15.09.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Woche 1 ist in jeder NFL-Saison eine trügerische Sache: Nach Monaten der theoretischen Analyse bekommt man endlich handfeste Datenpunkte - von denen sich manche aber auch als trügerisch erweisen werden. Welche Lehren sollte man aus Woche 1 mitnehmen? Und wo ist Vorsicht angesagt?

Die Aussage, die ich von Packers-Fans seit Sonntag am häufigsten gehört habe, lautet: "Das Spiel dürfen wir niemals verlieren." Und das ist sehr gut nachvollziehbar: Green Bay führte spät im dritten Viertel mit 22:10, eine Zwölf-Punkte-Führung also, während Minnesota infolge der frühen Verletzung von Kyler Murray bereits seit einer Weile mit Backup-Quarterback Carson Wentz spielen musste.
22:39 hieß es am Ende. Es war überhaupt das erste Mal in der NFL-Geschichte, dass ein Team, das unter 20 Minuten vor dem Ende mit mindestens zwölf Punkten Differenz zurücklag, am Ende noch mit mindestens 17 Punkten Abstand gewinnen konnte.
Dafür gab es mehrere Gründe, und ja, auch einige aus Sicht der Packers nicht gerade vorteilhafte Schiedsrichter-Entscheidungen spielten ebenfalls eine Rolle. Aber für die Frage danach, inwieweit dieses Spiel eine enttäuschende Packers-Saison prognostizieren könnte, gab es andere, wesentlichere Gründe.
Ganz konkret kann man es sogar auf einen Punkt runter brechen. Green Bay ging auf dem Papier mit der schwächsten Offensive Line der Matt-LaFleur-Ära in die Saison, und der erste Test machte aus dieser theoretischen Analyse eine sehr praktische.
Die O-Line war desaströs. Die Packers waren hier deutlich unterlegen, was dazu beitrug, dass Green Bay, zudem ohne Josh Jacobs, keinerlei Run Game aufziehen konnte. Dadurch fehlte es an offensiver Konstanz und dadurch konnte Green Bay die Führung eben nicht über die Zeit verwalten. Stattdessen waren die Packers gänzlich abhängig von den Big Plays, die Anfangs auch gut klappten. Doch als die ausblieben, kippte das Spiel auf dramatische Art und Weise, weil der Offense so vergleichsweise "einfach" der Boden unter den Füßen weggezogen werden konnte.
Die Vikings sind ohne Frage ein unangenehmer Woche-1-Test, doch dieser Test hat unterstrichen, dass die Offensive Line ein so ernsthaftes Problem darstellen könnte, dass es die ganze Packers-Saison versenkt.
Defensiv war absehbar, dass Green Bay hier vermutlich Zeit brauchen wird. Hier zeigte der neue Defensive Coordinator Jonathan Gannon sogar einen adäquat aggressiven Ansatz, um auch ohne Micah Parsons Druck zu kreieren. Cornerback ist trotzdem ein Problem, das bleibt.
Die Division ist eng genug, dass hier noch viel Bewegung im Laufe der Saison reinkommen wird. Der erste Eindruck der Packers war aber der eines Teams, dem selbst mit intakter Star-Power das robuste Fundament fehlen wird, um endlich mal wieder in den Playoffs für Furore zu sorgen. Und das ist das, worum es dieses Jahr für Green Bay eigentlich geht.
Fazit: Overreaction - aber ein paar Alarmglocken sind aktiviert
Die Auftaktniederlage der Chargers gegen Arizona war nicht nur gemessen an den Buchmacher-Quoten die größte Week-1-Überraschung. Auch die Art und Weise, wie Los Angeles dieses Spiel verlor, dürfte so kaum jemand erwartet haben. Und es bringt unweigerlich die Frage mit: War das ein Ausrutscher zum Start? Oder muss man die Hoffnung, dass die Chargers mit Mike McDaniel endlich eine Top-Offense haben werden, schon jetzt wieder begraben?

Zwei zentrale Dinge fielen im Spiel negativ auf. Eine war überraschend, die andere erwartbar, aber im konkreten Ausmaß angesichts der Gegnerqualität alarmierend. Letzteres spielt auf die bekannte und absehbare Problemzone an: Die Interior Offensive Line. Nach der Verletzung des neuen Centers Tyler Biadasz gingen die Chargers hier mit großen Fragezeichen in die Saison, am Sonntag waren die drei Starter Jake Slaughter, Cole Strange und Kayode Awosika klare Schwachstellen.
Das per se ist nicht so schockierend, erschreckend war eher, dass es gegen eine nicht gerade furchteinflößende Cardinals-Front passierte. Die Chargers werden noch auf deutlich stärkere Defensive Lines treffen, und bereits Arizona gelang es, insbesondere in entscheidenden Momenten Druck auf Justin Herbert zu kreieren und gegen den Run waren regelmäßig Verteidiger im Backfield. Die Chargers hatten 81 Rushing-Yards, bei 85 Yards nach Kontakt.
Noch frappierender aber war, dass es McDaniels Scheme genauso wenig wie den Receivern individuell gelang, Separation zu kreieren. Einzige Ausnahme war hier Ladd McConkey - der prompt einmal mehr angeschlagen raus musste. Das Scheme konnte in Woche 1 nicht in dem Ausmaß Spieler besser in Szene setzen und Schwachstellen kaschieren, wie man es sich unter McDaniel erhofft hat.
Ich erwarte, dass die Chargers offensiv einige Antworten finden werden. Die ersten Drives zeigten bereits, welches Level an Explosivität in der Offense stecken kann. Doch wenn die Interior Line eine zu große Problemzone ist, und die Receiver nicht gewinnen können, bekommen wir am Ende womöglich nicht mehr als eine leicht bessere Version vergangener Chargers-Offenses. Das in Kombination mit einer Defense, die gleich im ersten Spiel ohne Jesse Minter merklich anfälliger war, könnte zu einer unangenehmen Saison mit anschließend unangenehmen Fragen in Los Angeles führen.
Fazit: Keine Overreaction
59 Punkte, acht offensive Touchdowns, zwei 100-Yard-Rusher und Caleb Williams in absoluter Gala-Form: Die Bears boten am Sonntag eine Show gegen die Panthers, und das in einem Spiel, in dem weder Rome Odunze (2 REC, 52 YDS) noch Colston Loveland (0 REC) prägende Charaktere waren. Selbst Luther Burden fing nur fünf Bälle und sorgte mit seinem frühen Fumble für einen offensiven Turnover.
Es ist also sogar noch Luft nach oben. Auch die Offensive Line war noch nicht in Bestbesetzung. Eine verrückte Vorstellung nach dem, was am Sonntag in Carolina passiert ist. Als die Offense so dominant am Boden wirkte und mit dem Run Game machte, was sie wollte. Als Caleb Williams selbst als Runner noch deutlich dynamischer wirkte als im Vorjahr. Als Williams als Passer merklich konstanter war, und das war die größte offensive Frage, um aus einer guten eine potenzielle Elite-Offense zu machen.
Es ist gut möglich, dass die Panthers-Defense eine weitere schwache Saison spielen wird und als Maßstab nicht viel taugt. Das ist das Problem in Woche 1, es fehlen, ohne weitere aktuelle Sample Size, die Relativierungen. Aber der Auftritt der Bears war so dynamisch, so explosiv, mit einem so hohen Floor durch das Run Game und sogar auch durch das Passing Game und mit Williams in spektakulärer Verfassung, dass man sich hier auf weitere spektakuläre Auftritte freuen kann. Und: Angesichts der eigenen Defense werden die Bears in dieser Saison vermutlich noch viele Shootouts gewinnen müssen.
Vier Offenses waren für mich die in Summe klar besten Offenses in Woche 1: Die Bears, die Ravens, die Bills und die Jaguars. Alle zeigten einen hohen Floor kombiniert mit eindrucksvoller Explosivität und einem Quarterback, der für eine ganze Reihe besonderer Momente innerhalb eines Spiels sorgen kann.
Innerhalb dieses elitären Kreises fühlte sich jedoch keine Offense so unaufhaltsam und so in jeder Hinsicht vielseitig und flexibel an wie die der Bears.
Fazit: Keine Overreaction
Je nachdem, wem man hier vor der Saison zugehört hat, kann das durchaus schon jetzt akut stimmen. Eine 17-0-Saison werden die Rams jedenfalls nicht spielen. Aber wenn man mehr die nüchterne Preseason-Konsens-Erwartungshaltung anwendet, dürften die meisten die Rams irgendwo zwischen 13 und 15 Siegen sowie als Super-Bowl-Co-Favoriten verortet haben. Eine realistische Preseason-Prognose für ein Team, das letztes Jahr schon phasenweise das beste Team der Liga war und das nochmal massiv nachgerüstet hat.
Doch selbst für diese theoretische Konsens-Prognose war der Auftritt gegen die 49ers in Australien zum Saisonauftakt eine gehörige Portion kaltes Wasser. Das sah nicht im Ansatz wie ein Superteam aus, San Francisco wirkte besser vorbereitet, gewann die Line of Scrimmage und schien auf beiden Seiten des Balls auf nahezu alles, was die Rams versuchten, die richtige Antwort zu haben.
Woche 1 ist ohnehin ein gefährliches Pflaster für falsche Schlüsse. Wenn dann noch eine derartige Variable wie ein Spiel in Australien mit dazu kommt, muss man besonders vorsichtig sein. Und auch wenn Sean McVay es nach dem Spiel nicht hören wollte: Natürlich ist auch die strategische Herangehensweise dabei relevant. Vor allem wenn das Team, das mehrere Tage lang vor Ort war, um sich zu akklimatisieren, sehr viel besser ausgesehen hat, als das Team, das verglichen damit erst kurz vor Kickoff angereist kam.
Während das fraglos ein Faktor war, liegt die Herausforderung in der Analyse und daraus folgenden Prognose auch hier darin, herauszufiltern, wie stark man diesen Punkt gewichtet. Sprich: Sind die Rams ein Superteam, das sich schlicht strategisch verzockt hat? Oder werden wir auf dieses Woche-1-Spiel zurückschauen als den ersten Hinweis darauf, dass dieses Superteam dann doch nur eine theoretische Idee war?
Meine Tendenz ist klar Ersteres, dennoch gab es einige Punkte, die ein wenig alarmierend waren. Etwa Staffords Accuracy, die einige Male wackelte. Sein Rücken war das große Thema vor der vergangenen Saison, und während Stafford dann zwar ein herausragendes Jahr hatte, ist nicht gesagt, dass das nicht wieder ein Thema werden kann.
Dann wären da die anhaltenden Knie-Probleme von Myles Garrett, die er nach dem Spiel auch selbst thematisierte. Und hier gibt es schon handfeste Konsequenzen: Garrett wurde am Sonntag auf die Injured-Reserve-Liste gesetzt und wird mindestens die nächsten vier Spiele verpassen. Da wäre außerdem die Tatsache, dass San Franciscos Secondary scheinbar sehr gut antizipieren konnte, was die Rams im Passing Game machen wollen.
Die Rams werden in ihrem nächsten Spiel wacher, physischer, explosiver und generell viel präsenter sein. Davon bin ich überzeugt. Aber auch unabhängig davon gab es in Woche 1 Dinge, die man im Auge behalten muss. Denn wie ein Superteam, das lediglich nicht gut geschlafen hat, wirkte das in mehrfacher Hinsicht nicht.
Fazit: Overreaction - aber ein paar Alarmglocken sind aktiviert
Adrian Franke