21.08.2025
Benjamin Klever im Interview
Benjamin Klever ist seit vielen Jahren das Gesicht des deutschen Flag Footballs. Als Quarterback der Nationalmannschaft hat er unzählige Turniere bestritten, lange bevor der aktuelle Hype einsetzte. Im exklusiven Interview mit football-world erzählt er von seinen Anfängen, dem neuen Headcoach und seinem großen Ziel.

Herr Klever, Sie sind Quarterback der deutschen Flag-Football-Nationalmannschaft und spielen den Sport schon seit Jahren. Wie hat damals alles für Sie angefangen und wie wurden Sie Quarterback der Nationalmannschaft?
Ich habe zu Zeiten der NFL Europe in einer Schul-AG in Frankfurt angefangen, als die NFL den Sport in Schulen und Ballungsgebieten gefördert hat. Über die Schule bin ich dann zu meinem Heimatverein in Walldorf gekommen. Dort habe ich zunächst als Receiver gespielt und bin 2007 das erste Mal in die Nationalmannschaft berufen worden. 2010 habe ich auf Quarterback umgeschult, und seitdem spiele ich auf dieser Position.
Letztes Jahr war die Weltmeisterschaft, die nicht so lief wie gewünscht. Danach gab es einen Umbruch: Mit Said Salazar Deciga haben Sie nun einen neuen Head Coach. Was hat sich seitdem verändert?
Es ist ein frischer Wind ins Team gekommen, mit anderen Ansichten und Herangehensweisen. Said kommt aus einem Land, das dem Mutterland des Footballs sehr nah ist. Dort ist Flag Football noch einmal ein ganz anderes Biest. Er lebt den Sport - das merkt man in jeder Hinsicht: bei den Trainingsvorbereitungen, in Meetings mit den Spielern. Die Veränderungen sind durchweg positiv.
Ihr neuer Head Coach stammt aus Mexiko, hat selbst viele Auszeichnungen und Medaillen gewonnen. Verändert das etwas in Ihrer Herangehensweise, für so jemanden zu spielen?
Nicht unbedingt in meiner Herangehensweise, aber es macht einen Unterschied, wenn dein Coach selbst auf höchstem Niveau gespielt hat. Said hat bei den World Games eine Bronzemedaille gewonnen und bei Weltmeisterschaften gespielt - einige von uns sind sogar schon gegen ihn angetreten. Er versteht die Spieler, weil er ihre Perspektive kennt. Für jemanden aufzulaufen, der den Sport praktisch seit seiner Kindheit lebt und spielt, ist eine Ehre.
Mexiko spielt einen etwas anderen Stil Flag Football. Werden wir Elemente dieser Spielweise auch bei Euch sehen?
Sicherlich. Mexiko ist zum Beispiel dafür bekannt, öfter mal mit zwei Quarterbacks auf dem Feld zu stehen. Da haben wir uns sicherlich auch weiterentwickelt, und ich bin gespannt, wie sehr wir das einsetzen werden. Es wird aber auf jeden Fall Unterschiede in unserer Spielweise geben, besonders im Angriff.
Neben neuen Coaches haben Sie auch viele neue Spieler in der Nationalmannschaft, darunter zum Beispiel Tackle-Football-Spieler wie Justin Schlesinger oder Ben Fröhlich. Was bringen diese Jungs mit und was müssen Sie sich vielleicht auch abgewöhnen?
Flag Football hinkte in der Athletik lange etwas hinterher. Spieler wie Justin oder Ben aus der ELF bringen eine andere Grundathletik und Trainingsintensität mit, die unserem Sport guttut. Seit ein paar Jahren zieht Flag Football in Sachen Athletik nach, denn der Sport ist deutlich schneller, weil das Feld kleiner ist. In der Offense müssen sich Tackle-Spieler vor allem abgewöhnen, den Kopf oder die Schultern runterzunehmen. Die Umstellung für Receiver ist am einfachsten würde ich sagen, bei Defensive Backs schon schwieriger. Bei Quarterbacks ist es noch mal spezieller - da habe ich schon College- oder sogar NFL-erfahrene Spieler gesehen, die meinten: 'Das ist ein ganz anderer Sport.'

Sie spielen seit Jahren erfolgreich mit Fabian Achenbach zusammen. Was macht Ihre Connection so besonders?
Wir wissen oft genau, was der andere denkt. Fabian ist eine unglaubliche Waffe, ich habe selten jemanden gesehen, der so einen Zug zum Ball und so ein Spielverständnis hat. Nach so vielen gemeinsamen Jahren macht das unsere Verbindung besonders.
Bei der EM gehen Sie als Titelverteidiger an den Start. Ist die Titelverteidigung trotz Platz zwölf bei der WM im Vorjahr das klare Ziel in Paris?
Klar, die WM war enttäuschend, das muss man klar so sagen. Aber als Titelverteidiger fahren wir natürlich mit dem Anspruch hin, oben mitzuspielen - und im Idealfall das Turnier zu gewinnen. Für einige neue Spieler ist es das erste große Turnier mit dem Adler auf der Brust, das ist einfach noch mal etwas anderes. Daher ist das Ziel mindestens Platz 5, besser Top 3 - und im Idealfall die Titelverteidigung.
Welche Gegner schätzen Sie am stärksten ein? Und gibt es eine besondere Rivalität?
Frankreich, Italien, Österreich und die Schweiz gehören zu den stärksten Gegnern. Österreich war zuletzt wieder im WM-Finale, vor zwei Jahren haben wir sie noch im EM-Finale geschlagen. Die Schweiz hat überraschend den dritten Platz geholt bei der WM, und Frankreich ist mit uns das wahrscheinlich athletischste Team. Mit Italien gibt es wahrscheinlich die größte Rivalität - die Spiele gegen die Italiener sind immer besonders intensiv. Sie haben uns letztes Jahr bei der WM rausgeworfen.
Nächstes Jahr findet die Flag Football WM in Düsseldorf statt. Wie sehr freuen Sie sich schon auf das Turnier?
Das ist etwas ganz Besonderes. Ich habe schon auf der ganzen Welt Weltmeisterschaften gespielt, aber im eigenen Land ist es einzigartig - vor allem mit der Chance, sich vielleicht schon für Olympia zu qualifizieren. Düsseldorf ist eine Football-Hochburg, das wird großartig, und ich freue mich drauf.
Olympia ist das große Ziel für viele im Flag Football. Wie präsent ist das Thema für Sie?
Sehr präsent. Es motiviert mich, trotz Job, Familie und vollem Terminkalender ins Fitnessstudio und ins Training zu gehen. Eine WM zu gewinnen, ist schwierig, aber bei Olympia dabei zu sein, ist ein realistisches Ziel. Wir legen dieses Jahr den Grundstein, denn ab nächstem Jahr beginnt schon die Qualifikation. Und wir wollen natürlich dabei sein.
Sie sind auch Global Flag Ambassador. Wie kam es dazu und was sind Ihre Aufgaben?
Kurz vor der WM im letzten Jahr wurde ich gefragt, ob ich diese Rolle übernehmen möchte - als Repräsentant des deutschen und Weltverbandes, um gemeinsam mit der NFL den Sport voranzubringen. Da habe ich sofort zugesagt, da es für mich eine Herzensangelegenheit ist, den Sport, den ich seit meiner Kindheit spiele, voranzubringen. Ich war bei Kinder- und Jugendturnieren, habe Teams betreut und die Kids motiviert. Meine Mission oder meine Aufgabe ist dabei relativ simpel: möglichst viele Kinder und Jugendliche für Flag Football zu begeistern.
val