vor 18 Stunden
Gefährdung der Gesundheit
Der Umgang mit der Erkrankung von Jalen Hurts entwickelt sich endgültig zum Streitfall innerhalb der NFL. Die Spielergewerkschaft NFLPA fordert eine "vollständige Untersuchung" der medizinischen Versorgung des Eagles-Quarterbacks und widerspricht damit deutlich der Liga, die das Vorgehen der beteiligten Ärzte verteidigt.

Eagles-Quarterback Jalen Hurts fällt nach der Diagnose einer tiefen Venenthrombose und beidseitiger Lungenembolien voraussichtlich für den Rest der Saison aus. Besonders im Fokus steht weiterhin die Entscheidung, Hurts zuvor trotz eines bekannten oberflächlichen Blutgerinnsels für das Spiel gegen die Jacksonville Jaguars in London freizugeben.
Die NFLPA reagierte am Dienstagabend auf Äußerungen von NFL Chief Medical Officer Allen Sills sowie Berichte, wonach die Liga keine Strafe gegen die Eagles plane.
"Der NFLPA ist keine Untersuchung der NFL zur medizinischen Versorgung von Jalen Hurts bekannt", teilte die Spielergewerkschaft mit. Vielmehr habe die Liga zuvor erklärt, dass sie nicht plane, die Behandlung zu überprüfen.
Die NFLPA fordert nun genau das. "Bevor Schlussfolgerungen darüber gezogen werden, wie mit dieser Situation umgegangen wurde, muss vollständig untersucht werden, was passiert ist", heißt es in der Erklärung. Die Feststellung der Fakten sei entscheidend, "um sicherzustellen, dass Spieler künftig das höchstmögliche Maß an Versorgung und Schutz erhalten".
Die NFL bewertet den Fall bislang vollkommen anders. Sills verteidigte die medizinische Behandlung von Hurts deutlich und bezeichnete die Vorstellung, Ärzte könnten einen Spieler aufgrund äußerer Einflüsse einer Gefahr aussetzen, als "Unsinn". Die Behandlung sei "sehr konservativ, sehr patientenorientiert und bei jedem Schritt angemessen vorsichtig" gewesen.
Auch NFL-Manager Jeff Miller wies einen Teil der öffentlichen Kritik zurück. Die Spekulationen über die Entscheidung, Hurts spielen zu lassen, bezeichnete er als "erheblich und uninformiert" sowie "unbegründet". "Es wurden konservative Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass die Gesundheit von Jalen Hurts immer an erster Stelle stand und weiterhin steht", erklärte Miller.
Genau diese Einschätzung dürfte nun Gegenstand weiterer Diskussionen werden. Eine Ultraschalluntersuchung am 10. Oktober in London hatte bei Hurts ein oberflächliches Blutgerinnsel ergeben. Nach Angaben der Eagles überprüften sowohl die eigenen Mediziner als auch Ärzte in London die Ergebnisse und kamen zu dem Schluss, dass "Aktivität und Bewegung wichtig" seien und Hurts sicher gegen Jacksonville spielen könne.
Nach der Rückkehr nach Philadelphia zeigte eine weitere Ultraschalluntersuchung jedoch eine Bewegung des Gerinnsels. Hurts wurde daraufhin für das folgende Spiel gegen die Carolina Panthers ausgeschlossen.
Weitere Untersuchungen ergaben schließlich eine tiefe Venenthrombose und beidseitige Lungenembolien. Ein Gerinnsel war demnach von seinem Bein in die Lunge gewandert.
Auch zu den zuvor diskutierten Umständen vor dem London-Spiel gibt es inzwischen neue Informationen. Demnach befand sich Hurts bis spät in die Nacht in einem Krankenhaus in London. Nach seiner Rückkehr ins Teamhotel gegen 3 Uhr morgens konnte er jedoch schlafen, bis die Mannschaft gegen 10:30 Uhr zum Stadion aufbrach. Dort schlief Hurts erneut, bevor er sich zum Aufwärmen begab.
Damit relativieren die neuen Informationen Berichte, wonach Hurts aufgrund des Blutgerinnsels überhaupt nicht schlafen durfte.
Die zentrale Frage bleibt dennoch bestehen: Ein oberflächliches Blutgerinnsel war vor dem Spiel bekannt und Hurts erhielt trotzdem die medizinische Freigabe für NFL-Football. Wenige Tage später wurde die wesentlich schwerwiegendere Diagnose gestellt.
Auch Head Coach Nick Sirianni verteidigt weiterhin die medizinische Abteilung der Eagles. "Die Gesundheit unserer Spieler steht für uns immer an erster Stelle", erklärte Sirianni und sprach seinen medizinischen Experten sein "volles Vertrauen" aus.
Der Head Coach verwies dabei auch auf die Vergangenheit seines Staffs: "Das sind dieselben Ärzte und Trainer, die dazu beigetragen haben, dass 21 unserer 22 Starter für den Super Bowl zur Verfügung standen. Es sind dieselben Leute, die sich heute intensiv um unsere Spieler kümmern."
Hurts selbst gilt derzeit als stabil. Das Gerinnsel wird als "provoziert" eingestuft, da der Quarterback zuvor einen Treffer mit einem Stollen gegen die Wade erlitten hatte. Bei entsprechender Behandlung gilt die Prognose deshalb als günstig.
Die sportlichen Folgen sind dennoch erheblich. Hurts wird voraussichtlich für den Rest der Saison fehlen. Und der Fall ist mit der medizinischen Diagnose längst nicht mehr beendet. Während die NFL das Vorgehen der Ärzte ausdrücklich verteidigt, verlangt die Spielergewerkschaft nun eine unabhängige Aufarbeitung der Ereignisse. Damit ist aus der Diskussion über eine ungewöhnliche medizinische Entscheidung inzwischen ein offener Konflikt über den Umgang mit der Gesundheit eines der prominentesten Spieler der Liga geworden.
nkr