vor 21 Stunden
Fünf Siege, vier Baustellen
Patrick Mahomes in Topform, Kenneth Walker III als neue Waffe im Laufspiel. Nach der enttäuschenden Vorsaison deutete bei den Kansas City Chiefs vieles auf einen deutlichen Aufwärtstrend hin. Doch beim 3-20 gegen die Seattle Seahawks folgte die Ernüchterung.

Mit nur 213 Yards und elf First Downs erlebte die Offense einen historischen Rückschlag. Erstmals in 153 Starts von Mahomes, einschließlich der Playoffs, erreichten die Chiefs nicht die gegnerische Red Zone. Die Bilanz von 5-1 bleibt vielversprechend, doch der Auftritt in Seattle wirft neue Fragen über die tatsächliche Stärke des Teams auf.
Eigentlich hatten die Chiefs gehofft, mit Josh Simmons endlich eine langfristige Lösung auf Left Tackle gefunden zu haben. Doch der Erstrundenpick von 2025 wartet weiterhin auf seinen ersten Saisoneinsatz. Inzwischen gibt es sogar Zweifel an seiner Zukunft in Kansas City.
Bereits in seiner Rookie-Saison verpasste Simmons vier Spiele aus persönlichen Gründen, ehe eine Handgelenksverletzung seine Spielzeit vorzeitig beendete. Mitte August folgte nach anfänglichen Wadenbeschwerden die Diagnose eines Bandscheibenvorfalls.
Nach wochenlanger Rehabilitation kehrte der 23-Jährige im Oktober kurzzeitig ins Training zurück, wurde wegen ausbleibender Fortschritte jedoch am 22. Oktober auf die Injured Reserve List gesetzt.
Für zusätzliche Diskussionen sorgte ein Bericht der NFL-Reporter Ian Rapoport und Mike Garafolo. Demnach forderte Andy Reid Simmons während einer Teambesprechung auf, seine hochgelegten Füße herunterzunehmen. Simmons verwies auf Rücken- und Hüftschmerzen.
Daraufhin sollen Reid und Patrick Mahomes ihn angewiesen haben, das Meeting zu verlassen und sich behandeln zu lassen. Später entschuldigte sich der Offensive Tackle bei der Teamführung.
Bemerkenswert ist, dass Details des internen Meetings überhaupt öffentlich wurden. Das wirft zumindest die Frage auf, ob damit auch die Bemühungen der Chiefs um Simmons hervorgehoben werden sollten. Hinweise auf eine gezielte Weitergabe der Informationen gibt es bislang allerdings nicht.
Reid stellte zudem klar, dass der Vorfall nicht ausschlaggebend für die Versetzung auf Injured Reserve war. Rapoport äußerte am 27. Oktober dennoch Zweifel, ob Simmons überhaupt noch einmal für Kansas City spielen werde.
Sportlich wiegt sein Ausfall schwer. Ersatzmann Kahlil Benson, ein Undrafted Free Agent, hat die Erwartungen bislang übertroffen, stieß gegen Seattle aber einmal mehr an seine Grenzen. Auf der rechten Seite musste Joshua Ezeudu für den verletzten Jaylon Moore einspringen und hatte ebenfalls erhebliche Probleme gegen Seattles Pass Rush.
Mit deutlichen Folgen: Mahomes stand regelmäßig unter Druck und brachte nur 19 seiner 33 Pässe für 165 Yards an. Auch Kenneth Walker III blieb bei seiner Rückkehr nach Seattle blass. Nach durchschnittlich 133 Rushing Yards in den ersten fünf Spielen kam er gegen sein ehemaliges Team auf lediglich 36 Yards bei 14 Läufen.
Für Andy Reid entsteht dadurch ein grundlegendes Problem: Zusätzliche Unterstützung in der Pass Protection reduziert die Zahl möglicher Anspielstationen, während schwache Blocks im Laufspiel auch Play Action erschweren. Solange die Tackle-Positionen nicht stabilisiert werden, bleibt der Schutz von Mahomes eine der größten Sorgen.
Die Probleme in der Offensive Line wurden gegen Seattle durch eine weitere bekannte Schwachstelle verstärkt. Selbst bei funktionierender Pass Protection fand Mahomes zu selten freie Receiver, um das Passspiel voranzubringen.
39 Receiving Yards bei 13 Targets. Mehr brachten sämtliche Wide Receiver der Chiefs gegen Seattle nicht zustande. Xavier Worthy fing drei Pässe für elf Yards, während Rookie Cyrus Allen mit einem einzigen Catch für 18 Yards bereits der produktivste Receiver war.
Die Ausfälle von Rashee Rice und Tyquan Thornton legen die fehlende Tiefe auf der Position schonungslos offen. Rice fehlte wegen Oberschenkel- und Knieproblemen, Thornton steht nach einer schweren Knöchelverletzung auf der Injured Reserve List. Ohne dessen Geschwindigkeit fehlt der Offense vor allem die Gefahr bei tiefen Pässen.
Wie abhängig die Chiefs von einzelnen Leistungsträgern sind, zeigen die Saisonstatistiken: Travis Kelce führt das Team mit 343 Receiving Yards an. Dahinter folgt ausgerechnet der seit Week 4 verletzte Tyquan Thornton mit 219 Yards. Die Rückkehr von Rashee Rice könnte für Entlastung sorgen, doch auch Xavier Worthy und die übrigen Receiver müssen konstanter liefern.

General Manager Brett Veach könnte vor der Trade Deadline am 10. November noch einmal aktiv werden. Laut den ESPN-Reportern Jeremy Fowler und Adam Schefter haben sich die Chiefs bereits nach möglichen Verstärkungen auf dem Receiver-Markt erkundigt.
Als mögliche Kandidaten werden mehrere Namen diskutiert. Marquise Hollywood Brown kennt Kansas City bereits aus seiner Zeit bei den Chiefs. Auch Calvin Ridley von den Tennessee Titans und Josh Downs von den Indianapolis Colts wären interessante Optionen.
Schwieriger dürfte eine Verpflichtung von Jerry Jeudy, Garrett Wilson oder Brian Thomas Jr. werden. Ihre Teams haben bislang keine klare Bereitschaft signalisiert, sich von ihnen zu trennen.
Konkrete Verhandlungen über einen dieser Spieler sind nicht bestätigt. Die Niederlage gegen Seattle hat allerdings gezeigt, dass Patrick Mahomes zusätzliche Unterstützung gut gebrauchen könnte.
Auch defensiv offenbarte Kansas City einmal mehr bekannte Probleme. Nachdem gegen die Los Angeles Chargers noch vier Sacks gelungen waren, blieb der Pass Rush gegen Sam Darnold ohne Erfolg.
Laut einer ersten Auswertung von Pro Football Focus erzeugten die Chiefs lediglich neun Pressures. George Karlaftis steuerte fünf davon bei, Rookie R Mason Thomas die übrigen vier. Chris Jones blieb dagegen bei 24 Pass Rush Snaps ohne registrierten Pressure.
Dass Darnold den Ball häufig schnell loswerden konnte, lag auch an den Problemen in der Slot Coverage. Jaxon Smith-Njigba fing neun Pässe für 150 Yards und einen Touchdown und fand besonders über die Mitte immer wieder freie Räume.
Besonders deutlich wurden die Probleme bei L'Jarius Sneed. Laut PFF ließ der Cornerback bei nur 14 defensiven Snaps fünf Receptions für 83 Yards und vier First Downs zu. Sein Ersatz Chris Roland-Wallace machte es im Slot deutlich besser und erlaubte lediglich 15 Receiving Yards.
Für Lichtblicke in der Secondary sorgten dagegen das junge Outside Cornerback-Duo aus Nohl Williams und Mansoor Delane. Williams verhinderte mit einer Interception in der eigenen Endzone weitere Punkte, während Delane trotz schwieriger Duelle gegen Jaxon Smith-Njigba zwei Pässe verteidigte.
Besonders bei Third Downs wurden die defensiven Probleme deutlich. Seattle verwandelte elf von 16 Versuchen und hielt seine Drives damit immer wieder am Leben. Genau hier liegt die größte Baustelle für Steve Spagnuolo: Ohne konstanten Druck auf den Quarterback und eine stabilere Coverage über die Mitte bleibt die Chiefs Defense gegen starke Passing Offenses verwundbar.
Über Jahre zählte Harrison Butker zu den zuverlässigsten Kickern der NFL. Nach einer Sprunggelenksverletzung 2022 und einer Knieoperation 2024 musste er seine Kicktechnik anpassen.
Zuletzt häuften sich jedoch seine Fehlversuche: Seit Beginn der Saison 2025 verfehlte er zehn Field Goals und fünf Extrapunkte. Mit insgesamt 15 Fehlversuchen liegt er in diesem Zeitraum ligaweit an der Spitze.
Gegen Seattle vergab der dreimalige Super Bowl Champion zwei seiner drei Field Goal Versuche. Zunächst blieb ein Kick aus 58 Yards unmittelbar vor der Halbzeit zu kurz. Später verfehlte er einen Versuch aus 45 Yards deutlich. Dieser hätte den Rückstand beim Stand von 3-13 auf sieben Punkte verkürzen können.
Die Fehlversuche sind Teil einer besorgniserregenden Entwicklung. Nach sechs Saisonspielen hat Butker lediglich elf seiner 16 Field Goals verwandelt. Das entspricht einer Erfolgsquote von 68,8 Prozent. Aus mindestens 50 Yards gelangen ihm nur zwei Treffer bei sechs Versuchen.
Head Coach Andy Reid räumte anschließend ein, dass sein langjähriger Kicker derzeit nicht das gewohnte Niveau erreicht. Am Mittwoch reagierten die Chiefs mit zusätzlicher Konkurrenz und verpflichteten den fünffachen All Pro Justin Tucker für das Practice Squad. Der frühere Ravens-Kicker spielte zuletzt 2024 in der NFL und verwandelte damals nur 73,3 Prozent seiner Field Goals. Nach Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens, die er bestreitet, wurde er 2025 für zehn Spiele gesperrt. Als sportliches Upgrade drängt sich Tucker damit zumindest nicht unmittelbar auf.
Eine sofortige Entlassung Butkers wäre ohnehin auch finanziell wenig sinnvoll. Erst 2024 verlängerte Kansas City seinen Vertrag um vier Jahre und 25,6 Millionen Dollar. Sein Gehalt für 2026 ist vollständig garantiert, weshalb eine Trennung kaum finanzielle Entlastung bringen würde.
Die Bilanz von 5-1 spricht weiterhin für einen gelungenen Saisonstart. Das 3-20 gegen Seattle hat jedoch gezeigt, dass die Chiefs ihre Schwachstellen aus der Vorsaison noch nicht vollständig überwunden haben. Ohne funktionierendes Laufspiel und zuverlässige Anspielstationen fehlen Mahomes die Alternativen, während Defense und Special Teams nicht konstant genug liefern.
Bereits in Week 8 wartet mit den Denver Broncos ein direkter Konkurrent in der AFC West. Ob die Chiefs wieder ein echter Titelkandidat sind, müssen sie gegen die besten Teams der Liga aber erst noch beweisen.
Marius Wimmler