16.09.2026
Wer holt den Titel?
Im zweiten Teil des großen Favoriten-Checks zu den Playoffs der effect® ENERGY GFL folgen nun standesgemäß die Schwäbisch Hall Unicorns. Nachdem die ungeschlagenen Dresden Monarchs in der Vorwoche den Auftakt gemacht haben, folgt nun der Champion aus dem Süden. Im Halbfinale geht es für sie nächsten Samstag zu Hause gegen den dreifachen amtierenden Deutschen Meister Potsdam Royals.

Seit 2009 spielen die Unicorns ununterbrochen am Ende der Saison Playoff-Football. Fünf nationale und zwei europäische Titel gewannen sie in einer Zeit, in der die Haller zehn Jahre lang in jedem German Bowl standen. Dass es auf dem Weg zum diesjährigen Favoritenstatus auch schwere Hürden zu erklimmen gab und der aktuelle Erfolg keineswegs selbstverständlich ist, davon können die Franken ein Liedchen singen.
Vor vier Jahren wechselte Erfolgscoach Jordan Neumann in die European League of Football zur Stuttgart Surge. Mit 14 ehemaligen Startern und praktisch seinem gesamten Coaching Staff im Gepäck erreichte er anschließend zweimal das Finale und gewann letztendlich im letzten Jahr dort die Meisterschaft. Danach ging die Surge mitsamt der ELF in die Insolvenz.
Dass die Unicorns diesen Aderlass überlebt haben, ist einer über 25 Jahre lang aufgebauten Infrastruktur mit ausgebildeten Trainern, einem umtriebigen Vorstand und einer hervorragenden Jugendarbeit zu verdanken. Während andere GFL-Vereine nach der Gründung einer ELF-Franchise in ihrer Umgebung den Rückzug in eine untere Liga antreten mussten, holten die Haller einmal ganz tief Luft, wurden "nur" zweimal in drei Jahren Südmeister, konnten aber weiter ihre überragende Serie von Heute 17 Postseasons in Folge fortführen.
Beinahe traditionell spielen die Schwäbisch Hall Unicorns mit deutschem Quarterback. Vor der Saison plante man mit Lars Heidrich. Aufgrund von Verletzungen schwenkte man nun auf das Eigengewächs und den etatmäßigen Receiver Julius Klenk um, der seine Sache überraschend gut macht. Im Vergleich zu allen anderen drei Halbfinalteilnehmern muss Klenk sich aber mit der Rolle des Underdogs abgeben.
Er hat bei aller Bereitschaft nicht die Klasse von Rocky Lombardi, Bay Harvey oder Dre Harris. Das muss aber nichts heißen, denn ein deutscher Quarterback erlaubt den Hallern, einen weiteren US-Spieler auf den Skill-Positionen in den Angriff zu schicken.
Davon machen die Unicorns gerne Gebrauch. Nahezu die Hälfte aller Offensiv-Touchdowns gehen auf das Konto von Runningback Kelley Joiner und Wide Receiver Rayjuon Pringle. Untermauert wird die Qualität der beiden absoluten Go-to-Guys aber von einem riesigen Pool an eigenen Talenten.
Schwäbisch Hall setzt eine Vielzahl junger Spieler ein und hat damit nachhaltig großen Erfolg. Während die Potsdam Royals viel Geld in europäische Spieler stecken, verlassen sich die Unicorns auf ihre aufstrebenden Playmaker vor der Haustür
Dieser gesunde Trend setzt sich auch in der Offensive Line fort, die mit Abstand die stärkste Unit in der gesamten GFL bildet. Die Unicorns erzielten die meisten Rushing Yards, die meisten Yards pro Laufversuch und die wenigsten Sacks in der Liga. Mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren hat die Starting Five in 2025 noch einiges an Erfahrung sammeln müssen.
Doch spätestens seitdem Center Iseah Camara aus der eigenen Jugend hochgeholt wurde, bilden die fünf schweren Männer eine Klasse für sich. Vor allem gegen die starken Fronts aus Potsdam, Pforzheim und Dresden wird die Offensive Line der Unicorns sich großen Härtetests unterziehen. Enge Spiele werden an der Line of Scrimmage gewonnen. Die Line muss dies direkt am Samstag gegen die Royals und einen der gefährlichsten Pass Rushes unter Beweis stellen.
Angeführt von Defensive Coordinator Cody Pastorino spielen die Haller deutlich weniger Blitz und verstecken ihren eigentlichen Plan gern hinter Täuschungsmanövern und einem tief stehenden Safety. Viele Quarterbacks hatten mit diesem für GFL-Verhältnisse sehr ausgefeilten System so ihre Probleme. Allein Monteze Latimore erzielte acht von insgesamt 16 Team-Interceptions in zwölf Spielen und fand fünfmal die Endzone zum Pick Six.
Jeder Quarterback im Halbfinale wird vor den Ballhawks der Unicorns gewarnt sein. Doch zu konservatives Spiel widerspricht dem Charakter der Potsdamer und Pforzheimer, weshalb man gespannt sein darf, ob die Defense in der Postseason mit forcierten Turnovern den Unterschied ausmachen kann.
Während andere Titelanwärter nur so vor internationaler Klasse strotzen, haben die Schwäbisch Hall Unicorns größtenteils ihr Team aus eigenen Kräften und ehemaligen Jugendspielern zusammengestellt. Gespickt mit wenigen US-Imports, die teilweise schon seit Jahren für das Team auflaufen, ist dieses Team jedem Sturm in den Playoffs gewachsen.
Der Kader ist ausgewogen, auf den wichtigsten Positionen aber dünner besetzt als bei Dresden oder Potsdam. Die Etats dürften auch nicht vergleichbar mit den beiden letztjährigen Finalteilnehmern sein. Dennoch ist die Mannschaft für einen tiefen Playoff-Run zusammengestellt.
Den Schwäbisch Hall Unicorns fehlt ein Rocky Lombardi auf Quarterback und da dies die wichtigste Position im Football ist, können die Franken auf dem Papier weder mit Dresden als auch mit Potsdam mithalten. Dennoch ist eine "Perfect Season" trotz der Saison beendenden Verletzung des Starting Quarterbacks hoch anzurechnen. Die Unicorns mussten in den letzten Jahren so manches Riff umschiffen und sind einem schweren Sturm mit unerwarteten Turbulenzen gewachsen.
Läuft alles nach Plan, sehen wir Potsdam und Dresden im Finale. Doch geht es um Anpassungsfähigkeit und Zähigkeit, wird es in diesem Jahr wohl keiner mit den Hallern aufnehmen wollen. Football besteht zu einem nicht unwesentlichen Teil aus mentaler Stärke. Das ist die große Chance. Denn die Unicorns müssen sich mit ihrer Geschichte vor niemandem verstecken.
Philipp Forstner