22.09.2026
GFL-Kolumne
Zum fünften Mal in Folge stehen die Potsdam Royals im Finale um die Deutsche Meisterschaft. Jetzt streben sie zum vierten GFL-Bowl-Titel in Folge. Bleibt "Beule", wie die seit 1992 vergebene Trophäe liebevoll genannt wird, in der brandenburgischen Landeshauptstadt oder können die Dresden Monarchs den Pokal nach fünf Jahren endlich wieder nach Sachsen holen? Der Favoriten-Check zum dreifachen amtierenden Deutschen Meister Potsdam Royals.

Mit 21 Jahren sind die Royals für GFL-Verhältnisse ein noch relativ junger Verein. Nachdem sie 2018 in das Oberhaus des deutschen Footballs aufgestiegen waren, sind sie zügig an die Spitze geklettert und müssen seit Jahren zum Favoritenkreis gezählt werden. Spätestens seitdem die Potsdamer nun dreimal die Deutsche Meisterschaft in Folge gewannen, ist sogar die Rede von einer Dynastie vor den Toren Berlins. Head Coach Michael Vogt wurde im letzten Jahr zum Trainer des Jahres gekürt.
Es ist vor allem seinen anstrengenden Bemühungen zu verdanken, dass die Potsdam Royals ganz oben stehen. Das Engagement von Vorstand und Freiwilligen soll hier keinesfalls geschmälert werden. Doch in Potsdam wissen sie alle, dass der umtriebige Football-Nerd nicht nur ein hervorragendes Coaching-Staff zusammenstellt, sondern mit seinem Team Talente auf der ganzen Welt findet, wo die Konkurrenz sich manchmal verblüfft die Augen reibt
Der neue Quarterback "Bay" Harvey ist so ein Phänomen. Die Dual-Passport-Regel erlaubt es GFL-Teams, zumindest aktuell noch, Spieler, die überwiegend in den USA Football gespielt haben, aufgrund ihrer Abstammung, trotzdem als Europäer aufzulaufen. Harvey erhält mit Schweizer Wurzeln so kein "A" auf dem Trikot und kann mit zwei US-Imports gleichzeitig auf dem Feld stehen.
Dabei hätte der letztjährige Starting Quarterback der Johns Hopkins University auch so das spielerische Vermögen, um in der GFL zu den besten Spielmachern der Liga gezählt zu werden. Die Blue Jays spielen aber auf Division-III-Level. Das ist nicht annähernd das Niveau, auf dem Monarchs-Quarterback Rocky Lombardi am College performt hat. Im direkten Vergleich hilft es Harvey daher, dass er auf so viele hochwertige und erfahrene Anspielstationen wie möglich bauen kann.
Bei den Runningbacks verlassen sich die Royals auf das deutsche Tandem aus Heiko Bals und Chrisman Kyei. Bals ist der souveräne und kräftige Allrounder, dem man in Short-Yardage-Situationen den Ball gibt und der zuverlässig daraus das neue First Down erzielt. Kyei hingegen ist die explosive Waffe im Backfield. Der junge Runner sorgt für die Momentum-Swings und mit ausladenden Läufen für viele Yards nach dem ersten Kontakt. Auf Receiver sind es sehr unterschiedliche Spielertypen, die noch einmal das akribische Roster-Building von Coach Vogt untermauern. Maximilian McLeod ist so etwas wie der Possession-Receiver.
Ob in der Red Zone oder an der Seitenlinie, McLeod fängt Bälle, die andere Passempfänger nicht verarbeiten. 17 Touchdowns und 1.156 Receiving Yards stehen nach der Regular Season im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Quarterbacks auf seinem Konto. Der Schweizer Milan Spiller zieht das Feld erstmal in die Breite, um dann mit furchtlosen Catches im Zentrum und explosiven Runs after Catch für große Raumgewinne zu sorgen. Ein Drittel seiner Produktion entstanden in diesem Jahr erst nachdem er den Ball gefangen hat.
Das Prunkstück der Royals ist aber die Defense. Die Regular Season schloss das Team mit fünf aufeinanderfolgenden Spielen ohne einen einzigen zugelassenen Punkt ab. Das ist neuer GFL-Rekord für die Attack-Defense um Linebacker Ryan Minniti und seine zahlreichen Playmaker.
Denn die Abwehr besticht nicht durch einzelne herausragende Spieler. Erfolgreich ist die Defensive aufgrund ihrer geschlossenen Teamleistung. Die erfahrenen Protagonisten machen sehr schnell beim Snap den Plan des Gegners aus und attackieren dann den Ballträger mit nahezu allen Verteidigern auf dem Feld. Bei einem Tackling stehen im Prinzip immer mindestens acht Potsdamer um den Ball.
Zusätzlich ist die Einheit sehr eingespielt und fährt mittlerweile viele Täuschungsmanöver, versteckte Blitzes und Robber-Coverages. Für viele Quarterbacks in der GFL waren die Royals schlichtweg eine Nummer zu groß. Im Finale werden sie kreative Plays bereithalten, die sie eigens für das Endspiel und die Monarchs-Offense vorbereitet haben.
Die Royals haben intensiv in ihren Kader investiert und bedienen sich seit Jahren einer sehr aktiven Transferpolitik. Verdiente Spieler werden gehalten, Talente aus Berlin und dem Umland abgefischt und viele Imports verpflichtet. Wo andere Mannschaften auf die eigene Jugend setzen, verlassen sich die Royals auf ein hervorragendes Recruiting und Talent-Scouting.
Der Kader ist dadurch breit und für eine erneute Titelkampagne gut aufgestellt. Was die Royals und auch die Monarchs von anderen Teams dabei unterscheidet, ist aber die Vielzahl an hauptberuflichen Footballspielern. Während andere Mannschaften in den Abendstunden an ein paar Tagen in der Woche trainieren, kann sich der Rumpf der Potsdamer bereits morgens an jedem Wochentag mit Coach Vogt auf dem Trainingsgelände verabreden. Gerade die Anzahl an Wiederholungen erlaubt es den Royals, komplexe Plays und Spielsysteme umzusetzen.
Die Potsdam Royals sind völlig verdient in das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft eingezogen. Ob es mit der erneuten Titelverteidigung im GFL-Bowl etwas wird, liegt nicht zuletzt auch an der Einstellung des Gegners aus Dresden, der alles daran gesetzt hat, in diesem Jahr das "Finale Daheeme" zu gewinnen.
Die Royals sind aber extrem gut gerüstet. Sowohl das Coaching Staff als auch viele Spieler sind mittlerweile vertraut im Umgang mit einer großen Kulisse im Endspiel und den Ablenkungen, die so ein Finalwochenende mit sich bringen. Mit der besten Abwehr des Landes und offensiven Playmakern, die über das ganze Jahr nicht gestoppt wurden, ist die Titeljagd eröffnet. Potsdam begegnet Dresden in gut zehn Tagen in einem Duell auf Augenhöhe. Die Brandenburger haben ihre Hausaufgaben gemacht.
Philipp Forstner