09.08.2026
Vor WM in Düsseldorf
In nur wenigen Tagen bekommt Flag Football in Deutschland die ganz große Bühne. Bei der Weltmeisterschaft in Düsseldorf hoffen die deutschen Frauen auf das Ticket für die Olympischen Spiele 2028. Vor dem Turnier traf football-world die Nationalspielerin und Cornerback Zoe Song und wollte wissen: Wie hoch stehen die Chancen für Deutschland wirklich?

Frau Song, wie sind Sie damals zum Flag Football gekommen und wie lange spielen Sie inzwischen?
Ich spiele jetzt seit 2023 Flag Football, habe aber 2016 schon angefangen, Tackle Football zu spielen. Tatsächlich wurde ich 2022 während der Tackle-Weltmeisterschaft von unserem Head Coach Jona Winkel angesprochen. Im Januar 2023 bin ich zum Try Out gegangen und habe direkt Feuer gefangen.
Auf welcher Position spielen Sie?
In der Natio bin ich als Cornerback im Einsatz. Grundsätzlich habe ich mal Corner, mal Safety gespielt. In meinem Heimverein in München spiele ich auch beides. Ich hab's direkt in den Kader geschafft und war 2023 bei meiner ersten Europameisterschaft dabei, bei der wir Bronze geholt haben. Das hat das Ganze nochmal befeuert und ich wusste, ich will dabeibleiben.
Wie alt waren Sie, als Sie mit Football angefangen haben?
16.
Hatten Sie das Gefühl, früh oder spät dran zu sein?
Im Tackle war ich damals eher früh dran. Ein paar wenige haben schon in der Jugend gespielt, die meisten waren aber eher Mitte 20. Ist eben doch eine Randsportart. Im Flag Football fangen die Mädels heute teilweise schon in der U10 an, der Sport wächst einfach rasant in den letzten Jahren.
Sie haben sich inzwischen dazu entschieden, den Tackle Football an den Nagel zu hängen: Warum?
Erst habe ich beides parallel gemacht. Aber als dann 2024 verkündet wurde, dass Flag olympisch wird, war klar, dass ich mich langfristig entscheiden muss. Mir hatte Flag zu dem Zeitpunkt schon mehr Spaß gemacht, es ist dynamischer und es gibt einfach deutlich mehr Möglichkeiten kompetitiv zu spielen - für mich war es also ein No-Brainer. Auch zeitlich wurde es zunehmend schwieriger und vor allem die körperliche Belastung war enorm. Das war auf diesem Niveau einfach zu viel, weshalb mir auch meine Coaches abgeraten haben, weiterhin beides zu machen.

Wie oft müssen Sie trainieren, um auf dem Niveau einer Nationalspielerin zu sein?
In der Vorbereitung (Offseason) gehe ich vier bis fünf Mal die Woche ins Gym, plus zwei bis drei Mal die Woche ins Teamtraining. In der Vorbereitung auf die WM in den letzten Monaten hatten wir zusätzlich etwa alle vier Wochen eine Maßnahme der Nationalmannschaft - das heißt ein ganzes Wochenende. Während der DFFLF Saison kommen noch die Spieltage dazu. In einer perfekten Welt würde ich sagen: mindestens drei Mal die Woche Krafttraining, ein- bis zweimal die Woche Sprinttraining plus dreimal die Woche Teamtraining.
Welche Skills braucht man beim Flag?
Das Wichtigste ist der Teamgeist. Man muss Bock auf eine Teamsportart haben sowie ein hohes Maß an Athletik mitbringen. Außerdem wichtig: Schnelligkeit, Strategie und Hand-Augen-Koordination fürs Fangen und Flaggenziehen.
Besonders bei Mädchen ist Flag weltweit enorm beliebt und wächst exponentiell schnell: Wie beobachten Sie diese Entwicklung?
Gerade im Flag werden Frauen jetzt nochmal mehr gepusht, was mich besonders freut. Flag Football ist dieser perfekte Spagat aus Highlight-Plays, krasser Athletik und Taktik, und das unabhängig vom Geschlecht. Flag Football hat ursprünglich als Mixed Sportart begonnen und wird nach wie vor auch noch mixed gespielt. Vor drei Jahren gab es die erste Frauenliga in Deutschland, das waren damals fünf Teams. 2025 waren wir schon zehn Teams, dieses Jahr sogar knapp 20 Mannschaften. Inzwischen gibt es sogar eine erste und zweite Bundesliga, viele Mädels kommen aus dem Nachwuchs. Die U17 hat auch das erste Mal keine Probleme, Spielerinnen zu finden, weil die Nachfrage da ist. Das ist richtig cool zu beobachten, dass die Frauen hier immer mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Wie wichtig sind Vorbilder wie Sie im Sport?
Selbst wenn ich "inkognito" unterwegs bin, werde ich manchmal angesprochen: "Du bist doch Zoe von der Nationalmannschaft." Da blüht mein Herz auf. Die Mädels fragen mich nach einem Foto oder ob ich mal in ihrem Training vorbeikommen mag. Vorbild sein zu können, ist schon was ganz Besonderes.
Was muss sich noch ändern, damit sich Flag Football in Deutschland weiter etablieren kann?
Das ist auf vielen Ebenen komplex, da gibt es viele Ansatzpunkte. Ich finde es super, dass inzwischen durch das NFL FLAG PROGRAMM schon in den Schulen angefangen wird, den Kontakt mit der Sportart herzustellen. Da kann man sich in Deutschland schon etwas von den USA abschauen: dieser Ansatz, mehr Sport in der Schule und das Leistungsniveau beziehungsweise der Leistungsgedanke. Bei mir damals in der Schule gab's gar keine Möglichkeit, wir haben fast immer nur Brennball gespielt.
Olympische Spiele 2028: Nur sechs Teams schaffen es zum Turnier. Wie groß sind die Hoffnungen des deutschen Teams auf eine erfolgreiche Quali in Düsseldorf?
Top 1 der Welt ist im Moment Mexiko. Die sind bei den Frauen mit uns in einer Gruppe, neben Italien und Slowenien. Trotzdem ist das eine eher "dankbare Gruppe", da wir Italien und Slowenien bereits kennen und wissen: wir können die schlagen.
Neben Mexiko ist auch die USA ganz weit oben, in Europa ist Großbritannien der amtierende Europameister, daneben sind auch Spanien und Österreich starke Nationen. Außerdem gespannt bin ich auf China, die sind das erste Mal dabei. Das sind Nations to watch.
Bei uns steht und fällt es mit dem Momentum, alles ist möglich bei dieser WM. Alle Teams sind auf einem hohen Niveau, erstmals musste man sich aktiv qualifizieren. Da sind 16 Top-Teams, ich glaube, alle können alle schlagen. Alles muss klicken. Ich bin absolut positiv, dass wir sowohl gegen Mexiko als auch die USA gewinnen können.

Sie waren mit dem Verband 2025 auch schon in Los Angeles: Wenn Sie den Sport in den USA mit Deutschland vergleichen, was fällt auf?
Die haben den riesigen Vorteil, dass die Strukturen schon vorhanden sind. In den USA wächst man mit Football auf. Die Amerikaner*innen kommen schon viel früher in Kontakt mit Flag Football, spielen teilweise seit sie laufen können Football. Auch die Systeme in den USA rund um die Highschool oder das College bieten viel mehr Möglichkeiten, besser zu werden. Plus, es ist ein riesiges Land und deutlich mehr Flagspieler*innen, da gibt es automatisch eine höhere Leistungsdichte.
Stichwort Förderung: Bekommen Sie finanziellen Support als Nationalspielerin?
Wir haben das große Privileg, dass die deutsche Sporthilfe seit diesem Jahr für uns im Flag Gelder zur Verfügung stellt. Ich bin super dankbar dafür. Als Studentin kann man sich beispielsweise außerdem auf ein Stipendium bewerben und es gibt super viele Partner-Angebote.
Was würde Ihnen die Olympia-Quali bedeuten?
Hätte mich jemand vor zehn Jahren gefragt, ob ich mir vorstellen kann, eines Tages zu Olympia zu kommen, hätte ich das niemals gedacht. Ich dachte, der Zug ist abgefahren. Jetzt ist da diese greifbare Chance. Es ist kein Geheimnis, wir sprechen sehr viel über dieses Ziel, die Quali zu schaffen. Das wäre ein riesiger Erfolg. Für mich würde das alles bedeuten, als Sportlerin kannst du nicht mehr erreichen. Ich habe schon eine EM und eine WM gespielt, eine Medaille gewonnen. Eine Olympia-Qualifikation wäre ein Traum, der wahr wird. Alle haben in den letzten Jahren nochmal extra Gas gegeben und ich bin gespannt, wie sich das auf das Spiel auswirkt.
Tiziana Höll