24.04.2026
Großartige Stimmung
Pittsburgh hat sich mächtig ins Zeug gelegt - und das mit großem Erfolg. Das von vielen Kritikern fast schon herbeigesehnte Verkehrschaos blieb aus und die Stadt präsentierte sich von ihrer besten Seite.

Dafür hatte man auch einiges an Geld in die Hand genommen, um den Gästen eine saubere "Burgh" zu zeigen: Um die 3,5 Millionen Dollar soll die Aufhübschung, bei der unter anderem die zwei gelben Schwesterbrücken gesäubert und neu gestrichen worden waren, gekostet haben.
Pennsylvanias Gouverneur Josh Shapiro hatte sich bei Roger Goodell mächtig ins Zeug gelegt, um den Draft nach Pittsburgh zu bringen. Den finanziellen Impact des Drafts in Pittsburgh bezifferte er im Interview von Ross Tucker auf 200 bis 300 Millionen Dollar.
Das Wetter spielte dann auch noch mit und so konnten die Fans bei gut 25 Grad dem abendlichen Spektakel entgegenfiebern. Die "Fanaktivierungen" im und um das Stadion sowie die NFL Experience auf der anderen Flussseite im Point State Park wurden sehr gut angenommen und verteilten die Massen auf mehrere Locations. Schlangen waren eher die Regel als die Ausnahme, aber das war auch nicht anders zu erwarten gewesen.
Naturgemäß war mehr als die Hälfte der Fans in Steelers-Jerseys erschienen, aber im Gegensatz zu Detroit zwei Jahre zuvor waren offensichtlich auch viele Anhänger der anderen Teams angereist.
Probleme gab es dabei nicht, was hierzulande undenkbar wäre: Kleingruppen mit Steelers-, Ravens- und Browns-Anhängern lieferten sich höchstens freundschaftliche Frotzeleien, in Deutschland wäre das mit Fußballanhängern so wohl kaum möglich. Trotzdem sorgte eine deutlich sichtbare Präsenz von Polizeikräften für ein hohes Sicherheitsgefühl der Besucher. Sogar der Wasserweg der Dreiflüssestadt zwischen Stadion und Fan Experience, der Zusammenfluss von Monongahela River und Allegheny River zum Ohio River, war großflächig gesperrt worden.
Mittendrin in den Zuschauermassen, die vor der Bühne dann doch beeindruckend waren: Die International Fans des Jahres, die die NFL vor zwei Jahren erstmals ins Leben gerufen hatte und jährlich neu auswählt. Auch Matthias Kraus, bekannt als "German Packer" und IFOY 2024, war wieder zum Draft gereist. Diesmal sogar auf eigene Kosten. Das Lebenshighlight des Vorjahres, als er in "seinem" Green Bay einen Draftpick verkünden durfte, hatte ihn - wie den Autor (4. Draft) - für die Veranstaltung infiziert, wie er im Gespräch verriet.
Diesmal genoss Kraus das Spektakel aber nicht im sogenannten Inner Circle, zu dem jedes Team eine genau festgelegte Anzahl handverlesener Hardcore-Fans entsenden darf. Es sind die Bilder, die man aus der TV-Übertragung kennt: Nach jedem Pick wird für Stimmungsbilder zu dieser Gruppe geschalten, die auch zuverlässig kommen.
Stattdessen hatte er sich mit seinem Kumpel, der im kompletten Vikings-Dress unterwegs war, frühzeitig einen Platz im vorderern Bereich gesucht. Keine leichte Aufgabe angesichts der Hitze und das bei stolzen Preisen: Ein Bier für 20 Dollar ist nicht jedermanns Sache, aber zumindest ist der Eintritt zum Draft dafür komplett gratis. Auch die vielen Aktionen rund um die NFL, Fan Experiences genannt, kosten nichts; vor allem Familien kommen hier auf ihre Kosten - solange Hunger und Durst nicht zuschlagen.
Nach der unter "USA, USA"-Sprechchören des Publikums beendeten Hymne der Sängerin Kels betrat Commissioner Roger Goodell unter einem traditionellen Meer aus Buhrufen die Bühne. Schnell schlug die Stimmung jedoch in Ekstase um, als TJ Watt und Cameron Heyward eine ganze Reihe Steelers-Legenden auf die Bühne baten: Mel Blount, Lynn Swann, Ben Roethlisberger, Troy Polamalu, Hines Ward - die Parade wollte wie der Jubel der Steelers-Fans kein Ende nehmen.
Um kurz nach 20 Uhr Ortszeit eröffnete Commissioner Goodell dann doch mit seinem berühmten Satz den Teil, auf den die Masse gewartet hatte: "Welcome to the 2026 NFL Draft. The Las Vegas Raiders are now on the clock!"
Die erste Überraschung ließ zunächst auf sich warten, aber die Wahl der Tennessee Titans von Ohio State Wide Receiver Carnell Tate an #4 sorgte doch für einige lautstarke Rufe.
Übertroffen wurden die erst, als die Rams mit Quarterback Ty Simpson von der Alabama Crimson Tide den zweiten Passer der ersten Runde an #13 holten. Dass der vermeintliche Nachfolger von Matthew Stafford Interesse der Rams geweckt hatte, hatte sich im Vorfeld schon herumgesprochen gehabt. Dass er jedoch so früh genommen wurde, sorgte trotzdem für einige hochgezogene Augenbrauen.
Zwischen den einzelnen Picks hatte eine Band in bewährter Weise die Menge unterhalten und kaum Leerlauf zugelassen. Den meisten Jubel gab es natürlich als Steelers Legende Jerome Bettis den künftigen Tackle der Steelers, Max Iheanachor von Arizona State, verkünden durfte. Im Anschluss strömten viele Anhänger Pittsburghs den Ausgängen entgegen, was aber angesichts 22:30 Uhr Ortszeit nach einem langen Tag in der Hitze und einem doch hohen Kinderanteil durchaus nachvollziehbar war.
Obwohl die Zeit pro Pick von vorher zehn auf acht Minuten limitiert worden war, dauerte das glorifizierte Vorlesen am Ende insgesamt etwas über drei Stunden. Es fühlte sich vor Ort jedoch deutlich kurzweiliger an als in früheren Jahren und kaum jemand dürfte sein Kommen bereut haben.
Gute Stimmung, gutes Wetter und rundum zufriedene Gesichter. Pittsburgh hat nicht enttäuscht und wird dies auch die nächsten Tage nicht tun. Ob die von
Roger Goodell verkündeten "320.000" Zuschauer an Tag #1 tatsächlich stimmen können, weiß aber nur die NFL…
Carsten Keller