vor 15 Stunden
Nach perfektem Start
Drei Spiele, drei Siege und plötzlich wirken die Kansas City Chiefs wieder deutlich näher an alter Stärke. Kenneth Walker III bringt neue Dynamik in die Offense, Patrick Mahomes ist nach seiner Knieverletzung sofort wieder auf hohem Niveau und Travis Kelce wirkt explosiver. Ganz ohne Fragezeichen ist der 3-0-Start aber nicht: Offensive Line, Pass Rush und Special Teams bleiben offene Baustellen.

Vor allem offensiv ist der Unterschied zum Vorjahr aber schon nach drei Spielen deutlich: Kansas City steht bei 88 Punkten und 1.249 Offensive Yards. Zum gleichen Zeitpunkt 2025 waren es nur 60 Punkte und 947 Yards. Ein entscheidender Faktor dafür ist Kenneth Walker III.
Patrick Mahomes brachte es nach dem Saisonauftakt gegen Denver einfach auf den Punkt: Der größte Unterschied in dieser Offense heißt Kenneth Walker. Zwei Spiele später wirkt diese Einschätzung kaum übertrieben.
Beim 31:10 gegen die Broncos erlief der Neuzugang 173 Yards bei 23 Läufen und erzielte dabei einen spektakulären 60 Yard Touchdown im vierten Versuch. Gegen Indianapolis folgten 117 Rushing- und 61 Receiving Yards. Selbst in Miami, als das Laufspiel weniger dominant war, machte Walker zwei Touchdowns.
Sein Einfluss geht jedoch weit über die Zahlen hinaus. Der letztjährige Super Bowl MVP kann zwischen den Tackles arbeiten, Verteidiger abschütteln und explosive Plays kreieren.
Laut NFL Next Gen Stats haben lediglich zwei Running Backs häufiger Läufe über mindestens zehn Yards produziert. Defenses müssen das Backfield dadurch wieder ernst nehmen. Das öffnet Räume für Mahomes und macht Play Action gefährlicher.
Wie wirkungsvoll das sein kann, zeigte sich in Miami direkt im ersten Spielzug. Kansas City täuschte den Lauf an, die Defense reagierte auf Walker und Travis Kelce nutzte den entstandenen Raum für einen 48 Yard Catch and Run.
Mit Rookie Emmett Johnson besitzen die Chiefs zudem einen zweiten Back, der Walker entlasten kann. Bereits sechs unterschiedliche Spieler haben in dieser Saison einen Pass für mindestens 20 Yards gefangen.
Walker produziert also nicht nur Yards. Er verändert die Statik der gesamten Chiefs-Offense.
Fast genauso bemerkenswert ist, wie schnell Patrick Mahomes' Knie aus den Diskussionen verschwunden ist. Schon gegen Denver erzielte er einen Touchdown und wirkte weder in noch außerhalb der Pocket sichtbar gehemmt.
Gegen Indianapolis folgte seine bislang stärkste Vorstellung: 382 Passing Yards, drei Touchdowns und keine Interception beim 33:30 nach Verlängerung.
In Miami musste Mahomes weniger spektakulär spielen. 20 seiner 24 Pässe kamen an, daraus entstanden 246 Yards und zwei Touchdowns bei einer Interception. Sein Passer Rating lag dennoch bei starken 119,8.
Der Boxscore zeigt dabei nur einen Teil seiner Leistung. Mahomes manipuliert Verteidiger mit Blicken, Schulterfinten und angetäuschten Würfen und schafft dadurch zusätzliche Räume. Selbst wenn die Protection zusammenbricht, verlängert er Plays, ohne permanent auf improvisierten Football angewiesen zu sein.
Das spiegeln auch die Zahlen wider. Laut NFL Next Gen Stats kommt Mahomes bei bislang 28 Dropbacks unter Druck auf 10,9 Yards pro Passversuch und insgesamt 9,7 EPA. In beiden Kategorien führt er die NFL an.
Der entscheidende Unterschied zum Vorjahr: Mahomes kann ein Spiel weiterhin dominieren, muss aber nicht mehr jeden stockenden Drive selbst retten. Die Offense hat wieder mehr Antworten und genau das könnte wichtiger sein als jede einzelne Statistik.
Nach zwei statistisch schwächeren Jahren wirkt Travis Kelce zum Saisonstart wie in seinen besten Tagen. Gegen Indianapolis fing der 36-Jährige neun Pässe für 101 Yards und einen Touchdown.
In Miami bekam er zwar nur zwei Targets, machte daraus aber 59 Yards und den spielentscheidenden Touchdown im vierten Viertel.
Besonders auffällig ist dabei, was nach dem Catch passiert. Kelce führt die NFL nach drei Spieltagen mit 156 Yards after Catch an. Auch Rashee Rice gehört mit 120 Yards zu den Top Ten der Liga.
Die Kombination aus verbessertem Laufspiel, Play Action und Reids unterschiedlichen Formationen verschafft beiden immer wieder Raum gegen Zone Coverage.
Kansas City muss Kelce dadurch nicht mehr mit zehn oder mehr Pässen pro Spiel füttern, sondern kann ihn gezielter einsetzen.
Hinter Kelce fehlt allerdings noch die nötige Konstanz. Rashee Rice bleibt eine wichtige und weitgehend verlässliche Option und steigerte sich bislang von Woche zu Woche. Tyquan Thornton zeigte gegen Indianapolis sein Potenzial als Deep Threat.
Xavier Worthy dagegen konnte bislang noch nicht konstant Einfluss auf die Spiele nehmen. Seine Produktivität dürfte auch das Front Office in den kommenden Wochen genauer beobachten.
Stand jetzt braucht das Team aus Missouri keinen weiteren Superstar. Entscheidend ist vielmehr, genügend zuverlässige Optionen zu entwickeln, damit die Offense nicht wieder von wenigen bekannten Lösungen abhängig wird.

Vor allem auf Left Tackle musste Kansas City früh improvisieren. Kahlil Benson hatte nach dem Ausfall von Josh Simmons solide Momente, geriet aber immer wieder unter Druck. Gegen Miami wurde Mahomes fünfmal getroffen. Dass er keinen Sack kassierte, spricht mindestens genauso für seine Beweglichkeit wie für den Schutz vor ihm.
Der Kontext ist dabei wichtig: Benson blieb im Draft ungepickt, erhielt seinen Vertrag erst nach einem Tryout im Rookie Minicamp und spielte am College hauptsächlich Right Tackle. Nun schützt er bereits in seinen ersten NFL-Spielen Mahomes' Blind Side.
Dass dabei Probleme auftreten, überrascht wenig. Gegen Miami wurden seine Schwächen sichtbarer, sobald Kansas City ihm weniger Hilfe durch Tight Ends oder Running Backs gab.
Die Probleme beschränken sich zudem nicht auf die Pass Protection. Im zweiten Viertel scheiterten die Chiefs zweimal in Folge bei nur einem Yard Restdistanz. Später erreichten sie die 8-Yard-Linie und verloren in den folgenden drei Spielzügen wieder acht Yards.
Für eine Offense, die über ihr Laufspiel mehr physische Kontrolle entwickeln will, ist das zu inkonstant.
Das große Fragezeichen bleibt deshalb Josh Simmons. Der Erstrundenpick von 2025 fehlt, wie Head Coach Andy Reid kürzlich bekannt gab, seit Mitte August wegen eines Bandscheibenvorfalls. Einen konkreten Zeitplan für seine Rückkehr gibt es bislang nicht.
Bis dahin muss Benson auf ungewohnter Position im laufenden Spielbetrieb lernen und sich Woche für Woche gegen gegnerische Pass Rusher behaupten.
Defensiv fällt das Zwischenfazit gemischt aus. Der Auftakt gegen Denver war beinahe ideal: Kansas City ließ in den letzten drei Vierteln nur drei Punkte zu, erzwang zwei Turnover und sackte Bo Nix viermal.
Danach wurde es durchwachsener. Indianapolis hielt die Defense mit langen Drives auf dem Feld, Jonathan Taylor kam auf 132 Yards aus Lauf- und Passspiel. Miami kontrollierte den Ball über 34 Minuten und eröffnete mit einem 17 Play Touchdown Drive.
Die Dolphins verwandelten zudem acht ihrer 16 Third Downs. Trotzdem erzielte Miami am Ende nur zehn Punkte.
Genau darin liegt bislang die Stärke dieser Defense: Sie dominiert nicht über vier Viertel, produziert aber in entscheidenden Situationen die nötigen Plays. Auch die übergeordneten Zahlen sehen ordentlich aus.
Kansas City lässt nur 5,4 Yards pro Passspielzug zu, der sechstbeste Wert der NFL, und liegt mit -0,21 EPA pro gegnerischem Passspielzug auf Rang drei.
Explosive Pässe begrenzt die Secondary ebenfalls gut: Nur rund vier Prozent der gegnerischen Passversuche führten zu Raumgewinnen von mindestens 20 Yards.
Ganz ohne Sorgen kommt die Passverteidigung trotzdem nicht daher. Besonders Cornerback L’Jarius Sneed wurde auffallend häufig attackiert. Laut PFF kamen bei 25 Pässen in seine Richtung 20 für insgesamt 195 Yards an. Quarterbacks erreichen bei Targets gegen ihn ein Passer Rating von 112,5.
Bislang fand die Defense in den entscheidenden Momenten die nötigen Antworten. Auf Dauer kann Kansas City aber nicht darauf bauen, schwächere Drives immer wieder mit einzelnen Big Plays zu kompensieren.
Kansas City hat nach drei Spielen erst vier Sacks produziert: alle beim Auftaktsieg gegen Denver. Gegen Indianapolis und Miami blieb der Pass Rush ohne weiteren Sack.
Auch Dolphins Quarterback Malik Willis konnte über weite Strecken ungestört aus der Pocket agieren. Für Steve Spagnuolos Defense ist das problematisch.
Am besten funktioniert sein System, wenn Chris Jones, George Karlaftis und die restliche Front bereits mit vier Pass Rushern Druck erzeugen. Gelingt das nicht, muss Spagnuolo häufiger blitzen und öffnet damit zusätzliche Räume in der Coverage.
Gegen Indianapolis wurde das sichtbar. Kansas City schickte häufiger zusätzliche Verteidiger, QB Daniel Jones brachte gegen den Blitz dennoch 70 Prozent seiner Pässe an und erreichte ein Passer Rating von 130,8.
Die starke Passverteidigung dürfte schwer aufrechtzuerhalten sein, wenn gegnerische Quarterbacks regelmäßig so viel Zeit in der Pocket bekommen.
Auch die Special Teams leisten sich bislang zu viele Fehler. Kicker Harrison Butker verschoss gegen Indianapolis zunächst aus 51 Yards, ehe er später den Sieg in der Verlängerung sicherte. Gegen Miami folgte der nächste Fehlschuss aus 50 Yards.
Hinzu kommen Strafen und fragwürdige Entscheidungen bei Returns. Gegen Miami nahm Nikko Remigio zwei Fair Catches innerhalb der eigenen 10-Yard-Linie. Nach einem zusätzlichen Holding beim zweiten Punt begann der folgende Chiefs Drive sogar an der eigenen 4-Yard-Linie.
Noch haben diese Fehler Kansas City kein Spiel gekostet. In engen Partien können genau solche Details jedoch den Unterschied machen.
Trotz der noch offenen Baustellen haben die Chiefs bereits drei sehr unterschiedliche Spiele gewonnen. Gegen Denver kontrollierten Laufspiel und Defense die Partie. Gegen Indianapolis übernahm Mahomes und führte Kansas City in der Verlängerung zum Sieg. In Miami lief vieles nicht sauber, trotzdem gewannen die Chiefs auswärts mit 24:10.
Genau darin liegt nach der 6-11-Saison des Vorjahres die wichtigste Entwicklung: Kansas City besitzt wieder mehrere Wege, Spiele zu gewinnen. Sind die Chiefs also schon wieder zurück im Kreis der Titelanwärter? Noch nicht ganz. Aber nach drei Spielen gibt es deutlich mehr Argumente dafür als dagegen.
Marius Wimmler