17.07.2026
46 Fragen bis zur Entscheidung
Eines der größten deutschen Football-Talente hat seine Zukunft entschieden. NFL-Academy-Offensive-Lineman Niko Kampas wird seine College-Karriere bei den Tennessee Volunteers beginnen und damit künftig in der SEC, der stärksten Conference im College Football, auflaufen. Im exklusiven Interview mit football-world spricht der 18-Jährige ausführlich über seinen Recruiting-Prozess und erklärt, warum am Ende nicht der größte Name, sondern Vertrauen, Ehrlichkeit und ein klarer Plan den Ausschlag gaben.

Für Niko Kampas beginnt im Januar 2027 das nächste Kapitel seiner Football-Karriere. Dann wird der Offensive Tackle von der NFL Academy nach Knoxville wechseln und dort bereits das komplette Spring-Training-Programm der Tennessee Volunteers absolvieren. Der Schritt an eines der renommiertesten Programme des Landes ist der bislang größte Meilenstein seiner Laufbahn - und das Ergebnis eines monatelangen Recruiting-Prozesses, in dem nahezu jedes Detail eine Rolle spielte.
Die Auswahl war alles andere als klein. Nachdem Kampas ursprünglich sogar fünf Official Visits bei den größten Football-Schulen Amerikas geplant hatte, musste er seine Reise aufgrund seiner Abiturprüfungen auf vier Universitäten beschränken. Bis zuletzt befanden sich Michigan, Tennessee, Auburn und Vanderbilt im Rennen.
Besonders bemerkenswert: Michigan galt lange als sein absoluter Traum. "Eigentlich war Michigan lange mein Favorit. Das war schon als kleines Kind mein Traum. Ich wollte unbedingt dort spielen."
Am Ende entschied für Kampas jedoch nicht der größte Name oder die längste Football-Tradition. "Mir war irgendwann klar, dass ich an einen Ort möchte, an dem ich wirklich gewollt bin. Mir war wichtig zu spüren, dass es den Coaches nicht nur um Football geht, sondern auch um den Menschen dahinter. Am Ende setze ich jeden Tag meinen Körper für diese Coaches ein." Genau dieses Gefühl fand er schließlich in Tennessee.
Dass Tennessee am Ende das Rennen machte, lag für Kampas vor allem an einem Punkt, den viele Fans vermutlich gar nicht auf dem Schirm haben. Natürlich beeindruckte ihn, dass Offensive-Line-Coach Glen Elarbee bereits zahlreiche NFL-Spieler entwickelt hat. Ausschlaggebend war für den Deutschen jedoch etwas anderes.
"Ich habe ihn gefragt: ,Wie willst du mich ausbilden?‘ Daraufhin hat er mir einen konkreten Entwicklungsplan geschickt. Er hat mir erklärt, was nach meinem Commitment passieren wird, welche technischen Schwerpunkte gesetzt werden und wann der Fokus stärker auf das System gelegt wird."
Besonders imponierte Kampas dabei die Offenheit seines zukünftigen Trainers. "Er hat auch ehrlich gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit, als Freshman direkt zu spielen, eher gering ist. Tennessee war die einzige Universität, die mir einen so konkreten Plan vorgelegt hat."
Hohe Ambitionen hat der 18-Jährige aber trotzdem: "Aber natürlich will ich nicht auf der Bank sitzen. Jeder Footballer, der sagt, er will sich ein Jahr entwickeln und zugucken, lügt. Natürlich will ich mich entwickeln, aber ich will mich entwickeln und spielen."
Hinzu kamen das gesamte Umfeld, der Campus, Knoxville als Stadt und die Chemie mit dem gesamten Trainerstab.
Ganz allein aus dem Bauch heraus fiel die Entscheidung am Ende trotzdem nicht. Gemeinsam mit seinem Vater entwickelte Kampas eine Matrix mit insgesamt 46 verschiedenen Fragen. Darin wurden sämtliche Bereiche bewertet und unterschiedlich gewichtet, um möglichst objektiv zu einer Entscheidung zu kommen.
Doch selbst nachdem alle Kriterien bewertet worden waren, blieb die Wahl schwierig. Mit einem knappen Vorsprung gewann die University of Tennessee. Für einen besonderen Moment sorgte dazu aber auch noch seine Mutter.
"Sie hatte drei Zettel auf den Boden gelegt und meinte: ,Stell dich einfach auf den, der sich für dich richtig anfühlt.‘ Ich habe mich auf den Tennessee-Zettel gestellt und ich war damit fine. Natürlich war das nicht der ausschlaggebende Grund für meine Entscheidung. Aber irgendwie haben am Ende alle Ergebnisse genau das bestätigt, was ich ohnehin schon gefühlt hatte."
Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Recruiting-Prozesses waren Gespräche mit Spielern, die den Weg in die USA bereits gegangen sind. Kampas tauschte sich unter anderem mit Kilian Zierer, Manuel Beigel, Jakob Johnson, Yilanan "Issa" Ouattara und seinem engen Freund Luca Wolf aus. Dabei wollte er bewusst nicht nur die positiven Seiten kennenlernen.
"Das Gute war: Alle waren ehrlich zu mir. Luca hat mir zum Beispiel auch erzählt, was ihm an Tennessee nicht gefällt und welche Dinge dort nicht perfekt sind. Genau das wollte ich hören."
Vor allem schwierige Situationen interessierten den Offensive Lineman. "Ich wollte nicht nur die positiven Seiten kennenlernen, sondern auch wissen, was passiert, wenn es mal nicht gut läuft. Jeder erlebt irgendwann schwierige Tage. Deshalb habe ich die Jungs gefragt, wie das Team und die Coaches ihnen gerade an diesen Tagen geholfen haben. Diese ehrlichen Gespräche waren für mich unglaublich wertvoll und eine der wichtigsten Ressourcen im gesamten Recruiting-Prozess."

Obwohl Football natürlich im Mittelpunkt stand, spielte auch die Zeit nach der Karriere eine entscheidende Rolle. Gemeinsam mit seinem Vater bewertete Kampas in der Matrix unter anderem die akademischen Möglichkeiten, das Coaching, die Kultur, das Team, die Umgebung und die Facilities der Universitäten.
Dabei nahm gerade der akademische Bereich den größten Teil der Gesamtbewertung ein. Auch beim Coaching schaute der Deutsche ganz genau hin. Gerade bei Tennessee hatte er zunächst sogar Bedenken, weil sich Trainerstäbe im College Football schnell verändern können und Tennessee die letzten Spielzeiten nicht unbedingt auf dem Niveau gespielt hat, wie es viele Entscheidungsträger erwarten.
"Als internationaler Spieler hat man ohnehin immer ein bisschen Angst davor, dass irgendwann ein neuer Coach kommt, der europäische Spieler nicht richtig einschätzen kann oder noch dieses alte Bild im Kopf hat, dass Europäer keinen Football spielen können."
Trotz dieser Unsicherheit überwog letztlich das Vertrauen. "Trotzdem hatte ich vom ersten Gespräch an so großes Vertrauen in die Coaches, dass ich mich letztendlich bewusst dafür entschieden habe, einfach meinem Gefühl und meinem Herzen zu folgen."
Im Januar wird Kampas nach Knoxville ziehen und dort direkt ins Spring Training einsteigen. Zuvor möchte er seine letzte Saison an der NFL Academy erfolgreich absolvieren, seinen GPA weiter verbessern und sich körperlich optimal auf das neue Kapitel seiner Karriere vorbereiten.
Besonders freut er sich aber auf die Atmosphäre in der SEC. "Die SEC stellt jedes Jahr die meisten NFL-Draftpicks, hat die meisten Fans und wahrscheinlich die größte Aufmerksamkeit im gesamten College Football. Mein Ziel war immer, mit Football Menschen zu inspirieren. Und ich glaube, dafür gibt es keinen besseren Ort als die SEC."
Die Southeastern Conference (SEC) gilt im College Football als stärkste Conference der NCAA Division I, und das Football-Team der University of Tennessee spielt regelmäßig vor mehr als 100.000 Zuschauern im heimischen Stadion.
Vor allem die Football-Kultur im Süden der USA beeindruckte ihn während seiner Besuche. "Ich freue mich darauf zu erleben, wie Football wirklich gelebt wird. Das merkt man im Süden der USA einfach noch einmal deutlich stärker als im Norden. In der SEC hat man manchmal fast das Gefühl, Football sei eine Religion."
Mit seinem Commitment zu den Tennessee Volunteers hat Niko Kampas den nächsten großen Schritt auf dem Weg in den College Football und möglicherweise eines Tages sogar in die NFL gemacht. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass sich eines der größten NFL-Academy-Talente für ein Spitzenprogramm der SEC entschieden hat, sondern auch, wie diese Entscheidung zustande kam. Am Ende gaben Vertrauen, Ehrlichkeit, ein konkreter Entwicklungsplan und das Gefühl, am richtigen Ort zu sein, den Ausschlag.
Der 18-jährige Offensive Tackle gilt als eine der größten deutschen Football-Hoffnungen seiner Generation. Mit Tennessee beginnt nun das bislang wichtigste Kapitel seiner Karriere. Eines steht fest: Den Namen Niko Kampas sollte man sich merken.
val