vor 4 Stunden
Lange Ausfallzeiten
In der größten Sportliga der Welt dreht sich wie generell im Profisport alles ums Gewinnen. Doch bei wenigen professionellen Ligen ist der Erfolg eines Teams so abhängig von einem einzelnen Spieler wie in der NFL. Ein Ausfall des Quarterbacks kann für ein Franchise das Ende einer gesamten Saison bedeuten.

In Woche 2 der neuen NFL-Saison erwischte es gleich drei junge Quarterbacks, die diese Saison ihr Team zum Erfolg führen sollten. Im Spiel der Chicago Bears gegen die Minnesota Vikings zog sich Star-Quarterback Caleb Williams eine Verletzung zu. Was zunächst nach einer extrem schweren Verletzung aussah, stellte sich später als leichtere Hamstring-Verletzung heraus.
Kurze Zeit später lag auch Jayden Daniels lange auf dem Feld und musste behandelt werden. Der junge Quarterback der Washington Commanders fiel beim letzten Spielzug der ersten Hälfte unglücklich auf seinen Arm und kugelte sich dabei den Ellenbogen wie bereits in der vergangenen Saison aus.
Einen Tag später schlug der Verletzungs-Geist erneut zu. Jaxson Dart wurde im Spiel gegen die Los Angeles Rams am Bein getroffen und riss sich den Meniskus und ein Außenband. Während Daniels und Williams wohl nur einige Wochen fehlen werden, fehlt Dart den New York Giants die gesamte restliche Regular Season.
Damit fällt der wichtigste Spieler für die drei Teams eine längere Zeit oder sogar die gesamte Saison aus. Was das für ein Franchise bedeutet, lässt sich mit anderen Sportarten kaum vergleichen. In keiner anderen Sportart hängt der Erfolg so sehr an einer Position ab wie im American Football und in der NFL.
Quarterbacks spielen die wichtigste Rolle in der Offense. Sie berühren den Ball bei jedem einzelnen Snap, koordinieren die Offense und sind der verlängerte Arm des offensiven Playcallers. Der Passgeber kann ein Team im Alleingang auf ein neues Level heben. Josh Allen bewies das in den vergangenen Jahren immer wieder. Der Elite-Quarterback führte sein Team konstant in die Playoffs, obwohl die Bills-Offense qualitativ nicht zu den stärksten zählten.
Der Ausfall dieses elementar wichtigen Spielers kann für ein Team eine komplette Saison zerstören. Ohne ihren Starting Quarterback fehlt dem Team der wichtigste Anführer in der Mannschaft und der Dreh und Angelpunkt der Offense.
In der Vergangenheit gab es zahlreiche Beispiele, wie der Ausfall des Starting Quarterbacks eine Saison für ein Team beendet hat. In der vergangenen Saison fiel Daniels mit einer Verletzung am selben Ellenbogen wie diese Saison einige Spiele aus. Obwohl Mariota zu den besseren Backup-Quarterbacks in der NFL gehört, war die Saison gelaufen, zumal Daniels auch keine überragende Leistung in seinen Einsätzen zeigte.
Auch Aaron Rodgers stand in seiner Karriere zweimal für eine frühere Verletzung. Bereits 2017 verletzte sich der legendäre Quarterback bei den Green Bay Packers in Woche 6 schwer - die Packers standen nach dem Spiel 4-2. Das Team verlor jedoch unter Backup Brett Hundley sechs der folgenden neun Spiele, bevor Rodgers noch angeschlagen für ein Spiel zurückkam, verlor und die Saison ohne Playoffs damit endgültig aufgegeben wurde. 2023 stand der Quarterback erneut im Fokus. Als großer Hoffnungsträger kam er zu den New York Jets und sollte das erfolglose Franchise endlich eine Playoff-Saison bescheren. Doch bereits im ersten Drive des ersten Spiels riss er sich die Achillessehne. Ohne ihren Star kam das Team aus dem Big Apple nur auf ein 7-10 und konnte sich wieder nicht für die Playoffs qualifizieren.

Joe Burrow stand ebenfalls in den vergangenen Saisons immer wieder für herzzerreißende Verletzungen. Ebenfalls 2023 fiel Burrow ab Woche 11 aus - zu diesem Zeitpunkt standen die Cincinnati Bengals bei 5-5. Ohne ihren Franchise-Quarterback verspielte das Team aber noch die Playoffs.
Dass ein Team einen so großen Leistungsabfall erlebt, wenn der Starting-Quarterback ausfällt, liegt aber nicht nur an der Wichtigkeit der Position. Denn das größte Problem ist, dass der Qualitätsunterschied zwischen Starting- und Backup-Quarterback häufig so groß ist, dass die Qualität des gesamten Teams darunter sehr leidet. So kommt es dazu, dass trotz eines starken Kaders die Saison gelaufen ist.
Gegenbeispiele gibt es aber auch in der NFL. Die bekannteste Story ist die von Nick Foles, der für den verletzten Carson Wentz einsprang. Kurz vor Ende der regulären Saison 2017 verletzte sich der Starting-Quarterback nach einer sehr erfolgreichen Saison schwer. Foles musste übernehmen und während alle mit einem frühen Playoff-Aus rechneten, führte Foles die Eagles spektakulär durch die Postseason und bis in den Super Bowl. Im Endspiel lieferte der Backup ein hervorragendes Spiel und feierte einen der größten Cinderella-Story-Erfolge der NFL-Geschichte.
Auch Sam Darnold lieferte eine ähnlich beeindruckende Geschichte. Als Backup von Rookie J.J. McCarthy ging er ohne große Aussicht auf Einsatzzeit in die Preseason. Doch der Rookie musste am Knie operiert werden und Darnold übernahm. Der längst abgesagte Quarterback führte die Vikings spektakulär in die Playoffs und bekam daraufhin in der Offseason einen hochdotierten Vertrag bei den Seattle Seahawks, mit denen er gleich in seiner ersten Saison den Super Bowl gewann.
Während die Gegenbeispiele zu den Ausnahmen gehören, ist der Leistungsabfall für gewöhnlich enorm. Das wird für die NFL immer mehr zum Problem. Denn American Football ist ein Sport mit einem besonders großen Verletzungsrisiko, besonders für schwere Verletzungen. Quarterbacks stehen dazu besonders im Fokus der D-Line und nirgendwo anders auf dem Feld ist die Diskrepanz größer als beim Quarterback: Während die meisten Spielmacher besonders durch ihre Intelligenz, ihren Football-IQ und ihre Athletik brillieren, werden sie von Defensive Linemen gejagt, die deutlich schwerer und stärker sind. Damit müssen Quarterbacks sehr viel aushalten. Zudem beobachten sie das Feld, sehen nahende Gegner oftmals nicht und sind während der Wurfbewegung quasi ungeschützt.
Während der Ausfall eines Quarterbacks meist für eine schlechtere Saisonleistung sorgt, führt das auch zu finanziellen Schäden für das Team und die Liga. Weniger Erfolg bedeutet weniger Ticketeinnahmen und weniger Einschaltquote im TV. Für das nächste Heimspiel der Giants werden Tickets nach der Dart-Verletzung für gerade einmal 17 Dollar angeboten - für das Auftaktspiel gegen die Dallas Cowboys waren noch über 200 Dollar verlangt worden. Während die NFL besonders durch ihre Spannung und ihren Abwechslungsreichtum lebt, kann die Verletzung eines Starting-Quarterbacks ein Team extrem uninteressant machen. Selbst die besten oder aufstrebendsten Teams erleiden einen massiven Schaden der Attraktivität, sobald ihr Spielmacher nicht mehr auf dem Feld stehen kann.

Damit ist eine schwere Verletzung des Quarterbacks nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus finanzieller Sicht eine Katastrophe für ein NFL-Team und das in einer Liga, in der gerade schwere Verletzungen zum Alltag gehören.
Die NFL hat daher immer wieder Maßnahmen ergriffen, um die Quarterbacks besser zu schützen. Gerade harte Hits gegen die Passgeber werden härter bestraft, späte Tackles sind verboten und Sacks müssen so sauber wie möglich ausgeführt werden, um keine Strafe zu erhalten. Roughing the Passer wird mit 15 Yards und einem automatischen First Down geregelt, weshalb D-Liner sehr aufpassen müssen. Quarterbacks haben zudem die Möglichkeit, sich selbst per Grätsche aufzugeben. Bei diesem QB-Slide darf der Quarterback nicht mehr angegangen und kaum berührt werden.
Die Liga versucht immer mehr, die Gesundheit der Spieler in den Vordergrund zu stellen, da die Verantwortlichen gemerkt haben, dass sich die NFL am besten vermarkten lässt, wenn alle Star-Spieler fit sind.
nhu