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    NFL

    vor 13 Stunden

    Erste Bilanz

    Der Kubiak-Kater: Hat Seattle seine offensive Identität verloren?

    Sieben Spiele, vier Siege und drei Niederlagen. Die Bilanz der Seattle Seahawks sieht zunächst durchschnittlich aus. Wer die Spiele verfolgt hat, dürfte trotzdem das Gefühl haben, dass hier etwas nicht zusammenpasst. Die Defense spielt weiterhin auf einem Niveau, mit dem Seattle jedes Spiel gewinnen kann. Die Offense schafft es dagegen immer seltener, daraus Kapital zu schlagen. Besonders deutlich wurde dies bei der 14:17-Niederlage gegen die Denver Broncos.

    NFL, American Football Herren, USA Super Bowl LX-Seattle Seahawks press conference, PK, Pressekonferenz Feb 5, 2026; San Jose, CA, USA; Seattle Seahawks offensive coordinator Klint Kubiak talks to media members at the San Jose Marriott. San Jose San Jose Marriott CA USA, EDITORIAL USE ONLY PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xDarrenxYamashitax 20260205_dhy_yl1_03673
    Klint Kubiak ist Geschichte in Seattle: Noch sucht der amtierende SB-Champion nach seiner offensiven Identiät. IMAGO/Imagn Images

    Nach zwei frühen Touchdown-Drives ließ die Defense in der regulären Spielzeit keine weiteren Punkte mehr zu. Eigentlich ideale Voraussetzungen für eine Offense, um das Spiel zu übernehmen. Doch zwei Drives endeten mit Sacks bei Third Down, in der Overtime warf Sam Darnold schließlich die Interception, die Denver das entscheidende Field Goal ermöglichte.

    Und doch sieht vieles weiterhin vertraut aus. Darnold steht häufig under Center, die Seahawks setzen mehrere Tight Ends ein und arbeiten regelmäßig mit Play Action. Wer nur auf Formationen und Personalgruppen schaut, könnte meinen, Klint Kubiak wäre nie gegangen.

    Was Kubiaks Offense ausgezeichnet hat

    Die Offense der vergangenen Saison war nicht in allen Bereichen überragend. Das gerät nach einem Super-Bowl-Sieg schnell in Vergessenheit. Seattle bewegte sich bei der Effizienz der einzelnen Spielzüge lediglich im Mittelfeld, verwandelte 39,8 Prozent seiner Third Downs und hatte gerade in der Red Zone immer wieder Probleme. Dennoch erzielten die Seahawks durchschnittlich 28,4 Punkte und 5,9 Yards pro Spielzug. Vor allem wussten sie, wie sie spielen wollten. Seattle setzte auf das Laufspiel, zog die gegnerische Defense damit näher an die Line of Scrimmage und attackierte anschließend über Play Action die entstehenden Räume. Das klingt zunächst nicht sonderlich revolutionär, schließlich arbeiten zahlreiche NFL-Offenses nach diesem Prinzip. Kubiak gelang es aber, die verschiedenen Elemente sinnvoll miteinander zu verbinden. Auf einen Outside-Zone-Run folgte ein Bootleg, aus der gleichen Formation konnte später ein tiefer Pass entstehen. Ergänzend streute Seattle Inside Zone, Power oder Duo ein. Die Defense konnte sich nie ganz sicher sein, was als Nächstes kam.

    Dazu passten auch die Running Backs. Kenneth Walker brachte die Explosivität mit, Zach Charbonnet Physis und Zuverlässigkeit. Beide konnten im Lauf- und Passspiel eingesetzt werden, ohne dass die Defense allein anhand des Personals sofort wusste, was Seattle vorhatte. Kubiaks Offense lebte also weniger von einzelnen spektakulären Spielzügen. Ihre Stärke lag in der Vorbereitung dieser Spielzüge. Nicht jeder Lauf musste acht Yards bringen, um später Einfluss auf einen Linebacker oder Safety zu haben.

    Vieles ist geblieben - zumindest auf dem Papier

    Brian Fleury wollte nach seiner Verpflichtung möglichst viel von diesem System erhalten. Das war nachvollziehbar. Er kommt ebenfalls aus dem Coaching-Umfeld von Kyle Shanahan und übernahm den aktuellen Super-Bowl-Sieger. Es bestand kein Grund, eine funktionierende Offense vollständig umzubauen. Das lässt sich auch auf dem Feld erkennen: 2025 starteten die Seahawks etwa 53 Prozent ihrer Spielzüge under Center, aktuell sind es weiterhin ungefähr 50 Prozent. Auch die Play-Action-Quote ist nahezu gleich geblieben. Die grundlegenden Ideen sind also noch vorhanden. Nur die Ergebnisse passen nicht dazu.

    Offensive Coordinator Brian Fleury
    Neuer Mann an der Seitenlinie: Brian Fleury leitet seit 2026 die Offense der Seahawks. IMAGO/Icon Sportswire

    Seattle erzielt derzeit etwa 5,2 Yards pro Spielzug und verwandelt zu wenige ihrer Third Downs. Gegen Denver endeten gleich zwei aufeinanderfolgende Drives mit Sacks bei Third Down. Die Seahawks geraten zu häufig in offensichtliche Passsituationen, in denen der Gegner seine Deckung auf Jaxon Smith-Njigba ausrichten und gleichzeitig den Pass Rush losschicken kann.

    Für mich liegt das Problem deshalb weniger darin, dass Fleury eine völlig andere Offense installiert hätte. Eher wirkt es so, als hätte er die einzelnen Bausteine übernommen, ohne bisher das gleiche Gefühl für deren Reihenfolge entwickelt zu haben. Manchmal kommt der passende Spielzug einen Versuch zu spät. Manchmal bleibt Seattle zu lange bei einem Konzept, obwohl die Defense bereits eine Antwort gefunden hat. Und manchmal fehlt schlicht ein Gegenmittel, wenn der Gegner aggressiver wird. Bereits durch die ersten drei Spiele wurde Seattle bei mehr als 43 Prozent seiner Passspielzüge geblitzt. Gerade aus den häufig genutzten Under-Center-Formationen fehlen bisher klassische Pässe ohne Play Action. Folgt aus einer bestimmten Aufstellung fast immer ein Lauf oder ein Play-Action-Pass, wird eine eigentlich vielseitige Formation irgendwann berechenbar.

    Ein System ohne Laufspiel

    Fleury hatte allerdings auch kaum die Möglichkeit, seine geplante Runningback-Rotation einzusetzen. Walker wechselte nach Kansas City, Charbonnet verpasste wegen seines Kreuzbandrisses die ersten sechs Spiele und Erstrundenpick Jadarian Price landete mit einer Brustverletzung auf der Injured Reserve. Zwischenzeitlich fehlten damit alle drei Spieler, die ursprünglich größere Rollen im Backfield übernehmen sollten. Emanuel Wilson und George Holani mussten einspringen. Beide hatten ihre Momente, insgesamt fehlt dem Laufspiel aber die Konstanz. Hinzu kommen die Ballverluste: Seattles Runningbacks produzierten in den ersten sechs Wochen bereits sechs Fumbles, von denen vier beim Gegner landeten. Auch der Ausfall von Right Guard Anthony Bradford seit Woche zwei und eine insgesamt schlechtere Offensive Line-Production machte die Aufgabe nicht leichter.

    So entsteht eine etwas merkwürdige Situation. Seattle stellt weiterhin schweres Personal auf das Feld, nutzt Fullbacks und mehrere Tight Ends und deutet damit immer wieder das Laufspiel an. Die Gegner haben bisher nur keinen Grund, sich davon nachhaltig beeindrucken zu lassen. Eine Play-Action-Offense braucht nicht zwangsläufig ein dominantes Laufspiel. Sie benötigt aber zumindest die glaubwürdige Möglichkeit eines Laufs. Wenn die Linebacker nicht nach vorne reagieren und die Safeties geduldig bleiben können, verschwinden einige der Räume, die Darnold im vergangenen Jahr noch nutzen durfte. Die Rückkehr von Charbonnet könnte hier helfen. Von ihm sollte nach der langen Pause allerdings niemand sofort 20 Carries und 100 Yards erwarten. Auch Price darf frühestens nach dem Spiel gegen Kansas City wieder aktiviert werden. Bis dieses Backfield tatsächlich so aussieht, wie es in der Offseason geplant war, wird es noch dauern.

    Zu viele Fehler von Darnold

    Die Probleme im Laufspiel und in der Protection erklären trotzdem nicht jede Entscheidung von Sam Darnold. In der vergangenen Saison brachte er 67,7 % seiner Pässe an, warf 25 Touchdowns bei 14 Interceptions und erreichte ein Passer Rating von 99,1. Aktuell stehen eine Completion Percentage von 62,1 %, acht Touchdowns und acht Interceptions zu Buche. Gerade gegen die 49ers und Broncos wollte Darnold zu viel erzwingen. Anstatt einen verlorenen Spielzug zu akzeptieren, versucht er häufig, doch noch einen positiven Ausgang zu finden. Das funktionierte während des Super-Bowl-Runs erstaunlich oft. In dieser Saison werden aus diesen Situationen Interceptions. Zwölf Turnover nach sechs Spielen sind deutlich zu viel. Eine noch so gute Defense kann nicht dauerhaft kurze Felder verteidigen und gleichzeitig darauf hoffen, dass die eigene Offense irgendwann ihren Rhythmus findet.

    Darnold komplett auszutauschen, wäre trotzdem die falsche Reaktion. Schließlich hat er auch in dieser Saison bereits gute Phasen gezeigt. Wenn das Laufspiel funktioniert, die Protection hält und er aus Play Action werfen kann, sind die Qualitäten aus dem Vorjahr weiterhin erkennbar. Sein Problem beginnt häufig dann, wenn Seattle den ursprünglichen Plan verlassen muss.

    Zum Glück gibt es noch Jaxon Smith-Njigba. Nach sieben Spielen steht JSN bei 58 Receptions, 867 Yards und acht Touchdowns. In sechs Partien knackte er die Marke von 100 Receiving Yards. Diese Zahlen sind beeindruckend, verdecken aber auch einige Probleme. Denn wenn ein Spielzug nicht wie geplant funktioniert, besteht die Lösung auffällig häufig daraus, den Ball irgendwie in Richtung der Nummer 11 zu werfen. Cooper Kupp, Rashid Shaheed und AJ Barner müssen deshalb nicht zwangsläufig mehr Targets erhalten, nur damit die Verteilung ausgeglichener aussieht. Sie müssen aber wieder stärker in einen Plan eingebunden werden, der nicht davon abhängt, dass JSN einen schwierigen Catch produziert.

    Wie sehr fehlt Kubiak wirklich?

    Ein Blick nach Las Vegas macht die Diskussion für Fleury nicht angenehmer. Die Raiders erzielten 2025 lediglich 14,3 Punkte pro Spiel und waren damit das schlechteste Team der NFL. Ein direkter Vergleich ist natürlich schwierig. Las Vegas hat den Kader verändert und steht nur bei einer Bilanz von 3-4. Trotzdem spricht die schnelle Entwicklung der Raiders dafür, dass Kubiaks Anteil am Erfolg der Seahawks größer war, als es nach seinem Abgang vielleicht erschien.

    Die Spielzüge sind in Seattle noch da. Was fehlt, ist das Timing. Wann wird eine bestimmte Tendenz gebrochen? Wie bestraft man eine Defense, die aggressiv gegen die schweren Formationen spielt? Und welcher einfache Spielzug bringt Darnold wieder in einen Rhythmus, bevor er versucht, das Spiel mit einem schwierigen Wurf zu retten? Auf diese Fragen muss Fleury Antworten finden. Nicht irgendwann in der kommenden Offseason, sondern in den nächsten Wochen.

    Seattle braucht dafür keine komplett neue Offense. Charbonnet und Bradford kehren zurück, Price könnte bald folgen. Damit erhält Fleury zumindest einige der Spieler zurück, mit denen dieses System ursprünglich funktionieren sollte. Gleichzeitig muss er zeigen, dass er mehr kann, als Kubiaks Playbook zu verwalten. Die Seahawks haben ihre offensive Identität also nicht vollständig verloren. Sie wissen weiterhin, wie sie aussehen wollen. Momentan wissen die Gegner allerdings zu häufig, was daraus folgt. Und das ist möglicherweise das deutlich größere Problem.

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    Simon Kell