02.06.2023
Neue Saison startet am Samstag
Die European League of Football startet am Samstag in ihre dritte Saison - und läuft dem alten System den Rang ab. Die Stars stehen dabei nicht auf dem Feld.

Ein bisschen muss Moritz Böhringer dieses Gefühl bekannt vorkommen. Noch keine drei Jahre ist es her, als er im Training noch Pässe von Joe Burrow fing, dem Star-Quarterback der Cincinnati Bengals, die Burrow damals draften konnten, weil sie das schlechteste Team der NFL waren. Mit Burrow standen sie zwei Jahre später in der National Football League im Super Bowl.
Seit Kurzem steht Böhringer, der 2016 als erster Spieler, ohne ein College besucht zu haben, direkt aus Europa in die NFL gewechselt war, bei Stuttgart Surge unter Vertrag - letztes Jahr zwölf Spiele, zwölf Niederlagen in der European Football League. Bemerkenswert ist das nicht nur, weil die ELF bislang nur ein Start-up ist, sondern vor allem, weil Böhringer bislang noch beim amtierenden Meister der German Football League (GFL) spielte, den Schwäbisch Hall Unicorns. Jetzt ist er gewechselt - aber nicht alleine.
Insgesamt 17 Spieler traten geschlossen den 70 Kilometer weiten Weg an, vom besten Team der GFL zum schlechtesten Team der ELF - angeführt von Head Coach Jordan Neuman. "Ich möchte die Unicorns eigentlich nicht verlassen, aber ich will aus der GFL aussteigen", sagte der Trainer in einem Interview zu seinen Beweggründen.
Fälle wie dieser zeigen: Die ELF, erst 2020 gegründet, hat schon jetzt den teils stagnierenden nationalen Ligen den Rang abgelaufen. Das Modell mit Verband und Vereinen scheint dem Franchise-Modell nach amerikanischem Vorbild zu weichen. "99 Prozent der Spieler, die von der GFL in die ELF gehen, wechseln nicht des Geldes wegen, sondern weil sie Football auf dem bestmöglichen Niveau spielen wollen", sagt Jan Weinreich, ehemaliger Quarterback der Cologne Centurions, einem der mittlerweile 17 ELF-Teams. In der Premierensaison 2021 waren es noch acht Mannschaften aus drei Ländern, letzte Saison dann schon zwölf aus fünf.
Jetzt wird noch weiter gestreut: Zur Anfang Juni beginnenden Runde gibt es Zuwachs aus Mailand, Paris, Zürich, Prag, Szekesfehervar und München, nächstes Jahr wird Madrid folgen. Bis 2025 sollen 24 Mannschaften aus 15 Ländern in der ELF spielen.
Ein Team hat die Liga allerdings auch schon verloren. Die Istanbul Rams zogen nach nur einer Saison wieder zurück, "aus sportlichen und wirtschaftlichen Gründen", wie es heißt. Die meisten anderen Standorte sind - wie die gesamte Liga - stark abhängig von Investoren, die auf das große Potenzial der Sportart in Europa setzen. Die NFL gewinnt seit Jahren an Strahlkraft, in dieser Saison werden gleich zwei Spiele in Frankfurt ausgetragen - unter anderem eines mit Beteiligung von Super-Bowl-Sieger Kansas City.
Diese Welle will die ELF reiten. Zwischen den nationalen europäischen Ligen und der alles überstrahlenden NFL will sie einen eigenen Platz finden, eine Liga für sich werden - und dabei den größten Trumpf ausspielen, den Football in den USA hat: die Medien. Zwei Spiele pro Woche werden live im Free-TV gezeigt, ein weiteres in einem kostenfreien Livestream. In Podcasts und den sozialen Medien wird getrommelt. "Die mediale Präsenz spielt eine ganz entscheidende Rolle für uns", sagt Commissioner Patrick Esume.
So passt es ins Bild, dass das Gesicht der Liga eines ist, das sich nicht hinter einem Helm versteckt. Esume, einer der Mitbegründer der Liga, ist ein ausgewiesener Medienprofi, durch seine Rolle als TV-Kommentator bei NFL-Übertragungen in Deutschland bekannter als die meisten Spieler.
Überhaupt sind die großen Namen in der ELF bislang eher hinter den Schreibtischen tätig als auf dem Feld. Der ehemalige NFL-Profi Björn Werner ist Teil- Investor und Sportdirektor bei Berlin Thunder, Jakob Johnson als aktuell erfolgreichster Deutscher in der NFL ist Miteigentümer von Stuttgart Surge. Zuletzt stieg eine US-amerikanische Investorengruppe um den einstigen Super-Bowl-MVP Malcolm Smith als Hauptgesellschafter bei den Barcelona Dragons ein. "Dass diese Leute an unser Produkt glauben, erfüllt uns mit Stolz", freut sich Esume.
Seine Rolle als Star der Liga rührt aber auch daher, dass es in der ELF bislang noch kaum Spieler gibt, die tiefe Spuren im US-Football hinterlassen haben. Der Kicker der Milano Seamen spielte mal eine volle Saison für die Oakland Raiders in der NFL, ein Linebacker der Helvetic Guards aus Zürich machte mal vier Spiele für die Tennessee Titans. Ansonsten sind die ELF-Kader eine bunte Mischung aus europäischen Top-Spielern, Amerikanern, die weder für die NFL noch für eine der weiteren Profi-Ligen gut genug waren und einigen Akteuren, die es - wie Böhringer - in der NFL zwar in den sogenannten "Practice Squad" schafften, aber nie zum Einsatz kamen.
Um für solche Spieler attraktiv zu sein, muss die ELF ein gewisses Maß an Professionalität bieten. Das fängt an bei der Kapazität der Stadien und hört auf beim Trainerstab. So trägt das in Düsseldorf ansässige Team Rhein Fire seine Heimspiele in der Duisburger Schauinsland- Reisen-Arena aus und hat in Jim Tomsula einen Head Coach, der sogar mal eine Saison die San Francisco 49ers in der NFL trainierte.
Und dann braucht es Beispiele wie KaVontae Turpin. Der Wide Receiver tingelte nach seiner College-Karriere durch die semiprofessionellen Ligen, ehe er bei den Panthers Wroclaw zu einem der Stars der ersten ELF-Saison avancierte und seine Laufbahn wieder in Schwung brachte. Nicht mal ein Jahr, nachdem er vor ein paar Hundert Zuschauern in Polen Bälle gefangen hatte, nahmen ihn die Dallas Cowboys unter Vertrag - America's Team, die wertvollste Sportmannschaft der Welt. In der abgelaufenen NFL-Saison wurde Turpin als Kick Returner direkt ins All-Star-Game, den Pro Bowl, gewählt. Eine Story, wie man sie in den USA liebt. Und ganz sicher auch bei der ELF.
Michael Bächle