24.09.2026
Defense-Spezialistin im Interview
Von Deutschland über die Tampa Bay Buccaneers zu den Indianapolis Colts: Nadine Nurasyid hat sich ihren Weg in die NFL erarbeitet. Was bei den Buccaneers noch ein Fellowship mit vorwiegend beobachtender Rolle war, ist in Indianapolis inzwischen ein Job mit konkreter Verantwortung innerhalb des Coaching Staffs.

Als Teil des Defensive Support Staff arbeitet Nurasyid eng mit den Quality Control Coaches und den Defensive-Back-Coaches zusammen. Ihr Alltag zeigt dabei, wie viel Arbeit hinter den Kulissen notwendig ist, damit Training, Meetings und Vorbereitung bei einem NFL-Team funktionieren.
Erste Erfahrungen innerhalb einer NFL-Franchise hatte Nurasyid bereits bei den Tampa Bay Buccaneers gesammelt. Ihre heutige Position unterscheidet sich davon allerdings deutlich. "Die Rolle, die ich in Tampa hatte, war ja mehr beobachtend, einfach mitlaufen, mal sehen, wie so etwas abläuft", erklärt Nurasyid. "Wenn man natürlich dann richtig mittendrin steckt und auch mitarbeitet und ein Teil des Ganzen ist und Verantwortung trägt, dann steigt natürlich auch das Stresslevel so ein bisschen."
Bei den Colts sitzt sie mittlerweile sowohl in den Defensive Staff Meetings als auch in den Meetings der Defensive Backs. Dazu kommen Aufgaben auf dem Trainingsplatz und bei der anschließenden Auswertung. "Ich bin Teil des Defensive Support Staff. Ich arbeite in erster Linie mit den Quality Control Coaches und mit den DB-Coaches zusammen."
Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit beginnt bereits bei der Organisation des Trainings. Nurasyid hilft dabei, dass die einzelnen Einheiten so ablaufen, wie es vom Coaching Staff vorgesehen ist. "Es geht mit dem Trainingsplan los und darum, dafür zu sorgen, dass im Training kein Leerlauf oder Chaos entstehen und immer so viele Leute da sind, wie für diesen Drill oder für diese Scout Team Period gebraucht werden."
*Scout Team Period: Ein Scout Team ist eine Gruppe aus Backup- und Practice Squad-Spielern, die während des Trainings die Spielzüge und Formationen des kommenden Gegners nachahmen, damit sich die Stammspieler auf den nächsten Spieltag vorbereiten können.
Dabei geht es um Details, die von außen während einer Practice kaum auffallen. Welche Spieler werden für einen Drill benötigt? Wie wird die Scout Team Period organisiert? Wie lässt sich verhindern, dass zwischen den einzelnen Übungen unnötig Zeit verloren geht?
Für die Deutsche bedeutet das, während des Trainings ständig den Überblick behalten zu müssen. Gleichzeitig endet ihre Arbeit nicht mit dem letzten Rep auf dem Platz.
Während andere nach der Practice noch auf dem Feld stehen, beginnt für Nurasyid bereits der nächste Teil ihres Arbeitstages. "Ich bin auch die Erste, die dann quasi vom Platz läuft, um dafür zu sorgen, dass alle Daten schon eingehackt sind. Sobald wir als Staff den Trainingsfilm anschauen, sollten auch alle Daten vorhanden sein, sodass man das entsprechend gut analysieren kann."
Film Study gehört ohnehin zu ihrem täglichen Ablauf. Practices und Spiele bieten ihr die Möglichkeit, das Playbook und die Abläufe innerhalb der Defense möglichst schnell zu verinnerlichen.
Auch während der Spiele hat die Defense-Spezialistin eine konkrete Aufgabe. Wer an der Seitenlinie der Colts ein großes gelbes Schild mit dem Personnel der gegnerischen Offense sieht, bekommt damit auch einen Teil ihrer Arbeit zu sehen.

Wie intensiv die Arbeit innerhalb einer NFL-Franchise ist, zeigt vor allem Nurasyids Tagesablauf. Ihr Wecker klingelt gegen 5 Uhr morgens. Anschließend fährt sie rund eine halbe Stunde zur Facility. Die Fahrt nutzt sie unter anderem, um mit ihrem Mann in Deutschland zu telefonieren. "Das ist immer ganz gut, weil da kann ich dann zumindest morgens um 5:30 Uhr noch meinen Mann mal kurz anrufen und erreiche ihn so in der Mittagspause."
Danach verbringt sie praktisch den kompletten Tag bei den Colts. Training oder Walkthroughs, Meetings mit der Defense und den Defensive Backs sowie die verschiedenen Staff Meetings gehören zu den wiederkehrenden Bestandteilen. Dazu kommt die Arbeit mit dem Playbook und am Film. "Im Normalfall verlasse ich die Facility aktuell so um 21 Uhr. Aber wir frühstücken ja auch hier, Mittagessen, Abendessen, man kann hier auch trainieren. Also ich verbringe meinen ganzen Tag hier und fahre dann nachts wieder nach Hause zum Schlafen."
Eine der größten Herausforderungen liegt für Nurasyid nicht allein in den langen Arbeitstagen. Auch die enorme personelle und fachliche Dichte innerhalb einer NFL-Franchise unterscheidet sich von ihren bisherigen Erfahrungen.
Auf dem Trainingsplatz arbeiten zahlreiche Coaches und weitere Mitarbeiter gleichzeitig daran, die Spieler besser zu machen. Dadurch entsteht für sie eine besondere Herausforderung. "Entscheidend ist die Frage: Wo kann man wertvoll sein? Wo kann man was tun? Wo kann man sich einbringen? Das ist hier gar nicht mehr so einfach, weil alle Profis darin sind, genau das zu tun."
Genau darin liegt für Nurasyid auch der nächste Schritt ihrer eigenen Entwicklung. Während sie in Tampa vor allem beobachten und Erfahrungen sammeln konnte, muss sie sich in Indianapolis innerhalb eines professionellen NFL-Staffs einbringen und ihre Aufgaben zuverlässig erfüllen.
Wie ihr Weg in der NFL weitergeht, möchte Nurasyid noch nicht zu weit vorausplanen. Ihre Erfahrung bei den Buccaneers habe sie bereits als eine Chance betrachtet, die möglicherweise einmalig bleiben würde. Nun arbeitet sie tatsächlich wieder in der NFL - diesmal mit deutlich größerer Verantwortung. "Beruflich würde ich mir natürlich wünschen, weiterhin in der NFL arbeiten zu dürfen, aber das muss ich mir natürlich auch hart erarbeiten und da muss ich mich beweisen."
Ihr Ansatz war dabei schon in den vergangenen Jahren klar. "Ich glaube, ich war so erfolgreich die letzten Jahre, weil ich alle anderen outworked habe. Wenn man jetzt aber eh schon jeden Tag hier ist und alle bis ans Maximum arbeiten, dann wird das immer schwieriger."
Deshalb geht es für Nurasyid zunächst darum, möglichst schnell zu lernen, ihren Job zuverlässig zu erledigen und gleichzeitig die besondere Situation nicht als selbstverständlich anzusehen. Denn aus dem Fellowship bei den Buccaneers ist inzwischen ein Platz mitten im Arbeitsalltag einer NFL-Franchise geworden.
nkr