vor 1 Stunden
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Mitte Mai ist der Großteil der NFL Offseason vorüber. Draft und zumindest die heiße Phase der Free Agency liegen im Rückspiegel, als nächstes steht die Saisonvorbereitung auf dem Programm. Aber kleinere Baustellen können und müssen noch immer adressiert werden. Das gilt auch für die Top-Teams, die vom Super Bowl träumen. Doch welche Verpflichtungen sind jetzt überhaupt noch realistisch?

Die Teams sind nach den besten Super-Bowl-Quoten bei den Buchmachern Stand 18. Mai ausgewählt.
Die größte Baustelle: Wide-Receiver-Tiefe. Die allermeisten Fans wie auch Experten gingen davon aus, dass die Rams dieses Thema in Runde 1 des Drafts angehen würden. Unter anderem Receiver Makai Lemon und Tight End Kenyon Sadiq wurden mit Los Angeles in Verbindung gebracht. Die Rams aber entschieden sich für Quarterback Ty Simpson.
Das Thema wird während der Saison vorerst vom Radar verschwinden - so lange die Playmaker der Rams, allen voran Puka Nacua und Davante Adams, fit bleiben. Denn dahinter ist Los Angeles mit Jordan Whittington, Konata Mumpfield und Siebtrunden-Rookie C.J. Daniels für einen Titelanwärter auffallend dünn aufgestellt und sollte einer der beiden Stars auffallen, wäre es unweigerlich das Top-Thema bei den Rams.
Doch selbst mit Adams und Nacua an Board fällt bereits der dritte Starting-Receiver-Spot qualitativ deutlich ab. Diese Rolle ist bei den Rams weniger prominent als bei anderen Teams, die Rams-Offense spielte letztes Jahr nur 59 Prozent ihrer Snaps aus 11-Personnel, also mit drei Receivern auf dem Platz. Das war Platz 18 im Liga-Vergleich. Aber wir sprechen eben immer noch über einen nicht unerheblichen Teil der Offense, auch wenn Los Angeles viel aus 2- und insbesondere 3-Tight-End-Sets (31 Prozent, Platz 1) agiert.
Die mögliche Antwort: Es gibt noch Veteran-Receiver-Qualität auf dem Markt, um hier nachzubessern. Insbesondere, weil die Rams eben nicht zwangsläufig einen klaren Starter brauchen, sondern eher eine Nummer 4, die gegebenenfalls aufrücken könnte.
Stefon Diggs wäre so eine Option. Der mittlerweile 32-Jährige hatte letztes Jahr über 1.000 Yards in der Regular Season für die Patriots, bei denen er, wie im Jahr zuvor in Houston, primär aus dem Slot heraus agierte. Diggs wäre ein Upgrade als Nummer 3 und könnte, wenn nötig, als Nummer 2 aushelfen.
Ebenfalls ein passender Kandidat für die Rams-Offense wäre Deebo Samuel, von dem sich die Washington Commanders getrennt haben. Samuel ist nicht mehr der Spieler, der er vor drei Jahren in San Francisco war. Aber er stellt immer noch eine physische Yards-after-Catch-Waffe dar, etwas, das Sean McVay gut in seine Offense einbauen kann. Auch wenn Samuels 6,5 Yards nach dem Catch pro Reception im Vorjahr einen persönlichen Karriere-Tiefstwert bedeuteten.
Weniger physisch, aber mit mehr Dynamik, wäre Curtis Samuel. Eine Ellbogenverletzung verkürzte Samuels Saison letztes Jahr, in Washington war er 2022 und 2023 eine solide dritte Option.
Hier wäre es auch über diese Kandidaten hinaus nicht überraschend, wenn die Rams die Kader-Cuts abwarten und dann einen Veteran kurz vor Saisonstart noch an Land ziehen würden.
Welche Frage wird bleiben? Die Quarterback-Dynamik. Der Ty-Simpson-Pick kann sich als genau der richtige Move herausstellen, und wenn Simpson ein guter NFL-Quarterback wird, wird kaum jemand noch diesen Pick hinterfragen.
Konkret für 2026 aber gehen die Rams als der größte Titelkandidat in die Saison, und Sean McVay hat unmittelbar nach dem Draft bei jeder Gelegenheit klargestellt, dass es Staffords Team ist. Daran zweifelt auch niemand, trotzdem müssen McVay und Stafford - und auch Ty Simpson selbst - diese Dynamik während einer Saison navigieren, die ein absolutes All-In-Jahr darstellt.
Die größte Baustelle: Center ist nach dem Abgang von Tyler Linderbaum das offensichtliche Thema, nachdem die Ravens hier in der Offseason nichts gemacht haben. Corey Bullock soll hier übernehmen, ein Undrafted Free Agent aus dem 2024er Draft, der bisher ganze 13 NFL-Snaps gespielt hat, davon lediglich sieben auf Center.
Und Bullock bringt auch sonst nicht viel Erfahrung auf der Position mit. In der High School spielte er Defensive End, der Wechsel in die Offensive Line kam erst im College. Dort aber spielte er Tackle, auf Center wurde er erst in der NFL umgeschult.
Für ein Team, das nach einer enttäuschenden Vorsaison den Hebel schnell wieder umlegen will und mehrere Spieler hat, mit denen man jetzt einen tiefen Playoff-Run anpeilen kann, ist das eine sehr gewagte Perspektive.
Die mögliche Antwort: Baltimore könnte noch frühzeitig im Sommer einen Veteran-Center verpflichten, um sich abzusichern, oder auch später, falls während der Saisonvorbereitung offensichtlich wird, dass Bullock für den Job nicht bereit ist. Ein Spieler wie James Daniels oder Ethan Pocic dürfte hier in Frage kommen. Ryan Bates hat zuletzt 2022 und 2023 einige Center-Snaps für die Bills gespielt, verbrachte die letzten beiden Jahre aber bei den Bears. Von dort kommt der neue Offensive Coordinator Declan Doyle, wenn es die vertrautere Lösung sein soll.
Davon abgesehen ist es auf dem Papier ein weitestgehend kompletter Kader. Mit Elijah Sarratt und Ja'Kobi Lane haben die Ravens zwei Receiver geholt, um sich hier mehr Optionen zu geben. Die Edge-Position wurde mit Trey Hendrickson und Rookie Zion Young adressiert und beide Guard-Spots hat Baltimore in dieser Offseason bereits mit neuen Startern besetzt.
Welche Frage wird bleiben? Jesse Minter war über die letzten beiden Jahre einer der besten Defensive Coordinators in der NFL. In dieser Hinsicht stehen seine Qualitäten außer Frage. Ob er aber ein guter Head Coach ist, das werden wir erst im Laufe der kommenden Saison besser einschätzen können.
Das kann man auch auf seine wichtigste Trainerstab-Verpflichtung erweitern: Minter wird für die Defense zuständig sein, Declan Doyle übernimmt als neuer Offensive Coordinator die andere Seite des Balls. Zwar hatte der erst 30-Jährige diesen Posten bereits im Vorjahr bei den Bears inne, arbeitete dort aber im Windschatten von Head Coach Ben Johnson.
Jetzt wird er der Play-Caller und Hauptverantwortliche dafür sein, das richtige System für Lamar Jackson, Derrick Henry und Co. zu entwerfen. Erweist sich Doyle als Fehlgriff, wird das Baltimore aus dem Kreis der engeren Titelanwärter raus nehmen.
Die größte Baustelle: Cornerback. Seattle ließ Riq Woolen in der Free Agency gehen, Josh Jobe ist als Starter eingeplant. Jobe spielte in der vergangenen Regular Season bereits über 800 Snaps, auch weil Devon Witherspoon einige Spiele verpasste. Mit überschaubaren Resultaten: Jobe ist bestenfalls ein solider Corner, und weil Witherspoon rund die Hälfte seiner Snaps innen spielt, könnten beide Outside Cornerbacks verwundbar sein.
Das beinhaltet bereits Rookie Julian Neal als möglichen zweiten Outside Corner in 3-Cornerback-Sets. Eine Gruppe, die sehr auf Kante genäht ist und bei der abzuwarten bleibt, ob sie Macdonalds Ansprüchen genügt.

Die mögliche Antwort: Sollte Seattle hier etwas machen, dann wird es ein günstiger Veteran sein, den man als Absicherung holt, für den Fall, dass Jobe und Neal nicht funktionieren. Rasul Douglas ist ein solcher Spieler, der bald 31-Jährige war letztes Jahr noch immer ein solider Starter in Miami. Douglas würde Seattles Secondary auch einiges der Physis zurückgeben, welche die Seahawks durch den Abgang von Woolen verloren haben.
Marshon Lattimore erwies sich als Fehlgriff für die Commanders, als eine Art Edel-Backup könnte der 30-Jährige aber auch an diesem Punkt seiner Karriere noch fungieren. Tre'Davious White spielte letztes Jahr überraschend viel für die Bills, nachdem er vermeintlich bereits den Übergang zum Backup hinter sich hatte. Er wäre exakt die Art günstige Absicherung, die Seattle noch gut zu Gesicht stehen könnte.
Welche Frage wird bleiben? Klint Kubiak erwies sich als der ideale Offensive Coordinator für Seattle. Seine Offense passte komplett zu dem, was Seattle auf der offensiven Seite des Balls aufgebaut hatte und holte das Maximum aus Spielern wie Jaxon Smith-Njigba und Sam Darnold heraus.
Kubiak ist mittlerweile der Head Coach der Raiders, Brian Fleury übernimmt als neuer offensiver Play-Caller. Fleury kommt aus dem Shanahan-Tree, unter dem er in Cleveland und dann seit 2019 in San Francisco gearbeitet hat.
Sein Hintergrund als Tight Ends Coach und Run Game Coordinator sollte dabei helfen, die Offense weiter gut in puncto Run Game und Passing Game abzustimmen. Aber ob er als Play-Caller funktioniert, und ob er die offensiven Fragezeichen ähnlich gut kaschieren kann wie Kubiak, das werden wir erst im Laufe der Saison erfahren.
Die größte Baustelle: Linebacker. Das war bereits letztes Jahr eine erhebliche Schwachstelle, und das nicht nur, weil Matt Milano und Shaq Thompson jeweils länger ausfielen. Beide scheinen auch klar im Spätherbst ihrer Karriere angekommen zu sein, und die Leistungen spiegelten das wider. Buffalo trennte sich folgerichtig von beiden.
Dorian Williams und Terrel Bernard bilden Stand heute das Starting-Duo. Bernard war letztes Jahr bereits eine feste Größe, mit aber erheblichen Problemen. Williams ist nicht viel besser. Vielleicht ist Rookie Kaleb Elarms-Orr hier eine Überraschung, aber Linebacker könnte eine handfeste Schwachstelle in einer Defense sein, die potenziell endlich eine tiefe Edge-Gruppe an den Start bringt.
Die mögliche Antwort: Wir haben den neuen Defensive Coordinator Jim Leonhard noch nicht als Play-Caller in der NFL gesehen, insofern bringt das einige Ungewissheiten mit sich. Inklusive die Frage danach, auf welche Spielertypen er etwa auf der Linebacker-Position besonderen Wert legt.
Bobby Okereke ist nach seiner Entlassung bei den Giants noch auf dem Markt. Ein langjähriger Starter bei den Colts und Giants, dessen Reichweite in Coverage für ihn spricht. Jerome Baker war in der vergangenen Saison ein solider Starter für die Browns, auch er besticht am ehesten durch seine Coverage-Qualitäten.
Die Downhill-Option wäre jemand wie Germaine Pratt oder der bald 36-jährige Bobby Wagner, der letztes Jahr immer noch gut als Run-Defender und Blitzer nah an der Line of Scrimmage funktioniert hat. Hier könnte sich Buffalo auch noch mehr Leadership in die Mitte seiner Defense holen.
Welche Frage wird bleiben? Ähnlich wie bei den Ravens steht auch hier die Head-Coach-Frage im Mittelpunkt. Mit ein wenig mehr Sicherheit, denn: Nach der Entlassung von Sean McDermott wurde Offensive Coordinator Joe Brady letztlich intern befördert. Zumindest die Vertrautheit auf der Seite des Balls ist also gegeben. Ob Brady aber auch ein guter Head Coach ist, das bleibt vorerst eine offene Frage.
Spannend ist hier dementsprechend seine Coordinator-Verpflichtung auf der anderen Seite des Balls: Jim Leonhard hat die letzten beiden Jahre bei den Broncos verbracht und war zuvor ein hoch gehandelter Defensive Coordinator im College bei Wisconsin.
Die größte Baustelle: Da es hier spezifisch um 2026 geht, lassen wir perspektivische Baustellen wie Tight End oder Right Tackle außen vor. Ersteres ist vermutlich zum letzten Mal der Job von Travis Kelce, und auf der Right-Tackle-Position scheint man bei den Chiefs überzeugt davon, dass Jaylon Moore gut genug ist. Und: Starting-Tackles findet man, zumindest außerhalb von Trades, ohnehin nur sehr selten noch über den Sommer.
Ich sehe eher noch akuten Bedarf in der Secondary, spezifisch auf Slot-Corner.
Die Chiefs haben in dieser Offseason große Teile ihrer Secondary umgekrempelt. Mit Jaylen Watson, Bryan Cook und Trent McDuffie sind drei der vier Defensive Backs mit den meisten Coverage-Snaps im Vorjahr nicht mehr in Kansas City. Nohl Williams rückt zum Starter auf und Top-Pick Mansoor Delane wird ebenfalls starten, sodass die beiden Outside-Posten besetzt sein sollten.
Die Slot-Position dagegen ist noch ungewiss. Dabei gibt es einige Optionen: Chamarri Conner hat hier letztes Jahr primär gespielt und könnte das wieder tun, davon ausgehend, dass Jaden Hicks in eine größere Rolle rutschen und gemeinsam mit Alohi Gilman die Safety-Spots übernehmen kann. Das aber bleibt abzuwarten, und Conner selbst hatte seine liebe Mühe, was die Inside-Coverage angeht.

Ein echter Starting-Slot-Cornerback könnte Kansas City hier noch mehr Flexibilität geben, wovon die ganze Defense auch strukturell profitieren würde.
Die mögliche Antwort: Es gibt eine offensichtliche Antwort für spezifisch die Rolle, bei der Kansas City noch Hilfe gebrauchen könnte: Kenny Moore. Der langjährige Colts-Starting-Slot-Corner wurde jüngst entlassen und wäre ein sofortiges Upgrade. Auch wenn er im Sommer 31 Jahre alt wird und keine langfristige Lösung darstellt: Für spezifisch die kommende Saison würde er der Defense mehr Stabilität geben.
Welche Frage wird bleiben? Die offensichtliche Frage ist die nach der Genesung von Patrick Mahomes. Mahomes erlitt am 14. Dezember einen Kreuzbandriss, die aktuelle Prognose geht klar dahin, dass er bis zum Saisonstart fit ist. Hier steht am ehesten noch die Frage im Raum, ob er wirklich direkt bei 100 Prozent sein wird, oder ob die ersten Wochen der Saison holprig werden.
Das andere Thema ist eher ein Football-Scheme-philosophischer Aspekt. Seit Jahren sprechen wir bei den Chiefs darüber, dass die Offense zu eindimensional ist, dass es an Explosivität fehlt und alles zu sehr vom Dropback Passing Game abhängt. Das hat mehrere Facetten, aber ein gewichtiger Punkt ist, dass Andy Reids Offense noch nie eine sonderlich starke Beziehung zum Run Game hatten, und dementsprechend auch Passing Game und Run Game zu häufig sehr isoliert voneinander stattfinden.
Dieses Problem begleitet die Chiefs seit Jahren. Doch jetzt haben sie sich den teuersten Running-Back-Deal dieser Free Agency geleistet. Mit den offensiven Problemen der letzten Jahre, einem mutmaßlich noch nicht komplett aus allen Rohren feuernden Patrick Mahomes, der Rückkehr von Eric Bieniemy in den Coaching Staff und dem Investment in Kenneth Walker muss man sich fragen: wann, wenn nicht jetzt?
Adrian Franke