14.07.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die NFL ist zurück! Über die nächsten zehn Tage starten nahezu alle 32 Teams ihre Training Camps, bis Ende Juli sind alle Mannschaften inmitten der heißen Phase der Saisonvorbereitung. Dabei stehen möglicherweise weichenstellende Team-interne Duelle bevor: Wer spielt Quarterback in Cleveland? Wer in Atlanta? Überrascht J.J. McCarthy doch noch? Und wie strikt bleiben die Raiders bei ihrem Plan für Fernando Mendoza?

Vielleicht die faszinierendste Dynamik der diesjährigen Training Camps. Zwar könnte es eine klare Sache werden, denn: McCarthy war bislang weitestgehend eine klare Enttäuschung. Murray ist kein Top-Tier-Quarterback, aber hat gezeigt, dass er in der solide-bis-gut-Gruppe ist und bisweilen sehr gute Zahlen auflegen kann, wenn die Umstände gut sind.
Das sollten sie in Minnesota sein. Und nicht nur das, Stars wie Justin Jefferson warten sehnsüchtig darauf, dass sie wieder besseres Quarterback-Play bekommen, um offensiv kompetitiv zu sein. Auch für Head Coach Kevin O'Connell geht es darum, jetzt die richtigen offensiven Entscheidungen zu treffen.
Wenn sich Murray während der Saisonvorbereitung auf seinem normalen Level präsentiert und McCarthy keinen enormen Sprung hinlegt, sollte Murray der klare Favorit auf den Starter-Job sein.
Aber während der OTAs sprach Murray bereits darüber, dass es nicht ideal sei, dass er nicht alle Starter-Reps im Training bekommt, während er bereits versucht, die Offense zu lernen und was das Verständnis der Offense angeht aufholen muss. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Murray im Juni noch nicht die ganze Offense parat hat. Aber die Zeit wird ein kritischer Faktor sein - und McCarthy dürfte auch im Training Camp seinen Teil an Starter-Snaps bekommen.
Murray ist der klare Favorit und sollte, wenn alles wie erwartet läuft, die Vikings in Woche 1 als Starter anführen. Je nachdem, wie sich die Dynamik auf dem Weg dorthin über die nächsten Wochen aber entwickelt und abhängig davon, inwieweit McCarthys Weiterentwicklung doch noch ein X-Faktor sein kann, könnte sich diese Situation als sehr viel ungewisser herausstellen.
Es sind zwei Quarterbacks, die einiges zu beweisen haben. Tua Tagovailoa spielte 2025 in Miami die bis dato schlechteste Saison seiner Karriere, ehe er schließlich seinen Startplatz verlor. Michael Penix hatte einen durchwachsenen Start in seine zweite NFL-Saison, bevor ein weiterer Kreuzbandriss ihn außer Gefecht setzte.
Kevin Stefanski übernimmt die Falcons als neuer Head Coach, die Verpflichtung von Tua in der Free Agency war der erste große Move des neuen Regimes. Viel Schonfrist wird Penix also nicht bekommen, und falls sich der Hawaiianer im Camp als solide Game-Manager-Übergangslösung entpuppt, könnte das die bevorzugte Variante für Stefanski sein. Perspektivisch dürfte er sich ohnehin nach einer langfristigen Lösung umschauen, davon ausgehend, dass die Baseline mit Tagovailoa aber stabiler ist, reicht das womöglich übergangsweise für den Startplatz.
Denn, und das ist ein wichtiger Hinweis: Bei Penix ist noch offen, wann er bei 100 Prozent sein wird. Penix arbeitet sich von einem Kreuzbandriss zurück und konnte nur bedingt im Minicamp und bei den OTAs mitwirken. Davon ausgehend, dass er jetzt fit ist und auch voll mitwirken kann, sollte das Duell in Atlanta das engste Quarterback-Duell dieser Saisonvorbereitung werden.
Die Quarterback-Duelle in Minnesota und Atlanta fühlen sich wie das konkreteste, offenste an, in dem sehr direkt der Woche-1-Starter herausgearbeitet wird. Vielleicht tue ich damit der Situation in Las Vegas Unrecht, aber zumindest der Eindruck, den man von außen gewinnt, und den die Raiders auch nach außen kommunizieren, legt etwas anderes nahe.
Hier klingt es eher danach, dass die Raiders Nummer-1-Overall-Pick Fernando Mendoza erst einmal ganz bewusst auf der Bank halten und ihn langsam heranführen wollen. Auch deshalb wurde Kirk Cousins für gutes Geld verpflichtet, er soll als Starter in die Saison gehen und Mendoza beim Akklimatisieren in der NFL unterstützen.
Nichtsdestotrotz wird natürlich Aufmerksamkeit darauf liegen, wie genau die Raiders ihre Snaps im Training aufteilen. Und was Mendoza mit diesen Snaps macht. Bekommt Cousins zunächst alle Einheiten mit den Startern? Gibt es eine Aufteilung, und wenn ja, wie steuern die Raiders diese? Und wie schnell kommt Mendoza mit seinen neuen Mitspielern auf eine Wellenlänge?
Es gibt nicht viele echte Backfield-Duelle, bei denen konkret ein Startplatz ausgespielt wird. Die meisten Teams haben hier relativ viel Klarheit, sodass es in der Saisonvorbereitung eher darum geht, wie sich die Rotation gestaltet. Carolina ist eine dieser Ausnahmen, und das nach einer mitunter tragischen Reise.
Jonathon Brooks kam als vielversprechendes Running-Back-Talent aus dem 2024er Draft nach Carolina. Trotz eines im College erlittenen Kreuzbandrisses wählten die Panthers ihn in der zweiten Runde aus, doch kurz nachdem Brooks im November sein Rookie-Debüt gegeben hatte, erlitt er abermals einen Kreuzbandriss. Er verpasste infolgedessen seine gesamte zweite Saison.
Brooks hat dementsprechend nach zwei NFL-Saisons ganze neun Runs auf seinem Konto und ist eine der sportlich bitteren individuellen NFL-Geschichten der letzten beiden Jahre.
Während all das passierte, spielte Hubbard 2024 seine mit Abstand beste Saison für die Panthers und sah aus wie der nächste Top-Running-Back. Allerdings konnte der 27-Jährige das letztes Jahr, auch verletzungsbedingt, nicht bestätigen. Rico Dowdle führte das Backfield der Panthers in der vergangenen Saison an, verließ Carolina nach der Saison aber Richtung Pittsburgh.
Während Hubbard also versucht, seine 2024er Form wiederzufinden, geht es für Brooks darum, gesund zu bleiben und in seiner dritten Saison endlich in der NFL anzukommen. Die Panthers haben eine gute Offensive Line, es ist eine vielversprechende Situation für einen Running Back und sowohl Hubbard als auch Brooks haben eine reelle Chance auf den Startplatz.
Offen ist in Carolina auch der dritte Receiver-Spot. Neben Tetairoa McMillan ist Jalen Coker gesetzt, im Vorjahr war Xavier Legette die dritte Option daneben. Der aber hat bisher nicht so überzeugt, dass dieser Platz in Stein gemeißelt ist, und die Konkurrenz daneben wurde größer: Drittrunden-Rookie Chris Brazzell ist hier genauso eine Option wie John Metchie, den die Panthers zum Start der Free Agency verpflichtet haben.
Commanders-Fans müssen sich wohl damit abfinden, dass Brandon Aiyuk nicht zur Rettung kommen wird. Damit klafft nach den Abgängen von Deebo Samuel und Zach Ertz eine große Lücke hinter Terry McLaurin, und die kommenden Wochen werden einen ersten Hinweis darauf geben, wer die Nummer 2 sein könnte.
Und dieses Rennen wirkt gänzlich offen. Luke McCaffrey hatte letztes Jahr 15 Targets, Antonio Williams ist ein Drittrunden-Rookie, Chig Okonkwo hatte in vier Jahren bei den Titans nie mehr als 560 Yards in einer Saison. Die weiteren Alternativen heißen Dyami Brown, Van Jefferson, Jaylin Lane und Treylon Burks.
Sofern es keinen Breakout von McCaffrey gibt, oder Williams als Rookie sofort einschlägt, ist das auf dem Papier eine der schwächeren Pass-Catcher-Gruppen ligaweit. Doch Targets werden zu haben sein, letztes Jahr erhielten allein Samuel und Ertz zusammengenommen 171 Targets und belegten damit, auch weil McLaurin sieben Spiele verpasste, Team-intern die Plätze 1 und 2.
Washingtons Offense befindet sich im Wandel. Die Commanders trennten sich von Kliff Kingsbury, David Blough übernimmt als neuer Offensive Coordinator. Eine seiner Aufgaben wird jetzt sein, herauszufinden, wie die Hackordnung hinter McLaurin aussehen soll - und das lässt sich noch erweitern auf das Backfield: Jacory Croskey-Merritt, Rachaad White und Kaytron Allen streiten sich um den Startplatz. Hier ist von einer Rotation auszugehen, die Fantasy-Manager Kopfzerbrechen bereiten wird. Vielleicht aber lässt das Camp ja auch klarere Schlüsse zu.
Das Jaguars-Backfield war letztes Jahr eine klare Angelegenheit. Von den 373 Running-Back-Runs in der Regular Season gingen 260 an Travis Etienne, der auch mehr Bälle fing (36) als Bhayshul Tuten (10) und LeQuint Allen (10) zusammengenommen.
Jetzt ist Etienne weg, Chris Rodriguez ist der einzige Neuzugang im Backfield der Jaguars. Rodriguez, ein Sechstrunden-Pick aus dem 2023er Draft, hatte letztes Jahr seine bis dato produktivste Saison in Washington, kam aber auch da auf lediglich 112 Runs und war die klare Nummer 2.
Dass Jacksonville Etienne gehen ließ und dann nur bedingt nachrüstete, könnte etwas darüber verraten, wie sie Tuten sehen. Doch die Aufteilung hier scheint gänzlich offen. Tutens physisches Profil ist nicht unbedingt das eines Lead-Backs, der 300 Touches in einer Saison bekommen sollte. Rodriguez aber war auch noch nie in der Nähe solcher Zahlen. Es könnte zunächst eine sehr ausgeglichene Aufteilung werden, mit einer echten Chance darauf, dass sich einer der beiden im Training Camp klar nach vorne schiebt.
Eine weitere spannende Personalie in Jacksonville ist Travis Hunter. Hunter hatte zu Beginn seiner Rookie-Saison sichtbare Schwierigkeiten damit, der Komplexität auf beiden Seiten des Balls gerecht zu werden. Richtung Saisonmitte pendelte es sich mehr und mehr ein: Rund 15 bis 25 Snaps in der Defense, über 50 Snaps in der Offense. Das schien der Kurs zu sein, und der führte in Woche 7 zu Hunters bestem Spiel als Receiver bis dato. Zwölf Targets, acht Catches, 101 Yards und ein Touchdown gelangen ihm gegen die Rams.
Es war jedoch Hunters letztes Saisonspiel, eine in der Folgewoche im Training erlittene Knieverletzung beendete seine Rookie-Saison.
Seitdem wurde Jakobi Meyers via Trade geholt und Parker Washington hatte seine Breakout-Saison, was Hunters Rolle in der Offense ungewiss lässt. Das Training Camp wird mehr Aufschluss darüber geben, wie Jacksonvilles Plan in Jahr 2 aussieht.
Realistisch ist es am ehesten das Duell Deshaun Watson gegen Shedeur Sanders, aber die Quarterback-Frage in Cleveland ist auf der einen Seite sehr offen, auf der anderen Seite aber auch potenziell wenig folgenreich. Denn die Vermutung liegt nahe, dass der Starting-Quarterback der Browns 2027 derzeit noch nicht im Kader ist.
Wahrscheinlicher ist, dass der neue Trainerstab mit Watson, Sanders, vielleicht auch noch mit Dillon Gabriel und, wenn alle Stricke reißen, mit Taylen Green irgendwie die kommende Saison überbrücken wird. Um sich dann im Draft nächstes Jahr hoffentlich den Franchise-Quarterback zu sichern.
Das zumindest ist die naheliegende Prognose angesichts der Qualität dieser Gruppe. Watson kommt von einem doppelten Achillessehnenriss zurück, der ihn den Großteil der 2024er und die gesamte 2025er Saison gekostet hat. Seine letzte gute Saison war 2020 noch für die Texans. Sanders und Gabriel haben in ihren ersten Gehversuchen nichts gezeigt, was die Vermutung zulässt, dass sie als langfristige Starter in Frage kommen.
Für alle drei beginnt jetzt also eine wegweisende Saison. Der neue Head Coach Todd Monken hat keinen dieser Quarterbacks selbst ausgewählt, nicht auszuschließen ist auch, dass er die ganze Positionsgruppe nach der Saison gänzlich neu zusammenbastelt. Und gleichzeitig ist es für Watson die vermutlich letzte und für Sanders die vorerst beste Chance, sich doch noch als Starter zu empfehlen. Ob für die Browns, oder auch perspektivisch woanders.
Die Chargers waren bereits letztes Jahr offensiv eher schwerer unterwegs. Nur Platz 22 in 11-Personnel-Rate - also ein Running Back, ein Tight End, drei Wide Receiver - rund 30 Prozent der Offense fanden unter Greg Roman mit nur zwei oder weniger Receivern auf dem Platz statt.
Es ist davon auszugehen, dass diese Zahl deutlich nach oben geht. Mike McDaniel übernimmt die Offense und hat prompt Fullback Alec Ingold aus Miami mitgebracht. Außerdem haben die Chargers mit David Njoku und Charlie Kolar ihre Tight-End-Gruppe deutlich verbessert, gemeinsam mit Oronde Gadsden ist das ein Trio, das wir auch so zusammen auf dem Platz sehen werden. Unter McDaniel belegte Miami letztes Jahr Platz 30 in 11-Personnel-Rate und spielte über 40 Prozent seiner Snaps mit zwei Backs auf dem Platz.
Jeder erwartet, dass die Chargers unter McDaniel offensiv einen deutlichen Sprung machen. Ladd McConkey ist dabei der gesetzte Receiver, aber wie sieht die Hierarchie dahinter aus? Quentin Johnston dürfte der frühe Favorit sein, es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Mike McDaniel Johnstons Speed nach dem Catch gefällt. Tre Harris ist eine physischere Option, Thompson ist der von McDaniel in diesem Draft handgepickte Rookie-Speedster.
Jeder dieser Spieler wird eine Rolle haben. Hält Johnston den Nummer-2-Spot? Gibt es eine feste Nummer 3? Sehen wir mehr Rotation neben McConkey? Ist Thompson mit seinem Speed eine interessante Option spezifisch, wenn die Chargers ihre schwersten Personnel Groupings auf den Platz bringen? Und wie sieht McDaniels Vision für diese Offense insgesamt aus?
Der Edge-Rusher-Platz gegenüber von George Karlaftis ist schon seit einer Weile eine Problemzone bei den Chiefs. Charles Omenihu hat das Team in der Offseason verlassen, und auch er war mehr eine Notlösung.
Denn Felix Anudike-Uzomah hätte eigentlich hier ein Fixpunkt werden sollen, nachdem die Chiefs ihn in der ersten Runde des 2023er Drafts ausgewählt hatten. Diese Rechnung ging aber so gar nicht auf. Anudike-Uzomah brachte es 2023 und 2024 zusammengenommen auf ganze 25 Pressures, ehe er die gesamte vergangene Saison aufgrund einer Oberschenkelverletzung verpasste. Das führte dazu, dass Vorjahres-Drittrunden-Rookie Ashton Gillotte auf unerwartet viele Snaps kam - mit überschaubaren Ertrag: 24 Pressures bei 268 Pass-Rush-Snaps.
Anudike-Uzomah geht aller Voraussicht nach in seine letzte Saison bei den Chiefs. Gillotte hat Potenzial, ist aber womöglich nur ein Rotationsspieler. Der spannendste Spieler dieser Gruppe ist Rookie R Mason Thomas. Ein unheimlich explosiver Pass-Rusher, der sich als Run-Stopper erst beweisen muss, aber der Kansas City eine Explosivität geben kann, die diesem Pass-Rush zuletzt spürbar fehlte. Sollte diese Gruppe im Camp enttäuschen, ist nicht auszuschließen, dass sich Kansas City auf dem zweiten Edge-Spot nochmal auf dem Markt umschaut.
Noch vor einem Jahr war Bucky Irving nach einer starken Rookie-Saison überall hoch im Kurs. Doch konnte er 2025 nicht an seine fantastische 2024er Saison anknüpfen, was auch an einer hartnäckigen Schulterverletzung lag, die in der Offseason operiert werden musste. Noch ist offen, wann genau er vollständig ins Training Camp einsteigen kann, es soll aber noch im Juli so weit sein.
Hier aber beginnt schon die potenzielle Diskussion. Denn die Buccaneers haben in der Offseason Kenneth Gainwell geholt, der den Abgang von Rachaad White auffangen soll. Gainwell hatte eine gute Saison in Pittsburgh, in welcher er auch als Receiver glänzte (73 REC, 486 YDS, 3 TD).
Ehe Irving wieder fit ist, dürfte Gainwell vor Sean Tucker den Großteil der Einheiten mit den Startern bekommen. Und dann ist denkbar, dass das Backfield der Bucs eine ebenbürtig aufgeteilte Angelegenheit wird, und die Zeit als klarer Nummer-1-Back von Irving bereits wieder vorbei ist.
Adrian Franke