07.05.2026
NFL Kolumne von Adrian Franke
Jedes Jahr gibt es sie - die Picks später im Drat, die sofort einschlagen, oder zumindest eine unerwartet große Rolle spielen. Letztes Jahr waren das außerhalb der Top-75-Picks unter anderem Upton Stout, Cam Skattebo, Elic Ayomanor und Oronde Gadsden. Adrian Franke gibt seine Prognose für die Kandidaten aus dem diesjährigen Draft ab.

Die Spieler sind in chronologischer Reihenfolge nach ihrem Draft Slot aufgelistet
Es gibt immer Gründe dafür, dass Spieler erst an Tag 3 gedraftet werden. Mal sind es medizinische Gründe, mal Off-the-Field-Geschichten. In den allermeisten Fällen aber ist es ganz einfach das sportliche Profil, das zu viele Fragezeichen hat, um eine höhere Prognose zuzulassen.
Herauszufiltern, welche Spieler bereits in ihrer Rookie-Saison diese Prognosen bereits übertreffen können, ist letztlich auf den Punkt gebracht die Idee hinter diesem Text. Und einige Dinge müssen dafür gegeben sein, noch mehr als bei einem hohen Draft-Pick: Es muss einen halbwegs realistischen Weg zu Snaps geben, es muss eine definierbare Rolle innerhalb des Schemes geben und der Spieler muss ein Skillset haben, das zumindest spezifische Aufgaben sofort ermöglicht, wodurch die Pre-Draft-Fragezeichen ausreichend neutralisiert werden.
Bei Proctor sind diese Fragezeichen einfach zusammengefasst: Ein relativ schmaler Interior Pass-Rusher, der von einer kleineren Schule in die NFL kommt. Defensive Linemen brauchen ohnehin häufiger etwas Zeit, um sich in der NFL zu akklimatisieren, und bei Proctor muss man zusätzlich abwarten, wie gut er den Sprung von Southeastern Louisiana in die NFL überhaupt, vor allem aber im ersten Jahr, schafft.
Aber die Tools sind da. Proctor ist ein agiler, explosiver Interior Pass-Rusher. Technisch muss er noch konstanter werden und vielleicht ist er anfangs ein reiner Pass-Rusher. Aber das ist eben eine Rolle, in der ein Rookie einen Impact haben kann. Vermutlich wird er nicht viel bei Early Downs spielen, aber wenn eine Sache in Proctors Profil direkt funktioniert, dann ist das, was er als Pass-Rusher mitbringt.
Proctors physisches Profil ist in etwa vergleichbar mit dem von Milton Williams, Williams ist leicht größer, Proctor hat dafür längere Arme. Calijah Kancey ist noch kleiner und leichter, dafür aber auch klar explosiver. Aber das ist die Idee, was Proctor sein kann und in Arizonas Defense, die viele Eins-gegen-Eins-Matchups kreieren will, könnte diese Rolle neben Walter Nolen nicht nur funktionieren, sondern auch früh zu Snaps führen.
Thompson ist ein faszinierender Spieler. Ein ehemaliger 200-Meter-Champion in Texas (21.27 Sekunden), Silbermedaille über 100 Meter (10.40) und bei der Combine ist er eine 4.26 gelaufen, die positionsübergreifend schnellste Zeit bei der diesjährigen Combine. Der Speed ist also komplett legitim, und den hat er letztes Jahr auch bei Mississippi State gezeigt: Thompson hatte in der vergangenen Saison 1.054 Yards bei 18,5 Yards pro Catch. 478 seiner 1.054 Yards durch die Luft kamen bei Downfield Catches, also mindestens 20 Yards Downfield.
Diesen Speed sieht man bei Thompson auch. Er beschleunigt blitzartig, er explodiert vertikal in der Route, er zeigt explosive Körpertäuschungen und wenn er mal am Corner vorbei kommt, ist er weg. Dann kommen die Big Plays. Thompson hat dabei auch immer wieder Press Coverage geschlagen und zeigt gutes Ball-Tracking Downfield.
Das Problem bei alledem: Thompson ist extrem klein. Thompson ist kleiner als Tyreek Hill und 20 Pfund leichter, als Hill vor seinem Draft war. Das, kombiniert mit sehr kurzen Armen und kleinen Händen, führt zu einem limitierten Catch Radius. Und viel wird er durch Traffic über die Mitte nicht machen können.
Aber der Tyreek-Hill-Vergleich ist hier nicht nur interessant, weil auch Hill klein, aber extrem schnell und explosiv ist. Thompson ist hier so spannend, weil er zu den Chargers und damit zu Offensive Coordinator und Ex-Dolphins-Coach Mike McDaniel kommt, dessen Wunschspieler Thompson gewesen sein soll.
Und das ergibt komplett Sinn. McDaniels Offense ist nicht nur die Top-Speed-Offense in der NFL derzeit. McDaniel ist auch sehr gut darin, seine Speedster via Motions und Formationen in den freien Raum zu bringen, wo sie ihren Speed voll ausspielen können. Das hat er mit Hill und Jaylen Waddle in Miami eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Das macht die Chargers zum idealen Landing Spot für Thompson. Und so spricht einiges dafür, dass der Rookie direkt eine vielleicht überraschend große Rolle findet: Die Chargers haben keinen Spieler mit Thompsons Speed und seiner Beschleunigung. Das gibt ihm direkt eine Chance. Wenn er mit seinem Gewicht in der NFL funktioniert.
Die Ravens haben zwei Receiver in den mittleren Runden gedraftet, die von ihrem bisherigen Receiver-Profil weg gehen. Das ist nicht unbedingt überraschend, immerhin hat Baltimore einen neuen Coaching Staff und dementsprechend auch einen neuen Offensive Coordinator: Declan Doyle kommt nach einem Jahr unter Ben Johnson aus Chicago und wird der Play-Caller in Baltimore sein.
Ja’Kobi Lane wurde höher gedraftet als Sarratt, mich interessiert die Rolle, die er innerhalb der Offense spielen könnte, bei Sarratt aber noch mehr. Bereits jetzt hört man aus Baltimore, dass Sarratt innen spielen könnte, als eine Art Big Slot, was in meinen Augen seine beste Rolle in der NFL sein könnte.
Sarratt ist ein physischer Receiver, mit aber limitiertem Speed und limitierter Explosivität. Das ist generell ein Skillset, das in der NFL innen besser funktionieren könnte. Wenn Sarratt in einer Ben-Johnson-ähnlichen Offense hier auch als Blocker eine Dimension mitbringt, die ich so in Lanes Spiel genauso wenig sehe wie bei einem der anderen Ravens-Receiver, dann wird er aufs Feld kommen und auf dem Feld bleiben. Das ist der Nummer-1-Punkt, den man identifizieren muss, wenn man Tag-3-Picks mit frühem Impact finden will. Das in der jeweiligen Situation richtige Skillset, um sich Snaps zu verdienen, bedeutet auch, die Chance, sich schrittweise für eine größere Rolle zu empfehlen.
Ich bin sehr gespannt darauf, was Doyle mit der Offense plant, und wie seine mutmaßlich von Johnson inspirierte Offense mit einem Quarterback wie Lamar Jackson strukturell aussehen soll. Wenn aber die Karten bei den Receivern ein Stück weit neu gemischt werden und Rollen besetzt werden müssen, die letztes Jahr weniger relevant waren, ist das ein sehr guter Weg für Rookies, um sich Snaps zu verdienen.
Scott könnte ein sehr gutes Beispiel dafür werden, wie Tag-3-Picks überraschend schnell funktionieren. Nämlich für die Kategorie Spieler mit einem sehr spezifischen Skillset, die nicht in jedes Scheme passen, aber in der idealen Situation gelandet sind.
So sehe ich Scott bei den Bucs unter Todd Bowles. Scott ist ein physischer Downhill-Verteidiger, ein gefährlicher Blitzer mit sehr guter Explosivität und einem starken Closing Burst. Er ist geduldig in seinen Reads, aber dann sehr aggressiv, wenn er sein Ziel gefunden hat. 13 seiner 64 Tackles letztes Jahr waren Tackles for Loss (5 Sacks).
Scott wird innen als Run Defender funktionieren, vor allem aber wird Bowles ihn vielseitig als Blitzer einsetzen können.
Wir haben Saisons gesehen, in denen Devin White über 150 Pass-Rush-Snaps, primär als Blitzer, hatte. Ganz so viel wird Scott in Summe vermutlich nicht spielen, aber er könnte Bowles’ primärer Blitzer aus dem zweiten Level werden. Eine Rolle, die einen guten statistischen Output mit sich bringt.
Die Chiefs haben ihr Backfield in dieser Saison komplett umgebaut. Kenneth Walker ist dabei natürlich das große Investment, er soll der Chiefs Offense die Explosivität geben, die Kansas City zuletzt in allen Facetten gefehlt hat.
Das ist Walkers Paradedisziplin. Seine Playoffs haben ihm dabei ohne Frage ein paar Millionen Dollar zusätzlich auf dem Free Agency Markt beschert, auf eine ganze Saison gesehen würde Walker aber vermutlich weiterhin davon profitieren, wenn er eher 220 als 280 Carries bekommen würde. In dem Bereich bewegte er sich auch letztes Jahr, als er 221 Runs in der Regular Season in einem geteilten Backfield mit Zach Charbonnet in Seattle hatte.
Die Aufteilung in Kansas City wird sicher stärker in seine Richtung gehen. Aber selbst wenn sich Walker Richtung 230 Carries bewegt, werden im Backfield der Chiefs 120 bis 140 Runs für einen zweiten Back zu haben sein.
Johnson ist der realistische Favorit darauf, dieser zweite Back zu werden. Es gibt zum einen nicht viel Konkurrenz, zum anderen aber ergänzt sein Skillset als Runner auch spezifisch Walker sehr gut. Johnson hat nicht den Breakaway Speed, den Walker hat, dafür ist er ein smarter, agiler Runner zwischen den Tackles mit einer Konstanz hier, die Walker nicht immer so an den Tag legt.
Natürlich ist sehr viel Projection dabei, wenn man hinter einem Fünftrunden-Pick eine strategische Roster-Building-Komponente sucht. Aber wenn man sich anschaut, wie Kansas City sein Backfield in dieser Offseason neu zusammengestellt hat, ist es schon sehr auffällig, wie gut sich Walker und Johnson ergänzen könnten. Vielleicht ist das auch der Plan bereits früh in der Saison.
Vom Fünftrunden-Running-Back in Kansas City zum Sechstrunden-Running-Back in Washington, das macht die Prognose naturgemäß nicht einfacher. Aber es sind gerade Running Backs, die auch als spätere Picks unerwartet große Rollen selbst früh in ihrer NFL-Karriere einnehmen können. Bei kaum einer anderen Position ist das Talentlevel auch spät im Draft meist noch so hoch, sodass ein vorteilhafter Landing Spot hier bereits ein Katalysator für eine Überraschung sein kann.
Diese Chance sehe ich bei Kaytron Allen. Washington hat mit Jacory Croskey-Merritt und Rachaad White ein sehr offenes Backfield. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass die Commanders nach der Trennung von Offensive Coordinator Kliff Kingsbury die Offense umbauen wollen. Vermutlich mehr Under Center, mehr "traditionelles" NFL Run Game. Dafür braucht es gute Runner zwischen den Tackles, und das ist die zentrale Qualität von Allen.
Der Rookie verlässt Penn State als einer der produktivsten Runner der Schulgeschichte. Und auch wenn er athletisch und in puncto Speed limitiert ist, ist er ein sehr konstanter Runner, vor allem eben zwischen den Tackles. Hier läuft er kompakt, mit guter Vision und guter Contact Balance. Ich halte ihn in diesem Bereich für besser als Croskey-Merritt, seinerseits eine der Überraschungen der vergangenen Saison. Bestätigt Allen diese Einschätzung, könnte er sich einen Co-Starter-Platz in Washington erarbeiten.
Manchmal will man einen Namen noch unterbringen, der eigentlich zu unwahrscheinlich für eine solche Liste ist. Weil man nicht realistisch prognostizieren kann, dass er einen großen Impact als Rookie haben wird, der aber trotzdem überraschen könnte.
CJ Daniels ist dieses Jahr ein solcher Name für mich. Ein Sechstrunden-Pick, der keine sonderliche athletische Upside hat und, eher im Gegenteil, bereits 24 Jahre alt ist und überschaubar getestet hat.
Was macht er dann auf dieser Liste? Daniels ist ein großer Receiver mit guter Agilität, was ihm Route-Running-Qualitäten gibt. Außerdem ist er ein guter Run Blocker, der innen und außen spielen kann. Er gewinnt auf eine Art und Weise, die in manchen Offenses sehr produktiv sein und zu relevanten Snaps führen kann.
Es gibt ein paar Parallelen in seinem Profil zu Puka Nacua. Und Nacua ist das absolute Idealbeispiel für einen Tag-3-Pick, der dann in der NFL komplett einschlägt. Insofern kann das keine realistische Messlatte sein, aber auch er kam mit einem schwachen athletischen (Testing-)Profil und ohne die ganz großen, offensichtlichen Trümpfe in die NFL.
Daniels könnte mit seinem Skillset ebenfalls in der genau richtigen Situation gelandet sein. Neben dem Blocking läuft er gute In-Breaking-Routes, zeigt Körpertäuschungen in der Route und löst sich mit seinem Release. In fast keinem anderen Szenario würde ich hier überhaupt über Daniels nachdenken, bei den Rams aber ist er zumindest ein Kandidat für den Hinterkopf.
Denn dazu kommt: Die Rams haben nichts auf der Receiver-Position gemacht. Los Angeles spielt vergleichsweise wenig mit drei Wide Receivern, dieser dritte Spot hinter Puka Nacua und Davante Adams ist derzeit von Jordan Whittington besetzt. Keine unüberwindbare Konkurrenz. Und da sprechen wir noch gar nicht davon, was passiert, sollte einer der beiden Stars ausfallen.
Adrian Franke