29.09.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die Niederlage in Denver hat bei den Rams Spuren hinterlassen. Head Coach Sean McVay ließ seinen Frust im Nachgang indirekt durchblicken: Die vor der Saison zum Superteam hoch stilisierten Rams müssen nach nur drei Wochen bereits in der eigenen Division Boden gutmachen. Doch bietet der Fehlstart echten Grund zur Sorge? Oder stimmen einzig die Ergebnisse zum Start dieser Saison beim Titelfavoriten noch nicht?

Als die Rams es schließlich kurz vor Saisonstart offiziell machten, und Aaron Donald aus dem Ruhestand zurückholten, schwankten die Reaktionen zwischen einer nostalgischen Freude auf der einen, und einer "Was soll denn noch alles kommen?"-Irritation auf der anderen Seite.
Immerhin hatte gerade der bereits zuvor klare Titelfavorit seinen legendären Superstar reaktiviert, der erst 35 Jahre alt ist und maßgeblichen Anteil am letzten Super-Bowl-Gewinn hatte.
Die Rams waren der Titelfavorit, bevor sie den Trade für Myles Garrett durchgeboxt haben. Sie waren der Titelfavorit, ehe Aaron Donald offiziell zurück war.
Wenn ein Team also so klarer Titelfavorit in die Saison geht, geht damit nicht nur die entsprechende Erwartungshaltung einher. Alles andere als der Super Bowl wäre eine Enttäuschung, und gerade für ein Rams-Team, das allen voran mit Donald, Garrett, Matthew Stafford und Davante Adams auch in einem sehr kleinen Zeitfenster agiert, war hier von Anfang an zusätzlicher Druck drauf.
Das Gegenstück zu dieser selbst auferlegten Erwartungshaltung ist die Häme, die einem entgegenschlagen kann, wenn es eben schiefgehen sollte. Und so sehr die Rams auch als Favorit in die Saison gingen: Die Chance darauf, dass es nicht klappt mit dem Titel, ist für ein einzelnes Team vor Woche 1 natürlich immer höher.
Diese Erfahrung haben über die letzten Jahre auch schon andere gemacht. 20 Teams hatten über die letzten 30 Jahre vor Saisonstart gleiche oder sogar noch niedrigere Super-Bowl-Quoten als die Rams.
Das muss man ein wenig einordnen, denn das heißt nicht, dass 20 Teams über die letzten 30 Jahre eine vergleichbare Qualität wie die Rams hatten. Manchmal wirkt nur ein Team in der Conference wirklich gut, oder eine sehr leichte Division mit einem klaren Top-Team führt zu einer einfacheren Preseason-Prognose für einen tiefen Playoff-Run. Bei den Rams, die in der härtesten Division der Liga spielen und einen schwierigen Schedule haben, kamen die Quoten durch die enorme Qualität im Team zustande.
Der wichtigere Part aber ist dieser: Von diesen 20 Favoriten-Teams hat kein einziges den Super Bowl gewonnen. Wenngleich auch hier weiterer Kontext wichtig ist, denn neun (!) dieser 20 Teams schafften es in den Super Bowl - wo alle neun jeweils den Kürzeren zogen.
Letzteres ist ein enormer statistischer Outlier, und dass es überhaupt fast die Hälfte dieser großen Preseason-Favoriten nach einer langen NFL-Saison mit all den Irrungen und Wirrungen, die während einer Spielzeit möglich sind, auch in den Super Bowl schaffte, ist ein Statement für sich.
Doch die Rams stehen nach der Niederlage gegen Denver am Sonntag bei einem Sieg und zwei Niederlagen. Während die Konkurrenz in der Division nicht schläft. Statt Division-Sieg, Heimvorteil und idealerweise eine Bye Week in den Playoffs droht erneut der lange Weg als Playoff-Auswärtsteam.
Fehlstart also statt Superteam, das ist die graue Realität nach drei Wochen. Während Myles Garrett länger verletzt ausfallen wird und Puka Nacua die letzten beiden Spiele verpasst hat, mit noch offenem Comeback-Termin. Eine offensichtlich verpatzte Reisestrategie zum Start für das Australien-Spiel, eine Niederlage am Sonntag nach 16:0-Pausenführung in Denver. Es summiert sich.
So sollte diese Saison aus Rams-Sicht nicht beginnen, und der Frust ist spürbar. Sean McVay verbrachte am Sonntagabend nach dem Broncos-Spiel keine zwei Minuten vor der versammelten Presse. Der Team-eigene Stream der Pressekonferenz setzte ein, als McVay gerade noch einen Satz sagte und sich dann auch schon wieder verabschiedete. Team-Reporter berichteten, dass sie gerade den Raum betreten hatten, als McVay ihn schon wieder verließ.
Sein zu Beginn abgegebenes Statement beschränkte sich auf: "Es ist hart, aber so ist der Sport. Das muss man in Kauf nehmen. Ich liebe unsere Jungs, heute hat es nicht gereicht. Hut ab vor den Broncos, sie haben einen Weg gefunden. Wir werden auf uns selbst schauen und Wege finden, wie wir uns verbessern können."
Gut möglich, dass der zweifelhafte Pass-Interference-Call, der die andernfalls wohl spielentscheidende Rams-Interception vom Board nahm, hier mit reingespielt hat. Es dürfte aber auch der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass sein Team nicht nur eine 16-Punkte-Führung aus der Hand gegeben hatte, sondern zusätzlich zu viele Gelegenheiten liegengelassen hatte: Zwei Red-Zone-Drives in der ersten Hälfte, die nur in Field Goals endeten, Staffords Pick Six bei einem Pass, den er niemals werfen darf, unnötige Strafen und am Ende zu wenig Ertrag für einen über weite Strecken guten Auftritt in Denver, gegen diese starke Broncos-Defense und ohne Puka Nacua.
Und so stehen die Rams lediglich bei 1-2, der einzige Sieg kam gegen die Giants mit deren Backup-Quarterback Jameis Winston. Division-Rivale und Titelverteidiger Seattle hat nach der überraschenden Niederlage in Washington zwei Siege auf dem Konto, die 49ers thronen an der Spitze der Division mit einer weißen Weste. Und die Rams erwartet als nächstes ein Trip nach Philadelphia zu den Eagles, gefolgt von einem Heimspiel gegen die Buffalo Bills.
Zwar wird der Schedule anschließend zwischenzeitlich etwas leichter, aber weitere Niederlagen im ersten Saisondrittel wären schon eine ordentliche Hypothek im Rennen um die umkämpfte NFC West. Verpassen die Rams dieses Ziel, müssten sie den steinigeren Weg in den Playoffs gehen. Was, so viel sei gesagt, selbstredend auch machbar ist, sollte Los Angeles dann im Januar aus allen Rohren feuern.
Das führt zum eigentlichen Kern dieser Thematik, zum wichtigsten Punkt nach dem Fehlstart in diese All-In-Titeljagd-Saison: Wir kennen die Ergebnisse, wir kennen den Record, wir wissen, dass die Rams nach drei Spielen bereits unter Druck stehen. Aber eine NFL-Saison ist lang. Wie laut müssen die Alarmglocken in Los Angeles also wirklich sein?
Die größte Sorge nach dem Australien-Spiel in Woche 1 war nicht, dass die Rams nicht auf den Punkt da gewirkt haben, oder dass die Defensive Line im ersten Spiel nach dem Flug um die halbe Welt über den Haufen gerannt wurde. Die große Sorge aus diesem Spiel war die Frage danach, ob der Arm und generell das Spiel von Matt Stafford nachlassen.
Weil er schlechte Entscheidungen traf, wie bei der viel zu spät geworfenen Interception bei einer Out Route. Nachdem er vorher schon eine Beinahe-Interception gegen Druck hatte. Er überwarf Nacua bei einem Play Action Shot im späten ersten Viertel und verfehlte wenig später Adams bei Third Down deutlich. Im vierten Viertel hatte er Adams bei Zweiter-und-Zehn bei einer tiefen Route offen und verfehlte ihn abermals komplett, zwei Plays später überwarf er Terrance Ferguson.

Das waren alarmierende Beobachtungen, und während Stafford - so wie die Rams insgesamt - über die letzten beiden Wochen deutlich weniger neben der Spur gewirkt hat, als noch in Australien, ist dieses Thema noch präsent.
Gegen Denver überwarf er ein Mal Adams tief, früh in der zweiten Hälfte hatte er Interception-Glück bei einem späten Ball nach außen. Zusätzlich zu dem Pick Six, den er warf. Gegen die Giants verfehlte er Adams mehrfach: Ein Ball in den Rücken früh bei Third Down, auch hier hatte er eine Interception mit einer fragwürdigen Entscheidung bei einem Play-Action-Shot. Dazu ein Overthrow Richtung Mumpfield, ein Wurf zu Tutu Atwell in Double Coverage.
Stafford ist 38 Jahre alt, und nachdem sein Rücken in der vergangenen Offseason ein großes Thema war, bleibt abzuwarten, ob dieses Narrativ mit einjähriger Verspätung dann auch während der Saison doch noch relevant wird. Sein Arm und damit in erster Linie seine Accuracy scheint zumindest nicht so verlässlich sicher zu sein, wie gewohnt. Auch deshalb hat er mit Druck spürbare Probleme. Stafford ist nicht der Athlet, der Plays individuell rettet - auch wenn er gegen die Broncos sogar einige Scrambles hatte -, er verlässt sich hier auf seinen Arm, seine Spielintelligenz und darauf, dass er Probleme innerhalb der Pocket lösen kann. Das klappt bislang in dieser Saison mit überschaubarem Erfolg.
All das zeichnet ein sehr negatives Bild. Doch muss man die Analyse von Stafford hier in diesem Kontext gemessen an den hohen Ansprüchen und den hohen Zielen der Rams sehen. Wenn man es anders formuliert: Stafford spielt nicht schlecht, aber er spielt auch ganz eindeutig noch nicht auf dem Level, das er letztes Jahr hatte, und das die Rams zu dieser nahezu unaufhaltsamen Offense machte.
Das kann man erweitern auf die Offensive Line, die auch noch nicht die Konstanz an den Tag legt, die wir von den Rams letztes Jahr gewohnt waren. Immerhin die Defense hat sich nach dem Ausrutscher zum Auftakt gegen die 49ers deutlich stabilisiert, die neue Secondary sieht immer besser aus und die Front wird Myles Garrett irgendwann zurückbekommen.
Das Australien-Spiel kann sich als ein kompletter Outlier entpuppen. Ein Muster ohne Wert, durch eine verpatzte Reisestrategie. Ein Fehler, der den Rams so sicher nicht noch einmal passieren wird, und ein Thema, das im weiteren Saisonverlauf nicht mehr relevant sein wird.
Am Sonntag in Denver produzierte die Rams-Offense 225 Yards mehr als der Gegner. Es war das erste Mal seit 2024, dass ein Team ein Spiel verliert, in dem es 225 Yards mehr als der Gegner hatte. Ohne den besten Receiver und ohne den besten Pass-Rusher auf dem Platz. Einzelne Momente kann man hier, so wie immer, kritisieren. Die Leistung insgesamt aber nur bedingt.
Der Saisonstart war weder Ergebnis-, noch Leistungstechnisch das, was sich die Rams vorgestellt haben. In Teilen gibt es gute Erklärungen dafür, warum der Auftakt holprig war, und guten Grund zu der Annahme, dass Besserung im Laufe der Saison in Sicht ist. Das wäre noch einfacher zu akzeptieren, wenn Stafford nahtlos an seine Vorsaison angeknüpft hätte und man ein bereits klar erkennbares Bild davon malen könnte, wie es aussieht, wenn alle Teile ineinander greifen.
Denn letztlich geht es für die Rams nicht darum, im September wie ein Titelfavorit auszusehen. Probleme im Laufe der Saison zu lösen - während man natürlich ausreichend viele Spiele gewinnt - um dann im Schlussspurt aus allen Rohren zu feuern, das ist das Rezept für einen tiefen Playoff-Run. Und dieses Szenario ist für die Rams auch weiterhin alles andere als unrealistisch.
Adrian Franke