15.09.2026
Fan-Kolumne
Nach dem 13:27 zum Auftakt in Las Vegas trifft die schöne Sommer-Theorie auf die harte Sonntag-Realität - und ein Fan prüft, ob sein Optimismus den ersten Aufprall übersteht.

Erinnert ihr euch, was ich euch letztes Mal versprochen habe? Das Tal der Tränen. Keine Abkürzung drumherum, nur der Weg mittendurch. Na dann: willkommen im Tal. 13:27 in Las Vegas, unser Quarterback fünfmal am Boden, Maxx Crosby allein zweimal. Ein Auftakt, der sich anfühlte wie die Quittung für all die schönen Sätze, die ich im Sommer geschrieben habe. Und trotzdem sitze ich hier, Kaffee in der Hand - diesmal einen Tick bitterer - und denke mir: ja. Genau so hatte ich mir das vorgestellt. Nicht das Ergebnis. Aber den Weg.
Aber seien wir mal ehrlich miteinander, so unter Fans. Im Juni klingt "ich freue mich aufs Tal der Tränen" wie eine reife, abgeklärte Haltung. Man nickt weise, trinkt seinen Kaffee, fühlt sich dem Rest der aufgeregten Fanbase ein bisschen überlegen. Und dann kommt der erste Sonntag, und Maxx Crosby wirft deinen Quarterback zum zweiten Mal in den Rasen, und plötzlich ist das alles keine Theorie mehr. Fünf Sacks.
Fünfmal lag Willis am Boden, mal weil die Line durchlässig war wie ein Fliegengitter, mal weil er den Ball festhielt, als hinge sein Leben dran. Es ist eine Sache, Schmerz anzukündigen. Es ist eine andere, ihm 60 Minuten lang zuzuschauen. Und ja - irgendwo im dritten Viertel, als der nächste Drive im Nichts verpuffte, hab ich meinen edlen Sommer-Optimismus kurz angezweifelt. Das gehört zur Wahrheit dazu. Wer behauptet, er hätte keine Sekunde gehadert, lügt - oder hat nicht hingeschaut.
Und dann, wenn der Frust sich gesetzt hat, spulst du das Spiel im Kopf nochmal zurück - und siehst Dinge, die im 13:27 komplett untergehen. Drittes Viertel, 17:13. Vier Punkte. Auswärts, in einem der lautesten Stadien der Liga, mit einem Quarterback, den vor einem Jahr niemand als Starter auf dem Zettel hatte, und einer Offense voller Namen, die man sich erst noch merken muss - und dieses junge Team war mitten im Spiel. Nicht als Fußabtreter, sondern als Gegner. Willis hat den Ball selbst 14 Yards in die Endzone getragen, weil "big doesn’t get small" eben auch heißt: Wenn vorne nichts geht, machst du es mit den Beinen.
Und dann war da dieser Rookie, Caleb Douglas, Drittrundenpick, NFL-Debüt - fünf Bälle, 94 Yards, als hätte ihm keiner gesagt, dass man als Neuling erstmal nervös zu sein hat. Genau dafür haben wir das hier gemacht. Nicht für einen fertigen Star, den ein anderer ausgebildet hat. Für den Moment, in dem ein Name, den gestern keiner kannte, plötzlich aufblitzt und du denkst: Moment mal - der da. Den behalten wir.
Und hier kommt der Punkt, an dem sich entscheidet, ob dieser Sonntag ein Desaster war oder ein Datenpunkt. Es hängt nämlich komplett davon ab, was du erwartet hast, als du den Fernseher eingeschaltet hast. Wer ein Playoff-Team sehen wollte, hat ein Desaster gesehen: kein Waddle, kein Hill, ein Journeyman under Center, fünf Sacks, wieder nichts. Wer dagegen ein Team beim Laufenlernen erwartet hat, der hat - ein Team beim Laufenlernen gesehen. Es fällt hin. Es steht wieder auf. Es macht Anfängerfehler und dazwischen einen Spielzug, bei dem du kurz die Luft anhältst.
Genau das hatte ich im Sommer gemeint: Wenn niemand was erwartet, kann auch niemand enttäuscht sein. Das war kein Trostpflaster für schlechte Zeiten. Das war eine Brille. Das Scoreboard zeigt dir das Ergebnis von gestern - aber im Jahr null lügt es dir was über den Fortschritt vor. Denn Fortschritt sieht in diesem Jahr nicht aus wie ein Sieg. Er sieht aus wie ein Rookie mit 94 Yards in einem Spiel, das wir verloren haben.
Nur - und das ist der unbequeme Teil - eine Brille aufzusetzen ist einfach. Sie aufzubehalten, wenn es wehtut, ist die eigentliche Arbeit. Denn seien wir realistisch: Dieser Sonntag war nicht der letzte seiner Art. Es kommen noch etliche davon. Es wird Wochen geben, in denen wir früh hinten liegen und nicht mehr zurückkommen. Es wird Montage geben, an denen die Kollegen im Büro grinsen und fragen, wie’s denn den Fischen so geht. Es wird der Moment kommen - wahrscheinlich schneller, als mir lieb ist -, in dem der Ruf nach "aber Team XY hat’s doch auch schneller hinbekommen" laut wird.
Und genau da entscheidet sich, was für ein Fan man ist. Der einfache Teil eines Rebuilds ist der Plan auf dem Papier im Frühling. Der schwere Teil sind die Nachmittage wie dieser, fünfzehn Mal hintereinander, und trotzdem nicht abzuspringen. Im Juni jemandem Geduld zu versprechen, kostet nichts. Im September, nach einem 13:27 und fünf Sacks, ist Geduld auf einmal eine Entscheidung. Und ich treffe sie. Jede Woche neu.
Also, zurück zum Anfang - zu dem Satz, mit dem alles losging. Wenn niemand was erwartet, kann auch niemand enttäuscht sein. Im Sommer war das eine kluge Behauptung. Nach diesem Sonntag ist es ein Belastungstest - und ich kann euch sagen: Der Satz hält. Denn ich bin nicht enttäuscht. Enttäuscht ist man nur, wenn die Realität hinter der Erwartung zurückbleibt. Ich hatte kein Playoff-Team erwartet. Ich hatte ein junges, hungriges, überfordertes Team erwartet, das auswärts auf die Fresse fällt und trotzdem bis ins dritte Viertel Zähne zeigt.
Genau das habe ich bekommen. Kein schöner Anblick. Aber ehrlich. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit schaue ich einem Dolphins-Team dabei zu, wie es etwas wird, statt dabei, wie es etwas verwaltet. 0-1. Ganz unten, sagen die Experten. Perfekt. Von hier unten kann man nämlich nur in eine Richtung schauen. Willkommen im Tal der Tränen, Dolfans. Ich hab Proviant dabei, festes Schuhwerk und einen bitteren Kaffee. Wir gehen da zusammen durch. Fins up - und diesmal weiß ich sogar, warum. Oder?
Christian Burghard