23.01.2022
NFL, Play-offs 2022: Tennessee macht zu viele Fehler
Die Cincinnati Bengals stehen im AFC-Finale! Und das ist durchaus erstaunlich, gerade wenn man die akuten Schwächen in der Offensive Line vor dem regelmäßig begrabenen Quarterback Joe Burrow beleuchtet. Doch die eigentlich ausgeruhten Tennessee Titans um Rückkehrer Derrick Henry machten am Ende einen Fehler zu viel.

Die zwei Wochen Pause nach dem Ende der Regular Season hatten die von Erfolgstrainer Mike Vrabel betreuten Titans dazu genutzt, um allen voran Running Back Derrick Henry wieder fit zu bekommen. Der absolute Star der Offense hatte bekanntlich die letzten neun Spiele mit einem Fußbruch verpasst - und die Liga dennoch mit fast 1000 Yards unter den Top 10 der Läufer abgeschlossen.
Die über diesem Divisional-Matchup mit Cincinnati kreisende Frage aber: Wie fit war Henry wirklich? Konnte der in Top-Form schier unaufhaltbare Athlet wirklich wieder sofort großen Einfluss nehmen - und das mit einer Platte sowie fünf Schrauben im Fuß?
Die Antwort ließ auf sich warten, weil sein Quarterback Ryan Tannehill hölzern aus der zweiwöchigen Football-Pause kam. Direkt mit der ersten Aktion nach sieben gespielten Sekunden warf der Spielmacher in die Arme von Bengals-Safety Jessie Bates, was vom Angriff Cincinnatis direkt in ein Field Goal aus 38 Yards zum 3:0 von Kicker Evan McPherson umgewandelt wurde. Und weil direkt beim nächsten Drive der Gastgeber im ausverkauften und lautstarken Nissan Stadium ein "Sack" beim dritten Versuch passierte, war der Fehlstart perfekt - 57-Yards-Pass von Joe Burrow auf Top-Receiver Ja'Marr Chase plus das nächste Field Goal von Kicker McPherson zum 0:6 inklusive.
Das Einzige, was den Titans nach diesem verkorksten ersten Viertel Hoffnung machte: Die eigene Defense beschäftigte mit starken Tackles Burrow & Co. sehr und ließ eben keinen Touchdown zu. So war dieses Duell vom Spielstand her nach wie vor komplett offen, was sich aus Bengals-Sicht rächen sollte ... Minuten vor der Pause lief es erstmals aus Tennessees Sicht - und am Ende lief "King Henry" höchstpersönlich nach einem Snap direkt zu ihm über drei Yards in die Endzone. Jedoch entschied sich Trainer Vrabel danach für eine Two-Point-Conversion, die misslang, weswegen es mit 6:6 weiter ging. Wäre der Extrapunkt zum nahezu sicheren 7:6 nicht die bessere Wahl gewesen?
Klar war jedenfalls schnell, dass dieser Touchdown die Brust der Titans nicht unbedingt stählte oder das berühmte Momentum auf ihre Seite zog. Denn während Herausforderer Cincy zuerst noch das dritte Field Goal durch NFL-Neuling McPherson aus 54 Yards zum 9:6 verwandelte und direkt zu Wiederbeginn nach der Pause einen Touchdown-Drive auf den Rasen zauberte (Running Back Joe Mixon marschierte dabei für 16 Yards zum 16:6 in die Endzone), erlaubte sich Tennessees Quarterback Tannehill nach einem eigentlich starken Drive mit einem Walzmaschinen-Lauf förmlich durch Gegner hindurch von D'Onta Foreman direkt seine zweite Interception.
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Doch irgendwie blieben die Titans in diesem mitunter wirren Spiel voller defensiver Urgewalt auf beiden Seiten im Rennen. Was ein Field Goal zum 9:16-Anschluss ebenso untermauerte wie der Umstand, dass der oft von seiner O-Line im Stich gelassene Bengals-Spielmacher Burrow in seinem erst zweiten NFL-Jahr und in seinem erst zweiten Play-off-Spiel direkt nach dem Field Goal der Hausherren im ersten Play des folgenden Drives ebenfalls eine Interception fabrizierte (stark gefangen von Free Safety Amani Hooker). Und: Tannehill nutzte diesen Fauxpas seines Gegenübers sofort eiskalt aus, warf einen Touchdown-Pass für 33 Yards zu seinem Top-Receiver A.J. Brown, der beim Rückwärtslaufen nur mit seiner linken Hand höchst lässig wie spektakulär fing und so den 16:16-Ausgleich auf den Weg brachte.
Vom anderen Top-Receiver, Ex-Falcon Julio Jones, war insgesamt recht wenig zu sehen (nur sechs Catches für 62 Yards).
Das vierte Quarter sollte demzufolge die Entscheidung herbeiführen - und nach wie vor waren die Defensivreihen stark. Gerade die Front Seven der Titans zeigte sich nimmermüde, überrannte die O-Line Cincinnatis wie ein Bulldozer und sollte Quarterback Burrow insgesamt neben zig Pressures neun (!) "Sacks" - eingestellter Play-off-Rekord - verpassen. Weil aber auch spiegelverkehrt die Abwehr Henry & Co. aufhielt, stand das 16:16 noch tief im vierten Viertel zu Buche. Die Spannung knisterte.

Es sah plötzlich in diesem "unglaublich intensivem Spiel" (Burrow im Anschluss gegenüber "CBS") nach einem Erfolg der Titans aus, die den Ball kurz vor Schluss hielten und sich für ein finales Field Goal positionieren konnten. Doch ein Pass von Tannehill wurde von Cornerback Eli Apple abgelenkt und mutierte unglaublicherweise 20 Sekunden vor Ablauf der Uhr zur dritten Interception des Spielmachers (gefangen von Linebacker Logan Wilson).
Nun konnte Cincy in guter Feldposition mit zwei Auszeiten die Uhr für ein finales Field Goal stellen. Und Rookie-Kicker McPherson, der dieses kuriose Spiel eröffnet hatte, traf souverän aus stolzen 52 Yards. Ein Schuss mitten ins Herz der Titans und deren Fans, von denen sich viele längere Zeit geschockt auf den Rängen zeigten. Bengals-Quarterback Burrow, der an diesem Tag abseits seiner 348 Yards nichts Weltbewegendes zustandegebracht hatte (kein TD, eine Int.), hatte also das "Sack-Schlachtfest" tatsächlich mit einem Sieg und dem Einzug ins AFC-Finale überstanden. Der Sophomore, der als einziger Quarterback seit 1970 ein Play-off-Spiel mit neun kassierten "Sacks" trotzdem mit einem Sieg beendete, wusste im Anschluss auch, bei wem er sich für den Erhalt des Super-Bowl-Traums sowie des Teammottos "Why not us?" bedanken musste - bei Kicker McPherson: "Puh ... Wir haben einen Weg gefunden. Am Ende ist er reingekommen und hat gezeigt, warum wir so viel von ihm halten. Er hat Eis in seinen Adern. Dieser Junge ist unglaublich!"
Auf der anderen Seite standen natürlich enttäuschte Titans, bei denen das Comeback von Henry (20 Carries für 62 Yards und einen Touchdown) nicht den allergrößten Aufschlag hatte - und bei denen Tannehill einfach den einen Fehler zu viel machte (220 Yards, ein TD, drei Int.). Aber auch Head Coach Vrabel hat seine Aktien daran: Wäre der ehemalige Linebacker und dreimalige Super-Bowl-Champion (jeweils mit den New England Patriots) nach dem Henry-Touchdown auf den Extrapunkt gegangen, hätte am Ende nur die Uhr ausgespielt werden müssen. Eventuell hätte das für den Einzug in die Championships gereicht.