16.03.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die erste Welle der Free Agency ist abgeschlossen und es ging turbulent zu! Kyler Murray ist ein Viking, Maxx Crosby war ein Raven, bis er es doch nicht mehr war, und die Commanders schaffen das Kunststück, sich in der Free Agency zu verjüngen. Aber wer hat smarte Moves gemacht und wer hat noch Nachholbedarf? Adrian Franke kürt seine Gewinner und Verlierer der ersten Free-Agency-Woche.

Ein Zitat von Vikings-Head-Coach Kevin O'Connell aus dem Herbst 2024 begleitet ihn bis heute. Als Gast in der Rich Eisen Show sprach O'Connell, damals noch zu Beginn der Renaissance-Saison von Sam Darnold in Minnesota, über das Thema Quarterback-Entwicklung.
Er sagte: "Ich denke, wir betrachten nicht in ausreichendem Maße die Rolle einer Organisation in der Entwicklung der Spieler. Das heißt, ich denke, dass Organisationen junge Quarterbacks im Stich lassen, bevor junge Quarterbacks Organisationen im Stich lassen."
O'Connell führte das noch weiter aus, er sagte unter anderem, dass es "wichtig ist, zu verstehen, dass jeder einzelne dieser Jungs sich auf einer Reise befindet. Einer sehr schwierigen Reise. Dass sie die Unterstützung brauchen, dass Systeme installiert werden müssen, um das Bestmögliche aus ihnen heraus zu holen und ihr Potenzial zu erreichen. Denn man draftet Spieler basierend auf Potenzial."
Darnolds tolle Saison in Minnesota, gefolgt von seiner Super-Bowl-Saison mit den Seahawks, nachdem die Jets und die Panthers ihn zuvor abgeschrieben hatten, sollte O'Connell in großem Maße bestätigen.
Es sind aber auch Aussagen, die man ihm jetzt aus einem anderen Blickwinkel jedoch auch kritisch vorhalten kann. Denn wo ist dieser Support für J.J. McCarthy, den O'Connells Vikings 2024 mit einem Top-10-Pick gedraftet haben, der noch keine 300 NFL-Dropbacks auf dem Konto hat, und der jetzt womöglich schon ersetzt wird? Müssten die Vikings in O'Connells eigener Philosophie hier nicht viel geduldiger sein?
Natürlich ergänzt durch die offensichtliche Einschränkung, die dieses Thema immer begleitet: Wie viel Zeit würde O'Connell bekommen, um McCarthy zu entwickeln?

Man kann das Zitat mit Blick auf die neue Quarterback-Situation in Minnesota nochmals in eine andere Richtung biegen: Ist Kyler Murray, der sich am Donnerstag mit den Vikings auf einen Vertrag geeinigt hat, auch ein Quarterback, der von dem Franchise, die ihn einst mit dem Nummer-1-Overall-Pick gedraftet hat, nie den Support bekommen hat, den er gebraucht hätte, um sein volles Potenzial auszuschöpfen?
In Teilen kann man das so unterschreiben. Genügend Zeit in Arizona hat Murray bekommen, insgesamt sieben Jahre lang war er der Starting-Quarterback der Cardinals, unter zwei verschiedenen Regimes. Doch ähnlich wie Daniel Jones bei den Giants hatte auch Murray in Arizona nur sehr vereinzelt die Umstände, die es einem soliden bis guten Quarterback erlauben, erfolgreich zu sein. 2021 war das der Fall, damals war Murray bis zu seiner Verletzung ein Top-3-MVP-Kandidat. 2024 war das der Fall, als Murray seine in meinen Augen beste Saison spielte und zeigte, dass er ein Franchise-Quarterback in einer modernen NFL-Offense sein kann.
Doch es waren Ausreißer, die keine Substanz hatten. Das gilt für Murrays individuelles Spiel, es gilt aber auch für die Umstände in Arizona.
In Minnesota gibt es berechtigten Grund zu der Annahme, dass man Letzteres auf einem hohen, stabilen Level bieten kann, sodass man Ersteres - also Murrays individuelles Spiel - ebenfalls auf einem hohen Level erhält.
Murray ist der größte individuelle Gewinner dieser Free Agency. Er wird in Minnesota in eine Situation kommen, wie er sie in Arizona nie hatte. Die Cardinals hatten einzelne Jahre mit einem guten offensiven Gerüst, aber nicht auch noch in Kombination mit einer Defense von der Qualität, wie sie die Vikings haben.
Murray wird hier zeigen können, dass er der Franchise-Quarterback ist, der er in Arizona nicht konstant sein konnte. Und durch die No-Tag-Klausel in seinem Vertrag wird er, sollte die kommende Saison ein Erfolg werden, danach einen weiteren teuren Vertrag bekommen.
Mich würde es nicht überraschen, wenn er diesen Deal nach einem Run in die Playoffs bei den Vikings erhalten würde.
Ich bin in aller Regel zurückhaltend damit, Teams zu einem Free-Agency-"Gewinner" zu machen, wenn sie mehrere teure Deals herausgegeben haben. Denn nicht nur ist das in dem Sinne keine Leistung; jeder GM kann Top-Verträge auf den Tisch legen und wird dann auch entsprechend Spieler für sich gewinnen können. Doch es ist darüber hinaus auch häufig eine riskante Herangehensweise. Teure Deals in der Free Agency können sehr schlecht altern, das haben wir oft genug gesehen. Insbesondere dann, wenn ein Team noch mehrere Jahre davon entfernt ist, ganz oben mitzuspielen.
All das ist wichtiger Kontext dafür, dass ich die Panthers trotzdem als Free Agency Gewinner sehe. Jaelan Phillips (4 Jahre, 120 Millionen Dollar, 80 Millionen garantiert) ist quasi eine Rarität: Spieler auf einer Premium-Position, die unter 27 Jahre alt sind und bereits Top-20-Saisons auf ihrer Position hatten, kommen nur selten auf den Markt.
Das erklärt den Preis. Die Panthers belegten in der vergangenen Saison Platz 31 in Pressure Rate, Platz 27 in Sack Rate und Platz 28 in Sacks. Carolina benötigte dringend mehr individuelle Pass-Rush-Qualität. Auch junge Spieler wie Nic Scourton und Princely Umanmielen werden davon profitieren.
Das ist eine teure Verpflichtung, aber auch eine Verpflichtung, die Carolina dabei helfen wird, defensiv den nächsten Schritt nach vorne zu machen. Hier war 2025 bereits eine klar positive Entwicklung verglichen mit 2024, Phillips und Linebacker Devin Lloyd, der beste Linebacker auf dem Markt, sind die Top-Tier-Moves, die einen Boost für die gesamte Defense bedeuten. Rasheed Walker hatte einen überraschend kleinen Markt und hilft jetzt für überschaubares Geld, die offene Tackle-Frage zu überbrücken.
In einer Division, die weiterhin auf überschaubarem Level komplett offen zu sein scheint, hat sich über die letzte Woche kein Team so klar verbessert wie die Panthers.
Es ist sehr offensichtlich, wie die Rams über ihr aktuelles Fenster denken.
Das Team war bereits letztes Jahr nah dran. Über weite Teile der Regular Season sahen die Rams wie das beste Team der NFL aus. In den Playoffs scheiterte man knapp am späteren Champion Seattle.
Hier kommen mehrere weitere Faktoren dazu: Matt Stafford ist 38 Jahre alt und könnte seine letzte Saison spielen. Davante Adams ist 33. Es ist eine reelle Chance, dass 2026 die letzte Chance auf einen Run in dieser Konstellation ist. Und, als ob all das nicht reichen würde: Der Super Bowl in der kommenden Saison findet in Los Angeles statt.
Das ist eine zu lukrative Ausgangslage für einen GM wie Les Snead, der bereits in der Vergangenheit gezeigt hat, dass er mehr als gewillt ist, sehr aggressive Moves durchzuführen. Und dann gab es auch noch klare Baustellen, die die Rams angehen konnten. Ganz spezifisch Cornerback war die Position, auf der Los Angeles den größten Sprung in puncto individueller Qualität verglichen mit dem Vorjahr machen konnte.
Der Trade für Trent McDuffie war keineswegs günstig. Einen Erst-, Fünft- und Sechstrunden-Pick in diesem Jahr sowie einen Drittrunden-Pick 2027 schicken die Rams nach Kansas City. Zusätzlich dazu, dass McDuffie einen neuen Megavertrag bekommt, der ihn zum teuersten Cornerback in der NFL macht. Und damit nicht genug, die Rams gaben auch noch Jaylen Watson, ebenfalls ein Ex-Chiefs-Corner, in der Free Agency einen Dreijahresvertrag über 51 Millionen Dollar.
Man kann hier darüber streiten, ob die Rams per se ein Gewinner sind. Das sind sehr aggressive Moves, selbst mit dem Wissen im Hinterkopf, dass die diesjährige Draft-Klasse vermutlich nicht die Qualität vergangener Jahre hat. Die Rams haben uns schon gezeigt, dass sie die Balance aus All-In-Deals und gleichzeitig langfristiger Perspektive hinbekommen können. Aber auch das ist natürlich keine Garantie dafür, dass es automatisch wieder so funktioniert.
Aber Watson und McDuffie sind extrem gute Fits für das, was die Rams defensiv machen wollen - und was ihnen letztes Jahr gefehlt hat, um nicht nur eine sehr gute, sondern vielleicht sogar eine dominante Defense aufs Feld zu bringen.
Nach diesen Moves und der bisherigen Offseason betrachte ich die Rams Stand heute als Top-Titelfavorit für die kommende Saison.
Diese Free Agency war ein klares Statement der Saints. In New Orleans ist man offensichtlich der Meinung, dass Tyler Shough genug gezeigt hat, um weiter um ihn aufzubauen.
Die Verpflichtung von Travis Etienne passt nicht nur sehr gut in die Offense von Kellen Moore und ist auch stilistisch ein logischer Alvin-Kamara-Nachfolger. Einem Running Back 52 Millionen Dollar über vier Jahre zu bezahlen legt auch nahe, dass die Saints der Meinung sind, dass sie bald weiter oben angreifen können.
Dazu kommt David Edwards von den Bills, um die größte Baustelle in der Offensive Line auf Guad zu adressieren. Mit den beiden jungen, talentierten Tackles und Erik McCoy zurück auf Center könnten die Saints in der kommenden Saison eine gute Line haben, Etienne gibt ihnen mehr Explosivität im Run Game. Es wäre nicht überraschend, wenn der nächste Move - vielleicht mit einem der ersten beiden Picks im Draft - ein Wide Receiver wäre, um Chris Olave zu unterstützen.
Und dann plötzlich würde die Offense unerwartet komplett aussehen.
Es gab - und gibt in Teilen noch immer - einige Teams, bei denen unklar war, respektive ist, wer der Starting Quarterback in Woche 1 der kommenden Saison sein wird.
Arizona scheint aktuell gewillt, mit Jacoby Brissett und Gardner Minshew in die Saison zu gehen. Die Browns haben noch immer den sehr fragwürdigen Quarterback Room bestehend allen voran aus Deshaun Watson und Shedeur Sanders.

Beides sind Situationen, in denen ein neuer Starter, fast egal, wen man in dieser Offseason realistisch hätte holen können, in eine sehr schwierige Situation kommt mit geringer Chance auf Erfolg. Die attraktiven Spots waren andere.
Minnesota allen voran. Aber auch Atlanta.
Die Falcons gingen mit einer interessanten Ausgangslage in diese Free Agency. Michael Penix erlitt im November einen Kreuzbandriss, er plant zwar, bis zum Training Camp wieder fit zu sein, doch wann er - insbesondere mit der ausgeprägten Vorgeschichte schwerer Knieverletzungen - wirklich wieder spielen kann, ist komplett offen.
Im Gegensatz zu den Cardinals oder den Browns haben die Falcons ein Team, das um die Division mitspielen könnte. Die Qualität im Team ist gut, mit Kevin Stefanski sollte man eine einigermaßen sichere Baseline auf dem Head-Coach-Posten haben.
Anders gesagt: Mit der Unsicherheit um Michael Penix, sowie einem neuen Regime, das Penix nicht gedraftet hat, jetzt am Ruder, ist das ein attraktiver Posten.
Tua Tagovailoa ist der Quarterback, der diesen Posten erhält. Es ist für ihn ein absoluter Glücksfall: Bei keinem anderen Team, das auf Quarterback-Suche war, hätte ich ihm eine derart hohe Chance gegeben, dass er sowohl die ganze Saison starten könnte, als auch dass er gut spielen und vielleicht sogar über die kommende Saison hinaus bleiben könnte.
Nach dem, wie Tua letztes Jahr gespielt hat, war meine Vermutung, dass er irgendwo als klarer Backup geholt werden wird. Atlanta ist die eine Chance auf deutlich mehr für ihn.
Der Crash des Vorjahres kam mit Ansage. Washington hatte eine märchenhafte 2023er Saison, wähnte sich infolgedessen aber deutlich näher an der Ligaspitze, als es in der Realität der Fall war. Die Commanders machten deshalb viele kurzfristig gedachte Moves und bauten sich dadurch ein sehr altes Team zusammen, das möglichst direkt nochmal einen tiefen Playoff-Run hinlegen sollte.
Die vergangene Saison holte die Verantwortlichen unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück und die große Frage lautete jetzt: Wie schnell kommen sie wieder raus aus dieser Timeline? Wie schnell können sie das Team neu ausrichten?
Hierfür war diese Free Agency ein großer Schritt in die richtige Richtung. Odafe Oweh und K'Lavon Chaisson sind nicht nur klare Edge-Rusher-Verbesserungen, beide sind auch deutlich jünger als Jacob Martin und Von Miller. Das gilt auch für Chig Okonkwo auf Tight End, der Zach Ertz beerbt, sowie für Leo Chenal, der die Nachfolge von Bobby Wagner antritt.
Washington wurde deutlich jünger und athletischer und hat in seiner generellen Kaderentwicklung einen Schritt in die richtige Richtung gemacht.
Unmittelbar nach dem Draft ist es besonders relevant, mehr die Herangehensweise von Teams zu bewerten. Ob einzelne Spieler in der NFL funktionieren, das ist eine Prognose, an der Teams selbst permanent scheitern. Die Auswahl der Spieler selbst bewertet man am besten nach ein, zwei, wenn nicht sogar drei Jahren in der NFL. Die Strategie verrät uns im ersten Moment deutlich mehr über die Teams.
In der Free Agency verschwimmen die Grenzen deutlich mehr. Wir kennen die Spieler und können sie sehr viel besser einschätzen, in den meisten Fällen haben wir sie bereits jahrelang und über mehrere hundert, wenn nicht tausende Snaps in der NFL gesehen. Wir - und Teams ebenfalls - haben deutlich mehr Gewissheit in der Analyse der Spieler, wofür Teams dementsprechend auch finanziell gesprochen den Preis bezahlen.
Aber manchmal gibt es Teams, die vor allem auffallen, weil sie eine in sich schlüssige Herangehensweise an den Tag legen. Das sind die Dolphins für mich in dieser Offseason.
Das neue Regime in Miami hat ein Team übernommen, das strukturell in seinem gesamten Roster Building einen Neustart brauchte. Ein Team, das viel zu aggressiv in ein Titelfenster mit Tua Tagovailoa investiert hat, dessen Cap komplett aufgeblasen war.
Das führte zu vielen unbequemen Entscheidungen, und die Verantwortlichen schreckten vor keiner zurück. Tyreek Hill wurde entlassen, Bradley Chubb wurde entlassen, Tua selbst wurde entlassen, James Daniels wurde entlassen, Minkah Fitzpatrick wurde weggetradet. Die Dolphins werden mit über 150 Millionen Dollar Dead Cap in die kommende Saison gehen. Und sowohl Chubb als auch Tagovailoa werden finanzielle Bürden auch für 2027 noch sein.
Aber zumindest ist es ein Regime, das konsequent denkt und handelt. Die Dolphins werden über die nächsten zwei Jahre nicht gut sein, aber was sie in dieser Free Agency gemacht haben, hat Hand und Fuß. Und sich dann noch in diesem klaren Rebuild die Upside-Quarterback-Chance mit Malik Willis für völlig akzeptables Geld zu geben, macht die Dolphins für mich zu einem Gewinner dieser Free Agency.
Die ganze Maxx-Crosby-Thematik wurde über die letzten Tage ausreichend diskutiert. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen Verschwörungstheorien und einer komplett nüchternen Betrachtung. Vermutlich haben die Ravens tatsächlich etwas beim Medizincheck gefunden, das dazu geführt hat, dass sie den Trade neu evaluieren mussten. Gleichzeitig hat es bei der Entscheidung, den Crosby-Deal abzusagen, mit Sicherheit geholfen, dass Trey Hendrickson noch zu haben war.
Wie viel hinterlistige Absicht man den Ravens dabei unterstellen will, liegt im Auge des Betrachters. So oder so haben die Ravens hier für den Moment verloren: Ihr Ruf hat, ob berechtigt oder nicht, einige Kratzer abbekommen. Und während es selbstredend Vorteile hat, die beiden eigenen Erstrunden-Picks wiederzuhaben, muss man sportlich auch festhalten: Die Ravens zahlen jetzt Hendrickson das gleiche Geld, das sie sonst Crosby bezahlt hätten. Für einen Spieler, der drei Jahre älter und schlechter ist.
Hendrickson ist ein toller Pass-Rusher, rein als Pass-Rusher sogar Crosby ebenbürtig. Aber Crosby wäre so ein exzellenter Fit für die Ravens gewesen, weil die Defense des neuen Head Coaches Jesse Minter auf starke Run-Defending-Edges setzt. So wie Khalil Mack und Odafe Oweh letztes Jahr bei den Chargers. Diese Spieler erlauben es ihm, aus leichten Boxes heraus zu spielen, sie sind strukturell essenziell für seine Defense.
Hendrickson ist ein toller Pass-Rusher, er ist kein guter Run-Defender. Crosby ist vielleicht der beste Run-Defending-Edge in der NFL.
Hendrickson per se ist ein klares Upgrade gegenüber Dre'Mont Jones, den die Ravens als Free Agent verloren haben. Aber nicht ansatzweise in dem Ausmaß, in dem es Crosby gewesen wäre. Dazu die Abgänge von Tyler Linderbaum, Isaiah Likely, Alohi Gilman, Charlie Kolar, Patrick Ricard und Keaton Mitchell. Gilman und Kolar ersetzen sie mit Jaylinn Hawkins und Durham Smythe, aber das Team in Summe hat mehr Fragezeichen als noch vor zwei Wochen. Ganz besonders in der Offensive Line.
Von Von Miller zu Joey Bosa zu Bradley Chubb. Von Amari Cooper zu D.J. Moore. Von Jordan Poyer zu Chauncey Gardner-Johnson. Von einem Head Coach zu dessen ehemaligem Offensive Coordinator als neuem Head Coach.
Die Bills scheinen sehr enge Parameter zu haben, in denen sie über ihren Kader und generell ihr Team nachdenken. Gravierende Veränderungen haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Selbst die Entlassung von Head Coach Sean McDermott in dieser Offseason hatte "nur" die interne Beförderung von Joe Brady zur Folge.
Und im Versuch, die immergleichen Baustellen zu schließen - Pass-Rush und Wide Receiver allen voran - wiederholen sich die Muster. So entsteht das immergleiche Team. Ein Team, das einen immens hohen Floor hat, das ein gutes Run Game hat, einen Superstar-Quarterback und gute Role Player offensiv wie defensiv. Dem aber auch die absoluten Difference Maker offensiv (Wide Receiver) und defensiv (Pass-Rush) fehlen, um in den Playoffs den nächsten Schritt machen zu können.
Die diesjährige Offseason war die nächste Version des immergleichen Zyklus. Und vielleicht ist D.J. Moore gut genug, um den Bills den Receiver zu geben, der in den Playoffs die Offense mittragen kann. Das wäre jedoch die absolute Best-Case-Prognose. Bei Chubb habe ich da noch deutlich größere Fragezeichen hinsichtlich des Impacts in der Defense.
So es ist doch im Kern der wieder vorsichtige Versuch, statt einen echten Impact Move zu machen, der die Bills auch tatsächlich in den Super Bowl bringen kann. Es ist der Gegenpol zu der Art und Weise, wie die Rams diese Dinge angehen.

Die Colts sind auf dem Papier schlechter und gleichzeitig teurer als zum Ende der vergangenen Saison. Die Abgänge von Michael Pittman und Nick Cross wurden bislang gar nicht aufgefangen. Kwity Paye wird durch Arden Key bestenfalls ebenbürtig besetzt. Dafür kostet Alec Pierce jetzt knapp 30 Millionen Dollar pro Jahr und Daniel Jones rund 45 Millionen Dollar pro Jahr, während man hoffen muss, dass Vorjahres-Viertrunden-Pick Jalen Travis als Vollzeit-Starter Right Tackle Braden Smith ersetzen kann, der das Team als Free Agent ebenfalls verlassen hat.
Die Colts starteten letztes Jahr brandheiß in die Saison. Aber eben auch mit Siegen unter anderem gegen Teams wie Miami, Arizona, Tennessee gleich doppelt sowie die Raiders.
Der eigentliche Fehler war, dass man sich davon blenden ließ und zwei Erstrunden-Picks für Sauce Gardner wegtradete. Das führte dazu, dass man jetzt auf Quarterback keinerlei Spielraum hatte. Obwohl Daniel Jones von einem Achillessehnenriss zurückkommt und man hier mehr oder weniger gegen sich selbst geboten hat.
Die Offense zeigte schon klare Rückschritte nach den ersten acht Wochen, als auch die Gegner besser wurden und bevor sich Jones verletzte. Wie viel der 2025er Frühform können sie überhaupt noch einmal abrufen? Ohne Pittman noch dazu?
Vielleicht sind die Colts 2026 gut genug, um 2027 nochmal anzugreifen. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass sie dieses Jahr deutlich unter dem Level der vergangenen Saison laufen und schon in einem Jahr sehr kritische Fragen in Indianapolis gestellt werden.
Genauso wie ich bei Teams, die in der Free Agency viel investieren, vorsichtig damit bin, sie zu Gewinnern zu deklarieren, bin ich bei Teams, die wenig investieren, erst einmal vorsichtig damit, sie zu Verlierern zu erklären. Smarte Moves passieren oft an späteren Punkten in der Offseason, Teams mit einem starken Fundament fahren häufig gut damit, erst einmal die Füße stillzuhalten.
Doch das ist, wie so häufig, eine vom Einzelfall abhängige Analyse. Denn es gibt durchaus Momente, in denen es sinnvoll ist, als ein bereits gutes Team den Geldbeutel aufzumachen für selbst auch nur den einen großen Impact Move, um den Schritt vom Playoff-Team hin zu einem ernsthaften Titelanwärter zu schaffen.
Dieser Moment war für die Chargers dieses Jahr gekommen. Mit jeder Menge Cap Space, einem Team, das zuletzt zwei Jahre in Folge die Playoffs erreichte, dort aber jeweils chancenlos war - und mit klaren Baustellen. Das wäre die Offseason gewesen, um vielleicht teuer in einen Receiver oder Pass-Rusher zu investieren. Um in der Interior Offensive Line Spieler wie Alijah Vera-Tucker oder David Edwards zu priorisieren, statt Cole Strange zu verpflichten.
Es ist offensichtlich, dass die Chargers sehr darauf bedacht sind, langsam und nachhaltig etwas aufzubauen. Und das ist per se nicht schlecht, aber irgendwann muss man gewillt sein, das Fenster auch mit einem Ruck aufzureißen. Justin Herberts Prime geht nicht ewig. Wer weiß, wie lange die Chargers Mike McDaniel als Offensive Coordinator haben werden. Wer weiß, wie sich die Defense ohne Jesse Minter entwickelt. Khalil Mack ist mittlerweile 35 Jahre alt, Derwin James wird im Sommer 30. Keenan Allen ist 33 und aktuell noch Free Agent.
Nachhaltig denken ist gut und meist richtig. Aber die Chargers müssen aufpassen, dass sie ihr Fenster und ihr Team nicht falsch einschätzen. Diese akute Gefahr sehe ich nach dem Start dieser Free Agency.
Und das bedeutet nicht, dass alle Moves schlecht waren. Tyler Biadasz ist ein Upgrade auf Center, und Biadasz 30 Millionen Dollar über drei Jahre zu bezahlen, ist signifikant anders als das, was die Raiders für Tyler Linderbaum locker machen müssen. Keaton Mitchell in der Offense von Mike McDaniel könnte spektakulär werden. Und falls Dalvin Tomlinson nochmal mehr im Tank hat als das, was er letztes Jahr in Arizona gezeigt hat, ist er ein stabilisierender Faktor gegen den Run.
Ein echter Impact-Spieler, der das Team im Januar merklich besser macht, ist da aber eben eher nicht dabei.
Das ist logischerweise analog zum Kyler-Murray-Punkt. Die Vikings werden weiter die richtigen Dinge sagen und werden mit dem Standpunkt nach außen hin in den Sommer gehen, dass es ein offenes Quarterback-Duell ist. Vielleicht ist das sogar wirklich ihr Standpunkt.
Ich gehe nicht davon aus, dass das lange der Fall sein wird. Murray kommt zu den Vikings, um dort zu starten. Das wird ihm nicht direkt so zugesichert worden sein, aber es gibt Stand heute keinen Grund zu der Annahme, dass McCarthy ein internes Duell gegen Murray gewinnen wird.
Dann wäre McCarthy in seiner dritten NFL-Saison lediglich Backup. Und sollte sich Murray als Starter in Minnesota über die Saison hinaus entpuppen, haben wir die letzte Zeit als Starter von McCarthy bei den Vikings womöglich schon gesehen.
Man könnte hier auch die Broncos insgesamt anführen, je nachdem, was man von Denver zum Start der Free Agency erwartet hat. Die Inaktivität dieser Offseason verrät uns in jedem Fall etwas darüber, wie die Denver über ihr unmittelbares Fenster denken. Und es ist nicht das, was ich erwartet hatte.
Nicht nach dem Run bis ins AFC Championship Game letztes Jahr. Nicht, während die eigene Defense in ihrer Prime ist. Nicht, während Bo Nix günstig ist.
Doch Denver saß die erste Welle der Free Agency komplett aus. Die Broncos ließen John Franklin-Myers gehen, ein wichtiger Teil ihrer Defensive Line über die letzten beiden Jahre, und trennten sich von Dre Greenlaw. Sie holten keinen der Top-Running-Backs auf dem Markt, sondern brachten nach einigen Tagen schlicht J.K. Dobbins zurück.
Denver war letztes Jahr ein Team, für das sehr vieles ideal lief, ehe dann am Ende in Form der Nix-Verletzung alles schiefging. Aber die Broncos gewannen viele Spiele sehr spät und sehr knapp. In einem Jahr, in dem die meisten AFC-Titelfavoriten größere Probleme hatten.
Sind die Verantwortlichen der Meinung, dass eine Regression kommt? Kommt daher die Zurückhaltung? Will man den Compensatory Pick aus dem Franklin-Myers-Abgang nicht riskieren? Ist es das wert, auf eine Verstärkung etwa auf Receiver zu verzichten?
Wie man es auch dreht und wendet: Die Broncos haben in dieser Free Agency darauf verzichtet, aggressiv in diese Version des Teams und in dieses Fenster zu investieren.
Mit Mike Evans verlieren die Bucs ihren Top-Receiver. Mit Jamel Dean ihren Top-Cornerback. Beide haben für überschaubares Geld woanders unterschrieben, bei Evans spezifisch ist es ein offenes Geheimnis, dass Tampa Bay ein kompetitives Angebot abgegeben hat, Evans aber zum Ende seiner Karriere woanders hin wollte.
Zwischen den Zeilen lässt sich dabei herauslesen: Zu einem Team, das eine realistischere Chance auf einen tiefen Playoff-Run hat.
Die Bucs wirken nach der ersten Woche der Free Agency noch weniger wie ein solches Team als nach dem Ende der vergangenen Saison. Eine Saison, in der man bereits erkennen konnte, dass diese Version der Bucs ihren Zenit überschritten hat.
Ohne Evans wird es noch schwieriger für Mayfield werden, seinen aggressiven Stil als Passer durchzuziehen. Mit einer mutmaßlich schwächeren Secondary wird es für Head Coach Todd Bowles schwieriger, seinen aggressiven Stil als Play-Caller durchzuziehen.
Bei den Bucs hatte es schon letztes Jahr offensichtliche Risse im Locker Room gegeben. Nach dem Start der Free Agency liegt die Vermutung zumindest nahe, dass es sportlich eher eine noch schwierigere Saison wird. Und dann könnte es das letzte Jahr für Bowles als Head Coach in Tampa Bay werden.
Adrian Franke