03.08.2026
Der wertvollste Spieler
Die MVP-Debatte ist in jedem Jahr eine der meistdiskutierten Storylines der NFL Regular Season. Ab dieser Saison wird der Award bei den GFL Honors auch in der höchsten deutschen Spielklasse vergeben: unterteilt in Offense- und Defense-MVP. In diesem Artikel widmen wir uns heute ausschließlich der offensiven Seite des Balles.

Klären wir zunächst einmal eine Grundsatzfrage. Sowohl das GFL Honors Komitee als auch die Fans stehen in dieser Saison vor einer spannenden Aufgabe. Im ersten Jahr des Awards haben sie die Möglichkeit, einen Präzedenzfall zu schaffen. Nein, der MVP muss kein Quarterback sein, er sollte in meinen Augen aber stark in Richtung Quarterbacks ausgelegt werden. Der Quarterback ist der wichtigste Spieler auf dem Feld, das ändert sich in der Regel auch im deutschen Football nicht.
Die Ausnahme zu dieser Regel liefert die Liga in diesem Jahr aber direkt mit, und zwar in Form von Schwäbisch Hall Unicorns Running Back Kelley Joiner Jr. Der ehemalige Runningback der University of South Florida überzeugte in der ersten Saisonhälfte für mich individuell am meisten und hat ein legitimes Argument dafür, der wichtigste Spieler in der Offense der Unicorns zu sein. Während sowohl Quarterback Lars Heidrich als auch Julius Klenk auf der Position überzeugt haben und sich damit sowohl dramaturgisch als auch statistisch gegenseitig aus der Verlosung für den MVP genommen haben, öffnet das die Tür für einen anderen Unicorn: Dieser andere Unicorn ist für mich Kelley Joiner.
Die Sache hat jedoch einen Haken. Der Running Back der Unicorns verpasste die letzten drei Spiele aufgrund einer Verletzung und noch ist unklar, ob er am kommenden Samstag gegen Kiel auflaufen wird. Die Unicorns haben im restlichen Saisonverlauf nur noch zwei Spiele und es wird schwer, ihn für den MVP zu argumentieren, wenn er weitere Zeit verpasst.

Blicken wir auf die Pass-Statistiken, sehen wir aktuell gleich drei Süd-Quarterbacks an der Spitze. Broghean McGovern, Nicholas Semptimphelter und Drequan Harris spielen gute Saisons, in denen sie in Sachen Yards und Touchdowns an der Spitze der GFL stehen und ihre Teams im Süden locker in die Playoffs führen. Vollkommen logisch ist es daher, dass alle drei etwas in der MVP-Konversation zu suchen haben. Meine Wahl würde dennoch nicht auf sie fallen. Semptimphelter und die Cowboys verloren deutlich gegen die Unicorns und Monarchs, McGovern und die Razorbacks verloren ebenfalls deutlich gegen die Unicorns und gegen die Royals. Diese Spiele zeigten, dass sie nicht mal im Ansatz mit den Top-Teams der Liga mitspielen können, dann kann ein Quarterback nicht MVP werden. Drequan Harris und die Wilddogs machten es gegen die Unicorns knapp, deswegen würde er es aktuell auf meine MVP-Shortlist schaffen, aber dennoch vereinen alle drei Quarterbacks eines: Die meisten ihrer Stats sammelten sie gegen schwache Süd-Teams.
Wenn wir vor der Saison 100 Fans gefragt hätten, wer ihrer Meinung nach MVP wird, hätten die meisten wohl auf Ex-Northern-Illinois-Quarterback Rocky Lombardi von den Dresden Monarchs getippt. NFL Preseason bei den Cincinnati Bengals, College-Karriere unter anderem bei Michigan State: Lombardi kam mit enormen Erwartungen in die Liga.
Drei Monate nach dem Start der Saison blicken die Dresden Monarchs auf eine lupenreine 9-0-Bilanz an der Spitze des Nordens. Wenn man sich fragt, wie ein Quarterback bei einem so erfolgreichen Team wie Dresden in der Regular Season die Erwartungen übertreffen kann, geht das nur, wenn du zum ersten Mal seit 2021 den Nordmeistertitel sicherst und auf dem Weg dahin die Potsdam Royals schlägst. Die Monarchs sind auf dem besten Weg, das zu schaffen und dabei noch eine perfekte Regular Season zu spielen.
Lombardi vereint damit den für das Narrativ wichtigen Teamerfolg, einen echten Signature Win und besondere individuelle Leistungen wie kein Zweiter in der Liga. Seine athletischen Fähigkeiten, sein Armtalent und sein Verständnis für GFL-Defensiven sind unumstritten und suchen im Ligavergleich ihresgleichen. Lombardi ist ein Komplettpaket auf der Position und das lässt sich auch in seinen Statistiken ablesen: Platz 4 in Passing Yards, Platz 5 in Passing Touchdowns, Platz 1 in Completion Percentage unter Quarterbacks mit über 200 Passversuchen. Lombardis Spielplan ist schwerer als der der Quarterbacks aus dem Süden und trotzdem liefert er ab. Vor allem nach dem überraschenden Wechsel von GFL-Bowl-MVP Xaevier Bullock nach Japan sammelt kein anderer Quarterback so viele Argumente.
In jedem Jahr gibt es Spieler, die keine realistische Chance auf den MVP haben, weil ihr Team zu wenig Spiele gewinnt. Das Narrativ ist entscheidend, die Playoffs sind Pflicht für diesen Award und das ist auch in Ordnung. Trotzdem sollten diese Spieler erwähnt werden und genau das mache ich an dieser Stelle.
Wer in dieser Saison schon ein Spiel der Braunschweig Lions gesehen hat, dem wird Quarterback Ryon Thomas sicher sofort aufgefallen sein. Thomas beeinflusst Spiele sowohl mit seinem starken Arm als auch mit seinem besonderen Talent als Läufer. Der Braunschweiger belegt Platz 5 aller Quarterbacks in Passing Yards und Platz 2 aller Spieler in Rushing Yards. Nur Kelley Joiner Jr. konnte in dieser Saison mehr Yards erlaufen als der Quarterback der Braunschweiger. Mit drei Siegen hintereinander schaffte es der junge Quarterback vor allem durch seine besonderen individuellen Leistungen, ein neu formiertes Braunschweiger Team in eine respektable Ausgangssituation zu bringen und einen Abstieg unwahrscheinlich zu machen. Das verdient den größten Respekt.
Die Saarland Hurricanes stecken knietief im Abstiegskampf, daran kann auch der Wide Receiver/Running Back der Saarländer nichts ändern. Trotzdem gibt es ein legitimes Argument dafür, dass er der Grund ist, warum die Hurricanes den Relegationsplatz vielleicht noch umgehen können. Youngblood wird die Saison mit mehr Scrimmage Yards beenden als alle anderen Wide Receiver, Running Backs und Tight Ends der Saarland Hurricanes zusammen. Seine Explosivität und sein Tempo suchen im Ligavergleich ihresgleichen. Er kommt als Receiver konstant in den Rücken der Defense, ist nicht einzuholen, wenn eine Lücke aufgeht, und scheut sich nicht, die Schulter herunterzunehmen, wenn er den Ball als Running Back läuft.
Lange sah das Rennen um den MVP der Liga spannend aus, dem ist in meinen Augen aber nicht mehr so. Kelley Joiner Jr. hat in der Regular Season viel Zeit verpasst und die Unicorns haben keinen Grund, ihn vor den Playoffs zu verheizen. Um den Award als Wide Receiver zu gewinnen, muss in meinen Augen eine historische Saison gespielt werden, ansonsten würde der eigene Quarterback in der Regel den Vorzug erhalten. Vielen Quarterbacks fehlen zusätzlich zu ihren Statistiken die Siege gegen echte Top-Teams. Rocky Lombardi ist der einzige Quarterback, der einen Signature Win mit Teamerfolg und herausragenden individuellen Statistiken kombiniert. Er geht für mich als deutlicher Favorit in den letzten Monat der Regular Season.
Maurice Stolka