus.

Vom Abgeschriebenen zum Angepriesenen: Es sind diese Geschichten, die in den USA immer gut ankommen. Die es sogar in die Kinos schaffen. Unter dem Titel "American Underdog" wurde vor einigen Jahren die Cinderella-Story des ehemaligen NFL-Quarterbacks Kurt Warner vom No-Name zum MVP und Super-Bowl-Sieger verfilmt. Wer die Laufbahn von Sam Darnold mal auf die Leinwand bringen sollte, könnte den Streifen "American Turnaround" nennen.
Wer noch vor zwei Jahren ein paar Dollar darauf gesetzt hätte, dass Darnold ein Team in den Super Bowl führt, der könnte sich jetzt wohl ziemlich problemlos ein Ticket für das Endspiel leisten, in dem der 28 Jahre alte Spielmacher die Seattle Seahawks gegen die New England Patriots anführen wird. "Er hat eine Menge Leute zum Schweigen gebracht", sagt Seahawks-Coach Mike Macdonald über seinen Quarterback.
Der klassische Underdog ist Darnold aber nicht. Im NFL-Draft 2018 wird er von den New York Jets bereits an dritter Stelle ausgewählt - und damit vor anderen Quarterbacks wie Josh Allen oder Lamar Jackson, die sich in der Folge zu den beiden vielleicht besten Spielmachern der heutigen NFL entwickeln. Und trotzdem ist es jetzt Darnold, der als erster Quarterback der 2018er-Klasse im Super Bowl steht. Allerdings nach einigen Umwegen.
Bei seinem Debüt ist Darnold mit 21 Jahren einer der jüngsten Quarterbacks, die jemals in der NFL starten. Seine Unerfahrenheit und die schlechten Umstände in New York erweisen sich als fatale Mischung. Regelmäßig wirkt Darnold überfordert. Nach einer seiner vielen Interceptions sagt er an der Seitenlinie konsterniert: "Ich sehe Geister". Kurz zuvor war er mehrere Wochen wegen Pfeifferschem Drüsenfieber ausgefallen, in den USA auch als "Kusskrankheit" belächelt.
Wer sich damit ansteckt, schlecht spielt und dann auch noch Geister sieht, muss sich in einer Stadt wie New York nicht mehr um den Spott kümmern. Darnold ist eine Lachnummer. 2021 schicken ihn die Jets endgültig weg, per Trade zu den Carolina Panthers. Viel besser läuft es auch da nicht, zwei Jahre später ist Darnold nur noch Ersatz-Quarterback bei den San Francisco 49ers, das Label des "Draft Bust" klebt ihm an den Fersen.
Vielleicht hätte er es nie abgeschüttelt, wenn nicht das Pech eines Konkurrenten plötzlich Darnolds Karriere gerettet hätte. Als er 2024 zu den Minnesota Vikings wechselt, ist er wieder nur als Ersatzmann eingeplant, dann verletzt sich Rookie J.J. McCarthy in der Vorbereitung schwer. Also darf Darnold ran - und zeigt, warum Football oft als "ultimativer Mannschaftssport" bezeichnet wird: Bei den Jets und Panthers war er in schwachen Teams untergegangen, bei den Vikings überzeugt er mit gutem Coaching, einer soliden O-Line und herausragenden Receivern.
So werden vor knapp einem Jahr auch die Seahawks auf Darnold aufmerksam - ein Glücksgriff für beide Seiten: Darnold spielt bei seinem inzwischen fünften Team zwar nicht oft fehlerfrei, aber er verliert nie den Mut, ins Risiko zu gehen. Wie man mit Rückschlägen umgeht, weiß er schließlich. Im Conference Championship gegen die Los Angeles Rams zeigt er vielleicht das beste Spiel seiner Karriere, führt Seattle in den Super Bowl - und wird danach wieder angesprochen auf die Geister, die er einst sah.
"Damals gab es vieles, das ich nicht wusste", reflektiert er. Wie viel er dazugelernt hat, kann er im Super Bowl zeigen. Der Gegner in seinem persönlichen Geister-Spiel 2019 übrigens: Die New England Patriots.
Michael Bächle