23.10.2026
Neues Umfeld für den jungen QB
J.J. McCarthy galt einst als eines der vielversprechendsten Quarterback-Talente der NFL. Nach einer von Verletzungen und schwankenden Leistungen geprägten Zeit bei den Minnesota Vikings schien seine Karriere bereits früh in die falsche Richtung zu laufen. Doch bei den New York Giants bekommt der 23-Jährige nun eine neue Chance.

Seine bisherigen NFL-Zahlen sind ernüchternd, sein Potenzial aber längst nicht ausgeschöpft. Unter Head Coach John Harbaugh könnte McCarthy ausgerechnet nach dem bislang größten Rückschlag seiner Karriere den entscheidenden Schritt nach vorne machen.
Als die Minnesota Vikings McCarthy im NFL Draft 2024 an zehnter Stelle auswählten, waren die Erwartungen hoch. Der Quarterback hatte die Michigan Wolverines unter Head Coach Jim Harbaugh zur National Championship geführt und galt als Hoffnungsträger für die Zukunft der Franchise.
Seine NFL-Karriere begann allerdings mit einem schweren Rückschlag. Ein Meniskusriss im rechten Knie kostete McCarthy seine komplette Rookie-Saison. Erst 2025 konnte er erstmals in der Regular Season auflaufen.
Doch auch sein zweites Jahr verlief enttäuschend. In zehn Starts brachte McCarthy lediglich 57,6 Prozent seiner Pässe an, warf für 1.632 Yards, elf Touchdowns und zwölf Interceptions. Zwar gewannen die Vikings sechs dieser zehn Spiele, die individuellen Leistungen ihres jungen Quarterbacks blieben jedoch weit hinter den Erwartungen zurück.
Weitere Verletzungen erschwerten seine Entwicklung. Nach der Verpflichtung von Kyler Murray entschieden sich die Vikings schließlich gegen eine gemeinsame Zukunft und schickten McCarthy Ende September 2026 für einen Fünftrunden-Pick zu den New York Giants.
In New York sollte McCarthy zunächst lediglich als Backup hinter Jameis Winston fungieren. Doch beim 27:34 gegen die New Orleans Saints erhielt er plötzlich seine Chance.
Als McCarthy im vierten Viertel das Feld betrat, lagen die Giants bereits mit 10:34 zurück. Was folgte, war zumindest statistisch bemerkenswert: Der 23-Jährige warf in einem einzigen Viertel für 243 Yards und stellte damit einen Giants-Rekord ein, den zuvor Eli Manning gehalten hatte.
McCarthy brachte New York noch einmal auf sieben Punkte heran und gab einer beinahe entschiedenen Partie neue Spannung. Seine Vorstellung war keineswegs fehlerfrei. Er brachte nur elf seiner 21 Pässe an und warf eine Interception. Dennoch zeigte er erstmals im Giants-Trikot, welche explosiven Spielzüge mit ihm möglich sind.
Head Coach John Harbaugh reagierte und ernannte McCarthy zum Starting-Quarterback für das anstehende Spiel gegen die Houston Texans.
Die bisherige NFL-Karriere von McCarthy wird vor allem anhand seiner schwachen Statistiken bewertet. In zwölf Einsätzen, darunter zehn Starts, kommt er auf 1.875 Passing Yards, zwölf Touchdowns und 13 Interceptions. Seine Passquote liegt bei lediglich 57,2 Prozent. Diese Zahlen sind problematisch. Sie erzählen allerdings nicht die gesamte Geschichte.
McCarthy ist erst 23 Jahre alt und hat aufgrund seiner Verletzungen bislang vergleichsweise wenig NFL-Erfahrung gesammelt. Während andere Quarterbacks seines Draft-Jahrgangs bereits deutlich mehr Spielpraxis erhalten haben, musste er einen erheblichen Teil seiner bisherigen Karriere mit Rehabilitation und Rückschlägen verbringen.
Dabei bringt McCarthy weiterhin interessante Voraussetzungen mit. Er verfügt über einen guten Wurfarm, kann Pässe aus der Bewegung anbringen und besitzt genügend Mobilität, um auch außerhalb der Pocket gefährlich zu werden. Seine Athletik eröffnet einer Offense zusätzliche Möglichkeiten, etwa bei Bootlegs, Rollouts und gelegentlichen Quarterback-Runs.
Vor allem aber muss McCarthy noch nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen sein. Fußarbeit, Timing, Entscheidungsfindung und das Lesen gegnerischer Defenses sind Bereiche, in denen junge Quarterbacks mit zunehmender Erfahrung Fortschritte machen können.
Das bedeutet nicht automatisch, dass aus McCarthy ein Elite-Quarterback wird. Seine bislang unzureichende Passgenauigkeit und die hohe Anzahl an Turnovern bleiben ernsthafte Probleme. Doch zehn NFL-Starts reichen kaum aus, um die sportliche Zukunft eines 23-Jährigen endgültig zu beurteilen.
Besonders interessant ist McCarthys neue Situation an der Seitenlinie. Mit John Harbaugh trifft er auf einen erfahrenen Head Coach, dessen Bruder Jim ihn bereits bei Michigan trainierte und mit ihm die National Championship gewann.
Diese Verbindung garantiert keinen Erfolg. Sie könnte allerdings dabei helfen, McCarthys Stärken besser zu verstehen und ein passendes offensives Konzept zu entwickeln.
Gemeinsam mit Offensive Coordinator Matt Nagy steht Harbaugh vor der Aufgabe, seinen jungen Quarterback in Situationen zu bringen, in denen er seine Qualitäten ausspielen kann.
Ein funktionierendes Laufspiel, Play-Action-Pässe und klar definierte Reads könnten McCarthy dabei helfen, den Druck zu reduzieren. Statt ihn regelmäßig zu schwierigen Würfen aus der Pocket zu zwingen, könnte New York seine Mobilität stärker einbinden und ihm über einfachere Passkonzepte Sicherheit geben.
Entscheidend wird sein, ob McCarthy aus diesen Situationen heraus konstant produzieren kann. Denn einzelne explosive Spielzüge allein reichen in der NFL nicht aus. Wer sich langfristig als Starter etablieren will, muss auch bei Third Downs, unter Druck und in engen Spielsituationen die richtigen Entscheidungen treffen.
Für McCarthy könnten die kommenden Wochen entscheidend werden. Die Giants stehen bei 3-2-1 und befinden sich mitten im Rennen um die Playoffs. Gleichzeitig bietet die aktuelle Quarterback-Situation dem jungen Spielmacher die Gelegenheit, sich für eine langfristige Rolle zu empfehlen.
Dabei muss McCarthy nicht sofort zu den besten Quarterbacks der Liga gehören. Schon eine erkennbare Verbesserung seiner Passgenauigkeit, weniger Interceptions und mehrere konstante Leistungen könnten seine Perspektive grundlegend verändern.
Sein langfristiges Potenzial reicht durchaus über die Rolle eines durchschnittlichen Starters hinaus. Sollte es ihm gelingen, seine körperlichen Fähigkeiten mit besserer Entscheidungsfindung und zuverlässiger Präzision zu verbinden, könnte er sich zu einem gefährlichen NFL-Quarterback entwickeln.
Ein Platz unter den zehn besten Quarterbacks der Liga oder eine spätere Pro-Bowl-Nominierung sind derzeit allerdings eher mögliche Entwicklungsszenarien als realistische Erwartungen für die unmittelbare Zukunft. Dafür hat McCarthy bislang schlicht zu wenig gezeigt.
Was die Giants dagegen bereits wissen: Sie haben für einen vergleichsweise geringen Gegenwert einen ehemaligen Top-10-Pick verpflichtet, dessen Karriere trotz aller Rückschläge noch ganz am Anfang steht.
Minnesota hat die Hoffnung auf McCarthys Durchbruch offenbar aufgegeben. New York bietet ihm nun die Gelegenheit, das Gegenteil zu beweisen.
Mit 23 Jahren ist J.J. McCarthy noch lange kein gescheiterter NFL-Quarterback. Ob er tatsächlich das Zeug zum Franchise-Quarterback besitzt, ist weiterhin offen. Doch zum ersten Mal seit längerer Zeit bekommt er die Chance, diese Frage auf dem Spielfeld selbst zu beantworten.
Autor: Niklas Kreuzer